Mittwoch, 13. Dezember 2017

Pfarrer Heiner Gladbach ĂŒber sein neues Leben

Mit dem Herzen bei den Menschen sein

Heddesheim/Ladenburg, 30. MĂ€rz 2012. (red) Ende 2010 hat Heiner Gladbach die katholische Seelsorgeeinheit Ladenburg-Heddesheim verlassen – er hatte gegen den Zölibat verstoßen und musste sich zwischen Partner und Kirchendienst entscheiden. Erstmals Ă€ußert sich Herr Gladbach öffentlich ĂŒber die damalige Zeit und sein neues Leben in der NĂ€he von Dresden. Das Interview ist auf Initiative mehrerer Leserinnen und Leser zustande gekommen, die nachgefragt haben, ob wir herausfinden können, wie es „ihrem“ Pfarrer wohl geht.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Gladbach, wie geht’s Ihnen?

Heiner Gladbach: Sehr gut, danke.

Unsere Leser interessieren sich, was aus Ihnen geworden ist. Wo leben Sie jetzt?

Gladbach: In einem kleinen Ort mit 100 Seelen in der NĂ€he von Dresden.

Heiner Gladbach lebt heute in der NĂ€he von Dresden. Bild: privat

Seit Sie Heddesheim verlassen haben?

Gladbach: Ja, ich habe mir direkt eine Wohnung gesucht und eine gefunden, die mir sehr gefĂ€llt. Hier fĂŒhle ich mich sehr wohl.

Aber Sie sind kein Pfarrer mehr?

Gladbach: Ich bin als Pfarrer vom Dienst suspendiert.

Ich darf mein Amt nicht mehr ausĂŒben.

Das heißt?

Gladbach: Ich bin immer noch katholischer Priester, darf aber dieses Amt nicht mehr ausĂŒben. Mir ist jede priesterliche Amtshandlung, beispielsweise eine Messe zu halten, untersagt worden.

Ärgert Sie das?

Gladbach: Nein – im privaten Bereich aus meinem Umfeld, nicht aus den Gemeinden Heddesheim und Ladenburg, gab es Ă€rgerliche Dinge, auf die mein Bischof reagieren musste. DafĂŒr habe ich vollstes VerstĂ€ndnis. Ihm blieb keine Wahl, allerdings mir und ich habe mich entschieden.

Entscheidung fĂŒr den Partner

Sie leben in einer Beziehung?

Gladbach: Ja, ich lebe hier mit meinem Partner zusammen.

DarĂŒber wurde spekuliert.

Gladbach: Ja, ich weiß. In meinem jetzigen Leben kann ich das frei heraus sagen, dass ich homosexuell orientiert bin. Übrigens weiß ich das, seit ich achtzehn Jahre alt bin.

Ein schwieriges Leben fĂŒr einen katholischen Priester.

Gladbach: Ach so schwer war das nicht. Ich habe, so gut es ging, beide Leben nebeneinander gefĂŒhrt. Dann wurde das auf sehr aggressive Weise angezeigt und hatte nach der katholischen Rechtsauffassung Konsequenzen. FĂŒr mich auch die, mich nicht mehr erpressbar zu fĂŒhlen.

Gute GesprÀche

Uns wird allgemein zugetragen, dass man Ihre Arbeit hier sehr geschÀtzt hat. Ist es nicht sehr Àrgerlich, dass Sie wegen des Zölibats nach so langer Zeit aufhören mussten?

Gladbach: Ich möchte der Kirche und anderen keine VorwĂŒrfe machen. Das sind die geltenden Kirchengesetze, auch wenn ich persönlich den Zölibat fĂŒr absolut ĂŒberholt halte. Ich habe gegen diese Gesetz verstoßen und muss mit den Konsequenzen leben.

Wovon leben Sie heute?

Gladbach: Ich habe mich als „freier Redner“ selbststĂ€ndig gemacht, begleite Trauernde und kĂŒmmere mich um Asylbewerber. Es gab zudem eine Einigung mit der Kirche und der Rentenausgleich wurde gemacht. Hier möchte ich betonen, dass die GesprĂ€che, sowohl mit dem Personalreferenten, wie auch mit meinem Bischof, sehr gut und freundlich waren.

Sie arbeiten also immer noch mit Menschen.

Gladbach: Das ist mir auch sehr wichtig – das ist mein Beruf und Teil meines Lebens, der intensive, vertrauensvolle Umgang mit Menschen. Ich mochte schon immer bei den Menschen sein oder wie ich in meiner ersten Predigt in Heddesheim sagte: Ich möchte mein Herz bei den Herzen der Menschen haben.

Neuer Lebensabschnitt nach 24 Jahren

Vermissen Sie Heddesheim, Ladenburg und den Gottesdienst? Immerhin haben Sie hier 24 Jahre lang als Priester gewirkt.

Gladbach: Ich habe eine neue Heimat gefunden und eine Gemeinde, wo ich selbst regelmĂ€ĂŸig am Gottesdienst teilnehme. Der Pfarrer kennt ĂŒbrigens meine Geschichte. Mit Heddesheim fĂŒhle ich natĂŒrlich verbunden und habe nach wie vor gute und innige Kontakte. Meist telefonisch, aber ab und an bin ich auch vor Ort und treffe dann liebe Menschen. Es war eine intensive und gute Zeit in Heddesheim – aber dieser Lebensabschnitt ist vorbei. Wobei ich mich auch regelmĂ€ĂŸig ĂŒber das Heddesheimblog informiere, um zu wissen, was in Heddesheim gerade Thema ist.

Wie haben die Menschen reagiert, als herauskam, dass Sie einen Partner haben?

Gladbach: Einige wussten das und haben das verstanden. Ich denke, vielen ist das nicht so wichtig und es gab einige wenige, die mir im Nachhinein deswegen nicht gut waren. Wichtig sind mir der innere Friede und ĂŒber alle die, von denen ich Zuneigung oder VerstĂ€ndnis erfahren habe, bin ich sehr froh. Hier möchte ich mich besonders bei dem PGR-Vorsitzenden Petrus van Nunen bedanken, der mir in dieser schweren Zeit sehr zur Seite gestanden ist. Der FrĂŒhjahr und Sommer 2010 war sicherlich fĂŒr viele bewegend, ist aber nun vergleichsweise lange vorbei.

Schaut nach vorne!

Gibt es etwas, dass Sie an die Heddesheimer ĂŒbermitteln wollen, die sich bei uns nach Ihnen erkundigt haben?

Gladbach: Ja, ich möchte allen danken, die meinen Schritt nicht verstehen können oder konnten, aber akzeptiert haben. Heddesheim und die Seelsorgeeinheit Ladenburg-Heddesheim werden immer ein wichtiger und schöner Teil meines Lebens bleiben. Und den Katholiken in Heddesheim und Ladenburg möchte ich sagen: Schaut nach vorne. Jede VerĂ€nderung birgt auch Chancen, auch wenn man sie nicht direkt sieht. Wenn ich eines sicher weiß: Gott geht jeden Weg, und sei er noch so schwer, mit. Aber gehen mĂŒssen wir ihn selber.

Dokumentation: „Gebet“

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 10. April 2010. Der katholische Pfarrer Heiner Gladbach verlĂ€sst die Kirchengemeinden Heddesheim und Ladenburg auf unbestimmte Zeit – weil er in einer Partnerschaft lebt. Am 14. MĂ€rz hat er im Gottesdienst – vor dem Hintergrund der bekannt geworden MissbrauchsfĂ€lle in der katholischen Kirche – in seiner Gemeinde ein sehr persönliches Gebet gehalten.

Wir dokumentieren den Text des Pfarres Gladbach, der uns hierzu seine Erlaubnis erteilt hat:

„ErklĂ€rung
Gebet von Pf. H. Gladbach am 14. MĂ€rz 2010 am Tag der „Ewigen Anbetung“ (Gebet vor dem eucharistischen Brot, das sich in einer Monstranz befindet).

Vorbemerkung:
Eigentlich wollte ich mit Ihnen einen Abschnitt aus der der eucharistischen Andacht im Gotteslob beten. Aber nachdem ich gestern, am 13. MĂ€rz 2010, einen Kommentar im Mannheimer Morgen von Stefanie Ball zur derzeitigen Situation der Kirche gelesen habe, ich zitiere:
„Was der kath. Kirche und ihren Vertretern, die sich in den vergangenen Wochen geĂ€ußert haben, völlig abgeht, sind Emotionen, Worte, die einen berĂŒhren, die einem die Hoffnung zurĂŒckgeben, dass es der Kirche wirklich ernst ist.“,
habe ich mich entschlossen, selbst ein Gebet zu verfassen.
Ich lade Sie ein mir auf dem Weg dieses Gebetes zu folgen.

Gebet
Herr Jesus Christus gegenwÀrtig im hl. Brot der Eucharistie: Sieh auf deine Kirche, die in diesen Tagen und Wochen berechtigter Kritik ausgesetzt ist.
Ich bitte dich fĂŒr die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische SchĂ€den davongetragen haben und tragen. Ich bitte, dass du die Wunden heilst, dass sie wieder Vertrauen in „deine Kirche“ fassen und dass wir ihnen gegenĂŒber große Demut zeigen, denn niemand kennt ihre Qual und niemand sieht ihre innere Zerrissenheit.
Sieh die Fehler, vieler Menschen in deiner Kirche, die sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, und so deine Botschaft der Gottes- und NÀchstenliebe in diesen jungen Menschen zerstört haben.

Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.

Es ist unverstĂ€ndlich warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln.

Als Priester fĂŒhle ich mich im Moment hilflos!

Den Menschen ausgeliefert, ihren Spott und ihren Zorn zu ertragen. Ich schÀme mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.

Und es nĂŒtzen mir nicht all die Versprechungen der lĂŒckenlosen AufklĂ€rung, und es nĂŒtzt mir erst recht nicht die Aussage: Dass kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.

Was mir nĂŒtzen wĂŒrde, Jesus Christus, wĂ€re die Demut der Verantwortlichen in der Kirche. Der Kniefall vor den Opfern dieser Verbrechen. Ein Kniefall der ein Zeichen setzen wĂŒrde, wie es schon einmal ein Politiker getan hat.

Und so knie ich vor dir, verwirrt, verunsichert und ratlos, mit Trauer und Zorn in meinem Herzen, warum tun sich unsere Verantwortlichen so schwer, die Knie zu beugen, statt nichts nĂŒtzende Wahrheiten aus zu sprechen.

Ich weiß, mein Kniefall wird nicht viel bewirken, er wird nicht das Aufsehen eines Kniefalls von Willy Brandt erregen, aber er soll ein Zeichen sein fĂŒr die Menschen, die heute hier mit mir zum Gebet versammelt sind. Zeichen dafĂŒr, dass auch ich Kirche bin, sicher nur ein Stein unter vielen, aber ein Stein, der nicht morsch werden möchte, ein Stein der nicht in sich zusammenfallen möchte, sondern auch diese Last des hier und jetzt in deiner Kirche mit tragen möchte, denn ich liebe deine Kirche, deren Kleid im Moment schwer besudelt ist. Vielleicht können wir hier und jetzt mit unserm Gebet anfangen, dieses Kleid rein zu waschen.

Vor fast genau zehn Jahren hat dein Diener Papst Johannes Paul II. am 12. MĂ€rz 2000, in einer historisch einmaligen Geste Gott, deinen Vater um Vergebung fĂŒr die Fehler von Christen in der 2000-jĂ€hrigen Kirchengeschichte gebeten. Ihm, dem alt- und bucklig gewordenen Mann, war es nicht mehr möglich sich vor Gott, deinem Vater, niederzuwerfen. Aber seine altersgebĂŒckte Gestalt reichte aus, um an die Szene zu erinnern: Jakob vor Esau – Johannes Paul II. vor Gott und wir jetzt vor dir im eucharistischen Brot. Und ich bitte instĂ€ndig: Herr verzeih die schweren Fehler so vieler in deiner Kirche.

Wir bitten dich, um deinen Segen ĂŒber unsere Gemeinde unsere Seelsorge-Einheit und deine ganze Kirche. Amen“

Herr Gladbach, leben Sie ein glĂŒckliches Leben!

Guten Tag!

Ladenburg, 10. April 2010. Der katholische Pfarrer Heiner Gladbach verlĂ€sst die Kirchengemeinden Heddesheim und Ladenburg auf unbestimmte Zeit – weil er in einer Partnerschaft lebt. Die Kirchengemeinden Heddesheim und Ladenburg verlieren damit einen Pfarrer, der sich mit einem mutigen und ehrlichen Text zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche verabschiedet hat.

Kommentar: Hardy Prothmann

Heiner Gladbach und ich kennen uns nicht besonders gut. Ich habe einige Male mit befreundeten Katholiken den Gottesdienst in Heddesheim besucht und einen warmen, freundlichen Charakter erleben dĂŒrfen.

Bei jedem meiner Besuche war die Kirche voll und es herrschte eine freundliche und andĂ€chtige AtmosphĂ€re – die evangelischen Gottesdienste sind damit ĂŒberhaupt nicht vergleichbar.

Heiner Gladbach ist ein Pfarrer, der seine Gemeinde mit einem Strahlen in den Augen begrĂŒĂŸt und wirkt, als lebe er seinen Glauben gut und zufrieden.

Doch Heiner Gladbach hat noch ein Leben außerhalb der Kirche und des Glaubens – er lebt seit langer Zeit in einer Partnerschaft.

Damit lebt er aus Sicht der katholischen Kirche in SĂŒnde. Er bricht den Zölibat – das Versprechen der Ehelosigkeit und einem Leben in Keuschheit.

Er liebt neben Gott einen anderen Menschen und teilt sein Leben mit diesem. Das darf nicht sein – meint die katholische Kirche.

Neun von zehn Deutschen sind gegen den Zölibat, wie kĂŒrzlich eine Umfrage ergab. Eine Frau hat bei der „außerordentlichen Pfarrversammlung“ die Abschaffung des Zölibats gefordert, also das, was neun von zehn Deutschen sowieso denken und erntete dafĂŒr brausenden Applaus, der fast in ein rhythmisches Protestklatschen ĂŒberging. Auch die Organisation „Wir sind Kirche“ fordert den Zölibatsverzicht.

Bekannt ist, dass viele Priester ein Leben neben der Kirche fĂŒhren.

Im Geheimen. Im Bewusstsein des Verstoßes. Immer in Sorge, dass diese „SĂŒnde“ ihre berufliche und private Reputation kostet.

Was fĂŒr eine Qual.

Die katholische Kirche fordert diese Qual ein. Auch Herr Gladbach muss sich nun entscheiden, ob er weiter Priester sein will oder in einer Partnerschaft mit einem ihm lieben Menschen leben möchte.

Wer genau hingehört hat und sich in die Lebenssituation dieses Mannes hineinversetzt, weiß, wie der Zweifel an ihm nagt, wie die Sorge ihn umtreibt, wie die Situation an ihm frißt.

Herr Gladbach hat eine körperliche Herzkrankheit benannt, aber auch seine Seele ist verletzt und krank: „Meine Ängste und Bedenken waren so groß, dass ich bei jeder kleineren oder grĂ¶ĂŸeren GemĂŒtsregung in TrĂ€nen ausbrach“, sagte der Mann heute.

Das klingt nach einem „Burn-Out-Syndrom“ – da wird es einem eng ums Herz, die Luft bleibt weg, die Angst ist stĂ€ndiger Begleiter.

Herr Gladbach geht offen damit um und sagt, dass er auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen wird. Seine Offenheit verdient Respekt.

Herr Gladbach hat sehr freundlich und voller Achtung ĂŒber seine GesprĂ€chspartner in der Institution Kirche gesprochen, obwohl die von ihm eine Entscheidung erwarten: Priestertum oder Partnerschaft.

Damit befindet sich Herr Gladbach in einem schweren Dilemma. WĂ€hlt er die Partnerschaft, darf er nicht mehr Priester sein. WĂ€hlt er das Priestertum muss er den Menschen verlassen, den er liebt. Auch ohne HerzmuskelschwĂ€che ist das eine Situation, die einem das Herz zerreißen kann.

Die katholische Kirche ist bis heute beim Zölibat unbarmherzig.

Erste Diskussionen beginnen – aus der Not heraus. Der Missbrauch in katholischen Einrichtungen setzt die Kirche zu recht unter Druck. Sie findet immer weniger MĂ€nner, die sich dem Zölibat beugen wollen – ihr gehen die Priester aus. Und die, die fest im Glauben zu ihr stehen und wie ein Pfarrer Gladbach mit seinem mutigen Gebet die Herzen der Menschen erreichen können – setzt sie unter Druck.

Ich habe heute Pfarrer Gladbach viel Kraft und GlĂŒck auf seinem weiteren Lebensweg gewĂŒnscht. Wenn er sich fĂŒr seine Partnerschaft entscheidet, wird er sich gegen seine „Berufung“ entscheiden. Ein schwerer Schritt.

Gehen Sie ihn, Herr Gladbach und leben Sie ein glĂŒckliches Leben!

Ich bin mir sicher, dass Sie dafĂŒr Gottes Segen haben.

Dokumentation: Die Rede von Pfarrer Gladbach

Guten Tag!

Heddesheim/Ladenburg, 09. April 2010. Der katholische Pfarrer Heiner Gladbach verlÀsst die Kirchengemeinden Heddesheim und Ladenburg auf unbestimmte Zeit. Als Grund nannte er die Entscheidungsfindung zwischen Partnerschaft und Priesteramt. Wir dokumentieren die Rede.

Dokumentation der Rede von Pfarrer Gladbach auf der „außerordentlichen Pfarrversammlung“:

„Liebe Mitglieder unserer SE, sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank, dass sie heute Abend ins St. Remigius-Haus gekommen sind.

Sie alle haben in der Karwoche und ĂŒber Ostern mitbekommen, dass ich aus gesundheitlichen GrĂŒnden, die Gottesdienste nicht mit ihnen gefeiert habe.
Gemeinsam mit den VorstĂ€nden der PfarrgemeinderĂ€te und den Hauptamtlichen habe ich mich fĂŒr die heutige außerordentliche Pfarrversammlung entschieden.
Es ist mir ein Anliegen und BedĂŒrfnis, dass ich persönlich Sie als Gemeindemitglieder, ĂŒber die anstehenden VerĂ€nderungen informiere. Gleichzeitig hoffe ich, damit den Spekulationen und den kursierenden GerĂŒchten ein Ende zu setzen.

Als im vergangenen Jahr bei mir eine HerzmuskelschwĂ€che diagnostiziert wurde, setzten bei mir die Überlegungen ein, wie meine Zukunft in dieser Kirche sein wird.
Mir war klar, dass ich mich verĂ€ndern musste. In der Woche vor Palmsonntag wurden – neben meinen gesundheitlichen Problemen – meine Ängste und Bedenken so groß, dass ich bei jeder kleineren oder grĂ¶ĂŸeren GemĂŒtsregung in TrĂ€nen ausbrach. So wollte ich nicht vor der Gemeinde stehen und nach RĂŒcksprache mit meinem Hausarzt wurde ich ĂŒber die Kar- und Ostertage fĂŒr eine Woche krankgeschrieben.
Hintergrund meiner GemĂŒtsverfassung ist neben der Tatsache meiner Erkrankung und dass ich mich verĂ€nern musste noch mehr das Wissen, dass ich seit lĂ€ngerer Zeit gegen mein Zölibatsversprechen handle, weil ich in einer Beziehung lebe.

Ich informierte die ZustÀndigen in der Erzdiözese Freiburg und hatte am vergangenen Mittwoch ein GesprÀch mit unserem Personalreferenten Herrn Dr. Kohl.
Um es gleich vorweg zu sagen, das GesprÀch war sehr fair und offen.
Ich kann vor Freiburg diesbezĂŒglich nur den Hut ziehen, um es mit diesen einfachen Worten auszudrĂŒcken.
Herr Dr. Kohl fĂŒhrte mir vor Augen, dass ich eine Entscheidung herbeifĂŒhren muss, entweder Priestertum oder Partnerschaft.

Dies ist fĂŒr mich eine Lebensentscheidung, die ich nicht adhoc und leichtfertig fĂ€llen kann. So bat Ich daraufhin Dr. Kohl um meine sofortige Beurlaubung bis auf weiteres. Und ich bin den Verantwortlichen in Freiburg mehr als dankbar, dass sie mir diese Zeit der Entscheidungsfindung geben.

Ich werde also in den kommenden Wochen sowohl psychologische – wie auch geistliche Begleitung in Anspruch nehmen, um mir darĂŒber klar zu werden, wohin mein Weg geht.

Es tut mir leid, dass ich unsere SE damit belaste und hoffe, dass Sie meine Entscheidung dennoch nachvollziehen können. Die Arbeit in unsrer SE habe ich geliebt. Sie war mein Leben und das „Priester sein“ meine Berufung. Nun gilt es fĂŒr mich zu klĂ€ren, wie mein Lebensweg weitergeht.
Ich vertraue darauf, dass Gott mich dabei begleitet.
Ich danke ihnen ganz herzlich, dass sie heute Abend gekommen sind.“

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das ladenburgblog

Pfarrer Gladbach: „Ich lebe in einer Beziehung. Damit handle ich gegen das Zölibatsversprechen.“

Guten Tag!

Heddesheim/Ladenburg, 09. April 2010. Der katholische Pfarrer Heiner Gladbach hat auf einer „außerordentlichen Pfarrversammlung“ bekannt gegeben, dass er in einer Beziehung lebt und damit gegen das Zölibatsversprechen handle. Der Pfarrer wurde „bis auf weiteres“ beurlaubt.

Heiner Gladbach: Priesteramt oder Partnerschaft? Wie geht sein Lebensweg weiter? Bild: ladenburgblog

Von Hardy Prothmann

Die Ansprache von Pfarrer Heiner Gladbach war kurz und nĂŒchtern. Er informierte heute die rund 150 GĂ€ste im Heddesheimer St. Remigius-Haus kurz nach 20:00 Uhr darĂŒber, dass bei ihm im vergangenen Jahr eine HerzmuskelschwĂ€che festgestellt worden sei.

Daraufhin habe er sich Gedanken gemacht, „wie meine Zukunft in dieser Kirche sein wird. Mir war klar, dass ich mich verĂ€ndern musste.“ Hinzu seien „Ängste und Bedenken“ gekommen, woraufhin er ĂŒber die Kar- und Ostertage krank geschrieben wurde.

Gladbach sagte: „Hintergrund meiner GemĂŒtsverfassung ist neben der Tatsache meiner Erkrankung und dass ich mich verĂ€ndern musste noch mehr das Wissen, dass ich seit lĂ€ngerer Zeit gegen mein Zölibatsversprechen handle, weil ich in einer Beziehung lebe.“

auspfarr

Rund 150 GĂ€ste waren zur "außerordentlichen Pfarrversammlung" gekommen. Bild: lblog

Nach der Information der Erzdiözese Freiburg habe der zustĂ€ndige Personalreferent ihm „vor Augen gefĂŒhrt, dass ich eine Entscheidung herbeifĂŒhren muss, entweder Priestertum oder Partnerschaft.“

„Dies ist fĂŒr mich eine Lebensentscheidung, die ich nicht adhoc und leichtfertig fĂ€llen kann“, sagte Heiner Gladbach. Er habe deshalb um seine sofortige Beurlaubung „bis auf weiteres“ gebeten.

In den kommenden Wochen werde der Pfarrer „psychologische- wie auch geistliche Begleitung in Anspruch nehmen“.

Er drĂŒckte sein Bedauern aus, „dass ich damit unsere Seelsorge-Einheit belaste“ und bat um VerstĂ€ndnis. Er mĂŒsse klĂ€ren, wie sein Lebensweg weitergeht.

Dokumentation: Was und wofĂŒr Pfarrer Heiner Gladbach gebetet hat

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 09. April 2010. Die MissbrauchsfÀlle in der katholischen Kirche sind ein absolutes Politikum. Die Debatte beherrscht Deutschland seit Wochen. Nun ist das Thema Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auch in der Seelsorge-Einheit Ladenburg-Heddesheim angekommen.

Die katholische Kirche Ladenburg-Heddesheim informiert trotz mehrfacher Aufforderung an den Pfarrer die Redaktion des ladenburgblog/heddesheimblog nicht ĂŒber das Geschehen in der Kirchengemeinde.

Die Redaktion bedauern dies zutiefst, weil wir davon ĂŒberzeugt sind, dass die Kirchen wie alle anderen Religionsgemeinschaften eine wichtige Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Und darĂŒber wĂŒrden wir gerne kontinuierlich berichten. Das wird uns durch die Kirchengemeinde verwehrt.

Die Redaktion kann niemanden „zwingen“, zu informieren. Das will die Redaktion auch nicht. Unsere journalistischen Angebote stehen fĂŒr freiwillige, transparente und ehrliche Information.

Wir wĂŒrden gerne das Gebet des katholischen Pfarrers Heiner Gladbach in voller LĂ€nger abbilden, befĂŒrchten aber, ohne Erlaubnis dafĂŒr eventuell rechtlich belangt zu werden.

Deswegen beschrĂ€nken wir uns auf AuszĂŒge und damit unser verbrieftes Recht, zu zitieren.

Am 14. MĂ€rz 2010 hĂ€lt der katholische Pfarrer Heiner Gladbach ein Gebet ab. Dieses ist in der Ausgabe Nummer 11, vom 18. MĂ€rz 2010 im Heddesheimer „Mitteilungsblatt“ veröffentlicht und auch hier im Pfarrbrief.

Darin heißt es:

“Ich bitte dich fĂŒr die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische SchĂ€den davongetragen haben und tragen. (-۩) Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.-€

“Es ist unverstĂ€ndlich, warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln. Als Priester fĂŒhle ich mich im Moment hilflos.-€

“Und es nĂŒtzen mir nicht all die Versprechungen der lĂŒckenlosen AufklĂ€rung, und es nĂŒtzt mir erst recht nicht die Aussage: Das kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.-€

“Ich schĂ€me mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.-€

„Was mir nĂŒtzen wĂŒrde, Jesus Christus, wĂ€re die Demut der Verantwortlichen in der Kirche. Der Kniefall vor den Opfern dieser Verbrechen.“

Der Pfarrer Heiner Gladbach erinnert in seinem mit „Gebet“ ĂŒberschriebenem Text an den Papst Johannes Paul II., nennt ihn „einen alt und bucklig gewordenen Mann“, dem es „nicht mehr möglich war sich vor Gott, deinem Vater, niederzuwerfen“.

Und Pfarrer Gladbach beurteilt den Wunsch dieses Papstes nach Vergebung als eine „historisch einmalige Geste“.

Der Pfarrer betet: „Und ich bitte instĂ€ndig: Herr verzeih die schweren Fehler so vieler in deiner Kirche.“

Anmerkung der Redaktion: Wir bemĂŒhen uns darum, das Gebet in voller LĂ€nge veröffentlichen zu können, benötigen dafĂŒr aber das EinverstĂ€ndnis des Verfassers, das wir angefragt haben, das aber noch nicht vorliegt.

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das ladenburgblog

GerĂŒchte um die GrĂŒnde fĂŒr eine „außerordentliche Pfarrversammlung“

Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 09. April 2010. Unter Heddesheimer Katholiken wird darĂŒber spekuliert, weshalb es heute um 20:00 Uhr eine „außerordentliche Pfarrversammlung“ geben wird. Es geht bei den GerĂŒchten um den Verbleib von Pfarrer Heiner Gladbach in Heddesheim. Kann er nicht bleiben wegen einer Erkrankung? Oder wegen einer mutigen und kritischen Predigt des Pfarrers, die er am 14. MĂ€rz 2010 gehalten hat? Oder gibt es ganz andere GrĂŒnde? Die Missbrauchsdebatte ist in Heddesheim angekommen – doch nichts Genaues weiß man nicht, wie ĂŒberall in Deutschland.

Von Hardy Prothmann

Im Info-Kasten am katholischen Pfarrhaus informiert ein Zettel ĂŒber eine „außerordentliche Pfarrversammlung“ am Freitag, den 09. April 2010 im St. Remigius-Haus, 20:00 Uhr: „Pfarrer H. Gladbach wird uns ĂŒber seine derzeitige gesundheitliche und persönliche Situation informieren“, steht dort geschrieben.

Am spĂ€ten Donnerstagnachmittag bekommt die Redaktion einen Hinweis auf die Veranstaltung. Diese scheint kurzfristig anberaumt zu sein, die Kommunikation dazu soll „Mund-zu-Mund laufen“.

Pfarrer Gladbach bei der Firmung 2009. Bild: heddesheimblog

Ein Anruf im Pfarramt bringt die Information: „Herr Gladbach ist im Urlaub. Darum hat er gebeten. Er wird morgen sprechen.“

Unser Informant hatte auf eine Erkrankung hingewiesen. Das macht uns stutzig: Wer krank ist, macht normalerweise keinen Urlaub.

Krank? Urlaub? Termin?

Nach diversen Recherchen wird klar: In Heddesheim wird darĂŒber spekuliert, was das bedeuten kann. Vor allem in der katholischen Bevölkerung, aber auch darĂŒber hinaus.

Die GerĂŒchtekĂŒche sagt: Herr Gladbach ist in Freiburg in einer Herz-Klinik. Oder: Herr Gladbach will nach GerĂŒchten ĂŒber Zusammenlegungen von Kirchengemeinden in Heddesheim nicht mehr weitermachen.

Dann sagt uns jemand, Herr Gladbach habe einen „Termin“ im Freiburger Ordinariat gehabt. Also keine „Herz-Klinik“?

Das alles sind Spekulationen, die „etwas wissen“, „nicht genau wissen“, „gehört haben“, „nicht bestĂ€tigt“ sind, „nicht zitiert werden wollen“.

Es gibt Spekulationen – aber keine Informationen.

Tatsache ist: Es gibt diese Spekulationen. Tatsache ist auch: Je weniger informiert wird, desto mehr Spekulationen gibt es – weil es keine tatsĂ€chlichen Informationen gibt.

Tatsache ist auch: Eine Erkrankung ist eine sehr persönliche Situation, die Medien zu respektieren haben und die niemanden etwas angeht, außer der erkrankten Person und allen, die ins Vertrauen gezogen werden.

SpĂ€testens hier wĂŒrde das heddesheimblog den UmstĂ€nden entsprechend eventuell weiter recherchieren, aber nicht mehr berichten – aus Respekt vor dem Privatleben.

Tatsache ist aber auch, dass die katholische Kirche in Heddesheim zu einer „außerordentlichen Pfarrversammlung“ einlĂ€dt, in der Pfarrer Gladbach ĂŒber „seine persönliche und gesundheitliche Situation“ informieren will.

Respekt. Privat. Öffentlich.

Damit wird eine zu respektierende private Angelegenheit per AnkĂŒndigung öffentlich.

Wir recherchieren also weiter, behutsam, aber beharrlich.

Ein Katholik erzĂ€hlt uns, wie er die Predigt von Pfarrer Heiner Gladbach am 14. MĂ€rz 2010 erlebt hat: „Er stand mit dem RĂŒcken zur Gemeinde und zitterte. Mein Sohn sagte mehrmals: „Du Papa, ich glaube, der Pfarrer weint jetzt gleich“. Mein Sohn war sehr aufgeregt und auch ich war sehr ergriffen. Das habe ich noch nie vorher erlebt.“

Heiner Gladbach stellt unangenehme Fragen.

Am 14. MĂ€rz 2010 sagt Pfarrer Heiner Gladbach: „Ich bitte dich fĂŒr die Opfer, die durch Missbrauch und Misshandlung lebenslange seelische SchĂ€den davongetragen haben und tragen. (…) Sieh auf die Fehler der Verantwortlichen in deiner Kirche: Jahre und Jahrzehnte haben sie geschwiegen und diese Vergehen zugedeckt. Dadurch haben sie ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen.“

Diese Worte sind offen, kritisch und ergreifend, weil ein Pfarrer den Mut hat, im gemeinsamen Gebet darĂŒber zu sprechen, was die Menschen seit Wochen nicht nur in Deutschland bewegt und verzweifelt macht.

Pfarrer Gladbach wird aber noch mutiger und deutlicher: „Es ist unverstĂ€ndlich, warum dies geschehen musste. Im Moment kann man – Jesus – an deiner Kirche verzweifeln. Als Priester fĂŒhle ich mich im Moment hilflos.“

„Ich schĂ€me mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.“ Heiner Gladbach

Was der Pfarrer in seinem Gebet sagt, ist eine Zumutung fĂŒr jeden, der an die Unfehlbarkeit der Kirche glaubt.

Und dann betet Pfarrer Gladbach etwas, dass unbedingt politisch zu verstehen ist: „Ich schĂ€me mich manchmal Priester dieser Kirche zu sein.“

Pfarrer Gladbach wird in seinem Gebet nicht nur politisch – er wird deutlich: „Und es nĂŒtzen mir nicht all die Versprechungen der lĂŒckenlosen AufklĂ€rung, und es nĂŒtzt mir erst recht nicht die Aussage: Das kommt auch in nichtkirchlichen Institutionen vor.“

Eine Woche nach diesem Satz Ă€ußert sich der „Chef“ von Pfarrer Gladbach, Erzbischof Robert Zollitsch, der auch Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz in Deutschland ist, im Focus: „Auch wenn immer deutlicher werde, dass „die meisten FĂ€lle außerhalb des kirchlichen Raumes“ geschĂ€hen, seien sie in der Kirche besonders schlimm.“

Und kurz darauf gibt es die Meldung: „In der Diskussion um sexuellen Missbrauch im Erzbistum Freiburg hatte Zollitsch am Samstag VorwĂŒrfe gegen seine Person zurĂŒckgewiesen. Bei einem Fall, mit dem der heutige Erzbischof 1991 als Personalreferent befasst war, sei es nie darum gegangen, etwas zu vertuschen, sagte Zollitsch am Samstag vor Journalisten in Freiburg. Die Bistumsleitung habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“

Was haben die Krankheit, der Urlaub mit Erzbischof Zollitsch zu tun?

Gladbachs „Chef“, Herr Zollitsch, steht schwer unter Beschuss. Der SĂŒdwestrundfunk (SWR) stellt in Report Mainz die Frage: „Wie glaubwĂŒrdig ist Erzbischof Zollitsch als AufklĂ€rer?“

Heute wird Pfarrer Gladbach ĂŒber seine „gesundheitliche und persönliche Situation“ informieren.

Und das ist gut so. Je umfassender Herr Gladbach informiert, umso mehr wird GerĂŒchten jeglicher Boden entzogen.