Donnerstag, 30. Juni 2022

DIW: Kaufkraft sinkt – Wer wenig hatte, hat noch weniger


Kaufkraft sinkt bei kleinen Einkommen dramatisch.

Rhein-Neckar, 19. Juli 2011. (red) Die Entwicklung ist dramatisch – vor allem fĂŒr BeschĂ€ftige mit niedrigen Einkommen. In den vergangenen zehn Jahren haben sich „kleine“ Einkommen um bis zu 22 Prozent reduziert. Die Besserverdiener haben kaum verloren oder sogar leicht hinzugewonnen.

Von Hardy Prothmann

Die Zahlen des Deutschen Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin sind erschĂŒtternd. Einkommenbezieher der „unteren Mittelschicht“ sind besonders betroffen, also beispielsweise Sicherheitsleute, Frisöre, VerkĂ€ufer, Lagerarbeiter, ServicekrĂ€fte, Leiharbeiter.

Personen, die 2010 noch ein Nettoeinkommen von 835 Euro hatten, kommen jetzt gerade mal auf 705 Euro. Absolute Geringverdiener, die 2000 noch 270 Euro hatten, kommen 2010 auf nur noch 211 Euro netto.

Erst ab einem Nettoeinkommen von 1.421 Euro sinken die Verluste auf -9 bis -4 Euro. Gut verdienende Angestellte ab 3.400 Euro netto haben hingegen als einzige ein leichtes Plus von 27 Euro zu verzeichnen.

Die Statistik umfasst einen Mittelwert von 35,3 Millionen BeschĂ€ftigen in Deutschland. Das DIW hat die Daten mittels Umfrage ermittelt den Reallohn errechnet, also Nettoeinkommen abzĂŒglich Inflation.

Unterm Strich sind die Kaufkraft insgesamt deutlich – nur die Besserverdienenden kommen vergleichsweise gut weg. Die Zahlen wurden heute vom DIW in Berlin durch den Forscher Markus Grabka vorgestellt.

Laut Spiegel online ist vor allem die „Mittelschicht“ betroffen:

„Laut Grabka ist die untere Mittelschicht von der negativen Entwicklung am stĂ€rksten betroffen. „Das liegt vor allem an der wachsenden Zahl atypischer BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisse.“ Dazu zĂ€hlen neben Leiharbeit auch befristete und geringfĂŒgige Stellen sowie Teilzeitjobs, in denen die Arbeitszeit unter 20 Stunden pro Woche liegt. Die Zahl dieser Stellen stieg 2010 in Deutschland auf 7,84 Millionen. Von den 322.000 Jobs, die 2010 geschaffen wurden, waren laut Statistischem Bundesamt 182.000 Leiharbeiter-Stellen – also 57 Prozent. Die Zahl der Leiharbeiter stieg auf insgesamt 742.000 und erreichte damit einen neuen Höchstwert.“

Regionale Daten waren wegen der Umfragemethode durch das DIW auf Anfrage nicht zu erhalten.

Anmerkung der Redaktion:
Wir suchen fĂŒr einen Hintergrundartikel immer noch Aufstocker, die trotz voller Stelle auf Hartz IV angewiesen sind. Wir behandeln alle Informationen vertraulich.

Zeitungsstreik: „Finger weg vom Mantel“


Wer ist wir und bittet "um VerstĂ€ndnis"? Das ist die einzige Information heute zum Streik der Angestellten beim MM. Gehts dĂŒrftiger?

Mannheim/Rhein-Neckar, 28. Juni 2011. (red) Überall in Baden-WĂŒrttemberg streiken zur Zeit Redakteure, Drucker und Verlagsangestellte. Der Grund: Die schamlose Forderung der Verleger, TarifvertrĂ€ge nicht nur nicht zu erhöhen, sondern im Gegenteil deutliche Einkommenseinbußen zu aktzeptieren. Die Zeitungsbranche-  ist einer massiven Krise. Den Streik werden die Verleger gewinnen – wenn nicht, werden die Redaktionen umgebaut und die Verlage wĂ€hlen die Tarifflucht.

Von Hardy Prothmann

Beim „Mannheimer Morgen“ ist es der Tag der VolontĂ€re, freien Mitarbeiter und Praktikanten: Sie dĂŒrfen endlich einmal ihr Können unter Beweis stellen, wĂ€hrend 65 der 80 gestandenen Redakteure im Streiklokal sitzen und das weitere Vorgehen beraten. Vier Druckseiten dĂŒnner ist das Blatt am Freitag. Horst Roth, Chefredakteur und Mitglied der GeschĂ€ftsleitung, Ă€rgert sich ĂŒber den Ausstand: „Bei jedem Streik stehen wir in der ersten Reihe.“

So beginnt ein Bericht auf Spiegel Online am 30. Januar 2004. Über 2.000 der damals noch 14.000 Zeitungsredakteure waren damals im Ausstand. Die Forderungen der Gewerkschaften dju (Deutsche Journalisten-Union in ver.di) und DJV (Deutscher Journalistenverband) sind fast bescheiden zu nennen: Sie wollen, dass die ManteltarifvertrĂ€ge fĂŒr Redakteure, Drucker und Verlagsangestellte nicht angetastet werden. Also so eine Art Nullrunde.

20-25 Prozent weniger fordern die Verleger

Ganz anders die Verleger: Sie wollen neue tarifliche Regelungen und 20-25 Prozent weniger zahlen. Ein Redakteur steigt heute mit rund 3.200 Euro Brutto ein, nach zehn Jahren verdient er etwa 4.500 Euro brutto. Ein Beruftseinsteiger hat heutzutage typischerweise ein Studium hinter sich und eine ein bis dreijÀhrige Volontariatszeit, meist kommen ein bis zwei Jahre Praktika und freie Mitarbeit hinzu. Das bedeutet eine knapp zehnjÀhrige Ausbildung mit einem aus Verlegersicht angemessen Einstiegsgehalt von dann 2.400 Euro brutto.

2004 zitiert Spiegel online einen Redakteur der SĂŒddeutschen Zeitung:

Rainer Olbert, Nachrichtenredakteur der „SĂŒddeutschen Zeitung“, der wie 180 seiner Kollegen im SĂŒddeutschen Verlag die Arbeit niederlegte, lĂ€sst das Argument des FAZ-Betriebsrats nicht gelten: „Die Zeitungsverleger dĂŒrfen die schwierige wirtschaftliche Lage nicht dazu nutzen, einen Horrorkatalog aufzustellen.“ Hinnehmbar sei eine Lohnerhöhung, die nur die Inflation ausgleiche, inakzeptabel sei aber, Leistungen zu kĂŒrzen, sagt er.

Wie mĂŒssen die Arbeitnehmer in Verlagen heute die Lage sehen, wenn die Forderungen 2004 schon der „Horror“ waren? Als Super-Horror? Als Lohn-Gau?

Gerhard Vohs, Mannheimer ver.di-SektretĂ€r im Fachberich 8 (Medienbetrieben, Journalismus, Kulturellen Einrichtungen, Bildender und Darstellender Kunst, Literatur und Musik, Druckindustrie, Papier, Pappe und Kunststoffverarbeitenden Betrieben, Betrieben der industriellen Dienstleistung) bringt die Forderung auf den Punkt: „Finger weg vom Mantel“.

Heißt, keine KĂŒrzungen bei Urlaubsgeld – momentan erhalten Redakteure 14 MonatsgehĂ€lter bei einer 35-Stunden-Woche. „2007 und 2008 waren Spitzenjahre fĂŒr die Verlage, 2009 bis heute konnten die Zeitungen wohl nicht in gleichem Maße vom Aufschwung profitieren wie die erzeugende Industrie, aber immer noch wird gut verdient.“

Zweistellige Umsatzrenditen bei Verlagen

Wie gut, lĂ€sst sich nicht genau sagen, weil die Verlage sich nicht in die Karten schauen lassen. Mitte der Neunziger galten Umsatzrenditen von ĂŒber 20 Prozent noch fast als „normal“, mittlerweile mĂŒssen sich viele Verlag mit „nur noch“ zehn bis fĂŒnfzehn Prozent „zufrieden geben“.

Auch wenn das Produkt nicht vollwertig ist - der Abonnent zahlt trotzdem. Quelle: Impressum MM

Um die Gewinne hoch zu halten werden die Redaktionen immer mehr ausgedĂŒnnt – redaktionelle Inhalte werden mit Pressemitteilungen und Vereintexten gefĂŒllt. Freie Mitarbeiter fĂŒhlen die Zeilen fĂŒr einen Hungerlohn. Am ĂŒbelsten wird den meist freien Fotografen mitgespielt, die technisch immer auf der Höhe der Zeit sein mĂŒssen und nur noch Minimalsthonorare erhalten, wenn nicht freie Mitarbeiter ohne Fotografiekenntnisse die Bilder vor Ort gleich mitmachen.

Der dumme ist der Kunde

Laut Gerhard Vohs sind rund 80 Prozent der 80 Redakteure beim Mannheimer Morgen gestern und heute im Ausstand. Bei der Rhein-Neckar-Zeitung haben sich die Kollegen nicht angeschlossen, dort sei man „verunsichert“. Vohs sagt: „Die Stimmung ist fast ĂŒberall in Baden-WĂŒrttemberg so, dass wir vielleicht sogar eine ganze Woche in den Streik gehen könnten, das wird dann bitter, weil keine vorgefertigten Texte mehr da sind und nur noch echte Notausgaben erscheinen könnten.“

In den Zeitungen selbst wird kaum ĂŒber die Streik berichtet, die die eigene Branche betreffen.

Egal, wie die Verhandlungen ausgehen – die Abonnenten zahlen unabhĂ€ngig vom Produkt und den Inhalten den vollen Preis. Auch hier zeigen die Verleger sich knallhart. Wem das nicht gefĂ€llt, kann natĂŒrlich das Abo kĂŒndigen. Bei den Tarifverhandlungen haben dju und DJV meist klein beigegeben – zu groß ist der Druck im Arbeitsmarkt. Abo-KĂŒndigungen aber fĂŒrchten die Verleger, denn die Auflage diktiert immer noch die unverschĂ€mten Anzeigenpreise.

Ausgliedern als ultima ratio

Landauf- landab haben viele Verlage schon vorgemacht, wie sie damit umgehen, wenn die Gewerkschaften nicht spuren. Dann werden Redaktionen kurzerhand entlassen und neue GmbHs gegrĂŒndet, bei denen die Redakteure sich dann mit teil 40-prozentiger Einkommenseinbußen wieder verdingen können.

Wer nicht spurt, fliegt raus und kann sicher sein, nirgendwo anders einen Job zu erhalten – es sei denn, zu noch schlechteren Bedingungen.

Kinderbetreuung wird deutlich teurer

Guten Tag!

Ladenburg, 03. April 2010. (red) Der Gemeinderat hat Beitragserhöhungen fĂŒr die Kinderbetreuung beschlossen. Die meisten BeitrĂ€ge steigen im Durchschnitt um ĂŒber zehn Prozent, einige sogar um 20 Prozent.

Kommentar: Hardy Prothmann

Kinder- und familienfreundlich sind Preissteigerungen von bis zu 20 Prozent nicht. Die Preise steigen sowohl in der stÀdtischen KindertagesstÀtte als auch bei den kirchlichen TrÀgern.

Vor allem Alleinerziehende, die meisten davon Frauen, sind auf eine Kinderbetreuung angewiesen und werden mit zehn Prozent mehr in der Blockzeitbetreuung belastet. Das erste Kind kostet ab September 2010 nun 88 statt 80 Euro. 37 Prozent der betreuten Kinder sind Einzelkinder.

FĂŒr das zweite Kind werden am dem 01. April 2010 erst zehn Prozent mehr fĂ€llig, also 44 statt 40 Euro und ab September sind es dann mit 48 Euro genau 20 Prozent mehr, gemessen am MĂ€rz 2010.

In der Ganztagesbetreuung steigen die GebĂŒhren auch – meist um zehn Prozent und mehr.

Die Betreuung von Kindern unter drei Jahren wird ab April 2010 um 19 Prozent teurer – fĂŒr jedes Kind, dass neu betreut wird. Die GebĂŒhrenerhöhung fĂŒr Kinder, die schon in einer Betreuung sind, gilt die Erhöhung erst ab September 2010.

FĂŒr viele Eltern, die „rechnen“ mĂŒssen, wird diese GebĂŒhrenerhöhung weiter das kleine Portemonnaie belasten.

Diese GebĂŒhren wurden beschlossen. Quelle: Stadt Ladenburg

Andererseits: Die Kommunen tragen um die 10.000 Euro pro Jahr und Kind an Kosten, weil sie von Bund und Land finanziell im Stich gelassen werden.

Und: Es hĂ€tte vor allem fĂŒr Geringverdiener noch viel schlimmer kommen können. Der Gemeinderat hat sich entschlossen, dass so genannte „WĂŒrttemberger Modells“ noch nicht einzufĂŒhren.

Danach wĂŒrde die Blockzeitbetreuung bei einem Kind von 80 auf 113,75 Euro steigen. Eine einkommensschwache Familie mĂŒsste eine Steigerung von 66 Prozent oder von 100 auf 166,25 Euro verkraften, wĂ€hrend Gutverdiener nicht mehr 260 Euro, sondern ebenfalls 166,25 Euro zahlen wĂŒrden.

Das das WĂŒrttembergische Modell kommt, ist keine Frage. Die Frage ist, wie Eltern mit geringem Einkommen das verkraften sollen.

Kinder sind in Deutschland ein Armutsrisiko – daran Ă€ndert diese desolate Familienpolitik nicht, sie zementiert diese Misere.