Dienstag, 20. August 2019

Offener Brief des Jugendgemeinderats

„Kluger Schachzug“

Der Jugendgemeinderat beschrĂ€nkt seine öffentliche Kommunikation auf Facebook und hĂ€lt das fĂŒr einen "klugen Schachzug" - wir haben einen "strategischen Fehler" erkannt.

 

Ladenburg, 23. Mai 2012. (red/pm) Der Jugendgemeinderat reagiert auf unsere Kritik „Strategischer Fehler“ an der Kommunikationsstrategie mit einem offenen Brief. Wir veröffentlichen die Stellungnahme selbstverstĂ€ndlich im Original.

Offener Brief des Jugendgemeinderats:

„Lieber Herr Prothmann!

Wir, die Mitglieder des Jugendgemeinderates (JGR), ĂŒben eine ehrenamtliche TĂ€tigkeit aus. Wir tun das gerne, haben uns darum beworben und scheuen keine Arbeit. Generell muss jedoch eine gewisse VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit gewahrt werden, damit wir diese Arbeit in unserer knapp bemessenen Freizeit zwischen Schule und Ausbildung tatsĂ€chlich gerne machen. Sie ist meistens vorhanden, nicht aber in diesem Fall:

Angeprangert wird, dass wir keine Website und keinen Blog unterhalten: Und das, fĂŒr ein paar GemeinderĂ€te und wenige weitere BĂŒrger Ladenburgs, die nicht in Facebook vertreten sind, sich aber fĂŒr uns interessieren. Denn es sind nur jene, die ein solches Angebot nutzen wĂŒrden. ErfahrungsgemĂ€ĂŸ, reizt es uns Jugendliche dagegen weniger. Viel besser lassen wir uns ĂŒber unsere tĂ€glich benutzte Plattform erreichen: per Facebook. Auf der anderen Seite steht viel Arbeit fĂŒr das Einarbeiten in das Programm und FĂŒllen des Blogs mit Inhalten – wobei die Arbeit fĂŒr das Erstellen eines Blogs aufgrund Ihres freundlichen Angebotes ja wegfallen wĂŒrde.

Nicht nur, dass die UnverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit von Arbeit und Nutzung, wie auch die bessere Erreichbarkeit Jugendlicher per Facebook gegen einen Blog sprechen. DarĂŒber hinaus mĂŒssen Sie Ihren Anspruch an ein ehrenamtliches Jugend-Gremium, einen einwandfreien Internetauftritt hinzulegen, aufgeben.

Das alles heißt trotzdem nicht, dass sich interessierte GemeinderĂ€te und BĂŒrger nicht auch ĂŒber uns informieren können, sich mit uns austauschen können, denn auch wir haben ein Interesse daran – Ihre gegenteilige Behauptung, der JGR wĂŒrde die Öffentlichkeit gar nicht erreichen wollen, ist schlicht und einfach falsch: Zum einen war unsere alte Website neben der komplizierteren URL auch unter jgr-ladenburg.de zu erreichen. Zum anderen widerlegt allein die Tatsache, dass wir uns Gedanken um eine PrĂ€senz im Internet machten, ihre Behauptung schon im Ansatz.

Außerdem sind da unsere öffentlichen Sitzungen. Auch unsere hĂ€ufigen Auftritte im Gemeinderat sollte es ermöglichen, sich auszutauschen. Überdies stehen unsere Kontaktdaten jederzeit und fĂŒr alle zugĂ€nglich auf ladenburg.de zur VerfĂŒgung – und wo wĂ€re ein geeigneterer Ort fĂŒr den JGR LADENBURG, als sich unter anderem auf LADENBURG.de zu prĂ€sentieren?

Von allem abgesehen, ist es völlig unangebracht, den JGR auf seinen Internetauftritt zu reduzieren: Denn hĂ€tten Sie Recherche betrieben, wĂŒssten Sie wohl, was wir sonst eigentlich so machen.“

Anm. d. Red.: Kritisieren ist nicht gleich „anprangern“. Inhaltlich wiederholen wir unsere Darstellung – wenn man so will, ist auch Facebook eine Art „Blog“. Ob man nun einen Beitrag hier einstellt oder in einem eigenen Blogsystem, ist unterm Strich fast dieselbe Arbeit. TatsĂ€chlich gibt es aber erhebliche Unterschiede: Daten in einem eigenen Blog gehören einem auch – Daten, die in Facebook eingegeben werden, gehören Facebook. Man kann zwischen Blog und Facebook eine automatisierte Veröffentlichung herstellen, so dass BlogeintrĂ€ge ohne zusĂ€tzliche Arbeit auf der Facebook-Seite landen.
Die Behauptung, die Mehrheit der Ladenburger nutze bereits Facebook, ist mit Sicherheit falsch. Vermutlich richtig ist die Annahme, dass ein Großteil der Jugendlichen ab 12/13 Jahren Facebook nutzt. Zur Recherche: Das ist das angesprochene Problem. Wenn man erst recherchieren muss, um die AktivitĂ€ten zu verfolgen, ist eine einfache Kommunikation mit der BĂŒrgerschaft nicht gegeben.
Noch ein Tipp an den Jugendgemeinderat: Soweit wir gesehen haben, ist die Facebook-Seite ĂŒber ein Mitglied erstellt worden. Damit ist die Seite im Besitz dieses Mitglieds und nicht des aktuellen oder kĂŒnftigen Jugendgemeinderats. Das ist ein typischer Fehler, der bei Vereinen oder anderen Organisationen immer wieder fĂŒr erhebliche Schwierigkeiten sorgt. Was, wenn der Besitzer aus welchen GrĂŒnden auch immer nicht mehr erreichbar ist, erreichbar sein will? Daten und Zugriff auf die Seite fĂŒr VerĂ€nderungen sind dann verloren. Weiter ergibt sich fĂŒr den Seiteninhaber eine unter UmstĂ€nden gravierende rechtliche Stellung: Sollte es, wiederum aus welchen GrĂŒnden auch immer, zu einem Rechtsstreit kommen, sind der Inhaber oder die Rechtsvertreter persönlich haftbar. Aktuell gibt es einen Prozess, der sich mit der so genannten „Betreiberhaftung“ beschĂ€ftigt. Ein Facebook-Seiten-Besitzer wurde wegen eines Fremdkommentars auf der Seite abgemahnt. Solche Prozesse werden oft im „fliegenden Gerichtsstand“ ausgetragen, hĂ€ufig Hamburg oder Berlin. Die Kosten fĂŒr solche Verfahren erreichen schnell 5-10.000 Euro. Auch hier halten wir an unserer EinschĂ€tzung fest, dass der Jugendgemeinderat schlecht beraten ist. Der Betreiber muss also dringend die Stadt Ladenburg sein – denn die ist rechtlich versichert und hat die Ressourcen fĂŒr juristische Auseinandersetzungen.
Eine Anmerkung zum Schluss: Kritik heißt nicht, dass man etwas „schlecht“ macht, sondern, dass man sich mit etwas auseinandersetzt – das ist die Wortbedeutung. Unsere Redaktion findet es erstens gut, dass es ĂŒberhaupt einen Jugendgemeinderat gibt und ist zweitens der Arbeit der Jugendlichen gegenĂŒber sehr aufgeschlossen. Unsere kritische Begleitung hat also eine Verbesserung der Kommuniktion im Blick und nicht ein „Anprangern“ des JGR. Aus diesem Grund geben wir auch rechtlich wichtige Hinweise – die Umsetzung obliegt dann den Mitgliedern.