Montag, 25. September 2017

Gabis Kolumne

Von Helden und Abenteurern

Ein bischen Schwund ist immer, das Auto fährt schließlich auch ohne Türgriff.

Rhein-Neckar, 05. November 2012. Gib Männern eine Aufgabe und je hoffnungsloser die ist, umso mehr werden sie sich anstrengen. Nimm ihnen aber nie die Hoffnung, sondern habe immer eine Erklärung parat, wenn die Aufgabe nicht zu lösen ist. Motto: Hauptsache Held, ob glorreich oder bescheiden. Was Tiefenpsychologie und Autoschlösser gemein haben, weiß Gabi.

Das Kind im Manne wird ja immer wieder gerne bemĂĽht. Erwachsene Kerle spielen mit der Eisenbahn, sammeln Panini-Aufkleber oder stellen im Keller eine Carrera-Bahn auf. Alles oft gesehen und nicht wirklich verwunderlich.

Barbie-spielende Frauen gibt es dagegen eher selten.

Doch das Ganze kann auch noch getoppt werden. Wie ich schon berichtet habe, ist mein Sohn vor kurzem ausgezogen und der Umzugstag hielt so einige Ăśberraschungen bereit.

Der Sprinter stand vollgepackt und zur Abfahrt bereit im Hof und mein Sohn brachte nur noch die wichtigen Dinge wie Computer, Anlage und die Tasche mit seinen Unterlagen in seinen neu gekauften alten Golf.

FĂĽnf Minuten später kam er blass zurĂĽck und meinte, die Abfahrt wĂĽrde sich jetzt vermutlich verschieben. Der AutoschlĂĽssel – der einzige !! – lag im Kofferraum des zentralverriegelten Autos. Der Wagen war samt Inhalt hermetisch abgeschlossen und vier junge Kerle diskutierten wild, wie man nun dieses Auto knacken könnte.

Ein technisch versierter Freund meines Sohnes brachte die Tennisball-Methode ins Spiel. Laut Physik-Unterricht in der Schule könne man mit Hilfe eines mit einem Loch versehenen Tennisballs ein Schloss öffnen, erklärte er uns. Doch während ich mich im Haus noch auf Ballsuche machte, kam meine Tochter dazu und meinte, „das könnt‘ ihr vergessen, ich hab’s grad gegoogelt und das funktioniert ĂĽberhaupt nicht“.

Inzwischen war auch ein Nachbar zur Hilfe geeilt, der mit leuchtenden Augen und guten Ideen vor dem verschlossenen Golf stand. „Mensch, Klaus“, meinte ich, „wenn du weiĂźt wie man einen Golf knackt, dann hau rein, ich verrat’s auch keinem“.

Gefühlte Stunden später, standen inzwischen vier junge und ein älterer Kerl fachmännisch diskutierend um den Golf. Aber es tat sich nichts.

„Da hilft jetzt nur noch mein Mann Alberto“, sagte meine Freundin, die inzwischen herbei geeilt war, um mit mir Kaffee zu trinken und das Geschehen zu beobachten. „Wenn nicht ein Italiener ein Auto aufmachen kann, wer dann?“

Zehn Minuten später kam Alberto in seinem schwarzen Alfa Romeo vorgefahren und packte seinen Werkzeugkoffer aus dem Kofferraum. Eine Drahtschlinge hatte er vorsorglich vorbereitet und mit großer Grandezza machte er sich ans Werk.

Und siehe da, nach kürzester Zeit waren die Knöpfchen oben, aber der Golf blieb verriegelt. „Blockverriegelung“, diagnostizierte der Freund meines Sohnes, der mal Ingenieur werden möchte.

Frauen holen sich Hilfe, Männer suchen eine Lösung

Während Frauen sich in diesen Situationen Hilfe holen, zunächst bei Männern, dann bei Fachleuten, erwacht in solch‘ aussichtsloser Lage bei Männer willenloser Ehrgeiz, oder netter formuliert, der unaufhaltsame Wunsch, eine Lösung zu finden. Männer sind erfolgsorientiert, es muss ein Resultat her. Welches, ist egal. Hauptsache ein Ergebnis.

Nach einer weiteren halben Stunde qualifizierter Diskussion und handwerklichen Geschicks, hatten sie ein Resultat und den Türgriff der Beifahrertür in der Hand – und das Auto blieb geschlossen – das nagte an den stolzen Männern.

Das Ergebnis war die Erkenntnis des eigenen Scheiterns. Die Ausweglosigkeit der Lage souverän anerkennend, zeigte man(n) sich nun bereit, den ADAC zu rufen. Und keine 20 Minuten später war der Fachmann vor Ort.

„Das ist das erste Golf-Modell mit Blockverrieglung, da kann ich nichts machen. Da haben sich die Ingenieure was bei gedacht“, erfuhren wir von dem „Gelben Engel“. Welch‘ Wohltat fĂĽr die verhinderten Autoknacker, es hatte also nicht an ihrem hervorragenden Können, sondern schlicht und einfach an der noch ĂĽberragenderen Technik gelegen. „Sie mĂĽssen einen SchlĂĽssel beim Werk nachbestellen und das kann dauern“, erklärte er uns.

„Das können sie den Jungs nicht antun. Die müssen in drei Tagen mit dem Studium beginnen und alles Wichtige dafür befindet sich in diesem Auto“, appellierte ich an seinen Helferinstinkt, denn schließlich ist auch der „Gelbe Engel“ ein Mann.

„Na ja, vielleicht könnte man die Batterie abklemmen, dann müsste sich die Verriegelung lösen, aber dazu muss man erst mal die Motorhaube öffnen und dafür brauche ich einen langen, starken Draht“, überlegte der Mann vom ADAC.

Klare Ansage, sofort stĂĽrmten alle Umstehenden los und schafften in kĂĽrzester Zeit eine Auswahl an Hilfsmitteln heran.

Jetzt ging alles ganz schnell, mit einem Keil wurde fachmännisch ein Spalt zwischen Autotür und Rahmen geschaffen und mit einer Tomatenkletterstange – man glaubt es kaum – wurde der Hebel für die Motorhaube im Fußraum betätigt. Die Batterie wurde abgeklemmt und Simsalabim öffneten sich die Autotüren.

Was noch zu berichten ist: Der Umzug selbst war ein Kinderspiel, denn das größte Abenteuer hatten die Helden schon hinter sich.

gabi