Freitag, 03. Dezember 2021

Geprothmannt: Schulpolitik muss zukunftsorientiert debattiert werden

Die Ganztagesschule muss kommen – aber sie ist trotzdem ein Problem

Rhein-Neckar, 01. Oktober 2012. (red) Alles schön und gut. Die Forderung nach einer Ganztagesschule ist richtig, aber trotzdem problematisch. Aktuell wurde im Ladenburger Gemeinderat ĂŒber die EinfĂŒhrung der Ganztagesschule an der dortigen Werkrealschule diskutiert – aber die Debatte wird auch in anderen Gemeinden unseres Einzugsgebiet laufen. Und vermutlich StĂŒckwerk bleiben. Weil immer nur kurzfristig geplant wird und niemand den Mut aufbringt, mal zehn oder sogar 20 Jahre nach vorne zu schauen. Oder auch mal zurĂŒck.

Kommentar: Hardy Prothmann

Dieser Beitrag kommt ohne Zahlen aus, weil es nicht um Erbsen zÀhlen gehen soll, sondern um einen Aufruf zu einer weitsichtigen Debatte, die leider nicht stattfindet.

Baden-WĂŒrttemberg ist unbestritten ein guter Schulstandort. Aber die Zeiten Ă€ndern sich. Mit ihnen die Menschen und die Bedingungen, unter denen sie miteiander leben. Deswegen beginne ich auch mit einem Sprung zurĂŒck.

Ich bin 1966 geboren und bin nach der vierten Klasse in Frankenthal aufs Gymnasium gegangen. Mit ein paar Freunden. Andere Freunde wechselten auf die Reals- oder Hauptschule. FĂŒr die Freundschaften war das weitgehend unbedeutend. Um 13:00 Uhr lĂ€utete es, ich war um 14:00 Uhr mit Essen und meist auch mit Hausaufgaben fertig, spĂ€testens um drei ging es raus: Kicken, Rad fahren, Schwimmen gehen, Blödsinn machen, Vereinstraining. Mit meinen Freunden und anderen Kindern. Beim Abendessen war ich oft todmĂŒde, weil ausgepowert.

Gemeinsamkeit

Mit einigen meiner Freunde bin ich unabhĂ€ngig vom Schulabschluss und der spĂ€teren beruflichen „Laufbahn“ immer noch gut befreundet. Die einen arbeiten als Handwerker, andere in Heilberufen ohne Ärzte zu sein, es gibt HĂ€ndler und Dienstleister unter ihnen. Alles feine Leute, die teils mal richtig ordentlich mehr Geld verdienen als ich. Und die oft um einiges weniger arrogant sind als die, die sich fĂŒr die Elite halten.

Überhaupt diese ganze leidige Elitendiskussion: Wenn ich einem Kumpel einen französischen Text ĂŒbersetzt habe oder die Inschriften auf alten DenkmĂ€lern lesen und verstehen konnte, wusste ich, dass ich mehr weiß als mein Hauptschulfreund. Na und? DafĂŒr konnte der flitzeflink spĂ€ter Maße und Winkel berechnen, wusste immer, wo gerade die besten Preise fĂŒr was auch immer waren. Das ergĂ€nzt sich bis heute.

Zusammen, statt getrennt

Hardy Prothmann (45) fordert mehr Weitblick bei der Schulpolitik.

Damit bin ich beim Kern der Debatte: Vor meiner Zeit wurden Jungs und MĂ€dchen getrennt. Auch zu meiner Zeit wurden wir Kinder getrennt. Gemeinsames Lernen gab es nicht. Aber wir hatten neben der Schule viel Zeit fĂŒr Gemeinschaft. Heute werden die Kinder auch getrennt, aber durch die Lebenssituation vieler Eltern brauchen sie eine lĂ€ngere Betreuung. Sicher sind auch die Anforderungen in der Schule gestiegen, also auch lĂ€nger Schule.

Ich habe zwei Kinder. Der Sohn hat gerade nach dem achtjĂ€hrigen Gymnasium Abitur gemacht, die Tochter besucht die 8. Klasse. Die kennen keine Haupt- und RealschĂŒler mehr. Nicht wegen Elitegedanken – ich achte drauf, dass sie bewusst bescheiden bleiben -, sondern weil sie keine Zeit haben. Morgens um sechs Uhr aufstehen, Schule bis um 16-17:00 Uhr. Dann noch Hausaufgaben machen, lernen, etwas Sport und etwas Musik. Damit ist der Tag rum. Ab und an treffen sich „beste Freundinnen“ und das ist natĂŒrlich jemand aus der Klasse. Andere Kinder bekommen sie ja nicht zu Gesicht.

Diese Trennung der Kinder fĂŒhrt auch irgendwann zu einer Trennung der Gesellschaft. Gymnasiasten wissen nicht wie RealschĂŒler ticken und die nicht, wie HauptschĂŒler so als Menschen sind. Falsche Elitendebatten fĂŒhren zu falschen Selbstbildern bei den „Besten“ wie bei denen, die es „halt nicht geschafft haben“. Und vor allem CDU, SPD und FDP heißen diese heillosen Debatten auch noch an. Christliche Verbundenheit, soziales Miteinander oder freies FĂŒreinander fĂ€llt diesen „politischen Eliten“ nicht mehr ein. Und umgekehrt kriegen die GrĂŒnen Pickel, wenn jemand Elite sagt, obwohl man die ganz sicher ebenso braucht wie den soliden Handwerker.

Der Schultyp der Zukunft, der auch den Gemeinsinn der Menschen stĂ€rkt und der gesellschaftlichen Situation Rechnung trĂ€gt ist die gemeinsame Ganztagsschule. Damit die nachwachsenden Generationen auch fĂ€hig sind, gemeinschaftlich zu denken. Und ĂŒbereinander Bescheid wissen. NatĂŒrlich gehört auch Inklusion dazu.

Und man muss die Sportvereine in die VerÀnderungen ebenso mit einbeziehen wie Musikschulen. Wenn die Ganztags-Werkrealschule kommt, werden die Vereine erneut Kinder und Jugendliche verlieren. Ganz einfach aus dem Grund, dass nicht alle auf ein Mal im Zeitfenster 17:00-19:00 Uhr auf demselben Platz kicken oder diesselbe Halle belegen können.

Alle mĂŒssen zusammenrĂŒcken

FrĂŒher ging man nach der Schule in den Sportverein. „Nach der Schule“ ist heute spĂ€ter Nachmittag oder frĂŒher Abend. Also mĂŒssen die Vereine in die Schulen, ebenso die Musikschulen.

Das wird ein gewaltiger Umbau – denn dafĂŒr muss vieles neu gedacht werden. Von GebĂ€uden, ĂŒber PlĂ€tze, ĂŒber Mittel bis hin zur Organisation. In vielen Gemeinden reichen die HallenkapazitĂ€ten nicht mehr aus. Nicht weil die von morgens bis abens belegt sind, sondern weil immer mehr Anspruch auf diesselben Zeitfenster erheben. Wo soll das hinfĂŒhren? Dass jeder 10.000-Einwohner Ort vier Hallen und zwei KunstrasenplĂ€tze hat?

Man muss nicht nur gesellschaftlich die Schulen neu denken, sondern auch wirtschaftlich. Denn bekanntlich fehlt es an Geld zur Unterhaltun und es wird weniger Kinder geben. Ob man sich diesen Luxus, drei Schulsysteme mit entsprechenden Verwaltungen noch wird leisten können, ist heute schon fraglich. Hinzu kommt der SchĂŒlerverkehr, denn die wenigstens laufen nach der Grundschule in eine weiterfĂŒhrende Schule.

Was die HauptschĂŒler schon mitmachen mussten, Zusammenlegungen, Werkrealschulreform, erneute Zusammenlegung, jetzt Ganztagsschule wird auch auf die anderen Schultypen zukommen. Gymnasien fĂŒhren teils wieder die 9-jĂ€hrigen ZĂŒge nach der G8-Reform ein oder bieten beide ZĂŒge an. Die Realschulen haben „Sorge“, dass ihre „HomogenitĂ€t“ durch HauptschĂŒler gestört wird, da der Wegfall der Schulempfehlung nun Kindern die Realschule erlaubt, die sonst auf der Hauptschule gelandet wĂ€ren. Und die Hauptschulen, neudeutsch Werkrealschulen, mĂŒssen bangen, ob sie ĂŒberleben können.

Man könnte das Durcheinander auch als „lebendig“ bezeichnen. TatsĂ€chlich weiß ich aus vielen GesprĂ€che mit Eltern und Kindern, dass es als chaotisch begriffen wird. Eine „neue Ordnung“ kann nicht mehr Schaden anrichten als das verkorkste Herumexperimentieren der vergangenen Jahre.

Aus der Gemeinderatssitzung vom 26. September 2012

Auf dem Weg zur Ganztagesschule

Ladenburg, 27. September 2012. (red/sap) Der Abend war lang. 13 Punkte standen auf der Tagesordnung des Ladenburger Gemeinderates und darunter so „knackige“ Themen wie Ganztagesschule, Sanierung des GebĂ€udeensembles Jugendzentrum/PflastermĂŒhle und die FörderantrĂ€ge fĂŒr die Sanierung des CBGs und den Neubau einer neuen Sporthalle. Da gab es viel Beratungs- und Diskussionsbedarf.

Ein weiteres brisantes Thema, die Verkehrslenkung in der Altstadt, wurde nach nahezu vierstĂŒndiger Sitzungsdauer auf Antrag von Stadtrat GĂŒnter BlĂ€ĂŸ vertagt.

„Das haben wir uns fast gedacht“, sagte eine Ehepaar, Anwohner der Kirchenstraße, die genau deswegen gekommen waren und nun enttĂ€uscht nach Hause gingen. Jetzt hoffen sie, dass „ihr“ Thema bei der nĂ€chsten Gemeinderatssitzung ganz vorne auf der Tagesordnung steht.

Auf dem Weg zur Ganztagesschule

„Wir wollen die Werkrealschule „Unterer Neckar“ in eine gute Zukunft fĂŒhren“, erklĂ€rte BĂŒrgermeister Ziegler. Deshalb habe eine Steuergruppe der Schule ein Konzept fĂŒr eine Ganztagesschule ausgearbeitet.

Schulleiter Thomas Schneider stellte mit UnterstĂŒtzung von Angelika Scherb im Gemeinderat diese Konzept vor. „Wir sind auf dem Weg zur Ganztagesschule“, so Schneider.

Dies ist laut Schneider auch ein erforderlicher Weg. Die Werkrealschule habe ein Imageproblem und der Standort sei gefĂ€hrdet. Mit der Ganztagesschule hoffe man, die Zwei-ZĂŒgigkeit erhalten zu können.

Laut einer Befragung wollten 70 Prozent der Eltern unbedingt eine Ganztagesschule, 22 Prozent wĂŒrden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wĂ€hlen und nur acht Prozent sĂ€hen diesen Betrieb kritisch.

Ladenburg sei gerade durch seine zentrale Lage ein starker Werkrealschulstandort, die nÀchsten gebundenen Ganztagesschule gÀbe er erst wieder in Mannheim-Schönau und in Heidelberg-Kirchheim, sagte Schneider.

Individuelle Förderung, handlungsorientiertes und soziales Lernen seien die Ziele seiner Schule. Die Schule als Lebensort, in der das pÀdagogische Angebot sinnvoll verzahnt sei.

Angelika Scherb stellten den Schulalltag der Ganztagesschule vor: Ein offener Schulanfang ab 07:30 Uhr, feste Schulzeiten von 08:00 bis 16:00 Uhr, Unterrichtsblöcke mit Pausen und ein Mittagsband von 13:10 bis 14:00 Uhr mit einem verpflichtenden Mittagessen. Am Nachmittag ein Freizeitangebot, selbstbestimmt und angeleitet. Angestrebt ist die Verzahnung von Unterricht und Freizeit.

Dazu kommen Kooperationen mit VerbĂ€nden, Vereinen und Wirtschaft und mit Ehrenamtlichen und dem Netzwerk Berufsfindung. „Wir brauchen diese Menschen, um unsere SchĂŒler zu fördern“, sagte Angelika Scherb.

Schwerpunkt Berufsförderung

Das Profil der Schule werde eindeutig den Schwerpunkt auf die Berufsförderung legen. Das gehe in die Richtung eines dualen Systems, sagte Rektor Thomas Schneider.

Die Kosten fĂŒr die erforderlichen baulichen Maßnahmen – Einrichtung einer Mensa und eines Versammlungsraums – belaufen sich auf rund 325.000 Euro inklusive Brandschutz, erklĂ€rte der StĂ€dtische GebĂ€udemanager Götz Speyerer. 70 Prozent davon sind förderfĂ€hig, 50 Prozent sind sicher. Die Mehrkosten fĂŒr Personal werden sich auf rund 8.400 Euro jĂ€hrlich belaufen.

„Wir begrĂŒĂŸen diesen Schritt zur Standortsicherung“, erklĂ€rte BĂŒrgermeister Ziegler.

„Wir waren vor Ort und uns hat das Konzept, die SchĂŒler mit der Arbeitswelt vertraut zu machen, imponiert“, sagte Dr. Meinhard Georg (CDU).

Es ist eine Investition fĂŒr und in die Zukunft,

erklĂ€rte auch Petra Erl (SPD). Durch das Ganztagsmodell habe man ein Konzept gegen den Trend gegen die Werkrealschule gefunden. „Wir kĂŒmmern uns um diese Kinder“, so Erl. Und lobte den Mut von Eltern, dieser Schulform nicht den RĂŒcken zu kehren, sondern das Geeignete fĂŒr ihre Kinder zu wollen.

Auch Gudrun Ruster (FW) bezeichnete den vorgeschlagenen Weg als richtig.

Ladenburg sei eine Schulstadt fĂŒr Kinder mit verschiedenen Begabungen. „Wir brauchen die Werkrealschule fĂŒr die Chancengleichheit“, sagte Ingrid Dreier (GLL), denn die Lebenswelten hĂ€tten sich geĂ€ndert und manche Eltern könnten ihre Kinder in der Schule nicht unterstĂŒtzen.

Als pÀdagogisch sinnvoll bezeichnete auch Dr. Rudolf Lutz (FDP) die Entwicklung zur Ganztagesschule.

Einstimmig beschloss der Gemeinderat, den Antrag zu stellen, die Werkrealschule „Unterer Neckar“ zur Ganztagesschule umzuwandeln und bei Bewilligung die notwendigen baulichen und personellen Maßnahmen vorzunehmen