Dienstag, 30. November 2021

Journalist vs. katholische Kirche

Geprothmannt: SolidaritÀt mit Aigner

Der Regensburger Dom – Sinnbild der Meinungsverachtung und des Schweigegelds. Quelle: Regensburg-digital.de

Rhein-Neckar/Regensburg, 24. September 2012. (red) Der Regensburger Journalist Stefan Aigner ist jemand, der genau hinschaut. Jemand, der sich um Opfer kĂŒmmert. Jemand, der die lĂ€ngst vergessene Kunst der Sozialreportage im Lokalen wieder aufleben lĂ€sst. Jemand, dem es nicht egal ist, ob man „Streumunition“ als „intelligente Wirksysteme“ bezeichnet. Und immer wieder wird der Journalist von Konzernen verklagt: Ob von Waffenfabrikanten wie „Diel“, ob von Glaubensfabrikanten wie der „Diözese Regensburg“ oder von einer XXL-Möbelfabrikantenkette. Die katholische Kirche will Stefan Aigner exkommunizieren und geht bis vors weltlich jĂŒngste Gericht. Der Glaubenskonzern will dem Regensburger Journalisten verbieten lassen, im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch Geldzahlungen als „Schweigegeld“ zu bezeichnen.

Von Hardy Prothmann

Die Diözese Regensburg hat die WiderwĂ€rtigkeit als Glaubensprinzip entdeckt. Der juristische Glaubenskampf eines Bischofs MĂŒller ist an ErbĂ€rmlichkeit nicht zu ĂŒberbieten. Über Jahrzehnte  hat die katholische Kirche den Missbrauch von Schutzbefohlenen „gedeckt“.

Der Skandal des mannigfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern Jugendlichen durch katholische Priester oder sonstige Angestellte dieser Kirche hat nicht nur die Glaubensgemeinde, sondern das ganze Land erschĂŒttert. Eine glaubhafte AufklĂ€rung durch die Verantwortlichen hat nicht stattgefunden. Die Missbrauchsopfer wurden durch diese Kirche nochmals verhöhnt und öffentlich vergewaltigt.

„Beigeschmack“

Der Regensburger Journalist Stefan Aigner hat sich vor Ort „um das Thema gekĂŒmmert“. Und Zahlungen an ein vergewaltiges Opfer als „Beigeschmack von Schweigegeld“ bezeichnet. Wie auch der Spiegel. Das Magazin formulierte hĂ€rter: Schweigen gegen Geld. Von „Beigeschmack“ ist da keine Rede.

Die Diözese Regensburg hat im Zuge des „fliegenden Gerichtsstands“ dann in Hamburg gegen Spiegel und Aigner geklagt. „Fliegender Gerichtsstand“ meint – da das Internet ĂŒberall ist, sucht man sich das Gericht aus, bei dem man sich die besten „Chancen“ ausrechnet. Was das ĂŒber eine Gerichtsbarkeit „im Namen des Volkes“ aussagt, soll hier nicht debattiert werden.

Das Landgericht Hamburg hat erwartungsgemĂ€ĂŸ sowohl den Spiegel als auch Aigner verurteilt, die Behauptung von „Schweigegeldzahlungen“ zu unterlassen. Doch das Oberlandesgericht hat das Urteil des Landgerichts kassiert. Das passiert oft, aber nur, wenn man es sich leisten kann. Stefan Aigner konnte das, weil er rund 10.000 Euro Spendengelder einwerben konnte, um sich zu wehren. Sonst wĂ€re er ruiniert gewesen. Im Sinne der Kirche. Denn Aigner hatte vorher versucht, eine Einigung zu erzielen. Sowas wollte das Bistum nicht. Bischof MĂŒller steht fĂŒr Inquisition.

Verfassungsbeschwerde gegen „Schweigegeld“

Gegen das Urteil des Oberlandesgericht hat die Diözese Regensburg nun laut einem Bericht von regensburg-digital.de „Verfassungsbeschwerde“ eingelegt. Bischof MĂŒller als Verantwortlicher will also vom höchsten deutschen Gericht klĂ€ren lassen, ob Zahlungen an die Familie eines von einem katholischen Priester zweifelsfrei missbrauchten Jungen als „Schweigegeld“ bezeichnet werden darf oder nicht.

Abseits jeder juristischen „Einordnung“ macht das fassungslos. Jede Scham fehlt. Jedes Schuldbewusstsein. Jede Verantwortlichkeit. Selbst wenn es kein Schweigegeld gewesen wĂ€re, vermisst man bis heute Demut und Anstand bei der Diözese Regensburg. Vielleicht „stinkt der Kopf vom Fisch her“ hier besonders von der Person MĂŒller, aber insgesamt ist das Verhalten der katholischen Kirche in Sachen AufklĂ€rung in ganz Deutschland auf unglĂ€ubiges Entsetzen gestoßen.

Um auch das festzustellen: Die „ungeheuerliche“ Klage richtet sich allein gegen einen großen Verlag, den Spiegel und gegen einen freien Journalisten, Stefan Aigner. Auch das erstaunlich oder auch nicht. Die vor Ort „etablierte Presse“ hat entweder gar nicht oder im Sinne der Kirche berichtet. Eine kritische Berichterstattung hat es hier nicht gegeben. Vor Ort soll alles seinen Gang gehen wie immer, Kritik ist nur „in Maßen“ erwĂŒnscht, was sich hĂ€ufig in Maßbierberichterstattung bestĂ€tigt, die Tageszeitungen bedienen teuer bezahlende Kunden gut und der Rest findet nicht statt.

Regensburg ist ĂŒberall

Regensburg ist ĂŒberall. Genau wie Heddesheim, Ilvesheim oder Weinheim. Was anders ist: Es gibt neue, freie und unabhĂ€ngige journalistische Angebote. Die sich trauen, hintergrĂŒndig zu berichten. Und immer öfter finden sie Themen, die deutschlandweit Interesse finden, wĂ€hrend Lokalzeitungen in ihrer Instant-Bratwurst-Soße schwimmen. Im Gegensatz zu denen, die sich nichts in den Block diktieren lassen, sondern auf dem Blog anprangern, was schief lĂ€uft.

Teilen Sie diesen Artikel, informieren Sie Ihre Freunde und Bekannten ĂŒber neue Möglichkeiten. Fragen Sie sich, was Ihrer Meinung nach „öffentlich“ sein muss. Informieren Sie wirklich kritische Journalisten. Helfen Sie mit Ihrem Interesse Stefan Aigner – denn der macht das nicht fĂŒr sein Bankkonto, sondern aus Überzeugung. Ich halte ihn fĂŒr einen ganz herausragenden Journalisten, der mit Herzblut und einer nach Artikel 5 Grundgesetz bestimmten Haltung eine StĂŒtze unserer Demokratie ist. Einen Preis wird er fĂŒr seine engagierte Arbeit vermutlich nie gewinnen. Denn er ist kein Teil des „Print-Preis-Systems“, das sich nur selbst huldigt.

 

 

 

Katholikentag: Bringt Mannheim die Reformer voran?

Geprothmannt: Der Aufbruch der Àngstlich Selbstbewussten

Mannheim/Rhein-Neckar, 21. Mai 2012. (red) Das Alternativprogramm zum Katholikentag in Mannheim war ein voller Erfolg. Die Kritik der Reformer wurde von den Medien transportiert und die große Zahl der Besucher zeigt, wie groß das BedĂŒrfnis nach Änderungen innerhalb der katholischen Glaubensgemeinde ist. Doch darf man sich nicht allzu viele Hoffnungen machen – die streng-konservativen Haltungen versteifen sich gerade durch die Reformrufe noch mehr. 

Von Hardy Prothmann

Wer von außen auf die katholische Kirche schaut, kann nur mit dem Kopf schĂŒtteln: Der Umgang mit den Skandalen um sexuellen Missbrauch ist erbĂ€rmlich. Der Zölibat ein Anachronismus ohne jeden Sinn – und in der Praxis hĂ€ufig gebrochen. Die Missachtung der Frauen in der Kirche unglaublich. Die Arroganz der „Fachleute“ gegenĂŒber den „Laien“ lĂ€cherlich. Und die ĂŒberall schwelende Drohkulisse einfach nur widerwĂ€rtig.

Damit sind nur einige, wenn auch wesentliche Punkte deutlich kritisiert, die in der katholische Kirche schon lange nicht mehr und vermutlich noch nie gestimmt haben. Andererseits ist die römisch-katholische Kirche eine Gemeinschaft von religiös GlÀubigen, deren Glauben an sich selbstverstÀndlich zu achten ist, sofern es sich dabei um eine freie Willensentscheidung handelt und andere nicht zu schaden kommen.

Katholisch vs. modern

Klare Worte - klare Forderungen. Der österreichische Pfarrer Helmut SchĂŒller ist Kopf einer Reformbewegung.

Und die vielen ehrbaren Menschen, die sich im weitverzweigten System der Kirche fĂŒr andere engagieren, machen sich um das Gemeinwohl verdient, sind eine wichtige StĂŒtze einer funktionierenden Gemeinschaft. Aber die Herausfordungen, an einem modernen Leben teilzunehmen und gleichzeitig „sehr katholisch“ im Sinne von konservativ zu sein, sind manchmal fast unĂŒberwindbar. Deswegen verlieren die Kirchen und insbesondere die katholische immer mehr Mitglieder.

Die Strategie der Konservativen, sich noch mehr auf die Traditionen zu berufen, das Netz immer enger und hierarischer zu ziehen, sich keinen Schritt zu einer Öffnung hin zu bewegen, geht nicht auf, obwohl es zunĂ€chst so scheint. Die Hardliner scharen andere Hardliner um sich, im „Glauben fest verbunden“. Gleichzeitig schotten sie sich von anderen ab. ZunĂ€chst wirkt die „Geschlossenheit“ sehr stark, denn es gibt immer noch gut 27.000 Millionen Menschen in Deutschland, die als Religion „katholisch“ im Pass stehen haben.

Aufbruch vs. Stillstand

TatsĂ€chlich gehen aber nur noch 12 Prozent davon, also rund drei Millionen regelmĂ€ĂŸig in die Kirche. Tendenz weiter stark fallend. Es gibt immer mehr alte Menschen, die sich weniger in die Kirche einbringen können, als nunmehr Leistungen von der Kirche erwarten. Wer sich heute als junger Mensch fĂŒr ein Engagement in der katholischen Kirche entschließt, ist eher ein wertkonservativer Typ, statt ein weltoffener. Auf der Suche nach Orientierung gibt es da einige junge Menschen – aber lange nicht genug, um die zu ersetzen, die der Kirche den RĂŒcken kehren. Der beim Kirchentag propagierte Aufbruch hat den Stillstand als Ziel, nicht die Entdeckung einer neuen Zeit.

Fatalerweise haben sich kritische Geister, die fundamental die Kirchenstrukturen angegangen sind, irgendwann abgewandt, als sie merkten, dass die Starre nicht zu bewegen ist. Die Folge ist Stillstand, sagt der Chefredakteur von Publik-Forum, Dr. Wolfgang Kessler:

In der Vergangenheit hatten die Hardliner ein leichtes Spiel, wenn die Unbequemen selbst gegangen oder gegangen worden sind.

Die Starre ist weiter starrköpfig, aber es gibt eine neue, kritische Bewegung aus der Mitte der GlĂ€ubigen heraus. Mit teils ĂŒber 1.000 Teilnehmern bei Programmpunkten des Alternativprogramms haben die Veranstalter, Wir sind Kirche, Initiative Kirche von unten und die christliche Zeitschrift Publik-Forum ein enormes Interesse gefunden.

Allein zur Auftaktpressekonferenz erschienen 25 Medienvertreter, darunter ARD und ZDF, wie auch ORF, große Zeitungen und die Agenturen:

Das war ein Echo – von den Medien wie den Teilnehmern, das wir so nicht erwartet haben, was uns aber enorm freut, weil es klar macht, wie dringend die Mitte der GlĂ€ubigen endlich Reformen will.

Nach Ansicht von Wolfgang Kessler haben die Kirchenoberen seit 1997, als es ein Kirchenvolksbegehren mit 1,7 Millionen Unterschriften gegeben hat, die Forderungen nach Reformen gezielt untergraben. Bis 2010 die Missbrauchsskandale umso deutlicher machten, dass so vieles nicht mehr stimmt, in dieser „ehrenwerten“ Gemeinschaft.

Die Probleme sind öffentlich geworden und bleiben das solange, bis sie gelöst sind.

Das Kirchenvolksbegehren will die Abschaffung des Zölibats, Frohe Botschaften statt Drohbotschaften, Frauen als Priesterinnen, eine unverkrampfte Sexualmoral und die Beteiligung der Laien in der Kirche. Nichts davon ist seit 1997, also seit immerhin 15 Jahren Wirklichkeit geworden. Der Druck auf die Kirche wĂ€chst, weil selbst Ă€ltere GlĂ€ubige nicht vom Glauben abfallen, wohl aber von den starren Strukturen. Und sei es nur durch den ĂŒberall bemerkbaren Priestermangel.

Sprachlosigkeit vs. Selbstbewusstsein

Chefredakteur Kessler: "Viele sind immer noch Àngstlich."

Die Kirchenoberen reden von Dialog, diktieren aber die Inhalte und wer reden darf. Das steht in krassem Gegensatz zu Entwicklungen in Wirtschaft und Politik und Forschung. Die Basis rumort, wenn auch oft noch Àngstlich.

Der Grund darin liegt sicherlich in einer großen Sprachlosigkeit. Denn die Profis haben den Laien immer gesagt, wo es langgeht. FĂŒr die blieb ein Ja und Amen.

Vorbilder wie Friedhelm Hengsbach und seit einigen Jahren der einnehmende Österreicher Helmut SchĂŒller stellen aber das alte System in Frage. SchĂŒller hat schon mehrere hundert Pfarrer in einer Initiative hinter sich, die den echten Dialog, eine echte Öffnung fordern. Auch in Irland haben sich rund 80 Pfarrer angeschlossen.

Und SchĂŒller ist nicht umsonst so prominent. Er redet klar und verstĂ€ndlich und vor allem: Verbindlich. Er ist kein linker Revoluzzer, sondern ein verdienter Theologe, seriös und sprachgewandt. Er fordert Debatten und die Öffnung fĂŒr die Medien, um Öffentlichkeit herzustellen.

Es fehlen die selbstbewussten Frauen

Die Initiative der Pfarrer, die Herr SchĂŒller organisiert, setzt die Kirche unter Druck. Alternativprogramme wie zum Katholikentag in Mannheim verschaffen Öffentlichkeit und stĂ€rken eine öffentliche Debatte und zeigen eine noch zaghafte Rebellion an. Getragen wird sie vor allem durch eine Generation 50 plus, wie der Journalist Kessler feststellt.

Leider fehlen der Reformbewegung starke Frauen – die hatten ja bislang auch in der katholischen Kirche nichts zu sagen. Stattdessen werden sie in kirchlichen Organisationen zudem ĂŒber Billiglöhne ausgebeutet und durch das kircheneigene Arbeitsrecht immer wieder unter Druck gesetzt.

Wenn die Frauen aber beginnen, fĂŒr sich Rechte zu formulieren und einzufordern, dann beginnt eine Revolution, die Bewegung in die katholische Kirche bringt.

Alle Artikel zum Katholikentag finden Sie hier.

„Was ist drin, im Rucksack?“

Mannheim/Rhein-Neckar, 21. Mai 2012. (red) Wir dokumentieren die Rede des renommierten Sozialethikers Friedhelm Hengsbach SJ vom 17. Mai 2012 in der Mannheimer Johanniskirche. AnlĂ€sslich des Katholikentages 2012 in Mannheim befasste sich der Jesuit mit dem „Aufbruch“, dem Weg aus der Krise der katholischen Kirche.

Friedhelm Hengsbach fordert eine politische Dimension im Zusammenhang mit Glauben – Politik als Sache der Gemeinschaft, als Hinwendung und Engagement. Die Umsetzung des Glaubens im Handeln. Er sagt:

Glaube ist Praxis und nicht irgendein Kult oder was die Kirche uns zu glauben lehrt.

Der 74 Jahre alte Friedhelm Hengsbach ist ein Ă€lterer Herr, der ĂŒberhaupt nicht wie ein „Revoluzzer“ wirkt. Seine Rede ist wohl formuliert und er trĂ€gt sachte und ĂŒberlegt vor. Die Inhalte seiner Rede aber fordern eine Reformation, die aus Sicht der katholischen Kirche eine Revolution sein wird. Und wenn die Kirchenoberen nicht mitmachen, dann sollen die GlĂ€ubigen den Umbau hin zu einer modernen Kirche selbst in die Hand nehmen.

Die Videos der Rede sowie das Redemanuskript finden Sie hier auf dem Rheinneckarblog.de.

Unsere Berichte dazu erscheinen auf dem Rheinneckarblog.de

Katholikentag in Mannheim

Auftaktveranstaltung zum 98. Katholikentag in Mannheim.

Die evangelische Mannheimer Johanniskirche ist ökumenisches Zentrum fĂŒr das Alternativprogramm zum Katholikentag 2012.

Mannheim/Rhein-Neckar, 17. Mai 2012. Auf dem Rheinneckarblog.de, unserer Seite fĂŒr die Region, finden Sie eine umfangreiche Berichterstattung zum Katholikentag 2012. Da die anderen Medien ĂŒberwiegend zum „offiziellen“ Programm berichten, konzentrieren wir uns auf das Alternativprogramm mehrerer Gruppen wie „Kirche von unten“, die dringend Reformen in der katholischen Kirche fordern.

Der Katholikentag wird vom Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) veranstaltet und steht unter dem Motto „Einen neuen Aufbruch wagen“. Rund 30.000 Katholiken haben sich fest fĂŒr das Event bis Sonntag angemeldet, weitere 30.000 Besucher werden erwartet. Die katholische Kirche prĂ€sentiert sich von „ihrer besten Seite“ – tatsĂ€chlich hat die Kirche enorme Probleme und seit 2010 durch die Aufdeckung von hunderten sexueller MissbrĂ€uche viele Mitglieder verloren. Auch die mangelhafte AufklĂ€rung hat der Kirche Schaden zugefĂŒgt und die „GlaubwĂŒrdigkeit“ erschĂŒttert.

Weitere Problemfelder sind der Zölibat, der Umgang mit Schwulen und Lesben, der Ausstieg aus der Schwangerschaftsberatung, der Umgang mit Geschiedenen, Repressionen von Angestellten, Niedriglohnskandale und ein grassierender Personalmangel – immer weniger junge MĂ€nner interessieren sich fĂŒr das Priesteramt, was sicher mit den starren inneren Strukturen der Kirche zu tun hat.

Weltweit ist die katholische Kirche mit 1,2 Millionen Angestellten einer der grĂ¶ĂŸten Arbeitgeber. Auch in Deutschland sind beide Kirchen nach dem Staat der grĂ¶ĂŸte Arbeitgeber. Das Vermögen der katholischen Kirche in Deutschland wird auf 270 Milliarden Euro geschĂ€tzt. Der Katholikentag kostet rund acht Millionen Euro. 3,5 Millionen Euro erhĂ€lt die Kirche dabei an staatlichen ZuschĂŒssen.

Das Alternativprogramm wird mit privaten Spendengeldern ohne jegliche staatlichen ZuschĂŒsse organisiert und findet ĂŒberwiegend in der Johanniskirche Mannheim-Lindenhof statt. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist kostenlos.

Die Sprecher des Alternativprogramms (von links) Wystrach, Hengsbach, Kessler, Göhrig, Weisner bei der Pressekonferenz. Klicken Sie auf das Foto, um zum Artikel auf dem Rheinneckarblog zu gelangen.

 

Am Donnerstag hat Friedhelm Hengsbach SJ um 14:00 Uhr eine „Brandrede“ gehalten: „Eure Sorgen möcht ich haben – worum es wirklich geht“. Am Freitag spricht Eugen Drewermann ĂŒber „Wege zur Menschlichkeit“ und am Samstag wird ĂŒber sexuelle Gewalt in der Kirche diskutiert. Die meisten Veranstaltungen finden in Mannheim-Lindenhof in der evangelischen Johanniskirche statt.

Das  Programm finden Sie hier.

Alle Artikel auf dem Rheinneckarblog zum Katholikentag finden Sie hier.

CBG-SchĂŒler stellen Gurs-Mahnmal auf

„Man hat die Leute einfach krepieren lassen!“

Aufstellung des Gurs-Mahnmals zur Erinnerung an die Deportation von Ladenburger BĂŒrgern jĂŒdischer Herkunft.

 

Ladenburg, 27. Januar 2012. (red) Eine klassenĂŒbergreifende Arbeitsgemeinschaft des Carl-Benz-Gymnasiums hat zur Erinnerung an die Deportation jĂŒdischer BĂŒrger Ladenburgs ein Mahnmal aufgestellt. Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler hatten ĂŒber ein Jahr die Geschichte der Ladenburger Juden erforscht und den Gedenkstein selbst entworfen und gestaltet. Ein zweiter Gedenkstein der AG steht seit Oktober 2011 zusammen mit 99 anderen Steinen in Form eines Davidsterns in Neckarzimmern. [Weiterlesen…]

Wer hat Angst vorm „weißen Bus“? Falschmeldung verunsichert Eltern – die reale Bedrohung liegt im „Umfeld“


Rhein-Neckar, 26. Oktober 2011. (red) Seit ein paar Tagen „geistert“ eine Meldung durch soziale Netzwerke wie Facebook, dass vor Ort ein Mann Kinder anspreche und diese in einen „weißen Bus“ locken wolle. Was wie die mögliche Bedrohung von Kindern durch pĂ€dophile KindesentfĂŒhrer klingt, ist eine unwahre Geschichte, ein so genannter „Hoax“. Trotzdem ist die Bedrohung real – allerdings eher durch MĂ€nner im unmittelbaren „vertrauensvollen“ Umfeld der Kinder.

Von Hardy Prothmann

Egal, wie man es nennt, ob ĂŒbler Scherz, Kettenbrief, Hoax, „urban legend“ – die Geschichten funktionieren immer gleich. Ein Empörungsthema wird gesucht, eine Bedrohung, irgendetwas, das viele Menschen berĂŒhrt.

So auch die Warnung, man habe vor der Schule einen weißen Bus gesehen, ein Mann spreche Kinder an, die Mama hat gesagt, dass der Junge mitfahren muss, weil der regulĂ€re Bus nicht kommt, etwas passiert ist und so weiter. Obligatorisch ist die Aufforderung, die Nachricht weiter zu verbreiten, „um andere zu warnen“.

Und flugs verbreitet sich das GerĂŒcht – in Zeiten des Internets rasant. Der „weiße Bus“ ist mittlerweile in ganz Deutschland vor Schulen gesehen worden. Es gibt mittlerweile dutzende Varianten der Geschichte, deren Botschaft im Kern lautet: „Achtung, pĂ€dophiler KinderschĂ€nder hat es auf Dein Kind abgesehen.“

Schutzreflexe

Wer Angst vorm "weißen Bus" hat, sollte sich viel mehr vorm "weißen Talar" fĂŒrchten. Quelle: regensburg-digital.de

Der Schutzreflex ist verstĂ€ndlich. Auch ich habe die Meldung gestern gelesen und war sofort aufmerksam. Der Sohn ist mit 17 Jahren „zu groß“, aber da ist ja noch die Tochter, die beschĂŒtzt werden muss. Als ich die Nachricht zu Ende gelesen hatte, habe ich nach Hinweisen gesucht, bei der Polizei nachgefragt. Weniger, weil ich beunruhigt war, sondern aus einem journalistischen Reflex heraus. Kann das sein? Ist da was dran? Das Ergebnis: Keine Erkenntnisse. Keine Hinweise. Damit war die Sache fĂŒr mich erledigt.

Da der Bus oder vielmehr die angebliche Geschichte seine Bahnen zieht, braucht es offensichtlich doch eine „offizielle“ Entwarnung. Es gibt ihn nicht, den „weißen Bus“.

Den „weißen Bus“ gibt es nicht – wohl aber die Angst

TatsĂ€chlich gibt es große Ängste – das eigene Kind in den FĂ€ngen pĂ€dophiler Verbrecher… Eine Horror-Vorstellung fĂŒr viele Eltern. Tatsache ist aber, das sexuelle Gewaltverbrechen (mit Todesfolge) seit Jahren rĂŒcklĂ€ufig sind.

Das hat vor allem mit einer erhöhten Aufmerksamkeit zu tun, mit PrĂ€vention, mit guter Polizeiarbeit. Der allerschlimmste „Horrorfall“, der sexuelle Missbrauch mit Todesfolge ist die absolute Ausnahme. 2009 hat die „Polizeiliche Kriminalstatistik“ (PKS) in Deutschland zwei solcher FĂ€lle „erfasst“, 2010 keinen einzigen.

So erschĂŒtternd jedes einzelne Schicksal ist: Statistisch gesehen ist die Bedrohung, gemessen an einer Bevölkerungszahl von rund 80 Millionen Menschen, nicht messbar. In krassem Gegensatz dazu steht die Angst davor.

Missbrauch in der Statistik

Schaut man auf die „kalten“ statistischen Daten, fĂ€llt vor allem der „sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen“ auf. Diese TĂ€ter fahren keinen „weißen Bus“, sondern sind meist im alltĂ€glichen „Umfeld“ der Kinder zu finden.

Es sind VĂ€ter, BrĂŒder, Onkel, Opas, Nachbarn, Mitarbeiter von „Jugendorganisationen“, VereinsfunktionĂ€re, Kirchen, Ärzte, Sozialarbeiter – eben alle, die „alltĂ€glich“ mit Kindern zu tun haben. Die TĂ€ter sind meist mĂ€nnlich und im direkten Kontakt mit Kindern. Nicht der „böse Unbekannte“, sondern der „Bekannte“ ist die reale, böse Bedrohung.

Das perfide an dieser Bedrohung – es sind Personen, den man eigentlich vertraut. Von denen „man das nicht denkt“.

Hier gehen die Missbrauchszahlen in die tausende. Statistisch gesehen muss man diesen Zahlen misstrauen. Ganz im Gegensatz zu den Zahlen ĂŒber entfĂŒhrte Kinder, die zu Tode kommen. Die sind sehr exakt.

Die sexuellen MissbrauchsfĂ€lle, die durch „bekannte“ Personen begangen werden, werden wegen SchamgefĂŒhls, Sorgen um die „öffentliche“ Stellung hĂ€ufig nicht angezeigt. Die Dunkelziffer ist nicht zu bemessen, man kann aber davon ausgehen, dass sie sehr hoch ist.

„Jungs“ haben es „schwerer“

Nicht nur Frauen wissen das sehr genau. Welche Frau erzĂ€hlt schon gerne, dass der Opa sie „gestreichelt“ oder sie ihre „Unschuld“ durch den „Onkel“ verloren hat? Kaum eine. Trotzdem gibt es immer mehr Frauen und MĂŒtter, die sich dem Missbrauch stellen und ihn nicht einfach „abtun“.

"Echte" Missbrauchzahlen findet man als statistische Zahlen in der Polizeilichen KriminalitĂ€tsstatistik. Jeder Fall ist erschĂŒtternd - die Zahl der FĂ€lle ist aber "gering". Die Dunkelziffer hingegen hoch. Quelle: PKS

 

FĂŒr „Jungs“ ist das bis heute noch viel schwerer. Als „Mann“ einen Missbrauch einzugestehen, ist auch durch „Rollenbilder“ sehr viel schwieriger. Mal ganz ehrlich? In wie vielen Köpfen geistert noch der Blödsinn rum, dass „Frauen genommen werden“ und „MĂ€nner nehmen“? Und was ist dann mit „MĂ€nnern“, die „(heran)genommen“ wurden? Sind das MĂ€nner oder nur einfach „Schwuchteln“?

Solche blödsinnigen Rollenbilder machen es pĂ€dophilen TĂ€tern einfach. Und die Scham der Opfer, der Familien und der Gesellschaft schĂŒtzt die TĂ€ter zusĂ€tzlich. Das ist die Perversion der Perversion.

Als eine der grĂ¶ĂŸten „Missbrauchsorganisationen“ geriet die katholische Kirche in die Kritik – die Welle der Anzeigen und „Offenbarungen“ reißt nicht ab. Und eine „ehrenwerte“ Haltung der katholischen Kirche, MissbrauchsfĂ€lle konsequent und ohne Kompromisse zu verfolgen, ist nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil – die Vertuschung hat Methode, selbst unter Einsatz juristischer Mittel.

Auch mein Kollege Stefan Aigner aus Regensburg ist so eine Art „Missbrauchsopfer“. Eineinhalb Jahre musste sich der freie Journalist gegen die Diözese Regensburg wehren, die ihn verklagt hatte, weil er in einem Bericht Zahlungen an die Familie eines Missbrauchsopfers als „Schweigegeld“ benannt hatte.

Aktuell hat das Oberlandesgericht Hamburg diese EinschĂ€tzung bestĂ€tigt und Stefan Aigner diese Wortwahl gestattet. Die Prozesskosten von weit ĂŒber 10.000 Euro waren geeignet, den Journalisten wirtschaftlich zu ruinieren. Vergleichsversuche im Vorfeld hat die Kirche nicht angenommen. Dem Missbrauch folgte der Wille, einen kritischen Journalisten mundtot zu machen – koste es, was es wolle.

Das bekannteste Beispiel fĂŒr „sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener“ in unserer Region ist die „Odenwaldschule“. Nach einem Bericht von Spiegel online wurden hier „sexuelle Dienstleister fĂŒrs Wochenende eingeteilt.“

„Schulleiter, Kirchenvertreter, Ministerien – alle reden von „EinzelfĂ€llen“ des sexuellen Missbrauchs an Schulen. Inzwischen sind es ziemlich viele EinzelfĂ€lle. Die Schulen haben einen blinden Fleck, die Behörden offenbar einen toten Winkel: Wo ist die staatliche Schulaufsicht, wenn man sie braucht?“,

fragt Spiegel online in einem weiteren Artikel.

Die reale Bedrohung ist nicht der „weiße Bus“, sondern das Umfeld.

FĂŒr Eltern und ihre Kinder muss klar sein, dass nicht der „weiße Bus“ die echte Bedrohung darstellt – die tatsĂ€chliche Bedrohung liegt aber tatsĂ€chlich vor Ort im vermeintlich vertrauenswĂŒrdigen Umfeld.

Der beste Schutz der TĂ€ter ist die Scham, die viele empfinden. Der beste Schutz vor den TĂ€tern und auch nach einer Tat ist die Anzeige und notfalls auch die Öffentlichkeit – damit anderen nicht dasselbe „Schicksal“ widerfĂ€hrt.

DafĂŒr braucht es sicherlich Mut. Mehr, als eine dubiose Meldung weiter zu verbreiten, die nur das Angstthema schĂŒrt.

Wer wirklich etwas gegen Missbrauch tun will, darf einen solchen nicht verschweigen. Der Missbrauch darf kein „Tabu“-Thema sein. Und es gibt mittlerweile durch Polizei und Behörden umfangreiche Hilfen.

Auch privat sollte das Thema kein Tabu mehr sein. Hier gilt es, den Opfern Mut zu machen und sie frei von jeder Schuld zu halten.

Wer Opfer eines Missbrauchs geworden ist, hat trotzdem jedes Recht, mit WĂŒrde behandelt zu werden. Die TĂ€ter sind die Schuldigen. Wenn die Gesellschaft das begreift, wird es weniger Opfer und damit auch weniger TĂ€ter geben.

Und irgendwann verschwindet vielleicht auch die ĂŒbertragene Angst vor „weißen Bussen“.

In eigener Sache: Protest gegen Hamburger Urteil zu „Schweigegeld“


Guten Tag!

Rhein-Neckar/Hamburg/Regensburg, 14. MĂ€rz 2011. (red) Heute wurde dem Regensburger Journalisten Stefan Aigner per Urteil untersagt, Zahlungen der Kirche an die Eltern eines Missbrauchsopfers als „Schweigegeld“ zu bezeichnen. Das Netzwerk istlokal.de, zu dem auch unsere Blogs gehören, protestiert dagegen und fordert eine „Unterlassung“ durch die Kirche.

Von Hardy Prothmann

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Abmahnungen und Prozesse gegen Journalisten und teils auch Privatpersonen wegen missliebiger MeinungsĂ€ußerungen.

Unternehmen, Politiker, Organisationen, Privatpersonen und die katholische Kirche bedienen sich dabei hĂ€ufig des Instruments des „fliegenden Gerichtsstands“ – will man einen Journalisten mundtot klagen, wendet man sich ans Hamburger Landgericht. Dort gilt die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit nicht viel.

Drei Prozesse in drei Jahren – immer wegen MeinungsĂ€ußerungen

FĂŒr Stefan Aigner ist es der dritte Prozess in drei Jahren – ein Waffenhersteller und ein Möbelhaus hatten ihn bereits wegen seiner kritischen Kommentare verklagt. Den Prozess gegen das Möbelhaus hat er gewonnen, beim Waffenhersteller zog er seine Meinung zĂ€hneknirschend zurĂŒck – weil der Waffenhersteller die Prozesskosten ĂŒbernommen hat. Stefan Aigner war finanziell nicht in der Lage, sich die Prozesskosten von mehreren tausend Euro leisten zu können.

Stefan Aigner: Ehrlich, aufrichtig, kritisch. Die katholische Kirche will ihn mundtot klagen. Bild: pro

Als ihn die Diözese Regensburg verklagte, weil er in einem Kommentar „EntschĂ€digungszahlungen“ an Eltern eines von einem katholischen Priester missbrauchten Jungen als „Schweigegeld“ bezeichnet hatte, rief er zu Spenden auf. 10.000 Euro sind innerhalb von vierzehn Tagen zusammengekommen.

Selbst die Mutter des Kindes bezeichnete gegenĂŒber dem Bayerischen Rundfunk spĂ€ter die Zahlung als „Schweigegeld“ – fĂŒr die Kirche kein Anlass, von der Klage abzusehen. Auch die Bereitschaft Aigners, die betreffende Passage umzuformulieren, fand kein Gehör. Aigner sollte offensichtlich einer „selbstgerechten Strafe“ zugefĂŒhrt werden.

Noch skandalöser ist, dass der betreffende Priester versetzt wurde und an der neuen Arbeitsstelle wieder Kinder missbraucht hat – AufklĂ€rung und Schutz geht anders

HĂ€tte die Kirche verloren, zahlt diese die jetzt angefallenen 8.000 Euro aus der Portokasse. FĂŒr Stefan Aigner, mit Herzblut Journalist, ist so ein Betrag geeignet, die wirtschaftliche Existenz zu zerstören. Das ist der Diözese Regensburg bekannt – wenn nicht, weiß sie es spĂ€testens beim Lesen dieser Zeilen.

„Gott sei Dank“ Dank der Spender konnte Aigner den Prozess fĂŒhren – er wollte nicht klein beigeben. Das Urteil vor dem Hamburger Landgericht ist keine Überraschung – die Hamburger Kammer ist fĂŒr pressefeindliche Urteile bekannt, deswegen wird auch hier gerne durch den „fliegenden Gerichtsstand“ geklagt. Weshalb sonst sollte die Diözese Regensburg gegen einen Regensburger Journalisten in Hamburg klagen?

Auch gegen mich selbst wurde schon drei mal innerhalb von eineinhalb Jahren juristisch vorgegangen.

  • Der Heddesheimber BĂŒrgermeister Michael Kessler forderte eine Unterlassung und zog diese Forderung wieder zurĂŒck – das Geld fĂŒr die teuren Heidelberger AnwĂ€lte zahlt die Staatskasse.
  • Die fĂŒr Heddesheim zustĂ€ndige Redakteurin des Mannheimer Morgen, Anja Görlitz, erwirkte eine Einstweilige VerfĂŒgung gegen mich, die ich ausschließlich aus KostengrĂŒnden akzeptiert habe – Kostennote: knapp 5.000 Euro.
  • Der CDU-Ortsvereinsvorsitzende Dr. Josef Doll verlangte im November 2010 eine Unterlassung, hat diesen Anspruch aber offenbar fallengelassen.

Vor kurzem informierte mich ein Weinheimer Anwalt, dass er schon mehrfach Unterlassungsklagen gegen die von mir verantwortete Berichterstattung prĂŒfen sollte, seinen Mandanten aber (klugerweise) davon abgeraten hat.

Missliebige Berichterstatter werden weggeklagt.

Wie sehr die katholische Kirche versucht hat, in hunderten von FĂ€llen die sexuellen Übergriffe und MissbrĂ€uche an Kindern durch ihre Priester zu vertuschen und zu verschweigen ist hinlĂ€nglich bekannt. Insbesondere die Diözese Regensburg ist bislang eher nicht durch einen offensiven öffentlichen Umgang mit dem „Thema“ aufgefallen.

Es ist eine Farce, wenn eine Kirche, die sich Barmherzigkeit und Gnade auf die Fahnen schreibt, so wenig fĂŒr AufklĂ€rung tut und gleichzeitig so viel, um missliebige Kritiker mundtot zu klagen.

Und es ist bedauerlich, dass die Hamburger Pressekammer den Ruf hat, als willfĂ€hriger Vollstrecker nicht fĂŒr, sondern gegen die Meinungs- und Pressefreiheit zu urteilen.

Ganz sicher kann nicht jede Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt sein – Beleidigungen oder Unterstellungen, die jeder Grundlage entbehren, muss sich niemand gefallen lassen. Ob aber die Tatsache des hundertfachen Kindesmissbrauchs durch katholische Priester eine Grundlage sind oder keine, entscheidet jeder frei fĂŒr sich.

Zu nah dran.

Ob Journalisten in Zukunft noch darĂŒber öffentlich berichten, darf zunehmend bezweifelt werden. Die „Schere im Kopf“, also die Eigenzensur, wird durch solche Urteile erst richtig scharf gemacht. Jeder ĂŒberlegt genau, ob er seine Existenz aufs Spiel setzt, nur, weil er eine Meinung Ă€ußert. Im Zweifel lĂ€sst man kritische Äußerungen „lieber“ weg.

So verfahren viele Lokalzeitungen, die den „MĂ€chtigen“ nach dem Mund schreiben – kritischer Journalismus findet hier kaum noch statt, dafĂŒr aber immer mehr von unabhĂ€ngigen Journalisten. Die haben aber keine großen Verlage mit großen Rechtsabteilungen im RĂŒcken, dafĂŒr tragen sie das volle Risiko, mit allen Mitteln bekĂ€mpft zu werden.

Aus meiner Sicht zeigt sich die Kirche, in diesem Fall die Diözese Regensburg, als uneinsichtig und demokratiefeindlich. In der eigenen PresseerklĂ€rung gibt es kein Wort des Bedauerns gegenĂŒber der Opfer, sondern ausschließlich Worte des Triumphs – man hat dem „Blogger“ Stefan Aigner gezeugt, was „Wahrheit“ ist.

Stefan Aigner wird in die zweite Instanz gehen und hofft auf weitere Spenden, die ihm dies ermöglichen. Stefan Aigner ist deswegen kein Held, aber er ist ein mutiger Journalist, der sich nicht zensieren lĂ€sst und dessen Recherchen und Artikel immer wieder fĂŒr „Aufregung“ sorgen.

Stefan Aigner ist ein vorbildlicher Journalist.

Verantwortlich dafĂŒr ist nicht Stefan Aigner, der nur macht, was immer weniger Journalisten leisten: UnabhĂ€ngige Recherche, aufrichtige Berichterstattung und das mit einer unerschrockenen Haltung. Er arbeitet fĂŒr seine Leserinnen und Leser und nicht fĂŒr Lobbyisten – wie lange er und andere das noch dĂŒrfen, fragen sich zu Recht auf die „Webevangelisten„.

Ich bin durch Stefan Aigner erst durch das Internet aufmerksam geworden – ohne Internet hĂ€tte er nicht veröffentlichen können und sicher nirgendwo in der „etablierten“ Presse seine Artikel unterbekommen, denn da will man keinen Ärger.

Stefan Aigner will auch keinen Ärger, Ă€rgert sich aber wie ich und andere ĂŒber Missbrauch gleich welcher Art, ĂŒber Dumping-Löhne, ĂŒber Amigo-Wirtschaft und Mauscheleien in Verwaltungen. Um unsere Arbeit noch besser machen und uns und andere schĂŒtzen zu können, haben wir zusammen das Netzwerk istlokal.de gegrĂŒndet, dem sich seit Mitte Januar bereits 46 „Blogger“ angeschlossen haben. Unser Ziel: Die Förderung des kritischen Lokaljournalismus und der Meinungsfreiheit.

Deswegen unterstĂŒtze ich gerne den Spendenaufruf und hoffe, dass die nĂ€chste Instanz dieses „Schweigegeld“-Urteil aufhebt und die Meinungs- und Pressefreiheit damit stĂ€rkt. Alles andere wĂ€re unertrĂ€glich.

Spendenkonto:

„Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V..
Volksbank Regensburg (BLZ 750 900 00)
Kontonummer: 63363
BIC: GENODEF1R01
IBAN: DE14750900000000063363

Die Spenden und Kosten werden regelmĂ€ĂŸig offen gelegt. Bitte geben Sie bei der Überweisung an, ob Sie mit der Veröffentlichung Ihres Namens auf der Spenderliste einverstanden sind.“

Dokumentation: „Gebet“

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 10. April 2010. Der katholische Pfarrer Heiner Gladbach verlĂ€sst die Kirchengemeinden Heddesheim und Ladenburg auf unbestimmte Zeit – weil er in einer Partnerschaft lebt. Am 14. MĂ€rz hat er im Gottesdienst – vor dem Hintergrund der bekannt geworden MissbrauchsfĂ€lle in der katholischen Kirche – in seiner Gemeinde ein sehr persönliches Gebet gehalten.

Wir dokumentieren den Text des Pfarres Gladbach, der uns hierzu seine Erlaubnis erteilt hat:

„ErklĂ€rung
Gebet von Pf. H. Gladbach am 14. MĂ€rz 2010 am Tag der „Ewigen Anbetung“ (Gebet vor dem eucharistischen Brot, das sich in einer Monstranz befindet).

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich mit Ihnen einen Abschnitt aus der der eucharistischen Andacht im Gotteslob beten. Aber nachdem ich gestern, am 13. MĂ€rz 2010, einen Kommentar im Mannheimer Morgen von Stefanie Ball zur derzeitigen Situation der Kirche gelesen habe, ich zitiere:
„Was der kath. Kirche und ihren Vertretern, die sich in den vergangenen Wochen geĂ€ußert haben, völlig abgeht, sind Emotionen, Worte, die einen berĂŒhren, die einem die Hoffnung zurĂŒckgeben, dass es der Kirche wirklich ernst ist.“,
habe ich mich entschlossen, selbst ein Gebet zu verfassen.
Ich lade Sie ein mir auf dem Weg dieses Gebetes zu folgen.

Gebet
Herr Jesus Christus gegenwÀrtig im hl. Brot der Eucharistie: Sieh auf deine Kirche, die in diesen Tagen und Wochen berechtigter Kritik ausgesetzt ist.
Ich bitte dich fĂŒr die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische SchĂ€den davongetragen haben und tragen. Ich bitte, dass du die Wunden heilst, dass sie wieder Vertrauen in „deine Kirche“ fassen und dass wir ihnen gegenĂŒber große Demut zeigen, denn niemand kennt ihre Qual und niemand sieht ihre innere Zerrissenheit.
Sieh die Fehler, vieler Menschen in deiner Kirche, die sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, und so deine Botschaft der Gottes- und NÀchstenliebe in diesen jungen Menschen zerstört haben.

Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.

Es ist unverstĂ€ndlich warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln.

Als Priester fĂŒhle ich mich im Moment hilflos!

Den Menschen ausgeliefert, ihren Spott und ihren Zorn zu ertragen. Ich schÀme mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.

Und es nĂŒtzen mir nicht all die Versprechungen der lĂŒckenlosen AufklĂ€rung, und es nĂŒtzt mir erst recht nicht die Aussage: Dass kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.

Was mir nĂŒtzen wĂŒrde, Jesus Christus, wĂ€re die Demut der Verantwortlichen in der Kirche. Der Kniefall vor den Opfern dieser Verbrechen. Ein Kniefall der ein Zeichen setzen wĂŒrde, wie es schon einmal ein Politiker getan hat.

Und so knie ich vor dir, verwirrt, verunsichert und ratlos, mit Trauer und Zorn in meinem Herzen, warum tun sich unsere Verantwortlichen so schwer, die Knie zu beugen, statt nichts nĂŒtzende Wahrheiten aus zu sprechen.

Ich weiß, mein Kniefall wird nicht viel bewirken, er wird nicht das Aufsehen eines Kniefalls von Willy Brandt erregen, aber er soll ein Zeichen sein fĂŒr die Menschen, die heute hier mit mir zum Gebet versammelt sind. Zeichen dafĂŒr, dass auch ich Kirche bin, sicher nur ein Stein unter vielen, aber ein Stein, der nicht morsch werden möchte, ein Stein der nicht in sich zusammenfallen möchte, sondern auch diese Last des hier und jetzt in deiner Kirche mit tragen möchte, denn ich liebe deine Kirche, deren Kleid im Moment schwer besudelt ist. Vielleicht können wir hier und jetzt mit unserm Gebet anfangen, dieses Kleid rein zu waschen.

Vor fast genau zehn Jahren hat dein Diener Papst Johannes Paul II. am 12. MĂ€rz 2000, in einer historisch einmaligen Geste Gott, deinen Vater um Vergebung fĂŒr die Fehler von Christen in der 2000-jĂ€hrigen Kirchengeschichte gebeten. Ihm, dem alt- und bucklig gewordenen Mann, war es nicht mehr möglich sich vor Gott, deinem Vater, niederzuwerfen. Aber seine altersgebĂŒckte Gestalt reichte aus, um an die Szene zu erinnern: Jakob vor Esau – Johannes Paul II. vor Gott und wir jetzt vor dir im eucharistischen Brot. Und ich bitte instĂ€ndig: Herr verzeih die schweren Fehler so vieler in deiner Kirche.

Wir bitten dich, um deinen Segen ĂŒber unsere Gemeinde unsere Seelsorge-Einheit und deine ganze Kirche. Amen“

Dokumentation: Die Rede von Pfarrer Gladbach

Guten Tag!

Heddesheim/Ladenburg, 09. April 2010. Der katholische Pfarrer Heiner Gladbach verlÀsst die Kirchengemeinden Heddesheim und Ladenburg auf unbestimmte Zeit. Als Grund nannte er die Entscheidungsfindung zwischen Partnerschaft und Priesteramt. Wir dokumentieren die Rede.

Dokumentation der Rede von Pfarrer Gladbach auf der „außerordentlichen Pfarrversammlung“:

„Liebe Mitglieder unserer SE, sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank, dass sie heute Abend ins St. Remigius-Haus gekommen sind.

Sie alle haben in der Karwoche und ĂŒber Ostern mitbekommen, dass ich aus gesundheitlichen GrĂŒnden, die Gottesdienste nicht mit ihnen gefeiert habe.
Gemeinsam mit den VorstĂ€nden der PfarrgemeinderĂ€te und den Hauptamtlichen habe ich mich fĂŒr die heutige außerordentliche Pfarrversammlung entschieden.
Es ist mir ein Anliegen und BedĂŒrfnis, dass ich persönlich Sie als Gemeindemitglieder, ĂŒber die anstehenden VerĂ€nderungen informiere. Gleichzeitig hoffe ich, damit den Spekulationen und den kursierenden GerĂŒchten ein Ende zu setzen.

Als im vergangenen Jahr bei mir eine HerzmuskelschwĂ€che diagnostiziert wurde, setzten bei mir die Überlegungen ein, wie meine Zukunft in dieser Kirche sein wird.
Mir war klar, dass ich mich verĂ€ndern musste. In der Woche vor Palmsonntag wurden – neben meinen gesundheitlichen Problemen – meine Ängste und Bedenken so groß, dass ich bei jeder kleineren oder grĂ¶ĂŸeren GemĂŒtsregung in TrĂ€nen ausbrach. So wollte ich nicht vor der Gemeinde stehen und nach RĂŒcksprache mit meinem Hausarzt wurde ich ĂŒber die Kar- und Ostertage fĂŒr eine Woche krankgeschrieben.
Hintergrund meiner GemĂŒtsverfassung ist neben der Tatsache meiner Erkrankung und dass ich mich verĂ€nern musste noch mehr das Wissen, dass ich seit lĂ€ngerer Zeit gegen mein Zölibatsversprechen handle, weil ich in einer Beziehung lebe.

Ich informierte die ZustÀndigen in der Erzdiözese Freiburg und hatte am vergangenen Mittwoch ein GesprÀch mit unserem Personalreferenten Herrn Dr. Kohl.
Um es gleich vorweg zu sagen, das GesprÀch war sehr fair und offen.
Ich kann vor Freiburg diesbezĂŒglich nur den Hut ziehen, um es mit diesen einfachen Worten auszudrĂŒcken.
Herr Dr. Kohl fĂŒhrte mir vor Augen, dass ich eine Entscheidung herbeifĂŒhren muss, entweder Priestertum oder Partnerschaft.

Dies ist fĂŒr mich eine Lebensentscheidung, die ich nicht adhoc und leichtfertig fĂ€llen kann. So bat Ich daraufhin Dr. Kohl um meine sofortige Beurlaubung bis auf weiteres. Und ich bin den Verantwortlichen in Freiburg mehr als dankbar, dass sie mir diese Zeit der Entscheidungsfindung geben.

Ich werde also in den kommenden Wochen sowohl psychologische – wie auch geistliche Begleitung in Anspruch nehmen, um mir darĂŒber klar zu werden, wohin mein Weg geht.

Es tut mir leid, dass ich unsere SE damit belaste und hoffe, dass Sie meine Entscheidung dennoch nachvollziehen können. Die Arbeit in unsrer SE habe ich geliebt. Sie war mein Leben und das „Priester sein“ meine Berufung. Nun gilt es fĂŒr mich zu klĂ€ren, wie mein Lebensweg weitergeht.
Ich vertraue darauf, dass Gott mich dabei begleitet.
Ich danke ihnen ganz herzlich, dass sie heute Abend gekommen sind.“

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das ladenburgblog

Dokumentation: Was und wofĂŒr Pfarrer Heiner Gladbach gebetet hat

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 09. April 2010. Die MissbrauchsfÀlle in der katholischen Kirche sind ein absolutes Politikum. Die Debatte beherrscht Deutschland seit Wochen. Nun ist das Thema Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auch in der Seelsorge-Einheit Ladenburg-Heddesheim angekommen.

Die katholische Kirche Ladenburg-Heddesheim informiert trotz mehrfacher Aufforderung an den Pfarrer die Redaktion des ladenburgblog/heddesheimblog nicht ĂŒber das Geschehen in der Kirchengemeinde.

Die Redaktion bedauern dies zutiefst, weil wir davon ĂŒberzeugt sind, dass die Kirchen wie alle anderen Religionsgemeinschaften eine wichtige Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Und darĂŒber wĂŒrden wir gerne kontinuierlich berichten. Das wird uns durch die Kirchengemeinde verwehrt.

Die Redaktion kann niemanden „zwingen“, zu informieren. Das will die Redaktion auch nicht. Unsere journalistischen Angebote stehen fĂŒr freiwillige, transparente und ehrliche Information.

Wir wĂŒrden gerne das Gebet des katholischen Pfarrers Heiner Gladbach in voller LĂ€nger abbilden, befĂŒrchten aber, ohne Erlaubnis dafĂŒr eventuell rechtlich belangt zu werden.

Deswegen beschrĂ€nken wir uns auf AuszĂŒge und damit unser verbrieftes Recht, zu zitieren.

Am 14. MĂ€rz 2010 hĂ€lt der katholische Pfarrer Heiner Gladbach ein Gebet ab. Dieses ist in der Ausgabe Nummer 11, vom 18. MĂ€rz 2010 im Heddesheimer „Mitteilungsblatt“ veröffentlicht und auch hier im Pfarrbrief.

Darin heißt es:

“Ich bitte dich fĂŒr die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische SchĂ€den davongetragen haben und tragen. (-۩) Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.-€

“Es ist unverstĂ€ndlich, warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln. Als Priester fĂŒhle ich mich im Moment hilflos.-€

“Und es nĂŒtzen mir nicht all die Versprechungen der lĂŒckenlosen AufklĂ€rung, und es nĂŒtzt mir erst recht nicht die Aussage: Das kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.-€

“Ich schĂ€me mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.-€

„Was mir nĂŒtzen wĂŒrde, Jesus Christus, wĂ€re die Demut der Verantwortlichen in der Kirche. Der Kniefall vor den Opfern dieser Verbrechen.“

Der Pfarrer Heiner Gladbach erinnert in seinem mit „Gebet“ ĂŒberschriebenem Text an den Papst Johannes Paul II., nennt ihn „einen alt und bucklig gewordenen Mann“, dem es „nicht mehr möglich war sich vor Gott, deinem Vater, niederzuwerfen“.

Und Pfarrer Gladbach beurteilt den Wunsch dieses Papstes nach Vergebung als eine „historisch einmalige Geste“.

Der Pfarrer betet: „Und ich bitte instĂ€ndig: Herr verzeih die schweren Fehler so vieler in deiner Kirche.“

Anmerkung der Redaktion: Wir bemĂŒhen uns darum, das Gebet in voller LĂ€nge veröffentlichen zu können, benötigen dafĂŒr aber das EinverstĂ€ndnis des Verfassers, das wir angefragt haben, das aber noch nicht vorliegt.

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das ladenburgblog

GerĂŒchte um die GrĂŒnde fĂŒr eine „außerordentliche Pfarrversammlung“

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 09. April 2010. Unter Heddesheimer Katholiken wird darĂŒber spekuliert, weshalb es heute um 20:00 Uhr eine „außerordentliche Pfarrversammlung“ geben wird. Es geht bei den GerĂŒchten um den Verbleib von Pfarrer Heiner Gladbach in Heddesheim. Kann er nicht bleiben wegen einer Erkrankung? Oder wegen einer mutigen und kritischen Predigt des Pfarrers, die er am 14. MĂ€rz 2010 gehalten hat? Oder gibt es ganz andere GrĂŒnde? Die Missbrauchsdebatte ist in Heddesheim angekommen – doch nichts Genaues weiß man nicht, wie ĂŒberall in Deutschland.

Von Hardy Prothmann

Im Info-Kasten am katholischen Pfarrhaus informiert ein Zettel ĂŒber eine „außerordentliche Pfarrversammlung“ am Freitag, den 09. April 2010 im St. Remigius-Haus, 20:00 Uhr: „Pfarrer H. Gladbach wird uns ĂŒber seine derzeitige gesundheitliche und persönliche Situation informieren“, steht dort geschrieben.

Am spĂ€ten Donnerstagnachmittag bekommt die Redaktion einen Hinweis auf die Veranstaltung. Diese scheint kurzfristig anberaumt zu sein, die Kommunikation dazu soll „Mund-zu-Mund laufen“.

Pfarrer Gladbach bei der Firmung 2009. Bild: heddesheimblog

Ein Anruf im Pfarramt bringt die Information: „Herr Gladbach ist im Urlaub. Darum hat er gebeten. Er wird morgen sprechen.“

Unser Informant hatte auf eine Erkrankung hingewiesen. Das macht uns stutzig: Wer krank ist, macht normalerweise keinen Urlaub.

Krank? Urlaub? Termin?

Nach diversen Recherchen wird klar: In Heddesheim wird darĂŒber spekuliert, was das bedeuten kann. Vor allem in der katholischen Bevölkerung, aber auch darĂŒber hinaus.

Die GerĂŒchtekĂŒche sagt: Herr Gladbach ist in Freiburg in einer Herz-Klinik. Oder: Herr Gladbach will nach GerĂŒchten ĂŒber Zusammenlegungen von Kirchengemeinden in Heddesheim nicht mehr weitermachen.

Dann sagt uns jemand, Herr Gladbach habe einen „Termin“ im Freiburger Ordinariat gehabt. Also keine „Herz-Klinik“?

Das alles sind Spekulationen, die „etwas wissen“, „nicht genau wissen“, „gehört haben“, „nicht bestĂ€tigt“ sind, „nicht zitiert werden wollen“.

Es gibt Spekulationen – aber keine Informationen.

Tatsache ist: Es gibt diese Spekulationen. Tatsache ist auch: Je weniger informiert wird, desto mehr Spekulationen gibt es – weil es keine tatsĂ€chlichen Informationen gibt.

Tatsache ist auch: Eine Erkrankung ist eine sehr persönliche Situation, die Medien zu respektieren haben und die niemanden etwas angeht, außer der erkrankten Person und allen, die ins Vertrauen gezogen werden.

SpĂ€testens hier wĂŒrde das heddesheimblog den UmstĂ€nden entsprechend eventuell weiter recherchieren, aber nicht mehr berichten – aus Respekt vor dem Privatleben.

Tatsache ist aber auch, dass die katholische Kirche in Heddesheim zu einer „außerordentlichen Pfarrversammlung“ einlĂ€dt, in der Pfarrer Gladbach ĂŒber „seine persönliche und gesundheitliche Situation“ informieren will.

Respekt. Privat. Öffentlich.

Damit wird eine zu respektierende private Angelegenheit per AnkĂŒndigung öffentlich.

Wir recherchieren also weiter, behutsam, aber beharrlich.

Ein Katholik erzĂ€hlt uns, wie er die Predigt von Pfarrer Heiner Gladbach am 14. MĂ€rz 2010 erlebt hat: „Er stand mit dem RĂŒcken zur Gemeinde und zitterte. Mein Sohn sagte mehrmals: „Du Papa, ich glaube, der Pfarrer weint jetzt gleich“. Mein Sohn war sehr aufgeregt und auch ich war sehr ergriffen. Das habe ich noch nie vorher erlebt.“

Heiner Gladbach stellt unangenehme Fragen.

Am 14. MĂ€rz 2010 sagt Pfarrer Heiner Gladbach: „Ich bitte dich fĂŒr die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische SchĂ€den davongetragen haben und tragen. (…) Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.“

Diese Worte sind offen, kritisch und ergreifend, weil ein Pfarrer den Mut hat, im gemeinsamen Gebet darĂŒber zu sprechen, was die Menschen seit Wochen nicht nur in Deutschland bewegt und verzweifelt macht.

Pfarrer Gladbach wird aber noch mutiger und deutlicher: „Es ist unverstĂ€ndlich, warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln. Als Priester fĂŒhle ich mich im Moment hilflos.“

„Ich schĂ€me mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.“ Heiner Gladbach

Was der Pfarrer in seinem Gebet sagt, ist eine Zumutung fĂŒr jeden, der an die Unfehlbarkeit der Kirche glaubt.

Und dann betet Pfarrer Gladbach etwas, dass unbedingt politisch zu verstehen ist: „Ich schĂ€me mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.“

Pfarrer Gladbach wird in seinem Gebet nicht nur politisch – er wird deutlich: „Und es nĂŒtzen mir nicht all die Versprechungen der lĂŒckenlosen AufklĂ€rung, und es nĂŒtzt mir erst recht nicht die Aussage: Das kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.“

Eine Woche nach diesem Satz Ă€ußert sich der „Chef“ von Pfarrer Gladbach, Erzbischof Robert Zollitsch, der auch Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz in Deutschland ist, im Focus: „Auch wenn immer deutlicher werde, dass „die meisten FĂ€lle außerhalb des kirchlichen Raumes“ geschĂ€hen, seien sie in der Kirche besonders schlimm.“

Und kurz darauf gibt es die Meldung: „In der Diskussion um sexuellen Missbrauch im Erzbistum Freiburg hatte Zollitsch am Samstag VorwĂŒrfe gegen seine Person zurĂŒckgewiesen. Bei einem Fall, mit dem der heutige Erzbischof 1991 als Personalreferent befasst war, sei es nie darum gegangen, etwas zu vertuschen, sagte Zollitsch am Samstag vor Journalisten in Freiburg. Die Bistumsleitung habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“

Was haben die Krankheit, der Urlaub mit Erzbischof Zollitsch zu tun?

Gladbachs „Chef“, Herr Zollitsch, steht schwer unter Beschuss. Der SĂŒdwestrundfunk (SWR) stellt in Report Mainz die Frage: „Wie glaubwĂŒrdig ist Erzbischof Zollitsch als AufklĂ€rer?“

Heute wird Pfarrer Gladbach ĂŒber seine „gesundheitliche und persönliche Situation“ informieren.

Und das ist gut so. Je umfassender Herr Gladbach informiert, umso mehr wird GerĂŒchten jeglicher Boden entzogen.