Dienstag, 30. November 2021

7.500 Fans feiern mit Dieter Thomas Kuhn und Band auf der Festwiese

Die bunteste Stadt Deutschlands

Der Meister der Schmachtballaden: DTK.

 

Ladenburg, 02. Juli 2012. (red/la) Am Samstag war Ladenburg wohl die bunteste Stadt Deutschlands. Tausende Schlagerfans in Plateaustiefeln und RĂŒschenhemden pilgerten durch die Straßen in Richtung Festwiese. Dort wollten sie den Abend mit einem der erfolgreichsten deutschen Schlagerbarden verbringen: mit Dieter Thomas Kuhn.

Mitte der 1990er löste der TĂŒbinger Musiker Thomas Kuhn gemeinsam mit dem kurzzeitig erfolgreicheren Kollegen Guildo Horn die Neo-Schlagerwelle aus. Das einfache Konzept hieß Schlager nachzuspielen und dies noch ĂŒbertriebener als die Originalinterpreten tun. Im Gegensatz zu Grand-Prix-Teilnehmer Horn fĂŒllt Kuhn jedoch heute immer noch die Hallen und Festwiesen. Und das, obwohl er mehrere Jahre dem Schlager den RĂŒcken gekehrt hatte. 2006 holte er den Paillettenanzug wieder aus der Mottenkiste und tourt wieder. Am Freitag erschien das neue Album: „Hier ist das Leben“.

Schmachten und jubeln.

7.500 Menschen lockt der 47-JĂ€hrige am Samstagabend auf die Festwiese. Weitere 350 ZaungĂ€ste machen es sich vor der Absperrung oder am Neckarhausener Ufer gemĂŒtlich. Um 20:06 Uhr betreten Dieter Thomas Kuhn und Band in glitzernden PaillettenanzĂŒgen die BĂŒhne. Im Hintergrund lĂ€uft „Musik ist Trumpf“. Sofort recken Hunderte Fans ihre Sonnenblumen jubelnd in die Höhe. Der „Kindergeburtstag“ beginnt. WĂ€hrend er „Sag mir quando“ schmachtet, öffnet die „singende Föhnwelle“ den oberen Teil seines rot-weiß glitzernden Hemds. Zum Vorschein kommt das obligatorische Brusthaartoupet. Diesmal ist die Wolle herzförmig.

Über den langgezogenen Catwalk schreitend steht Kuhn bald mitten im Blumenmeer der Fans. Die erste Sonnenblume fliegt in seine Richtung. Er fĂ€ngt sie singend mit einer lĂ€ssigen Geste im Flug und lĂ€chelt. Wieder brandet Jubel auf. Kuhn wirft HandkĂŒsschen in die Menge.

Dann will Kuhn „Über den Wolken“ anstimmen, aber kommt ĂŒber die ersten drei Worte nicht hinaus. Er stockt. Immer lauter sind die Worte „Dieter, Dieter Thomas Kuhn“ aus der Menge zu hören. Kuhn faltet die HĂ€nde und schĂŒttelt sie dankend:

Ich habe GĂ€nsehaut.

Die Stimmung auf der Festwiese ist locker und ausgelassen. Viele Frauen tragen Kleider mit BlĂŒmchenmuster oder in grellen Farben. Die eingefleischten Schlagerfans tragen HaarbĂ€nder und Plateaustiefel. Doch auch die MĂ€nner haben sich in Schale geworfen. Sie haben sich mit bunten RĂŒschenhemden, schwarzen Afro-PerĂŒcken und großen rosa Brillen auf die Zeitreise in die Goldene Zeit des deutschen Schlagers vorbereitet. Gerade MĂ€nner haben den Ruf „Dieter, ich will ein Kind von Dir“ verinnerlicht. Es riecht ĂŒberall nach Patchouli, nicht nach Hanf. Zwischendurch versuchen einzelne Fans, Massenpolonaisen anzustoßen.

Als die Band speziell fĂŒr Griechenland „Griechischer Wein“ anstimmt, darf eine Frau im perfekten 70er-Outfit als erster Gast mit Kuhn auf die BĂŒhne. SpĂ€ter dĂŒrfen einige mehr zugleich dort stehen.

Plötzlich jedoch ragt ein aufblasbarer Penis vor der BĂŒhne in die Luft. „Wie bist Du mit dem Ding durch die Eingangskontrolle gekommen?“, ruft Kuhn dem Fan zu. „Schwein!“, setzt er amĂŒsiert nach. Die weiter von der BĂŒhne entfernt hochgehobene Gummipuppe ignoriert er.

Ekstase

Bei „Fremder ohne Freunde“ verlĂ€sst der TĂŒbinger von der BĂŒhne und lĂ€uft singend ĂŒber die Festwiese durch die Zuschauer. Dutzende Fans umringen den TĂŒbinger und zĂŒcken ihre Handys fĂŒr ein Foto oder filmen das Bad in der Menge mit. Einige Frauen geraten nach einem KĂŒsschen des SĂ€ngers in Ekstase. Ob diese nur gespielt oder doch echt ist, scheinen viele selbst nicht genau zu wissen.

Es ist Thomas Kuhns Erfolgsrezept die Grenzen zwischen Satire, Hommage und guter Musik so verschwimmen zu lassen, dass sich jeder darin wiederfinden kann. Er persifliert den freundlich-schmierigen Machismo der damaligen Stars ebenso, wie das realitĂ€tsentrĂŒckte eines Christian Anders. Alles zusammen ergibt einen so ĂŒbertriebenen Film, den man nicht mehr ernst nehmen muss, sondern dem man sich bedenkenlos hingeben kann.

Auch wenn der grĂ¶ĂŸte Teil der Zuschauer Ende Dreißig ist, sind auch etliche Teenager und Senioren zu sehen. Die Jungen sind eher neugierig: „Ich hab gehört, dass man das Ganze nur vollgesoffen ertragen kann“, sagt ein 16-JĂ€hriger. Die Senioren, die einige der gecoverten KĂŒnstler noch live gesehen haben dĂŒrften, feiern ebenso ausgelassen mit.

Gegen 21 Uhr nĂ€hern sich jedoch dunkle Wolken aus Richtung SĂŒden. Da eine Schlechtwetterfront Ladenburg wohl vor dem Konzertende erreichen wird, beendet der Veranstalter „Demi Promotion“ das Konzert bereits nach eineinhalb Stunden und Kuhn gibt ein letztes „TrĂ€nen lĂŒgen nicht“ mit auf den Weg. Normalerweise sind zwei Stunden das Minimum bei seinen Konzerten. Allerdings verspricht er seinen Fans noch, dass sie die verlorene Zeit im kommenden Jahr „doppelt und dreifach“ ersetzt bekommen.

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