Montag, 20. November 2017

Gabis Kolumne

Ein PlĂ€doyer fĂŒr das Buch – aus Papier

Ebooks mögen praktisch sein – machen sich aber nicht gut im Bücherregal, meint Gabi.

 

Rhein-Neckar, 22. Oktober 2012. Gabi möchte keine E-Books und keinen E-Book-Reader. Auch wenn die Vorteile überzeugend klingen, möchte sie sich das Buch nicht aus der Hand nehmen lassen, denn sie hat so ihre Gründe.

Ich gebe zu, dass ich mich manchmal gegen Neuerungen wehre, vor allem solche technischer Natur. Als mein Mann schon längst eine Digitalkamera hatte, habe ich noch brav Filme eingelegt und zum Entwickeln gebracht.

Ich gehörte nicht zu den ersten Handybesitzern und habe erst seit knapp einem Jahr ein Smartphone.

Habe ich mich zu den technischen Veränderungen – freiwillig oder auch liebevoll gezwungen – dann schließlich durchgerungen, nutze ich die Möglichkeiten begeistert. Und kann mir eine Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.

Was mir aber nicht und NIEMALS ins Haus kommt, ist ein E-Book-Reader! Und dafür habe ich meine Gründe.

Fünf einleuchtende Vorteile und …

Gerade jetzt in der Zeit rund um die Buchmesse werden überall dessen Vorteile angepriesen.

Und sie scheinen auf den ersten Blick auch einleuchtend:

Vorteil 1: Endlose Lesestoffmengen, wenn man in den Urlaub fährt oder täglich mit dem Zug unterwegs ist. Das bedeutet, die Gefahr von Übergebäck beim Fliegen wird minimiert. Doch dann lass ich doch lieber ein paar Schuhe zu Hause und steck noch zwei Bücher in den Koffer.

Aber: Und wenn wir schon von Urlaub sprechen, wo lesen Sie Ihre Bücher? Also ich lese sie am Strand oder am Pool und da ist es bekanntlich sandig und feucht. Sand zwischen den Seiten oder auch ein Sonnenmilchfleck auf dem Umschlag stören mich nicht, da bekommt ein Buch Patina. Ein E-Book sieht das wohl anders.

Und apropos Sonne, es darf kein LED-Bildschirm sein, sonst sieht man bei Sonnenschein grad mal gar nix, das habe zumindest dieser Tage im Radio gehört.

Vorteil 2: Kein Mensch bekommt mit, was man liest.

Vor allem „heiße“ Literatur wie „Shades of Grey“ (meine Kolumne dazu ging wie geschnitten Brot und war zwei Wochen lang jeden Tag der bestgelesenste Artikel 😀 ) sollen erst durch das E-Book erfolgreich geworden sein, da keiner sieht, was man liest, weder beim Kauf an der Kasse noch am Strand oder im Café – eine Portion Erotik quasi inkognito.

Aber: Doch auch dieses Argument verpufft bei mir, da ich keine Scheu habe, erotische Literatur zu kaufen und zu lesen – vor allen Augen.

Vorteil 3: E-Books sind günstiger, vor allem, wenn sie nicht mehr ganz aktuell sind. Viele Downloads gibt es auch kostenlos, darunter große Klassiker der Weltliteratur.

Aber genau die möchte ich nun mal im Regal stehen haben. Auch weils schön aussieht.

Vorteil 4: Man kann die Schriftgröße ändern und braucht demzufolge keine Lesebrille. Zugegeben, dieses Argument muss ich anerkennen. Ab einem bestimmten Alter schlägt die Weitsichtigkeit unweigerlich zu.

Aber da ich von Natur aus kurzsichtig bin, kann das noch eine Zeit dauern.

Vorteil 5: Die „Seiten“ eines E-Books vergilben nicht.

Das hat mich noch nie gestört. Denn schließlich sieht man auch uns das Alter an.

Was ich eindeutig anerkenne, ist der Vorteil der E-Books im Bereich der Sekundärliteratur. Das macht Sinn. Doch überzeugen konnte mich die Liste der Vorteile letztlich nicht, zumal mir auch eine ganz Reihe von Nachteilen einfallen:

… und vier überzeugende Nachteile

Nachteil 1: Ich lese gerne in der Badewanne – stundenlang. Wird mein Buch feucht, dann bekommt es Wellen, mehr passiert nicht. Und ich lese gerne abends im Bett. Kuschel mich mit Decke und Buch ein und finde das sehr gemütlich – ein elektronisches Gerät würde da nur stören.

Nachteil 2: Bin ich zum Beispiel mit dem Zug unterwegs und gerade an der spannendsten Stelle oder kurz vorm Ende geht mein Akku leer – gelitten, mehr lässt sich dazu nicht sagen.

Nachteil 3: Die Haptik und Ästhetik. Ich liebe es Bücher anzufassen, die Seiten umzublättern und mit den Fingern das Papier zu erspüren. Ich sehe gerne meinen Lesefortschritten anhand der wachsenden Seitenzahlen. Ich liebe Buchumschläge und Klappentexte und ich ordne gerne meine Bücher im Regal.

Nachteil 4: Ich verbringe gerne Zeit in Buchläden und Bibliotheken. Ich stöbere, blättere und lese an – und manchmal – psst – auch die letzte Seite. Der E-Book-Store im Internet ist dafür eindeutig kein Ersatz.

Bücher erzählen vom Leben

Bücher erzählen Geschichten, nicht nur in den Seiten, sondern auch durch die Seiten. Ich habe Romane – vor allem Liebesromane, da steht der Name meiner Großmutter drin. Und ich kann mir vorstellen, wie mein Großmutter an einer bestimmten Stelle geseufzt hat. Ich habe an meine Kinder Reclamhefte weiter gegeben, die ich schon von meinen Eltern „geerbt“ habe, in denen in Schönschrift der Mädchenname meiner Mutter geschrieben ist oder in denen mein Vater, die wichtigen Stellen unterstrichen hat.

Ich habe Bücher, da markieren Rotweinflecken die durchlesene Nacht und der Sand, der aus den Seiten rieselt, erinnert an einen vergangenen Urlaub. „In den alten Bilderbüchern meiner Tochter finde ich manchmal Krekskrümel oder Schokoladenflecken“, sagte mir kürzlich eine Freundin und wurde ganz melancholisch und ich weiß, was sie meint. Bücher erzählen vom Leben, auch vom eigenen.

Manche Bücher liest man mehrmals, das hinterlässt Spuren, nimmt man sie wieder in die Hand, kann man sich auf Spurensuche begeben. Probieren Sie das mal mit einem E-Book!

gabi

Gabis Kolumne

Shades of Grey: Schund oder heiße Erotikliteratur?

Rhein-Neckar, 10. September 2012. Ferienzeit ist auch immer Lesezeit und an einem Buch kam man in diesem Sommer wohl kaum vorbei: „Geheimes Verlangen“ oder „Shades of Grey“ fĂŒhrt seit Wochen die Bestsellerlisten in den USA und in Großbritannien an und auch bei uns liegt der „Softporno“ auf Platz Eins und direkt an den Kassen in den BuchlĂ€den. Einen Ă€hnlichen Siegeszug konnte man bei „Harry Potter“ und zuletzt bei der Twilightsaga um Bella und den Vampir Edward beobachten – doch das waren JugendbĂŒcher und bewegten sich in dem Raum der Fantasy. Gabi hat den Roman gelesen und sich darĂŒber so ihre Gedanken gemacht.

Anfang des Sommers hörte ich zum ersten Mal von „Shades of Grey“, ein „Softporno mit Sadomaso-Sex“, raunte mir eine Bekannte zu und kurz darauf ließ es sich kaum ein Medium nehmen, vom Spiegel bis zu allen Frauenzeitschriften, Kommentare zu der schlĂŒpfrigen Verkaufssensation abzugeben.

Klar, dass wir im Freundeskreis darĂŒber diskutiert haben. „Absolut heiß“, sagte eine Freundin, „ich kann kaum abwarten, weiter zu lesen“. „Der absolute Schund“, sagte eine andere. „Eine Sprache wie aus einem Dreigroschen-Roman und fĂŒrchterliche Sex-Szenen“, fuhr sie fort.

Okay, dachte ich mir, dieses Buch sollte ich mir auch zu GemĂŒte fĂŒhren. Und ich hab’s gelesen.

Ich gebe beiden Recht, die rund 600 Seiten sind schrecklich schlecht geschrieben und besonders gern verwendet die Autorin „Wow, dachte ich“, doch dazwischen fand ich es ziemlich heiß und romantisch.

Was ist das Geheimnis, was ist neu an dem „Softporno“ der Schottin E. L. James?

Als absoluter Twilight-Fan hat sie zunĂ€chst die Vampir-Love-Story um Bella und Edward auf ihren Seiten im Internet weiter gesponnen. Und fĂŒhrte die blutleeren Gestalten aus ihrer nahezu körperlosen Liebe zum heißen Sex – so Ă€hnlich muss man es sich zumindest vorstellen, will man der Story um die biedere Hausfrau im BlĂŒmchenkleid, die im wirklichen Leben Erika Leonard heißt, Glauben schenken. Die Geschichten wurden immer schĂ€rfer und sie beschloss ein Buch herauszubringen und ein kleiner australischer Verlag erkannte wohl die Gunst der Stunde.

Die Story ist einfach Man meets Girl. Er steinreich, atemberaubend attraktiv, geheimnisvoll, mit schrecklicher Kindheit und nicht wirklich zu haben. Sie jung, hĂŒbsch, naiv und Jungfrau und möchte ihn haben und ihn retten. Sie trĂ€umt den Traum aller MĂ€dchen (und Frauen) von dem einen, wahren Prinzen.

Und es ist eine Geschichte von Unterwerfung, Sex, Macht, Schmerz, und von einem System aus Bestrafung und Belohnung.

„Skandalös“, sagte eine Bekannte, nach all der Emanzipation wollen sich Frauen plötzlich wieder unterwerfen? Aber vielleicht haben wir einfach auch genug davon, in allen Lebenslagen zu sagen, wo es lang geht, im Job, in der Familie, und vielleicht haben wir keine Lust mehr auf Kuschelsex, wo der Mann gezeigt bekommt muss, auf welches Knöpfchen er drĂŒcken soll.

Und es ist keine Geschichte der Unterwerfung, denn schließlich sagt die Frau, wo es lang geht, letztlich verstĂ¶ĂŸt sie gegen alle seine Vorstellungen und er liebt sie um so mehr.

E. M. Jamie hat vorgesorgt und es nicht bei einem Buch belassen. Nach „Geheimes Verlangen“ folgte jetzt im September der zweite Teil „GefĂ€hrliche Liebe“. Und da hat die Protagonistin ihren Kerl, wo sie ihn haben wollte, anstelle von Sadomaso-Spielchen und dunkler Kammer, Bettgekuschel und BlĂŒmchensex.

„Aber den haben wir doch alle, wollen wir davon wirklich lesen“, fragte mich eine Freundin, die obwohl schon vom ersten Teil nicht wirklich ĂŒberzeugt, gleich mal den zweiten Teil gekauft und gelesen hat.

Was wir wollen …

Was wollt ihr denn nun, fragte mich mein Mann, als wir ĂŒber das Buch diskutierten. Was wir wollen ist doch ganz einfach, der Mann soll sagen, wo es lang geht, aber dabei soll er unsere WĂŒnsche erraten. Und das, wenn möglich in allen Lagen des Lebens, bei der Familienplanung, der Urlaubsgestaltung, bei Geburtstagsgeschenken und natĂŒrlich auch im Bett.

Und da, wenn man sich die Verkaufszahlen von allein 40 Millionen Exemplaren anschaut, darf es ruhig auch etwas hĂ€rter und fantasievoller sein – zumindest bis die Frau „Stopp“ sagt. Selbst Alice Schwarzer hat sich schon zu „Shades of Grey“ geĂ€ußert. Die Feministin Alice Schwarzer fordert einen unverkrampften Umgang mit dem umstrittenen Sadomaso-Buch. Es sei das Gegenteil von Pornografie, heißt es im Tagesspiegel.

Die Frau werde nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibe denkendes und handelndes Subjekt. Die junge Protagonistin des Romans lasse sich zwar ein StĂŒck weit auf die Welt ihres dominanten Geliebten ein, ziehe dann aber die Reißleine. „Warum sollte das ein RĂŒckschlag fĂŒr die Emanzipation sein?“, fragte Schwarzer. „Eine Frau schreibt ĂŒber mĂ€nnlichen Sadismus – denn der ist das eigentliche Thema! – und ĂŒber ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert.“

Die Heldin unterwerfe sich dem Mann letztlich eben nicht. „Und genau das macht wohl die Faszination fĂŒr die Millionen Leserinnen aus: das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können“, erklĂ€rte die Feministin den Erfolg des Romans.

Verkaufserfolg durch E-Books?

Angeblich, so mutmaßt die Autorin selbst, sei der sensationelle Erfolg – wahrscheinlich vor allem im oft prĂŒden Amerika – durch die E-Books ermöglicht worden. So könne man im Verborgenen selbst in der U-Bahn die erotischen Szenen lesen.

„Aber ich verstehe dennoch nicht, was macht den Erfolg dieses Romans aus. Die Sprache ist schlecht, die Story eher banal und erotische Literatur gab es ja schon immer, denkt bloß an Lady Chatterley, Fanny Hill oder Boccaccios Decamerone“, sagt eine meiner Freundin und schĂŒttelt den Kopf ĂŒber die 40 Millionen verkaufte BĂŒcher. „Ich glaube die Leserinnen von Shades of Grey lesen normalerweise Rosamunde Pilcher und da steht höchstens „sie schaute ihn errötend mit leidenschaftlichem Blick an und er schloss die SchlafzimmertĂŒr“.

Ist es das, wollen Millionen von Frauen wissen, wie es hinter der TĂŒr weitergeht? TrĂ€umen Millionen von Frauen von Fesselspielen oder auch einfach nur von dem Kick und dem Mann, der das Leben besonders macht? Ich habe inzwischen begonnen den zweiten Teil zu lesen und ich muss meiner Freundin Recht geben, die Sprache ist noch schlechter – aber das mag man verzeihen – und die erste erotische Begegnung von Ana und Christian in „GefĂ€hrliche Liebe“ ließ mich nicht erröten.

Doch warten wir es ab und schließlich erscheint im November Teil drei, der mit dem Titel „Befreite Lust“ noch mal große Erwartungen weckt und zudem ist das Marketing-Team um die schottische Hausfrau E. L. James schon fleißig dabei, die passende ErotikwĂ€sche auf den Markt zu bringen.

Kleiner Nachtrag: Ich bin inzwischen bei Seite 400 angelangt und es ist sehr romantisch und auch heiß.

gabi