Donnerstag, 21. November 2019

RNZ berichtet ĂŒber Feuerwehr – oder tut sie nur so, als ob?


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 19. Januar 2011. Die Zeitungen galten lange als GralshĂŒter der Information mit hoher Verantwortung und „GlaubwĂŒrdigkeit“: Aber auch als „Gatekeeper“, quasi TĂŒrsteher, die mit geschultem Blick angeblich garantierten, wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen. Dieser Mythos war schwer zu ĂŒberprĂŒfen, weil es kaum „Kontrollmöglichkeiten“ gab. In Zeiten des Internet gibt es fĂŒr alle BĂŒrger die Möglichkeit, die Redlichkeit der Berichterstattung zu kontrollieren und das ist gut so.

Von Hardy Prothmann

Die Rhein-Neckar-Zeitung ist eine FlĂ€chenzeitung mit einem großen Einzugsgebiet und hat eine tĂ€gliche Verbreitung von angeblich rund 91.000 Exemplaren. Die Auflage sinkt kontinuierlich. Im ersten Quartal 2009 waren es noch rund 98.000 Exemplare (laut IVW).

Das hat GrĂŒnde: Die QualitĂ€t des Produkts stimmt (schon lange) nicht mehr.

Aufmerksame Leserinnen und Leser mĂŒssen sich belogen und betrogen vorkommen, wenn sie Informationen in der Zeitung mit Informationen außerhalb der Zeitung vergleichen.

Journalistische Leistung?

Ein aktuelles Beispiel ist ein Bericht vom 18. Januar 2011: „Ist bei der Feuerwehr Feuer unterm Dach?“, titelt die Zeitung und „berichtet“ ĂŒber die Feuerwehr Sulzbach.

"Feuer unterm Dach"? Umgeschriebene Pressemitteilung wird als "Autoren"-Bericht verkauft. Quelle: RNZ

Die Zeitung tĂ€uscht vor, dass der Artikel von Lutz Engert stammt. Auch der Autor Lutz Engert tĂ€uscht vor, dass es sich um eine tatsĂ€chliche eigene journalistische Leistung handelt, immerhin steht er mit seinem Namen dafĂŒr ein. TatsĂ€chlich besteht der Artikel zum ĂŒberwiegenden Teil aus Informationen von Ralf Mittelbach, Pressewart der Feuerwehr Weinheim.

Wer vermutet, dass Lutz Engert vor Ort war und kenntnisreich ĂŒber die „ZustĂ€nde“ bei der Feuerwehr Sulzbach schreibt, der irrt. Lutz Engert, der seinen Namen ĂŒber den Artikel gesetzt hat, hat lediglich die Pressemitteilung von Ralf Mittelbach mit einem Vorspann versehen, dessen Informationen Umformulierungen der Pressemitteilung an sich sind. Vor Ort war Lutz Engert nicht.

Nun könnte man meinen, Lutz Engert habe wenigstens mit dem eigentlichen Verfasser telefoniert. Doch das trifft nicht zu.

Absurderweise umschreibt Engert die Informationen der Pressemitteilung, die (aus Journalistensicht) dankenswerterweise keine Schönwetter-Meldung ist, sondern durchaus kritisch Probleme bei der Sulzbacher Feuerwehr aufzeigt.

Arrogante „Berichterstattung“.

Was Lutz Engert nicht daran hindert, die vermutlich einzig benutzte Quelle als „kryptisch“ zu diffamieren, um dann selbst mehr als kryptisch ohne ein wesentliches Mehr an Information vom Leder zu ziehen. Der Rest des Artikels besteht aus Fragmenten von zwei „zusammengeschriebenen“ Pressemitteilungen von – Ralf Mittelbach.

Es ist ĂŒberhaupt nicht verwerflich, Pressemitteilungen ĂŒber ein Medium zu verbreiten. Der Anstand gebietet aber, die Quellen transparent und nachvollziehbar zu nennen.

Zum Vergleich: Einen Tag vorher haben wir die Pressemitteilungen von Ralf Mittelbach ebenfalls verbreitet: „Feuerwehr Sulzbach ist Nachwuchslieferant – Spannungen bei der FĂŒhrung„, heißt unsere Überschrift auf dem weinheimblog zum Thema. Es gibt einen auf der Basis der Pressemitteilung selbst verfassten Vorspann und dann die korrekte Angabe: „Information der Feuerwehr“.

Auch wir haben die Spannungen erkannt, die in der Pressemitteilung aufgezeigt wurden und aufgenommen. Was wir nicht getan haben, ist, uns anzumaßen, diese Informationen als einen selbstrecherchierten Autoren-Text auszugeben.

Normaler Wahnsinn.

Lutz Engert, der uns persönlich nicht bekannt ist, und die Rhein-Neckar-Zeitung beschĂ€digen mit einem solchen Artikel, der kein Einzelfall ist, sondern den „normalen Wahnsinn“ des tĂ€glichen „so-tun-als-ob“ darstellt, den Berufsstand des Journalismus erheblich, weil die Leserinnen und Leser nicht mehr wissen können, was ein echter eigener Artikel ist und was eine „zusammengekloppte“ Pressemitteilung.

Wir thematisieren die gĂ€ngige Praxis des „Leser-Betrugs“ immer wieder, weil solche Artikel nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind.

Klar ist, dass Zeitungsredakteure unter einem enormen Druck stehen. Sie mĂŒssen viel Arbeit bewĂ€ltigen – fĂŒr Recherche bleibt vielen keine Zeit mehr.

Und wir behaupten nicht, dass alle von uns veröffentlichten Informationen „gegenrecherchiert“ sind – wir sind ein kleines Team und bauen mit großer Anstrengung und viel Idealismus bei kleinem Verdienst unser Angebot auf.

Im Gegensatz zur Zeitung können sich unsere Leserinnen und Leser auf unser Redlichkeit verlassen. Autoren-Artikel sind selbst recherchierte und verfasste Geschichten. Wir benennen unsere Quellen und die damit auch die Verantwortung fĂŒr die Inhalte.

Das sind wir aus Überzeugung unseren Leserinnen und Lesern schuldig – im vollen Bewusstsein, dass wir nicht nur manchmal, sondern sogar oft eine gewĂŒnschte Gegenrecherche schuldig bleiben.

Indem wir die Quelle nennen und damit die Verantwortlichkeit fĂŒr die Information, genĂŒgen wir aber unserem Anspruch von Transparenz und GlaubwĂŒrdigkeit. Und wir geben uns jede MĂŒhe, möglichst viele selbst-recherchierte Artikel zu bringen. Das bedeutet viel Arbeit, aber auch ein gutes und vielleicht sogar sehr gutes Ergebnis dieser Anstrengung.

Mangelnde Transparenz – tendenziöse Berichte.

Die Zeitungen in unserem Raum, ob Mannheimer Morgen, Weinheimer Nachrichten oder die Rhein-Neckar-Zeitung stellen sich ĂŒberhaupt keiner Transparenz. Sie lassen ihre Leserinnen und Leser im unklaren. Viele Artikel sind tendenziös, voll von nicht ĂŒberprĂŒften Informationen und werden trotzdem als „objektiver Journalismus“ tagtĂ€glich verkauft oder per bezahltem Abo zugestellt.

WĂ€re die Tageszeitung ein dioxinverseuchtes Ei, wollte es niemand mehr kaufen. Das Problem ist, dass immer noch viele Menschen der Zeitung als „glaubwĂŒrdigem Medium“ ihr Vertrauen schenken. Es gibt aber keine Labors oder sonstige Überwachungsstellen, die prĂŒfen, ob das, was auf der Verpackung steht, auch tatsĂ€chlich ausgeliefert wird.

Und ganz sicher berichtet keine Zeitung ĂŒber den Skandal, dass ein Produkt: „Die Zeitung gehört fĂŒr mich zum Leben“, immer hĂ€ufiger ein faules Ei ist. So eine Art verdorbenes Gammelfleisch, ein Etikettenschwindel, ein aufgehĂŒbschtes Ramschprodukt. Umverpackt, neu sortiert, aber tatsĂ€chlich minderwertig.

Faule Eier.

Wer den Mut hat, diese untragbaren ZustĂ€nde offen anzuklagen, muss – genau mit einer Klage rechnen. Vor allem, wenn er Dinge beim Namen nennt, die den faulen-Eier-Produzenten nicht gefallen.

Der Artikel ĂŒber die Sulzbacher Feuerwehr „Von Lutz Engert“ ist ein faules Ei.

Wir rechnen nicht mit einer Klage, sondern hoffen darauf, dass sich die Redaktion der Rhein-Neckar-Zeitung darauf besinnt, was Leserinnen und Leser zu Recht fĂŒr viel Abo-Geld erwarten dĂŒrfen: eine einwandfreie Berichterstattung.

Journalistischer Vergleich oder journalistische Unterlassung?

Sollten Herr Engert oder die Rhein-Neckar-Zeitung nicht mit unserem Bericht einverstanden sein, haben sie selbstverstĂ€ndlich die Möglichkeit, eine Gegendarstellung zu verlangen. Sie können auch einen verbindlichen Wunsch Ă€ußern, einen Kompromiss zu finden, falls eine unserer Formulierungen möglicherweise „strittig“ sein sollte.

Es besteht aber auch die Möglichkeit, sofort mit einem absurd hohen Streitwert eine Unterlassung zu verlangen. Doch dann mĂŒssen sich die Zeitung und Herr Engert auch der gerichtlichen KlĂ€rung stellen, dass wir behaupten, dass die Zeitung einen „Haufen fauler Eier“ im Korb hat, die sie jeden Tag „an den Mann bringt“. Das könnte interessant werden.

Lieber wÀre uns ein journalistisches KrÀftemessen und auch bei der Rhein-Neckar-Zeitung die erkennbare Anstrengung, ordentlichen Journalismus statt fauler Eier zu produzieren.

Denn den Zeitungen muss klar sein, dass ihre „Informationen“ nicht mehr „solitĂ€r“ alleine in der Welt sind und sofort und unmittelbar ĂŒber viele andere Informationen ĂŒberprĂŒft werden können – wer sich die MĂŒhe macht, erlebt, dass es oft zum Himmel stinkt.