Montag, 20. November 2017

Gr√ľne rufen zur freiwilligen Abgabe von Waffen auf

Rhein-Neckar, 12. M√§rz 2014. (red/pm) Der Mord in Birkenau ist noch kein Jahr her. Gut ein Jahr ist der Doppelmord von Eberbach her. In Dossenheim gab es im vergangenen Sommer drei Tote bei einer Schie√üerei. Damit sich Bluttaten, wie auch der Amoklauf in Winnenden nicht wiederholen, rufen die Landtagsabgeordneten Hans-Ulrich Sckerl und Charlotte Schneidewind-Hartnagel (B√ľndnis 90/Die Gr√ľnen) zur freiwilligen Abgabe von Waffen auf. [Weiterlesen…]

Landtagsabgeordneter Uli Sckerl kritisiert Waffenbesitz und -gesetze

Doppelmord in Eberbach: „Das sind zwei Tote zuviel“

Rhein-Neckar/Eberbach, 08. Januar 2013. (red/pro) Der gr√ľne Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Sckerl zeigt sich wie alle Menschen tief betroffen vom Doppelmord in Eberbach, bei dem ein Lehrer und Stadtrat sowie seine Ehefrau, eine Kinder√§rztin am vergangenen Freitag erschossen im Wohnhaus aufgefunden worden sind. Der innenpolitische Sprecher der Fraktion B√ľndnis90/Die Gr√ľnen im Stuttgarter Landtag √§u√üert sich im Exklusiv-Interview angesichts der Bluttat kritisch gegen√ľber dem deutschen Waffenrecht und dem Besitz von Waffen.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Sckerl, zwei Menschen sind kaltbl√ľtig im beschaulichen Eberbach umgebracht worden. Die beschauliche Stadt im Odenwald trauert um die Eheleute, zwei engagierte, beliebte und friedliche Mitb√ľrger, die, wie nun feststeht, bereits in der Nacht zum 2. Januar gezielt vom Ex-Freund der Frau erschossen worden sind. Der zweij√§hrige Enkel √ľberlebte vermutlich nur durch Zufall. Wie haben Sie das aufgenommen?

Der Jurist Hans-Ulrich Sckerl ist Landtagsabgeordneter f√ľr den Wahlkreis 39 Weinheim und innenpolitischer Sprecher von B√ľndnis90/Die Gr√ľnen. Er fordert seit Jahren mehr Kontrollen und ein sch√§rferes Waffengesetz. Fot0: privat

Hans-Ulrich Sckerl: Mit Entsetzen wie wohl alle Menschen im Land. Das ist einfach furchtbar. Ich hoffe vor allem f√ľr die Tochter, das Enkelkind und die gesamte Familie, dass sie dieses traumatische Erlebnis irgendwie verarbeiten k√∂nnen.

Sie haben bereits vor drei Jahren in einem Interview mit unserer Redaktion eine verst√§rkte Waffenkontrolle gefordert – jetzt sind die Gr√ľnen an der Macht. Wann kommen die st√§rkeren Kontrollen?

Sckerl: Die sind bereits auf den Weg gebracht, aber es muss noch besser werden. Das Innenministerium hat seit 2011 die Kontrolldichte erhöht und es gibt vermehrt unangemeldete Kontrollen, ob Waffen legal besessen werden und sachgerecht aufbewahrt werden. Aber die unteren Waffenbehörden sind personell zu schwach besetzt und die Kontrollen sind nur ein Teil der Lösung auf dem Weg zu weniger Waffen. Noch wichtiger wäre, das Waffengesetz zu verschärfen. Doch das ist nicht Länder- sondern Bundessache.

„Waffen sollten √ľberhaupt nicht privat aufbewahrt werden d√ľrfen“

Was sollte da geändert werden?

Sckerl: Grunds√§tzlich sind wir gegen den privaten Besitz gro√ükalibriger Waffen. In jedem Fall muss die Aufbewahrung bei allen privaten Waffen neu geregelt werden. Mir w√§re am liebsten, dass Waffen √ľberhaupt nicht privat aufbewahrt werden d√ľrfen, aber das ist sehr schwierig umzusetzen. Auf jeden Fall aber sollten Waffen und Munition getrennt aufbewahrt werden, damit der unmittelbare Zugang deutlich erschwert wird.

Was ist daran schwierig?

Sckerl: Ein Beispiel sind J√§ger, das habe ich lernen m√ľssen. Wenn die einem verletzten Unfalltier den Gnadenschuss geben, h√§ufig nachts, irgendwo im Wald, brauchen die eine Waffe und Munition daf√ľr. Bei einem Sportsch√ľtzen kann ich aber keinen einzigen Grund erkennen, warum Waffen und Munition nicht getrennt aufbewahrt werden sollten.

Das wird die Sportsch√ľtzen nicht freuen.

Sckerl: Ich habe √ľberhaupt nichts gegen Sportsch√ľtzen und will auch nicht, dass sie diesen Sport nicht mehr betreiben k√∂nnen. Aber es gibt zu viele F√§lle, bei denen Menschen durch Waffen von Sportsch√ľtzen umgekommen sind, Erfurt und Winnenden sind besonders dramatische Beispiele.

Die Menschen in Eberbach waren fassungslos. Zun√§chst wusste niemand, warum der Lehrer und die Kinder√§rztin sterben mussten. Die Ermittlungsbeh√∂rden fanden heraus, dass der Exfreund der √Ąrztin vermutlich aus verzweifelten Motiven handelte. Als Sportsch√ľtze hatte er gro√ükalibrige Waffen, die auch das Milit√§r benutzt. Mit einer Pistole erschoss der ge√ľbte Sch√ľtze das Ehepaar kaltbl√ľtig. Beide traf er ins Herz, bei der Frau setzte er einen Nachschuss in den Kopf an.

 

„Hier steht Gesch√§ft gegen ein Recht auf Sicherheit der B√ľrger.“

Warum verschärft die Bundesregierung das Waffengesetz Ihrer Meinung nach nicht?

Sckerl: Da ist eine m√§chtige Lobby am Werk, der es um’s Gesch√§ft geht. Mit Waffen l√§sst sich eben nicht nur in Amerika viel Geld verdienen ‚Äď letztlich auf Kosten der Sicherheit der Bev√∂lkerung. Die Menschen haben ein Recht auf Sicherheit und das wird durch das aktuelle Waffengesetz, eine vielerorts zu lasche Handhabung und durch viele Vollzugsdefizite verletzt.

Was können Sie unternehmen?

Sckerl: Mit dem Innenminister herrscht Einigkeit dar√ľber, dass wir eine Bundesratsinitiative zur Eind√§mmung des privaten Waffenbesitzes einbringen wollen. Aber daf√ľr brauchen wir Verb√ľndete, damit das zum Tragen kommt. Das ist harte √úberzeugungsarbeit gefragt, damit wir an den aktuellen Zust√§nden was √§ndern k√∂nnen.

Was sollte ein neues Waffengesetz regeln?

Sckerl: Wie gesagt, halte ich eine Trennung von Waffen und Munition f√ľr wichtig. Wie man das regelt, muss halt verhandelt werden. Weiter w√ľnsche ich mir eine regelm√§√üigere und strengere Eignungspr√ľfung, ob der Betreffende zum Waffenbesitz auch f√§hig ist. Da viele Menschen zahlreiche Waffen und hohe Mengen an Munition zu Hause lagern, muss der Bedarf sehr kritisch auf den Pr√ľfstand. Bei jemandem, der nicht ernsthaft und pflichtbewusst seinem Sport nachgeht, muss angeordnet werden k√∂nnen, dass er die Waffen abzugeben hat.

„Der Doppemord zeigt alarmierend, dass hier Handlungsbedarf besteht.“

Der Doppelm√∂rder von Eberbach ist 2004 Mitglied in einem Sch√ľtzenverein geworden und ist regelm√§√üig zum Schie√ütraining gegangen.

Sckerl: Das zeigt, dass auch die psychologische Verfassung eines Menschen einen einmal erteilten legalen Waffenbesitz sehr problematisch machen kann. Hier wird zu untersuchen sein, welche √úberpr√ľfungen des Waffenbesitzes es seit 2004 gab, ob eine √úberpr√ľfung der Eignung stattgefunden hat. Im aktuellen Eberbacher Fall war der T√§ter wohl in einer psychisch sehr labilen Verfassung. Gleichzeitig war er ein trainierter Leistungssch√ľtze. So jemand darf aber gar keine Waffe besitzen.

Der Sportsch√ľtze verwendete f√ľr seinen Doppelmord ein deutsches Fabrikat, eine SIG Sauer 9 Millimeter. Die Pistole ist selbstladend und wird vor allem vom Milit√§r eingesetzt. Abbildung √§hnlich. Quelle: Wikipedia, Rama, CC BY-SA 2.0 FR

Er hatte sieben Waffen und eintausend Schuss Munition sowie Jagd- und Kampfmesser.

Sckerl: Das zeigt doch in alarmierendem Umfang, dass hier dringend Handlungsbedarf besteht. Wenn jemand so viele Waffen und diese riesige Menge Munition besitzt, dann hat das nach meiner Erfahrung nur noch wenig mit ‚Äěharmlosem Sport‚Äú, aber viel mit einem Waffennarr zu tun.

Der Täter hatte eine weitere Waffe und weitere Munition bei sich. Hätte es noch schlimmer können, wenn beispielsweise eine Polizeistreife ihn angehalten hätte?

Sckerl: Dar√ľber mag ich √ľberhaupt nicht spekulieren. Fest steht, zwei Menschen sind umgebracht worden. Die Familien trauern wie auch die gesamte Eberbacher B√ľrgerschaft um den Verlust dieser ehrbaren Menschen, die in ihrer Heimatstadt √§u√üerst beliebt waren. Angesichts dieser f√ľrchterlichen Trag√∂die will ich mich weiter daf√ľr einsetzen, dass die Menschen ihr Recht auf Sicherheit bekommen. Das Recht auf Waffen geh√∂rt nicht dazu.

Geprothmannt: Weg mit den Waffen!

Kinder sind immer Opfer – nicht nur in Newtown

Rhein-Neckar, 17. Dezember 2012. (red/pro) Das Massaker von Newtown/Connecticut hat weltweit Entsetzen ausgel√∂st. Jeder mitf√ľhlende Mensch nimmt Anteil und verabscheut diese Bluttat. Nach dem ersten Schock ist aber k√ľhler Verstand gefragt, um dieses Drama und andere einzuordnen. Denn Newtown kann √ľberall sein und ist es auch.

Von Hardy Prothmann

26 Tote – davon zwanzig Kinder. Wie das St√§dtchen Newtown (25.000 Einwohner) dieses furchtbare Massaker verkraften kann, fragen sich √ľberall auf der Welt die Menschen, nat√ľrlich auch hier bei uns vor Ort. Der amerikanische Pr√§sident versuchte vor Ort Trost zu Spenden – doch was n√ľtzt das? Die Medien berichten „neu“-gierig √ľber alles, was man vermeintlich √ľber den T√§ter an Informationen finden kann. Berichten, hoffentlich einf√ľhlsam und sorgsam, √ľber die Familien und Freunde, √ľber deren Trauer und Schmerz. Anders als bei Spiegel Online, die √ľber ein Asperger-Syndrom des M√∂rders im Zusammenhang mit der Bluttat spekulierten. Weil sich Autisten zu Recht gegen diese Darstellung gewehrt hatten, erg√§nzte Spiegel-Online den Text.

Doch der Fokus ist mit dem Blick auf Newtown zu eng gew√§hlt. Ein bis zwei Dutzend Massaker finden j√§hrlich in den Vereinigten Staaten statt. Das Massaker von Newtown war schon das 20. in diesem Jahr. Rund 30.000 Menschen werden hier Jahr f√ľr Jahr durch den Einsatz von Schusswaffen get√∂tet: Davon sind 18.000 Selbstmorde und 12.000 Menschen werden Opfer von anderen, die – warum auch immer – mit meist gro√ükalibrigen Waffen auf andere Menschen schie√üen:

Auch Deutschland hat schon sechs „School-Shootings“ erlebt, darunter zwei besonders entsetzliche.¬† 2002 in Erfurt: Der 19-j√§hrige Robert Steinh√§user t√∂tete 17 Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Der 17-j√§hrige Tim Kretschmer t√∂tete 2009 in Winnenden insgesamt 15 Menschen, verletzte elf weitere Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Beide hatten √ľber ihr pers√∂nliches Umfeld Zugang zu Waffen. Ob nun berechtigt oder nicht, spielt keine Rolle. Waffen waren teil ihrer Erfahrungswelt. Und beide konnten mit Waffen umgehen. (Uns bleibt hoffentlich eine Debatte √ľber vermeintlich verantwortliche „Killerspiele“ erspart: „Der M√∂rder, die Journalisten und ihre √Ėffentlichkeit„.)

Jung, männlich, verwirrt Рmit Waffe tödlich

Beim Amoklauf von Ansbach 2009 wurden zwei Sch√ľlerinnen schwer, sowie sieben Sch√ľler/innen und eine Lehrerin leicht verletzt. Der 18-j√§hrige T√§ter hatte „nur“ ein Beil, zwei Messer und Molotowcocktails. Nicht auszudenken, wieviele Todesopfer es durch den Einsatz von Schusswaffen m√∂glicherweise gegeben h√§tte.

Fast alle Schulmassaker werden von jungen M√§nnern ver√ľbt. H√§ufig erf√§hrt man etwas √ľber „psychologische Probleme“ der T√§ter. Die These, dass die Zahl der Massaker und die Zahl der Toten weniger mit einem „Lattenschuss“ als dem Zugang zu t√∂dlichen Schusswaffen zu tun hat, ist angesichts der F√§lle nicht von der Hand zu weisen.

Der Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Sckerl forderte Anfang 2010 vollkommen zu Recht eine Versch√§rfung des Waffenrechts. Newtown mag manchen weit weg vorkommen: Erfurt ist von uns aus nur etwas mehr als 300 Kilometer entfernt, Winnenden nur noch 125 Kilometer. Und die Bedrohungslage ist bei uns Vort ganz real: In Mannheim gab es zwei Amok-Drohungen an Schulen, in Schriesheim eine. 2009 legte ein Mann aus Viernheim Bomben in Weinheim und verminte seine Wohnung. Er verf√ľgte √ľber ein be√§ngstigendes Waffenarsenal.

So bitter das klingt: √úberall in Deutschland ist es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem √§hnlichen Drama kommen kann. Zwischen April 2002 und September 2009 gab es sechs Amokl√§ufe an Schulen. Dass seit drei Jahren „nichts“ passiert ist, darf man nicht glauben. Es passiert st√§ndig in den K√∂pfen von verwirrten jungen Menschen – ohne t√∂dliche Waffen bleiben „Rachegel√ľste“ aber nur Gedanken und verschwinden irgendwann hoffentlich wieder.

Kinder sind immer Opfer – egal in welchem Kriegsgebiet

Amerika wird von vielen immer noch als vorbildliches Land gesehen. Das ist es nicht. Dieses Land lebt im Dauerausnahmezustand – im Krieg mit sich selbst. Bis an den Hals bewaffnet. Mindestens 250 Millionen Waffen sollen dort in Privatbesitz sein – darunter viele Kriegswaffen. 30.000 zivile Opfer durch Schusswaffengebrauch – das ist eine Zahl von Toten, die in vielen „realen“ Kriegsgebieten nicht erreicht wird.

Nach Angaben von Unicef starben in den vergangengen zehn Jahren zwei Millionen Kinder in den Krisengebieten dieser Welt, in Afrika, Asien, S√ľdamerika und den Randregionen Europas: Ob durch Schusswaffen oder durch Bomben. Sechs Millionen weitere wurden k√∂rperlich verletzt. Die seelischen Sch√§den kann niemand z√§hlen. Davon erf√§hrt man nur selten.

Ohne das Leid der Familien in Newtown zu missachten: Kinder und deren Familien, die in der dritten Welt Opfer von Waffengewalt werden, haben meist keinen Zugang zu einer medizinischen Versorgung, erhalten keine psychologische Betreuung und in aller Regel auch keine Anteilnahme in der Welt, denn meistens erfährt man nichts davon.

Anmerkung der Redaktion: Im aktuell erschienenen R√ľstungsexportbericht der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) vom 10.12.2012 ist nachzulesen: „Kleine und leichte Waffen sowie Munition gingen erneut an Staaten im Nahen und Mittleren Osten sowie an L√§nder in Asien. Insgesamt gingen 8.158 Kleinwaffen an Drittstaaten. Wichtigste Abnehmer waren Saudi-Arabien (4.213 Sturmgewehre), Indonesien (242 Maschinenpistolen, 102 Sturmgewehre) und der Kosovo (900 Sturmgewehre). Gleichzeitig wurden 6.051 leichte Waffen aus Deutschland exportiert. Der Gro√üteil dieser Waffen ging an Singapur (r√ľcksto√üfreie Waffen). Die GKKE fordert die Bundesregierung dazu auf, den Export von kleinen und leichten Waffen sowie dazugeh√∂riger Munition deutlich restriktiver zu handhaben. Angesichts der Zahlen aus dem Berichtszeitraum 2011 verwundert der Vermerk, dass die Bundesregierung auch in Zukunft Kleinwaffenexporte in Entwicklungsl√§nder besonders restriktiv handhaben werde.“