Mittwoch, 22. November 2017

Gabis Kolumne

Skateboard nein, Angeln ja?

AltersbeschrĂ€nkung fĂŒr Skateboard-Fahrer? Foto: Wikipedia / Jonni Mader.

Rhein-Neckar, 03. Dezember 2012. Dieser Tage brach ein „Shitstorm“ ĂŒber einen Brigitte-Artikel los. Eine Autorin hatte gewagt, zu erklĂ€ren, dass Skateboard-fahrende MĂ€nner jenseits der 25 ein No-Go seien. Und die Leserschaft im Netz war empört. Gabi hat sich so ihre Gedanken gemacht.

Was war passiert? Hatte die Autorin zu spitz formuliert, gar die MĂ€nnerwelt angegriffen? Ich habe den – kurzen – Artikel gelesen und bin ins GrĂŒbeln gekommen.

Wenn man jenseits von 25 nicht mehr Skateboard fahren darf, wie ist das mit Zumba, muss ich das jetzt auch sein lassen?

Im Freundeskreis haben wir neulich diskutiert, dass Frauen mit geflochtenen Zöpfen nicht Ă€lter als 20 und MĂ€nner mit langen Haaren nicht Ă€lter als 40 Jahre sein dĂŒrfen. Und danach?

Die Altersgrenzen haben sich verschoben, gehen Sie mal auf einen Spielplatz, die grauhaarigen Herren, die im Sand buddeln sind jetzt die VĂ€ter und nicht die Opas. WĂ€hrend die Blondine, die im Mini-Rock ein Kind vom Kindergarten abholt durchaus die Großmutter sein kann.

Ist das nun falsch? Wird uns nicht von der Werbung suggeriert, wir können alles, auch noch im hohen Alter?

Marathon-laufende MĂ€nner jenseits der 70 sind keine Seltenheit, noch mal Durchstarten mit 50 ist angesagt und an der Kleidung kann man schon lange nicht mehr das Alter erkennen.

Vor kurzem ist mir aufgefallen, dass die Haare meiner Freundinnen immer kĂŒrzer werden, sind wir also ab einem bestimmten Alter zum Einheitslook verdammt?

„Brigitte: Das Skateboardmagazin fĂŒr die Selbstbewuste Frau“. Quelle: www.wuv.de

In welche Richtung entwickelt sich unsere Gesllschaft? MĂŒssen wir ewig auf jung geblieben machen oder dĂŒrfen wir uns ab 50 nur noch in gedeckten Tönen kleiden?

In vielen Kommentaren war zu lesen, dass es sich dabei um einen Generationen ĂŒbergreifenden Sport handelt, also nach dem Motto „wenn der Vater mit dem Sohne“. Ist Angeln und Wandern okay und skaten nicht?

In meiner Jugend war es duchaus ĂŒblich, dass die VĂ€ter mit ihren Söhnen zum Angeln gegangen sind, das war ein verbindendes Element, auch wenn es dem Sohn vielleicht gar keinen Spaß gemacht hat, entsprach es der romantischen Vorstellung von MĂ€nnern in der Natur.

Und es sind vielleicht genau diese MĂ€nner, die nun heute lieber Skateboard fahren wollen? Das ist meiner Meinung nach vollkommen legitim.

Von mir aus können MĂ€nner auch noch mit 50 skaten und MĂ€dels jenseits der 40 rosa TĂŒtĂŒ und Zöpfe tragen, da sollte unsere Gesellschaft tolerant genug sein. Aber lasst doch der Autorin ihre Meinung, denn auch das gehört zur Toleranz.

gabi

„Niedriges Bildungsniveau“ bei Schlecker-Kunden? Unternehmensbrief sorgt fĂŒr Ärger und UnverstĂ€ndnis


Der neue Slogan "For you. Vor Ort." soll "niedrigere und mittlere Bildungsniveaus" ansprechen. Dazu zÀhlt Schlecker 95 Prozent seiner Kunden, so Unternehmensprecher Florian Baum in einer ersten Reaktion auf Kritik am denglischen (deutsch-englischen) Werbespruch. Foto: soso

Guten Tag!

Rhein-Neckar, 29. Oktober 2011. Ein bislang nicht bekannter Briefschreiber beschwert sich bei Schlecker ĂŒber den neuen Werbe-Slogan „For you. Vor Ort“. Der Unternehmenssprecher Florian Baum antwortet auf diesen Brief und sorgt mit seiner Antwort fĂŒr das, was man gut und gerne einen Kommunikationsgau nennen kann. Danach haben die meisten Schlecker-Kunden ein „niedriges bis mittleres Bildungsniveau“. Das Unternehmen versucht sich nun in Schadensbegrenzung.

Von Hardy Prothmann

Bekannt wurde der Brief durch die Fachzeitschrift „Deutsche Sprachwelt“, die das Schreiben zugespielt bekommen und veröffentlicht hatte. Daraufhin entwickelte sich im Internet ein „Shitstorm“ – eine wĂŒtende Kettenreaktion mit Kritik am Unternehmen. (Hier Reaktionen auf Twitter.)

Wie man die Antwort von Schlecker-Sprecher Florian Baum zu werten hat, bleibt jedem selbst ĂŒberlassen. Sehr viele Kundinnen und Kunden haben sich aber mehr als geĂ€rgert.

In einer Antwort auf eine Kritik am neuen Werbe-Slogan „For you. Vor Ort“ schreibt Baum, dass er persönlich die Kritik verstehen kann. Immerhin ist er „Geisteswissenschaftler“ und fĂŒhlt sich dem „Sprachgebrauch der Latinitas verpflichtet“ – sprich, persönlich wĂŒrde er so einen Slogan nicht verwenden.

Aus Unternehmenssicht aber schon. Und dafĂŒr liefert er eine BegrĂŒndung, die wenig schmeichelhaft fĂŒr die Kundinnen und Kunden ist:

„Das Motto sollte die durchschnittlichen Schlecker-Kunden, die niederen bis mittleren Bildungsniveaus zuzuordnen sind, ansprechen.“

Und weiter:

„Die Zielgruppe unseres Werbeslogans sind auch nicht die vielleicht 5 Prozent der Bevölkerung, zu denen Sie und Ihre Mitunterzeichner gehören (nĂ€mlich promovierte Akademiker, Philologen und andere reflektierte Sprachverwender) – sondern die ĂŒbrigen 95 Prozent.“

Wie soll man das verstehen? Dass die „ĂŒbrigen 95 Prozent“ nicht reflektiert mit der Sprache umgehen? Oder das Schlecker die 5 Prozent gar nicht im Blick hat und auch nicht als Kunden gewinnen will, weil denen der „denglische“ Werbeslogan zu blöd ist?

Die Financial Times Deutschland schrieb: „Schlecker hĂ€lt die eigenen Kunden fĂŒr blöd.“ Ein Schluss, den wohl viele aus dem arroganten Schreiben des Unternehmenssprechers Baum Ă€hnlich gezogen haben dĂŒrften. Das Handelsblatt formuliert: „Schlecker nennt Kunden ungebildet.“

Das dachten viele nach dem Brief von Schlecker, der fĂŒr viel Empörung gesorgt hat.

Anstatt sich klar zu entschuldigen und Druck aus der Debatte herauszunehmen, legt Schlecker auf seinem Unternehmens-Blog nach kritischen Presseberichten und Protesten aus der Bevölkerung nach:

„Und ja, wir stehen zu diesem Motto, wie wir auch zu einer unserer wichtigsten Zielgruppen stehen: Menschen mit einfachem bis mittlerem Bildungsniveau.“

Vollkommen unverstĂ€ndlich, wie ich meine. Denn Schlecker verknĂŒpft das „Bildungsniveau“-Thema ohne Not mit den eigenen Kundinnen und Kunden. Und lĂ€sst auf den ersten Fehler den zweiten folgen. Und selbst ein richtiger Ansatz, um aus dem Desaster rauszukommen, wird wieder mit der VerknĂŒpfung „Bildungsniveau-Dummheit“ verwendet:

„Wer will, mag unser Unternehmensmotto diskutieren, gut finden oder fĂŒr dĂŒmmlich halten. Unsere Mitarbeiter, die zum ĂŒberwiegenden Teil schon seit 15 und mehr Jahren im Unternehmen arbeiten, wie auch unsere Kunden sind es ganz sicher nicht.“

Die andauerende VerknĂŒpfung von Bildungsniveau und Dummheit in bezug auf die eigenen Kundinnen und Kunden ist das Problem dieser Kommunikationspanne, durch die viele unterstellen, Schlecker habe keine besonders gute Meinung von der eigenen Klientel.

Eine positive Formulierung dieser Art hÀtte Schlecker und der Klientel sicher mehr gedient:

„Wie achten und schĂ€tzen unsere Kundinnen und Kunden als gute Menschen. Wer bei uns einkauft, ist schlau – denn wir bieten gute Ware zu gĂŒnstigen Preisen. For you. Vor Ort.“

Das ist aber der „Unternehmenskommunikation“ und dem „Geisteswissenschaftler“ Florian Baum nicht eingefallen. Was man auch indirekt als Beweis anfĂŒhren könnte, dass eine akademische Bildung und eine Zugehörigkeit zur „Latinitas“ nicht unbedingt vor Dummheit schĂŒtzt.

Diese Aussage sorgte fĂŒr jede Menge VerĂ€rgerung.

Vielleicht sollte sich Schlecker zuallererst einen neuen Unternehmenssprecher suchen, der die Kundenansprache besser beherrscht.

Wer den Brief nachlesen möchte, findet ihn beim Facebook-Account von „Deutsche Sprachwelt.“

Weitere Infos:

Siehe auch einen Bericht des Mediendienstes „meedia“ zum Thema.

Werben und Verkaufen

Scilogs: For you – verbohrt

Stelllungnahme von Schlecker