Donnerstag, 24. Oktober 2019

Kolumne: Vorsicht Jahreshoroskop

Alice und ihre Welt – eine Kolumne von Gesina StĂ€rz

Einmal im Jahr kaufe ich mir ein Life Style Magazin. Im Dezember. Manchmal sind es auch zwei oder drei. Alle kaufe ich im Dezember. Wegen des Jahreshoroskops.

Nicht, dass ich an die Astrologie glauben wĂŒrde. Ob die Sternenkonstellationen unser Leben beeinflussen, ist nicht zu beweisen. Wie auch? Das ist so ein bisschen wie mit der Wettervorhersage oder den Prognosen fĂŒr Aktienkurse.

Anders als die Astrologie gehören die Metrologie, Betriebswirtschaft und die Zukunftsforschung zu den Wissenschaften. Aber deshalb ist der Anteil des gesicherten Wissens, das sie hervorbringen, nicht wesentlich grĂ¶ĂŸer. Insofern ist es nicht gerechtfertigt, wenn die Astrologie in einigen Kreisen belĂ€chelt wird.

Wissen, was sein wird.

"Johannes Keplers Horoskop fĂŒr Wallenstein, dem er hinzufĂŒgte: „Ich habe das Horoskop erst aufgestellt, als ich sicher war, daß meine Arbeit fĂŒr jemanden berechnet war, der die Philosophie versteht und nicht unvereinbar dem Aberglauben unterlegen ist." Quelle: Wikipedia

Wissenschaftlich hin oder her – die meisten von uns wollen dennoch wissen, wie es um ihren beruflichen Erfolg, die Finanzen, die Liebe, den Gang der Dinge hier vor Ort und vielem mehr im kommenden Jahr bestellt ist. Und so lesen Sie ihr Jahreshoroskop.

Denn immerhin enthalten Jahreshoroskope immer auch eine Tendenz zum Besseren, sei es in der Liebe, im Beruf, was Geld betrifft oder Gesundheit. So auch das Jahreshoroskop 2012. Das Jahr 2012 ist ein Merkur-Jahr und das bedeutet, so die Astrologen, ganz gleich welchem Sternzeichen Sie angehören, ein allgemeiner Aufschwung steht an.

Wir dĂŒrfen uns also freuen: Denen, den es gut ging, wird es wohl demnach noch besser gehen und denen, mit denen es das Jahr 2011 nicht so gut meinte, dĂŒrfen mit der frohen Botschaft „Es wird besser“ ins neue Jahr starten.

Was man glaubt, wird manchmal wahr.

Das ist so ein bisschen wie beim Placeboeffekt. Ärzte verabreichen vermeintlich Medikamente, die eigentlich keine sind, also keine Wirkstoffe enthalten, was allerdings der Patient nicht weiß, und dennoch geht es ihm besser.

Die Schlussfolgerung: Nicht der Wirkstoff heilt, sondern allein der Glaube, dass der Wirkstoff leistet, was er verspricht, heilt. Das ist ĂŒbrigens wissenschaftlich erwiesen.

Dies funktioniert beim Placeboeffekt nachweislich nur, solange der Patient glaubt, dass er ein richtiges Medikament einnimmt. Beim Jahreshoroskop gibt es auch so einen Hahnenfuß. Man sollte nie das Jahreshoroskop des vergangenen Jahres mit dem tatsĂ€chlichen Jahresverlauf vergleichen.

Ich habe es mal ausprobiert. Was prophezeite mir das Jahreshoroskop fĂŒr 2011? Unter meinem Sternzeichen stand geschrieben: Das beste Jahr seit langem. Viel Liebe und viel Geld.

Was soll ich sagen: Es war das schwierigste Jahr ĂŒberhaupt. Insofern dĂŒrfte die Wahrscheinlichkeit sehr hoch sein, dass das Jahreshoroskop 2012 wenigstens funktioniert – immerhin kann es nur noch besser werden.

Plagiator-Formel: Dreist, dreister, Journalist – wie Tageszeitungen tagtĂ€glich „bescheißen“


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 13. April 2011. (red) Wenn Tageszeitungen ĂŒber die PlagiatsaffĂ€ren „zu Guttenberg“ und aktuell Koch-Mehrin berichten, sollten sie allergrĂ¶ĂŸte ZurĂŒckhaltung ĂŒben. Denn gerade Zeitungsredaktionen plagieren tĂ€glich in großem Umfang. Das SchmĂŒcken mit „fremden Federn“ gehört zum TagesgeschĂ€ft. Ein Unrechtsbewusstsein darf als „nicht-vorhanden“ bewertet werden.

Von Hardy Prothmann

Dem BetrĂŒger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist zu recht die DoktorwĂŒrde aberkannt worden. Er hat schamlos und vermutlich vorsĂ€tzlich fremdes geistiges Eigentum anderer Autoren als sein eigenes ausgegeben.

Aktuell steht die FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin in der Kritik. Auch sie soll sich bei anderen „bedient“ haben. Die Plattrom „Vroniblog Wiki“ hat schon auf 32 von 207 Seiten ihrer Doktorarbeit Plagiate entdeckt. Auch Veronica Saß, Tochter von Edmund Stoiber, soll gnadenlos abgeschrieben haben. Und man kann davon ausgehen, dass weitere prominente Namen folgen werden.

Die grĂ¶ĂŸten und systematischen Plagiatoren sind die Tageszeitungen

Bei der Suche nach „skrupellosen Abkupferern“ wird ĂŒbersehen, dass tĂ€glich massenhaft Plagiate „unters Volk“ gebracht werden – durch Tageszeitungen. Denn die allermeisten Redakteure und freien Mitarbeiter haben ĂŒberhaupt keine Probleme damit, fremde Texte als ihre eigenen auszugeben.

Ein Beispiel gefĂ€llig? Heute haben die Weinheimer Nachrichten einen sehr umfangreichen Text auf Seite 11 veröffentlicht: „Wer versiegelt, der zahlt kĂŒnftig mehr.“ Es handelt sich dabei zu fast 100 Prozent um eine Pressemitteilung der Stadt Weinheim, die kostenfrei zur VerfĂŒgung gestellt worden ist. Zwar steht am Anfang des Artikels, dass die Verwaltung etwas „mitgeteilt“ hat und auch am Ende steht: „…heißt es abschließend in der Pressemitteilung.“

TagtĂ€gliches Plagiieren: Die Weinheimer Nachrichten ĂŒbernehmen mehr oder weniger 1:1 Pressemitteilungen, ohne diese korrekt als solche auszuzeichnen. Klicken Sie auf die Grafik, um den gesamten Text als PDF anzuzeigen.

Reichen diese „Hinweise“ aber aus, um klar zu erkennen, dass er komplette Text eine Pressemitteilung ist? Weder ein Durchschnittsleser noch ein Textprofi kann unmissverstĂ€ndlich erkennen, wer der wahre Urheber ist.

Kennzeichnungspflicht? Fehlanzeige!

Urheber ist in diesem Fall der Pressesprecher der Stadt Weinheim, Roland Kern – ein gelernter Journalist, der sehr fleißig und kompetent ĂŒber die AktivitĂ€ten der Stadtverwaltung und das Geschehen in der Stadt schreibt. Das ist sein Job und den macht er hervorragend.

Das kann man von der Redaktion der Weinheimer Nachrichten nicht behaupten. Nicht nur heute, sondern stĂ€ndig druckt das Blatt die Texte aus der Feder von Roland Kern oder anderen Urheber mehr oder weniger 1:1 ab. Das allein ist noch nicht „ehrenrĂŒhrig“, wohl aber das Fehlen einer korrekten Quellenangabe.

Der Pressekodex des Deutschen Presserats verlangt unmissverstÀndlich, Ziffer 1, Richtlinie 1.3:

Pressemitteilungen mĂŒssen als solche gekennzeichnet werden, wenn sie ohne Bearbeitung durch die Redaktion veröffentlicht werden.

Warum steht nicht einfach am Anfang oder Ende des Textes: „Pressemitteilung der Stadt Weinheim“? Ganz einfach, weil die Redaktion so tut, als handle es sich um einen redaktionellen Text. Denn schließlich zahlt der Abonnent nicht fĂŒr abgedruckte Pressemitteilungen, sondern fĂŒr eigene redaktionelle Inhalte. Die Art und Weise, wie die Weinheimer Nachrichten eine vermeintliche „Kennzeichnung“ vornehmen, darf eindeutig als unzureichend bezeichnet werden.

Blaue Markierungen sind Streichungen, grĂŒne EinfĂŒgungen - mit minimalsten Bearbeitungen "eignen sich Redaktionen" Texte an und veröffentlichen sie als redaktionell-journalistische Leistung.

Korrekt kennzeichnen heißt glaubwĂŒrdig sein

Auch wir veröffentlichen Pressemeldungen der Stadt Weinheim, die von Roland Kern geschrieben worden sind. Im Unterschied zu den Weinheimer Nachrichten kennzeichnen wir die Texte aber korrekt und unmissverstÀndlich und tÀuschen den Lesern nicht eine redaktionell-journalistische Leistung vor.

Im Vorspann findet sich bei uns ein KĂŒrzel „pm“ – das steht ausweislich unseres Impressums fĂŒr „Pressemitteilung“. Weiter stellen wir Übernahmen in voller LĂ€nge eine unmissverstĂ€ndliche Zusatzinformatoin voran: Entweder steht „Pressemitteilung von…“ oder „Information von…“ vor einem solchen Artikel.

Manchmal veröffentlichen wir auch Texte unter dem Namen des jeweiligen Autoren. „Von Roland Kern“, steht dann vor dem Text und am Ende des Artikels informieren wir die Leserinnen und Leser darĂŒber, wer der Autor ist. „Roland Kern ist Journalist und Pressesprecher der Stadt Weinheim“, steht dann da.

Warum wir das tun? Der erste Grund heißt Ehrlichkeit. Wir geben nicht etwas als unsere Leistung aus, was nicht unsere Leistung ist. Der zweite Grund: Durch die Nennung der Quelle wird deutlich, welche Interessen hier veröffentlicht werden. Der dritte Grund ist Anerkennung: Wir nennen selbstverstĂ€ndlich den geistigen Urheber. Der vierte Grund ist ein gesundes Misstrauen: Wir ĂŒbermitteln eine fremde Botschaft in Treu und Glauben – sollte ein Fehler oder gar eine TĂ€uschung vorliegen, ist der Urheber klar benannt.

So wie der MM-Redakteur Hans-JĂŒrgen Emmerich „arbeiten“ viele: Eine Pressemitteilung wird ein wenig umgestellt und umformuliert und schwubsdiwups wird daraus ein „Redakteursbericht“. Quelle: MM

„zg“ ist ein Vielschreiber

Die Weinheimer Nachrichten stehen mit dieser Plagiatspraxis nicht alleine da. Besonders dreist sind auch Mitarbeiter des Mannheimer Morgens. Hier werden „umformulierte“ Pressemitteilungen gerne mal als „Redakteursbericht“ veröffentlicht (siehe dazu: „Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?„)

Einer der fleißigsten „Mitarbeiter“ des Mannheimer Morgens ist ein Autor, der das KĂŒrzel „zg“ benutzt. Das sieht auf den ersten Blick aus wie ein AutorenkĂŒrzel, steht aber schlicht und ergreifend fĂŒr „zugeschickt“. Das heißt, jeder dieser „zg“-Texte ist keine redaktionell-journalistische Leistung, sondern nur eine TextĂŒbernahme. Nirgendwo weist die Zeitung darauf hin, welche Art von Urheber sich hinter „zg“ verbirgt. Andere Zeitungen verwenden andere KĂŒrzel.

Patchwork-Journalismus – Copy&Paste ist AlltagsgeschĂ€ft

Gerne werden auch „Agenturberichte“ zusammengefasst. Das heißt, der Journalist bedient sich mehrerer „Quellen“ von Agenturtexten, kopiert die Inhalte irgendwie zu einem Patchwork-Artikel zusammen und schreibt seinen eigenen Namen ĂŒber den Text. Als „ehrlich“ kann schon gelten, wer wenigstens „Mit Material von…“ ans Ende des Artikels schreibt. Welche Teile der Texte aus welchem „Material“ stammen, ob es 10 oder 90 Prozent des Inhalts sind, ist fĂŒr den Leser nicht erkennbar. HĂ€ufig wird die Nennung des „Materials“ auch gerne mal vergessen.

Und es sind alle Ressorts betroffen: Politik, Wirtschaft, Sport, Lokales, Kultur. Nicht nur Profis können Plagiate relativ leicht erkennen, wenn man auf folgendes achtet: Je weniger Quellen explizit genannt sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Text in Teilen oder komplett plagiiert wurde. So einfach ist das. Denn seriöse Journalisten achten sehr sorgfÀltig darauf, die Quellen zu benennen.

„Beispiele fĂŒr Plagiate in Wissenschaft und Medien gibt es viele“, schreiben die Soziologen der Uni Bielefeld, Sebastian Sattler und Floris van Veen, in ihrem Text „Veröffentliche oder stirb“ fĂŒr die Medienfachzeitschrift „Message“:

„Auffallend rar hingegen ist die Forschung zum Textklau im Journalismus. Das verwundert, fĂŒhrt man sich den Schaden vor Augen: Leser werden nicht authentisch und transparent informiert, aber trotzdem zur Kasse gebeten.“

Textklau ist kaum erforscht – kein Wunder

Die Forscher wundern sich, dass es kaum Forschung zu dem Thema „Textklau im Journalismus“ gibt. Das aber ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass viele Medien-Professuren eng mit Medien-VerbĂ€nden und -Verlagen verbunden sind. Wer also sollte an einem solchen Forschungsvorhaben interessiert sein? Oder anders gefragt: Wer wĂŒrde ein niederschmetterndes Ergebnis veröffentlichen? Die, die es selbst betrifft? Wohl kaum.

Die Forscher folgern, dass dies der GlaubwĂŒrdigkeit von Journalismus schadet. Umgekehrt gilt: Der Ehrliche ist der dumme. Wer dreist kopiert und abschreibt ist vermeintlich erfolgreicher, als derjenige, der sich nicht mit fremden Federn schmĂŒckt. Und da eine KrĂ€he der anderen kein Auge aushakt, wird diese Praxis des institutionalisierten Textklaus schaarenweise und vollstĂ€ndig unverschĂ€mt betrieben.

Plagiat = Raub der Seele

So werden tagtĂ€glich in Deutschland Zeitungen und andere Medien von „Journalisten“ gefĂŒllt und von Redakteuren verantwortet, die entweder nie einen Funken Berufsehre in sich hatten oder diese im Lauf der Zeit „verloren“ haben. Ganz im Gegenteil handelt es sich um Banditen, um RĂ€uber, wie sich anhand der Definition von „Plagiat“ bei Wikipedia nachlesen lĂ€sst:

Ein Plagiat (von lat. plagium, „Menschenraub“, „Raub der Seele“[1]) ist die Vorlage fremden geistigen Eigentums bzw. eines fremden Werkes als eigenes Werk oder als Teil eines eigenen Werkes. Dies kann sich auf eine wortwörtliche Übernahme, eine Bearbeitung, oder auch die Darstellung von Ideen oder Argumenten beziehen.

Anmerkung:
ZurĂŒck zur „Wissenschaft“: Die Arbeit an diesem Text wurde kurz von 15:00 Uhr begonnen. Zu diesem Zeitpunkt waren 32 mögliche Plagiatsstellen in der Arbeit von Frau Koch-Mehrin martkiert worden. Um 17:30 Uhr fanden sich bereits 37 Stellen. Und es gibt eine Meldung, dass nun auch die Staatsanwaltschaft Heidelberg in der Sache ermittelt.😉

Bischofshof heißt zukĂŒnftig Dr.-Berndmark-Heukemes-Anlage

Guten Tag!

Ladenburg, 24. November 2010. Der Gemeinderat hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, dass der „Bischofshof“ zukĂŒnftig „Dr.-Berndmark-Heukemes-Anlage“ heißen soll. Dr. Berndmark Heukemes war EhrenbĂŒrger der Stadt Ladenburg.

Von Christian MĂŒhlbauer

Als Museumsleiter und Stadtbildpfleger von Ladenburg, prĂ€gte er das Bild Ladenburgs ĂŒber einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren: „Ihm ist es zu verdanken, dass die ĂŒberregionale Bedeutung der Stadt Ladenburg im Bezug auf die historischen Wurzeln fest verankert ist“, heißt es in der Sitzungsvorlage. Vor allem aus Sicht der archĂ€ologischen Forschung und Wissenschaft fand seine Arbeit eine hohe Anerkennung.

Im Januar 2009 verstarb Dr. Berndmark Heukemes (*1924). Als bei der Gemeinderatssitzung am 16. Dezember 2009 beschlossen wurde, den Waldpark nach dem verstorbenen AltbĂŒrgermeister Reinhold Schulz zu benennen, wurde außerdem die Benennung eines Platzes nach Dr. Heukemes beschlossen.

Bei der heutigen Abstimmung stimmten die Gemeinderatsmitglieder einstimmig fĂŒr den Beschlussvorschlag. Demnach wird das Areal „Bischofshof“ zukĂŒnftig „Dr.-Berndmark-Heukemes-Anlage“ heißen. Das dazugehörige Lobdengau-Museum wird davon nicht erfasst.

Das eingezeichnete Areal trĂ€gt zukĂŒnftig den neuen Namen

In diesem Jahr hat die Stadt Ladenburg den ArchĂ€ologiepreis des Landes Baden-WĂŒrttemberg erhalten – die Grundlagen dafĂŒr legte Dr. Heukemes, dessen Einsatz auch zur GrĂŒndung des Lobdengau-Museums fĂŒhrte.

Anmerkung der Redaktion:

Christian MĂŒhlbauer absolviert ein redaktionelles Praktikum bei uns in der Zeit vom 22. November – 10. Dezember 2010. Herr MĂŒhlbauer studiert an der Fachhochschule Ansbach „Ressortjournalismus.“

VerkehrszĂ€hlung als „Chaos“-Forschung: Blöde Haltung

Guten Tag!

Rhein-Neckar/Heidelberg, 19. Oktober 2010. Die kilometerlangen Staus heute Morgen sollen der „Allgemeinheit“ dienen und seien „unumgĂ€nglich“ haben unsere Nachfragen bei Ämtern und Polizei ergeben. Ist das so? Sind die Staus „unumgĂ€nglich“? ErhĂ€lt man nur durch das programmierte Chaos „vernĂŒnftige Daten“? Zweifel an der Methode sind angebracht.

Kommentar: Hardy Prothmann

Auf der B 37 und B 3 stand wie an so vielen Tagen der Verkehr. Erfahrene Berufspendler versuchen ihr Verhalten anzupassen, um nicht in den allmorgendlichen Stau zu fahren. Man fĂ€hrt andere Wege und passt seine Zeiten an – oftmals reicht es aber nicht, frĂŒher oder spĂ€ter zu fahren, man muss einfach mehr Zeit einkalkulieren.

Klar ist: Die zentrale Zufahrt nach Heidelberg von der A 5 aus ist ein Nadelöhr, die Autobahn und die Bundesstraße sind zu „Stoßzeiten“ immer belastet. Eine Verkehrsbefragung soll helfen, das Fahrverhalten der Menschen zu messen und zu verstehen, um daraus SchlĂŒsse zu ziehen und Maßnahmen einzuleiten, die der „Allgemeinheit“ dienen. Das ist begrĂŒĂŸenswert.

Die Haltung und die Argumentation hinter dieser Befragung sind aber selbst Ă€ußerst „fragwĂŒrdig“. Man wolle „unerfĂ€lschte“ Daten heißt es bei den verantwortlichen Ämtern. Das sei zwar bitter fĂŒr die Verkehrsteilnehmer, aber „hinnehmbar“, schließlich befrage man ja nur stichprobenhaft. FĂŒr die Statistik sei es „unerlĂ€sslich“, möglichst „reale“ Situationen zu messen.

Und hier wird es „unscharf“. Denn die statistische Erhebung sorgt selbst fĂŒr eine nicht realistische Situation. Klar, Stau ist oft, fast immer. Aber am heutigen Tag hĂ€tte es vielleicht „laufen“ können – durch die kĂŒnstliche Verengung aber war der Stau „kĂŒnstlich“ vorprogrammiert.

Das wird auch Einfluss auf die Daten haben: Sagen die Befragten tatsĂ€chlich das, was man von ihnen will oder erzĂ€hlen sie aus Wut ĂŒber die „Misshandlung“ irgendwas? Auch das muss eine ordentliche statistische Erhebung einkalkulieren. Und je grĂ¶ĂŸer die Datenbasis, umso besser das Ergebnis. Konkret heißt das: Es mĂŒsste an möglichst vielen unterschiedlichen Tagen zu unterschiedlichen Zeiten gemessen werden. Auch besondere AnlĂ€sse wie Feste, SchlussverkĂ€ufe und alle anderen denkbaren Situationen mĂŒssten gemessen werden, um ein möglichst zutreffendes Ergebnis zu erhalten.

TatsĂ€chlich wurde die Befragung aber aufgrund des selbst geschaffenen Chaos abgebrochen und soll vielleicht heute, vielleicht die nĂ€chsten Tage fortgesetzt werden. Und dann? Erhalten die Forscher dann wirklich „valide Daten“? Ist es notwendig, die Autofahrer unvorbereitet ins Chaos zu schicken, um eine möglichst „realistische“ Verkehrssituation zu haben?

Es kann heutzutage mit diesen Methoden kein unverfĂ€lschtes Ergebnis mehr geben. Innerhalb kĂŒrzester Zeit werden die Verkehrsteilnehmer informiert, ĂŒbers Radio oder Mobiltelefone. Sofort werden tausende von individuellen Entscheidungen getroffen: Fahre ich vielleicht besser so oder so? Breche ich meine Fahrt ab und gehe irgendwo noch was einkaufen und fahre spĂ€ter in die Stadt? FĂŒge ich mich meinem Schicksal?

Angeblich sei diese Meßmethode die „einzig denkbare“. Das sollten die Verkehrsplaner nochmals ĂŒberdenken.

Ganz sicher: Eine umfassende Information der Bevölkerung im Vorfeld einer Befragung wĂŒrde einige Leute dazu bringen, sich auf die Situation einzustellen und ihr Verkehrsverhalten zu verĂ€ndern. Ein Versuch wĂ€re es wert, an die Vernunft und die Teilnahme von allen zu appellieren: „Leute, es wird eine Belastung geben, stellt euch drauf ein und wer kann, fĂ€hrt frĂŒher oder spĂ€ter, sagt uns das aber bitte.“ Auch diese Angaben ließen sich statistisch verwerten und „hochrechnen“.

Die BĂŒrgerInnen hĂ€tten dadurch die Möglichkeit, sich selbst mit einzubringen. Es wĂ€re ein Zeichen, dass man ihnen auch etwas zutraut. Man wĂŒrde sie „mitnehmen“. Beim angeblich „einzig denkbaren“ Weg, den man heute genommen hat, zeigen Ämter und Forscher einfach nur Arroganz und eine Gewissheit: Sie halten uns alle fĂŒr blöd.

Nur blöd, dass dadurch wieder einmal der Unmut wĂ€chst: Über diese blöde Haltung. Denn wer einerseits argumentiert, es gĂ€be keine andere Lösung ein „unverfĂ€lschtes“ Ergebnis zu erhalten und andererseits zugibt, dass man weiß, dass die Menschen sich durch Hörfunk und Mobiltelefone anders verhalten, als wĂŒssten sie nichts von der Maßnahme und man diese Erkenntnis wiederum „herausrechnen“ kann, der muss ich fragen lassen, ob man ein kalkuliertes Anpassungsverhalten durch eine ordentliche Information nicht auch „einrechnen“ könnte.

Geplatzte Termine, entgangene UmsĂ€tze, Frust und Ärger und Chaos, die von der Straße in die Arbeitsstellen mitgenommen werden, ja die werden in dieser Statistik ganz sicher nicht mit „einkalkuliert“, sondern provoziert.