Donnerstag, 26. April 2018

Die erste Woche – der Weg zum Nichtraucher ist steinig und schwer …


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 29. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂĽr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂĽhlt. Sie schreibt ĂĽbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂĽbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂĽcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂĽrden sie dabei zu ĂĽberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂĽr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂĽcken“. Die erste Woche – als Fast-Nichtraucher.

Von Marietta Herzberger

Nur dieses eine Mal ...

Haben auch Sie Angst, aufzuhören? Das Rauchen sein zu lassen und sich keine mehr anzustecken? Finden Sie tausend verschiedene Gründe, weiter zu rauchen? Willkommen im Club der Meister der Selbstlüge.

Ein Beispiel, wie sehr sich der Mensch selbst und mit wachsender Begeisterung in die Tasche lĂĽgen kann, ist Karla.

Sie ist eine entfernte Verwandte von mir und schon seit ich sie kenne mal mehr, mal weniger übergewichtig und Raucherin. Sie erzählte mir, dass sie irgendwann mal aufgehört und spontan fünf Kilo zugenommen hatte. Dann fing sie wieder an, um nicht weiter Gewicht aufzubauen. Damals fragte ich sie, ob sie die fünf Kilo wieder abgenommen hätte. Nein, hätte sie nicht. Aber zugenommen habe sie seitdem auch nicht mehr. Deswegen würde sie ja rauchen, um essen zu können.

Sie raucht also, um essen zu können? Um ruhig zu bleiben. Um sich zu konzentrieren. Um-€¦

Wir Menschen sind Meister, wenn es darum geht, uns selbst in die Tasche zu lĂĽgen.

Diese Ängste waren immer mein Hemmschuh auf den halbherzigen Wegen zum Nichtrauchen. Ängste, die mich Dinge glauben ließen wie: Ich genieße es. Ich rauche gerne. Es beruhigt mich-€¦

Diese Ängste sind auch heute noch stellenweise bei mir und dicke befreundet mit Zoppo, meinem Rauchelf, der alles versucht, mich wieder an die Giftstängel zu fesseln.

Nur dieses eine Mal …

Sie flüstern mir dann Dinge in mein offenes Ohr wie: “Komm. Wenn du jetzt keine rauchst, dann isst du diesen Schokoriegel. Denke dran: Wenn du diesen Schokoriegel isst, dann wirst du zunehmen! Das ist echter Hunger. Kein Hunger auf Nikotin. Vertreibe ihn, den echten Hunger. Komm, nur ein paar Züge. Du kannst es doch jederzeit wieder lassen. Nur dieses eine Mal.“

Vor einigen Tagen hastete ich durch Termine verschiedenster Art, meine Tochter bekam spontan schulfrei, mein Hund musste zum Tierarzt, mein Auto ging nicht mehr an, es regnete in Strömen, der Akku meines Notebooks gab den Geist auf und meine Kaffeedose war leer. Mein Mann war beruflich unabkömmlich und die Großeltern meines Kindes in Urlaub. Und was tat ich?

Ich lief auf Notstrom. Was tat ich in solchen Situationen sonst noch? Richtig. Runterkommen. Sammeln. Fokussieren. Erst mal Pause machen. Sprich: Eine rauchen. Und ich tat es. Bis zur Hälfte. Dann ging es mir besser. Blöd, war aber so. Warum ging es mir dann besser? Keine Ahnung. Wahrscheinlich das Grundbedürfnis, etwas Vertrautes als Trösterchen zu nutzen, wenn alles um einen herum augenscheinlich im Chaos versinkt. Leider hielt dieses Gefühl: „Mir geht es jetzt besser“ nur so lange an, bis ich die Zigarette ausgedrückt hatte. Dann ärgerte ich mich über mich selbst.

Ich ärgerte mich so sehr, dass ich am Abend auf einem Konzert dem Caipirinha dankbar zusprach und dazu rauchte. So war es gut, so war es schon immer und morgen würde ich das wieder lassen. Der Selbstbetrug ging so weit, dass ich den Abend richtig genoss.

Tröste mich Zigarette, ich hatte einen Scheißtag!

Der fahle Geschmack am nächsten Morgen war ekelhaft. Das Gefühl, versagt zu haben, noch schlimmer. Das Wissen, dass ich diesen Rückschritt niederschreiben sollte, machte meine Laune nicht wirklich besser.

Was habe ich nun davon?
Entzugstechnisch befinde ich mich wahrscheinlich wieder auf Tag Eins. Auf alle Fälle fühlt es sich so an.

Und ich nehme mir vor: Bis auf weiteres werde ich bei Festivitäten eher dem Wasser als dem Alkohol zusprechen.

Der Weg zum Nichtraucher ist steinig und mit vielen persönlichen und ganz individuellen Steinen gepflastert. Manchmal ist man zu müde und die Beine zu lahm, um sie noch über die Steine zu heben. Dann latscht man einfach drauf oder stolpert, statt anzuhalten, kurz Luft zu holen, um Kraft zu sammeln und dann das Bein zu heben. Gehen Sie zurück auf „Los“!

Zurück auf „Los“? Eigentlich nicht. Ich mache dort weiter, wo ich vor dem „Rauch-Ausrutscher“ war. Beim Nichtrauchen.

Im August werde ich in Urlaub gehen und mein Tagebuch nur für mich schreiben. Es wird seit sehr langer Zeit ein rauchfreier Urlaub werden. Darauf freue ich mich. Ich freue mich darauf, ganz entspannt am Flughafen auf den Flug zu warten. Ich werde nicht überlegen müssen, wo ich im Flughafen rauchen kann. Nicht panisch werden müssen, weil ich im Flieger keine rauchen kann. Ich werde die Reise einfach genießen können. Darauf freue ich mich. Ich werde ab Mitte September wieder berichten. Schonungslos ehrlich.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂĽber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang schrieb sie täglich, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Jetzt geht sie erst mal in Urlaub und wir sind schon gespannt, was sie uns danach berichten wird.

Tag Vier: Hammerhart – heute war Zappo kurz vor dem Sieg


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 18. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂĽr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂĽhlt. Sie schreibt ĂĽbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂĽbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂĽcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂĽrden sie dabei zu ĂĽberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂĽr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂĽcken“. Tag Vier – „Ersatzfressen gibt es nicht mit mir“, sagt Marietta – oder doch?

Von Marietta Herzberger

Nichts wie raus! Das einzige was hilft gegen die Schmacht.

Was ein Tag! Solche Tage braucht kein Mensch. Schon gar nicht einer, der gerade Nichtraucher werden möchte. An und in allen Ecken lauerte Zappo und grinste hämisch, schürte meine Rauchlust, schürte mein Verlangen nach diesen Drecksröhrchen. Warum erst heute, warum nicht gestern oder am ersten Tag? Weil Zappo nicht doof ist und man sich selbst an schlechten Tagen nur bis zu einem gewissen Grad selbst überlisten kann. Kommen ungünstige Faktoren zusammen, knallt es eben.

Tausendmal passiert nichts an der roten Ampel, welche man schon oft ĂĽbersehen hat. Bis eines Tages von rechts ein anderes Auto im ungĂĽnstigsten Moment den Weg kreuzt, den du auch gerade nimmst. Den kurz nach der roten Ampel.

Nun, heute ist mein Weg mit roten Ampeln gepflastert, von ĂĽberall her tauchen sich auf mich zu bewegende Hindernisse auf und vom vielen Ausweichen bin ich ganz hibbelig.

Das ist nicht gut. Zumal die eigene Brut genau spĂĽrt, wenn Mama gerade eben mal nicht gut drauf ist. Das wird gnadenlos ausgereizt.

Natürlich habe ich Tochter und Mann grundlos und übertrieben angekläfft. Den Hund jagte ich in den Garten, weil er gerade da lag, wo ich gehen wollte. Und überhaupt, warum zieht der Nachbar die Rollläden so laut hoch, dass man denkt, nebenan entgleist gerade ein ICE?

Ich bin gereizt! Aber auf dem richtigen Weg.

Also ab in die Sportschuhe, laufen gehen. Eine Stunde und zwanzig Minuten.

Da hatte es mich wieder, mein ersehntes Erfolgserlebnis. Das Laufen fiel mir leichter. Wieder konnte ich etwas länger laufen. Wieder spürte ich die frische, saubere Luft. Das spornt an und macht Mut und beweist: Ich bin auf dem richtigen Weg.

Zu allem Ăśberfluss jedoch wurden wir kurzfristig eingeladen. Am Nachmittag. Zu netten Leuten. Kleines Kuchenbuffet im Garten, Kaffee, Sekt, Bowle, Bier, achtzig Prozent Raucher.

Also saßen wir im Garten. Ich nahm mir ein Stück Streuselkuchen und streuselte gedankenverloren daran herum. Langsam wollte ich ihn genießen. Sehr langsam. Ungefähr so langsam, wie die Zeitspanne, in der wir dort waren. Streuselchen für Streuselchen wurde das Stückchen weniger. Ganz langsam. Ich bin ja nicht bescheuert. Ersatzfressen. Nicht mit mir!

Den ganzen Nachmittag würde ich an diesem Brösel rumstreuseln. Eine halbe Stunde später lud ich mir Linzer Torte auf und trank vier Tassen Kaffee dazu. Irgendwann gaben die Raucher es auf, auf mich zu warten bis ich mit dem Essen fertig war. Genüsslich rauchten sie, entspannt zogen sie den Rauch tief in ihre Lungen und pusteten ihn langsam, sehr langsam wieder aus. Steckte sich einer eine Zigarette an, machten die anderen mit. Kumpelhaftes Kollektivquarzen. Toll!

Der Versuch, die Raucher erhaben zu beobachten, wie sie sich langsam aber sicher in den Tod qualmten, sich in vollem Bewusstsein das Blut verdickten und die Lungenbläschen einräucherten, scheiterte kläglich. Nichts erschien mir in diesem Moment so erstrebenswert, wie mit diesen netten Leuten zusammen einige nette Zigaretten zu rauchen. Ich fiel über den Nusskuchen her. Die letzten beiden Stücke der Schwarzwälder gehörten mir!

„Ich muss gehen. Sofort.“

Nichtrauchen fühlt sich an wie Hunger. Und nein, ich habe es nicht verwechselt. Ich habe mit Absicht Kuchen bis zum Overload in mich reingestopft. Wenn ich esse, rauche ich nicht. Dann fing es an zu regnen. Wir saßen unter einem Sonnenschirm, der den Regen nur in Teilen abhielt. Langsam, aber sicher wurden wir nass. Das Kuchenbuffet war geplündert. Die Hausherrin erschien mit etwas herrlich Duftendem. Blätterteig mit Schinken gefüllt, mit Käse gefüllt, mit Zwiebeln und Sourcreme, mit -€¦.“Schatz“, hauchte ich kurz vor der Ohnmacht, „ich muss gehen. Sofort.“ Wir gingen. Sofort.

Heute war also kein guter Tag. Ständig quälte mich die Schmacht. Mehrmals war ich kurz davor, mir Zigaretten zu besorgen, mein Kind an die Wand zu nageln, meinen Mann zum Teufel zu jagen, den Hund auszusetzen und mich einfach nur mit einer Stange Zigaretten und drei Litern Kaffee gepflegt zurück zu ziehen, um mir die Birne voll zu quarzen.

Es ist jetzt 20 Uhr am Abend. Ich habe nichts davon getan. Mein Augenstern malt ein nettes Bild für mich, mein geliebter Mann brütet über der Steuererklärung, der Hund schläft selig und ich schreibe. Danach werde ich schlafen gehen. Sehr früh.

Denn: Heute war Zoppo kurz vor seinem Sieg. Aber den Erfolg gönne ich ihm nicht. Nachts sind alle Katzen grau und alle Zoppos harmlos.

Zu guter Letzt: Der Tag hatte etwas Gutes:

– Sportliche Bewegung fĂĽhlt sich leichter an!
– Heute hohe Fettverbrennung durch lange Sporteinheit!
– Längere Sporteinheiten seit dem Nichtrauchen kein Problem. Klasse!
– Ich kann tiefer einatmen! Auch bei 10 Std/km. Das ist ein tolles GefĂĽhl!

In diesem Sinne

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂĽber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang vermutlich täglich, so hat sie sich das vorgenommen, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Die Texte sind einen Tag „versetzt“, weil sie ja erst am Ende des Tages schreiben kann, was sie in ihrem neuen rauchfreien Leben erlebt hat.

Tag Drei – „und ich bin noch immer dabei!“


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 13. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂĽr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂĽhlt. Sie schreibt ĂĽbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂĽbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂĽcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂĽrden sie dabei zu ĂĽberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂĽr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂĽcken“. Tag Drei – der Kaffee schmeckt auch ohne Zigarette.

Von Marietta Herzberger

Heute bin ich sehr mĂĽde. Ich glaube, mein Stoffwechsel kapiert gerade, dass er nicht mehr auf Hochtouren laufen muss und schläft sich erst einmal so richtig aus. Allerdings habe ich ihm heute auch einiges abverlangt – nicht nur in den letzten dreiĂźig Jahren.

Tag Drei - "Und ich bin immer noch dabei!"

Zweieinhalb Stunden Sport im AC-Weinheim. Crosstrainer, Radergometer und Gerätetraining. In dieser Zeit verspürte ich nicht den Hauch von Verlangen, meine Lungen mit Rauch zu füllen. Aber eines musste ich feststellen: Mein Handtuch, das ich als Unterlage auf den Geräten nutze oder zum Abwischen des Stirnschweißes, damit mir die Soße nicht in die Augen läuft, roch nicht nach altem Rauch. Es roch NICHT nach RAUCH! Sonst roch es immer danach. Klingt ziemlich eklig, war aber so. Raucherschweiß stinkt nach Rauch. Und nun roch es ganz normal nach nassem Handtuch. Sogar den Geruch des Waschmittels konnte ich wahrnehmen. Keine Spur von altrauchigem Schweiß.

Ich darf gut riechen!

Das war fĂĽr mich sehr motivierend. Denn: Ich muss nicht mehr stinken – ich darf jetzt gut riechen!

Und noch eine Erfahrung. Eine wichtige Erfahrung. Liebe Noch-Raucher: Es ist möglich, den Kaffee auch ohne Zigarette zu genießen. Ich habe das heute mehrfach getan. Insbesondere heute morgen auf der Terrasse. Der Kaffee schmeckte und ich habe den Rauch nicht vermisst. So, wie ich als Raucher das Gefühl mochte, wenn der Rauch die Lungen füllte, so mag ich jetzt das Gefühl, wenn ich an der Kaffeetasse nippe und der warme Kaffee langsam die Kehle hinunter rinnt.

Es ist lediglich eine Fehlkonditionierung, deren Verbindung recht schnell gekappt werden kann.

Meine jahrelange Fehlkonditionierung war: Ich rauche gerne. Auch und vor allem, weil die Zigarette zum Kaffee besonders gut schmeckt. Kaffee und Zigarette gehören zusammen.

Doch Fakt ist: Ich trinke Kaffee zur Zigarette, weil der Kaffee den ScheiĂźgeschmack der Zigarette ĂĽbertĂĽncht. Wenn ich das kapiert habe, dann schmeckt der Kaffee so ganz allein fĂĽr sich hervorragend.

Dennoch – es ist Tag Drei. Nicht Tag Dreihundert. Ich habe die Schmacht immer noch. Immer mal wieder. Aber nur fĂĽr kurze Zeit. Heute Nachmittag war ich kurz davor, mir eine Schachtel zu besorgen. Nur EINE rauchen, nur EINMAL ziehen! Ich suchte verzweifelt irgendwelche GrĂĽnde, um mich von meiner Familie mal kurz zu verabschieden, um mir Zigaretten zu kaufen. Lediglich der Zeitdruck – wir mussten zu einem gemeinsamen Termin – hielt mich davon ab, es tatsächlich zu tun. Ernsthaft. Was mir vorkam, wie eine Ewigkeit, dauerte tatsächlich nur rund 5 Minuten, also eine Zigarettenlänge. Dann war es ĂĽberstanden.

Die Zigarette ist mein „Blauer Elefant“. Versuchen Sie, nicht an einen „Blauen Elefanten“ zu denken.

Alles klar?

Bis dann …

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂĽber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang vermutlich täglich, so hat sie sich das vorgenommen, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Die Texte sind einen Tag „versetzt“, weil sie ja erst am Ende des Tages schreiben kann, was sie in ihrem neuen rauchfreien Leben erlebt hat.

24 Stunden rauchfrei!? – Wenn der groĂźe Hunger kommt


Einfach ausgedrĂĽckt.

Guten Tag!

Weinheim, 11. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂĽr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂĽhlt. Sie schreibt ĂĽbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂĽbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂĽcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂĽrden sie dabei zu ĂĽberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂĽr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂĽcken“. Tag Zwei – der groĂźe Nikotinhunger kommt.

Von Marietta Herzberger

Der zweite rauchfreie Morgen. Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie noch vor Ihrem Wecker aufwachen und mit geschlossenen Augen den Tag planen? So erging es mir heute Morgen. Die Planung bestand aus hauptsächlich einer einzigen, dennoch überlebenswichtigen Frage: Wie fülle ich die Zeiten, in denen ich bisher zur Zigarette griff?

Beispielsweise morgens nach dem Aufstehen. Sonst stand ich immer früher auf, als ich eigentlich müsste, nur um eine freie, ruhige halbe Stunde für mich, meinen Kaffee und meine ersten Zigaretten zum Kaffee zu haben. Also stellte ich den Wecker später. Je länger ich schlafe, umso kürzer ist der Entzug. Leider hatte ich die Rechnung ohne meine innere Uhr und Zoppo, meinen Rauchelf, gemacht. Der saß hellwach in meinem Hirn, bimmelte die körpereigene Glocke und brüllte: “Aufstehen! Kaffee trinken! Rauchen!“

Nix da. Trotzig blieb ich liegen und malte mir aus, wie ich diese gefürchteten Nikotinlücken umschiffen könnte. Nachdem sich die Gedanken immer schneller im Kreis drehten, stand ich schließlich auf, kochte mir meinen Kaffee, nahm in meinem Lieblingssessel auf der Terrasse Platz, legte die Beine hoch und genoss das Koffein ohne Nikotin. Ganze zehn Minuten lang. Es fiel mir nicht leicht. Gestern fühlte sich alles etwas leichter an. Egal. Gefühl wegwischen und weitermachen in der morgendlichen Routine.

Voller Tatendrang und guter Vorsätze marschierte ich mit unserem Hund Richtung Feld. Frischluft! Nichts anderes würde heute meine Lungen und Lücken füllen.

Ich hatte Nikotinhunger

Hatte ich vorgestern noch geschrieben, ich würde das Rauchen nicht mehr zu meinem Thema machen? Vergessen Sie meine törichten Worte, im Rausch gebrüllt, in enthusiastischter Leichtigkeit geschrieben. Denn nur wenige Minuten später fing das Elend an. Ich hatte Nikotinhunger. Hunger auf eine Zigarette. Sehr großen Hunger. Verdammt großen, unaussprechlich riesigen Hunger auf eine Zigarette. Nur eine. Zum Kaffee.

So sehr ich mich bemühte, dieser Gedanke umwabberte alles in meinem Kopf, die ganze Zeit über. Er vermischte sich mit diesem Hungergefühl. Nur ist das Loch nicht im Magen, sondern etwas höher. In der Lunge, in der Luftröhre. Der Hunger auf das Gefühl, dass sich Rauch die Luftröhre hinab schiebt und in der Lunge ausbreitet. Es fühlt sich an wie richtiger, echter Hunger. Ist ziemlich ätzend und unerträglich.

Irgendwie schaffte ich es, eine Stunde mit diesem verteufelten Hunger durchs Feld zu latschen. Es hörte nicht auf. Es ließ nur mal kurz nach. Wahrscheinlich um Anlauf zu holen, um mir dann mit voller Wucht circa fünf Minuten lang (eine Zigarettenlänge) das Leben zur Hölle zu machen. Unfassbar!

Zu Hause angekommen öffnete ich die Haustüre, fütterte den Hund und stürzte zur Kaffeemaschine. Während meine Kaffeepad-Maschine aufheizte, hastete ich zum Auto. Da musste doch -€¦, war da nicht -€¦? Doch. Im Handschuhfach lag eine Schachtel mit einer Notfallzigarette. Man weiss ja nie, wo einen das Navi hinführt. Zum Schluss steht man irgendwo im Nirwana von Kasachstan und hat keine Zigaretten.

Werde ich schwach?

Schachtel geschnappt, fingertrommelnd gewartet, bis die Tasse voll Kaffee war, raus auf die Terrasse und – Zigarette angezĂĽndet. ScheiĂź Hunger.

Ein Zug gegen den Nikotinhunger.

Einmal zog ich daran. Dann wollte ich Kaffee hinterher schĂĽtten. Aua! Das fĂĽhlte sich nicht gut an! Es beizte an meinem Gaumen. Scharfer, beiĂźender Rauch. Ich stellte die Kaffeetasse wieder ab und – zog noch einmal. Mir wurde schwindelig. Dann noch einmal. Hoher Seegang. Beim dritten Mal war das „BeiĂźende“ weg. Aha! So ist das also. Da muss ich dreiĂźig Jahre rauchen, um zu bemerken, dass ich meinen Gaumen und meine Sinne betäube. Dass der Kaffee nicht mit der Zigarette schmeckt, sondern nur dazu da ist, den widerlichen Geschmack, das eklige GefĂĽhl des ätzenden Rauches aus der Mundhöhle hinunter zu spĂĽlen. Perplex drĂĽckte ich die Zigarette auf dem Terrassenboden aus – die Aschenbecher waren natĂĽrlich schon weg geräumt – und trank meinen Kaffee ohne Zigarette.

Und nun? Ja, ich war schwach geworden. Na und? Einmal nachgeben ist noch lange kein Aufgeben. Und dieses Mal ist mir nicht der Genuss der Zigarette in Erinnerung, sondern dieses kratzige, stechende Gefühl im Gaumen, das mit jedem Zug nachlässt.

Jetzt verstehe ich auch endlich meinen Mann, wenn er mich zwei- bis dreimal im Jahr bat, mal an meiner Zigarette ziehen zu dürfen, es dann tat und anschließend angewidert den Kopf schüttelte: „Ich werde es nie verstehen.“

Jetzt verstehe ich.

Der zweite Tag ist schwieriger als der erste. Der dritte wird schwieriger als die beiden davor – wahrscheinlich oder auch nicht.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂĽber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang vermutlich täglich, so hat sie sich das vorgenommen, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Die Texte sind einen Tag „versetzt“, weil sie ja erst am Ende des Tages schreiben kann, was sie in ihrem neuen rauchfreien Leben erlebt hat.