Mittwoch, 20. September 2017

Gabis Kolumne

Das Kreuz mit dem Kreuz

stimmen

Rhein-Neckar, 16. September 2013. NĂ€chsten Sonntag ist Bundestagswahl und wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Gabi macht sich darĂŒber so ihre eigenen Gedanken. Und auch, wenn sie schon weiß, wo sie ihre Kreuze machen wird, ist sie damit nicht wirklich zufrieden. [Weiterlesen…]

Geprothmannt

Lektion erteilt bekommen

prothmann2_tn-2

Chefredakteur Hardy Prothmann kommentiert regelmĂ€ĂŸig in seiner Kolumne „Geprothmannt“ aktuelle Ereignisse.

Rhein-Neckar/Mannheim, 24. Juni 2013. (red) Vor gut einer Woche ist Chefredakteur Hardy Prothmann fast sich selbst „auf den ersten Blick“ aufgesessen, obwohl er eigentlich weiß, dass eine Bewertung auf den ersten Blick nicht immer den tatsĂ€chlichen UmstĂ€nden entspricht. Die wahre Begebenheit ist ein LehrstĂŒck, das bestimmt jedem mal so oder Ă€hnlich widerfĂ€hrt, wenn man bereit ist, eine Lektion erteilt zu bekommen. [Weiterlesen…]

Geprothmannt: AkkreditierungsgebĂŒhren und andere Pressefreiheits-Verhinderungsbestimmungen

Warum wir nicht ĂŒber das Festival des deutschen Films berichten

festival deutscher film 240

Keine Berichte zum Festival von uns – weil wir uns weigern, fĂŒr unsere Arbeit auch noch zu bezahlen.

Ludwigshafen/Rhein-Neckar, 10. Juni 2013. (red/pro) FĂŒr das Festival des deutschen Films haben wir vier Reporter vorgesehen, die je ĂŒber mindestens drei Filme berichten sollten. Es wĂ€ren also mindestens zwölf Artikel erschienen. Doch diese erscheinen nicht, weil wir die Zugangsbedingungen ablehnen – denn das Management verlangt fĂŒr jeden akkreditierten Reporter eine GebĂŒhr von 30 Euro.

Von Hardy Prothmann

Können Sie sich vorstellen, dass Sie morgens zur Arbeit fahren und Ihr Chef oder Ihre Firma erstmal Geld von Ihnen verlangt, damit Sie arbeiten dĂŒrfen? Nein? Wir Journalisten werden damit zunehmend konfrontiert. [Weiterlesen…]

Geprothmannt: Von "Schau mal die Rehe" ĂŒber "Hey, das ist mein Auto" bis zu "Das war ein tolles GefĂŒhl"

Hochwasser: Wenn die Schaulust den Verstand wegspĂŒlt

Hochwasser Schaulustige 2013-130602- IMG_5449

Ist das nur „romantisch“ oder einfach nur dumm? Ein Mensch watet bei Sonnenuntergang durchs Hochwasser am Stephanienufer und wird hinterher sagen: „Das war ein tolles GefĂŒhl.“

 

Rhein-Neckar, 03. Juni 2013. (red) Das Hochwasser ist das Thema aktuell. Vor allem in Bayern und Baden-WĂŒrttemberg hat das Wasser enorme SchĂ€den angerichtet. UnzĂ€hlige ehrenamtliche Helfer setzen sich ein, um anderen Menschen zu helfen. Die beste erste Hilfe jedoch wĂ€re, wenn man sich des eigenen Verstandes bemĂŒhte. [Weiterlesen…]

Gabis Kolumne

Im Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur

Rhein-Neckar, 27. April 2013. (red) Gabi liebt ihren Garten. Meistens, aber eben nicht immer. So ein Garten ist ein Kosmos und ein LebensgefĂŒhl. Es geht um Ideen, WĂŒnsche, Liebe und die harte RealitĂ€t. [Weiterlesen…]

Gabis Kolumne

Im Buchungs-Dschungel

Rhein-Neckar, 15. April 2013. (red) Der Sommerurlaub ist bekanntlich fĂŒr die Deutschen die schönste Zeit des Jahres. Doch zunĂ€chst muss die Reise gebucht werden. Und das ist bei der großen Auswahl im Internet nicht immer ganz leicht. Gabi begab sich fĂŒr uns in den Buchungs-Dschungel.
[Weiterlesen…]

Geprothmannt

Darf man Rechte mit Eiern bewerfen?

Rhein-Neckar, 18. Februar 2013. (red) In Mannheim haben BĂŒrger/innen, Politik-Vertreter und Mitglieder der linken Szene der NPD wieder einmal gezeigt, dass sie Widerstand gegen Rechtsradikale leisten. Das ist gut so. Nicht gut sind die BegleitumstĂ€nde.

Von Hardy Prothmann

Es gibt Kommentare, die schreibt man nicht gerne. Aber sie mĂŒssen trotzdem geschrieben werden. Am Samstag hat die rechtsradikale NPD eine Kundgebung in Mannheim angemeldet. Die Partei nimmt damit ein Grundrecht unserer Verfassung wahr – ob das den Gegnern der Partei passt oder nicht. [Weiterlesen…]

Gabis Kolumne

Ausmisten ist gut fĂŒr die Seele

Kisten packen ist nur die halbe Arbeit. Davor muss man Ordnung schaffen – innerlich und Ă€ußerlich. Foto: Rheinneckarblog.

Rhein-Neckar, 14. Januar 2013. UmzĂŒge sind nicht nur eine Ă€ußerliche VerĂ€nderung des Wohnraums, sondern verĂ€ndern auch das eigene Leben. Eine von Gabis Freundinnen ist gerade umgezogen und hat Ordnung geschaffen – innerlich und Ă€ußerlich, wie Gabi erfahren hat.

„Ausmisten ist gut fĂŒr die Seele, befreit und macht leichter“, nach diesem Motto ging eine Freundin ihren Umzug an. Meistens schreibe ich ja ĂŒber meine Beobachtungen. Heute prĂ€sentiere ich Ihnen, was ich protokolliert habe:

Der Kleiderschrank war zuerst dran. Es ist erstaunlich, wieviel KleiderstĂŒcke „frau“ im Schrank aht, die „frau“ in den letzten drei bis fĂŒnf Jahren nicht mehr getragen haben, da sie A zu klein, B nicht mehr modern oder C eigentlich noch nie wirklich gefallen haben? Das waren zumindest bei mir ziemlich viele. Denn man hofft stets A, dass man wieder abnimmt, B, dass die Kleider wieder in Mode kommen oder C, dass man doch noch eine Gelegenheit findet, diese „guten“ StĂŒcke zu tragen, denn schließlich waren sie ja teuer.

Macht man sich davon frei – und das habe ich wirklich versucht – ist der Haufen der ausgemisteten Kleider grĂ¶ĂŸer als der, der im Schrank verbleibt. So schleppte ich gefĂŒhlte hundert SĂ€cke zur Altkleidersammlung.

Schwieriger gestaltete sich das Aussortieren des BĂŒcherregals. Es gibt die aktuellen Romane und die Klassiker, die packt man ganz schnell in die Kiste. Doch was macht man mit „Uta Danella“-Romanen, die im Umschlag den Namenszug der Großmutter tragen? BĂŒchern mit Widmungen, die man noch nie gelesen hat? BildbĂ€nde mit „Wunder dieser Welt“, die mal „sauteuer“ waren und die man in den letzten zehn Jahren nicht einmal in der Hand hatte? Und mit Lexika, die in den 90er Jahren erschienen sind?

Da hilft nur Ausmisten. Doch wohin? Alte Romane kriegt man in den BĂŒcherregalen der Kommunen unter, aber wohin mit BildbĂ€nde und Lexika, die möchte keiner mehr, also bleibt nur die Tonne und das ist schmerzhaft. Der Mannheimer Umzugsberater meines Vertrauens von ASH Kurpfalz UmzĂŒge hatte volles VerstĂ€ndnis dafĂŒr: „Lassen Sie sich Zeit und sehen Sie es als Chance“, sagte er verstĂ€ndnisvoll.

Horrorszenario Speicher

Ein Horrorszenario offenbarte sich auf dem Speicher: Kisten mit Kinderspielzeug, Kinderbetten, alte Fotos und Briefe, Dias, Unterlagen aus dem Studium – ein unerschöpflicher Quell der Erinnerungen. Hier geht Sortieren ans Eingemachte.

Die Uni-Unterlagen, die ich schon zweimal umgezogen habe, flogen jetzt endgĂŒltig ins Altpapier. Briefe, TagebĂŒcher und Fotos – da bin ich ganz sentimental – landeten in der Umzugskiste.

Die Kindersachen wurden in Aschenputtel-Marnier sortiert, die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Sprich BilderbĂŒcher und Spielsachen, die der Nachwelt bzw. den Enkelkindern in weiter Ferne erhalten bleiben sollen, sowie Kinderbettchen und Schaukelpferd wurden eingepackt. UnvollstĂ€ndige Spiele und kaputte Spielsachen wanderten in den MĂŒll und den Rest brachte ich neben SchrĂ€nken, Regalen und Nippes zu einem sozialen Secondhand-Kaufhaus.

Horte der Sammelwut und Momente des GlĂŒcks

Und was bleibt noch ĂŒbrig? Richtig, der Keller. Ein weiterer Hort der ungezĂ€hmten Sammelwut. Braucht man wirklich acht Isomatten und zehn SchlafsĂ€cke? Wird man in naher Zukunft die Luftmatratze und das Schlauchboot flicken? Wie viel Beachball-Spiele und Squash-SchlĂ€ger kommen in den nĂ€chsten Jahren wirklich zum Einsatz? Da helfen nur eiserne Disziplin und große MĂŒllsĂ€cke.

Das mĂ€nnliche Spielfeld – die Werkstatt – auszumisten, habe ich meinem Mann ĂŒberlassen. Wie er mir versicherte, habe er gnadenlos weggeschmissen, dennoch blieb bei mir der Eindruck zurĂŒck, dass man mit den ĂŒbrig gebliebenen Schrauben, NĂ€geln und Brettern nebst Werkzeug in allen GrĂ¶ĂŸen und Formen ein ganzes Haus bauen könnte. Sehr lustig war, wenn ich ihn nach diesem und jedem fragte und wann er das schon mal benutzt hatte: „Bis jetzt noch nicht, Schatz, aber man weiß ja nie.“

Immerhin: Als ich eine Hakenschraube (nennt man das so?) erst mit dem Schraubenzieher und dann mit einer Zange aus der Wand holen wollte, verschwand er und kam triumphierend mit so einer Art Hakenzieher wieder. Das „Tool“ setzte er an und drehte mĂŒhelos mit einem LĂ€cheln die Haken aus der Wand: „Siehst Du, geht doch viel einfacher“, sagte er nicht ohne Stolz, endlich mal eines seiner sonst jahrelang ungebrauchten Werkzeuge einsetzen zu können. Und andere MĂ€nner sammelten schließlich Briefmarken oder Modellautos, er stehe halt auf Werkzeug. Sicher freut er sich drauf, im neuen Haus die Haken wieder eindrehen zu können.

Wohin mit dem MĂŒll?

Die wichtigsten „Events“ in dieser Lebensphase waren die Abfuhrtermine von SperrmĂŒll, Elektroschrott und Wertstofftonne sowie Altkleidersammlungen.

Denn hat man sich schon mehr oder weniger schweren Herzens von allen möglichen Dingen und Erinnerungen getrennt, bleibt die große Frage, wohin damit? Einen Container aufzustellen erschien mir zu brachial und gegen die – heutzutage in aller Munde – Nachhaltigkeit. Dementsprechend hat es mich gefreut, wenn Passanten und Sammler noch NĂŒtzliches vor meiner TĂŒr gefunden haben.

Freiheit!

„Und“, fragte ich nach dem Bericht meiner Freundin, „fĂŒhlst du dich jetzt leichter?“ „Befreit“, meinte sie, denn schließlich habe sie nun in SchrĂ€nken und Regalen wieder viel Platz und Neues könne jetzt Einzug halten – im Haus und im Leben.

Vielleicht sollten wir alle mal hÀufiger ausmisten, nicht nur beim Umzug, dachte ich.

gabi

Geprothmannt: Weg mit den Waffen!

Kinder sind immer Opfer – nicht nur in Newtown

Rhein-Neckar, 17. Dezember 2012. (red/pro) Das Massaker von Newtown/Connecticut hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Jeder mitfĂŒhlende Mensch nimmt Anteil und verabscheut diese Bluttat. Nach dem ersten Schock ist aber kĂŒhler Verstand gefragt, um dieses Drama und andere einzuordnen. Denn Newtown kann ĂŒberall sein und ist es auch.

Von Hardy Prothmann

26 Tote – davon zwanzig Kinder. Wie das StĂ€dtchen Newtown (25.000 Einwohner) dieses furchtbare Massaker verkraften kann, fragen sich ĂŒberall auf der Welt die Menschen, natĂŒrlich auch hier bei uns vor Ort. Der amerikanische PrĂ€sident versuchte vor Ort Trost zu Spenden – doch was nĂŒtzt das? Die Medien berichten „neu“-gierig ĂŒber alles, was man vermeintlich ĂŒber den TĂ€ter an Informationen finden kann. Berichten, hoffentlich einfĂŒhlsam und sorgsam, ĂŒber die Familien und Freunde, ĂŒber deren Trauer und Schmerz. Anders als bei Spiegel Online, die ĂŒber ein Asperger-Syndrom des Mörders im Zusammenhang mit der Bluttat spekulierten. Weil sich Autisten zu Recht gegen diese Darstellung gewehrt hatten, ergĂ€nzte Spiegel-Online den Text.

Doch der Fokus ist mit dem Blick auf Newtown zu eng gewĂ€hlt. Ein bis zwei Dutzend Massaker finden jĂ€hrlich in den Vereinigten Staaten statt. Das Massaker von Newtown war schon das 20. in diesem Jahr. Rund 30.000 Menschen werden hier Jahr fĂŒr Jahr durch den Einsatz von Schusswaffen getötet: Davon sind 18.000 Selbstmorde und 12.000 Menschen werden Opfer von anderen, die – warum auch immer – mit meist großkalibrigen Waffen auf andere Menschen schießen:

Auch Deutschland hat schon sechs „School-Shootings“ erlebt, darunter zwei besonders entsetzliche.  2002 in Erfurt: Der 19-jĂ€hrige Robert SteinhĂ€user tötete 17 Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Der 17-jĂ€hrige Tim Kretschmer tötete 2009 in Winnenden insgesamt 15 Menschen, verletzte elf weitere Menschen, bevor er sich selbst erschoss. Beide hatten ĂŒber ihr persönliches Umfeld Zugang zu Waffen. Ob nun berechtigt oder nicht, spielt keine Rolle. Waffen waren teil ihrer Erfahrungswelt. Und beide konnten mit Waffen umgehen. (Uns bleibt hoffentlich eine Debatte ĂŒber vermeintlich verantwortliche „Killerspiele“ erspart: „Der Mörder, die Journalisten und ihre Öffentlichkeit„.)

Jung, mĂ€nnlich, verwirrt – mit Waffe tödlich

Beim Amoklauf von Ansbach 2009 wurden zwei SchĂŒlerinnen schwer, sowie sieben SchĂŒler/innen und eine Lehrerin leicht verletzt. Der 18-jĂ€hrige TĂ€ter hatte „nur“ ein Beil, zwei Messer und Molotowcocktails. Nicht auszudenken, wieviele Todesopfer es durch den Einsatz von Schusswaffen möglicherweise gegeben hĂ€tte.

Fast alle Schulmassaker werden von jungen MĂ€nnern verĂŒbt. HĂ€ufig erfĂ€hrt man etwas ĂŒber „psychologische Probleme“ der TĂ€ter. Die These, dass die Zahl der Massaker und die Zahl der Toten weniger mit einem „Lattenschuss“ als dem Zugang zu tödlichen Schusswaffen zu tun hat, ist angesichts der FĂ€lle nicht von der Hand zu weisen.

Der Landtagsabgeordnete Hans-Ulrich Sckerl forderte Anfang 2010 vollkommen zu Recht eine VerschĂ€rfung des Waffenrechts. Newtown mag manchen weit weg vorkommen: Erfurt ist von uns aus nur etwas mehr als 300 Kilometer entfernt, Winnenden nur noch 125 Kilometer. Und die Bedrohungslage ist bei uns Vort ganz real: In Mannheim gab es zwei Amok-Drohungen an Schulen, in Schriesheim eine. 2009 legte ein Mann aus Viernheim Bomben in Weinheim und verminte seine Wohnung. Er verfĂŒgte ĂŒber ein beĂ€ngstigendes Waffenarsenal.

So bitter das klingt: Überall in Deutschland ist es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem Ă€hnlichen Drama kommen kann. Zwischen April 2002 und September 2009 gab es sechs AmoklĂ€ufe an Schulen. Dass seit drei Jahren „nichts“ passiert ist, darf man nicht glauben. Es passiert stĂ€ndig in den Köpfen von verwirrten jungen Menschen – ohne tödliche Waffen bleiben „RachegelĂŒste“ aber nur Gedanken und verschwinden irgendwann hoffentlich wieder.

Kinder sind immer Opfer – egal in welchem Kriegsgebiet

Amerika wird von vielen immer noch als vorbildliches Land gesehen. Das ist es nicht. Dieses Land lebt im Dauerausnahmezustand – im Krieg mit sich selbst. Bis an den Hals bewaffnet. Mindestens 250 Millionen Waffen sollen dort in Privatbesitz sein – darunter viele Kriegswaffen. 30.000 zivile Opfer durch Schusswaffengebrauch – das ist eine Zahl von Toten, die in vielen „realen“ Kriegsgebieten nicht erreicht wird.

Nach Angaben von Unicef starben in den vergangengen zehn Jahren zwei Millionen Kinder in den Krisengebieten dieser Welt, in Afrika, Asien, SĂŒdamerika und den Randregionen Europas: Ob durch Schusswaffen oder durch Bomben. Sechs Millionen weitere wurden körperlich verletzt. Die seelischen SchĂ€den kann niemand zĂ€hlen. Davon erfĂ€hrt man nur selten.

Ohne das Leid der Familien in Newtown zu missachten: Kinder und deren Familien, die in der dritten Welt Opfer von Waffengewalt werden, haben meist keinen Zugang zu einer medizinischen Versorgung, erhalten keine psychologische Betreuung und in aller Regel auch keine Anteilnahme in der Welt, denn meistens erfÀhrt man nichts davon.

Anmerkung der Redaktion: Im aktuell erschienenen RĂŒstungsexportbericht der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) vom 10.12.2012 ist nachzulesen: „Kleine und leichte Waffen sowie Munition gingen erneut an Staaten im Nahen und Mittleren Osten sowie an LĂ€nder in Asien. Insgesamt gingen 8.158 Kleinwaffen an Drittstaaten. Wichtigste Abnehmer waren Saudi-Arabien (4.213 Sturmgewehre), Indonesien (242 Maschinenpistolen, 102 Sturmgewehre) und der Kosovo (900 Sturmgewehre). Gleichzeitig wurden 6.051 leichte Waffen aus Deutschland exportiert. Der Großteil dieser Waffen ging an Singapur (rĂŒckstoßfreie Waffen). Die GKKE fordert die Bundesregierung dazu auf, den Export von kleinen und leichten Waffen sowie dazugehöriger Munition deutlich restriktiver zu handhaben. Angesichts der Zahlen aus dem Berichtszeitraum 2011 verwundert der Vermerk, dass die Bundesregierung auch in Zukunft Kleinwaffenexporte in EntwicklungslĂ€nder besonders restriktiv handhaben werde.“

 

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina StÀrz

„Sehr gerne“

Werden Reisende im Bordrestaurant gerne erwartet? Quelle: Wikipedia/www.flickr.com

Rhein-Neckar, 10. Dezember 2012. Ist das Wörtchen „gern“ nur ein Synonym fĂŒr „Gier“ oder was wollen wir damit sagen? Gesina StĂ€rz macht sich so ihre Gedanken.

Auf den meisten lĂ€ngeren Bahnstrecken haben die ZĂŒge Bistrowagons. Per Lautsprecheransage werden die Zugreisenden ins Boardrestaurant oder Boardbistro eingeladen. FrĂŒher habe ich diese Lautsprecheransagen wie wohl die meisten Zugreisenden zwar wahrgenommen, aber nicht auf den Inhalt der Ansage geachtet. Mittlerweile höre ich sie sehr gerne.

Es ist anzunehmen, dass sich das Zugpersonal jedes Mal etwas Besonderes einfallen lĂ€sst, damit die Reisenden fĂŒr einen Moment von ihren Laptops aufschauen, in denen gerade ein spannender Film lĂ€uft oder wichtige Handy-Telefonate von der Art „Ich bin gerade im Zug von MĂŒnchen nach Heidelberg, wollt‘ ich nur sagen“ unterbrechen.

Die Ansagen fĂŒr eine Einladung ins Boardrestaurant werden jedenfalls immer origineller. Und die beginnt bereits mit dem Tonfall. Erinnert ein wenig ans Puppentheater und damit an Kindertage. Der Tonfall ist in einer Ă€hnlichen Heiterkeit gewĂ€hlt, mit der einst der Kasper hinter dem Vorhang herausschaute und lostrĂ€llerte: Tritratralala, euer Kasper ist schon da. Seid ihr alle da?“.

Im Zug wird in diesem ausgelassenen und heiterem Tonfall das Tages- oder AbendmenĂŒ verlesen. Bei meiner letzten Fahrt von Heidelberg nach MĂŒnchen endete die Einladung ins Restaurant mit den Worten: „
, wo Sie unser Servicemitarbeiter sehr gerne erwartet. Wir freuen uns auf ihren nĂ€chsten Besuch.“

Gern: begierig, eifrig, ernst

Kann jemand, jemanden sehr gerne erwarten? Wie muss ich mir das vorstellen? Meine Aufmerksamkeit blieb beim Ansagentext hĂ€ngen. Ich dachte darĂŒber nach und vergaß dabei ins Boardrestaurant zu gehen. Ich erwarte Hugo mit großer Freude. Ich erwarte die Ereignisse mit Spannung. Kann man sagen, zur Not. Aber kann ich sagen, ich erwarte jemanden sehr gerne?

Wir verwenden oft das Wort „gern“. Beispielsweise auf Fragen dieser Art: „Darf ich Ihnen noch etwas nachschenken?“ „Ja, gern.“ Oder in Bewerbungsschreiben: „Gern stelle ich mich Ihnen persönlich vor.“ Oder auch in AlltagsgesprĂ€chen: Gern möchte ich in einem Haus in Heidelberg, in ruhiger Lage, möglichst direkt in der Altstadt und möglichst gĂŒnstig wohnen.“

Immer ist dieses Wort gern dabei. Offensichtlich der Deutschen Lieblingswort. Doch was bedeutet „gern“? Im Duden ist zu lesen, dass die Wurzeln dieses Wortes auf „begierig, eifrig ernst“ zurĂŒckgehen. Die indogermanische Wurzel von „gern“ geht auf „gher“ zurĂŒck, was bedeutet „sich an etwas erfreuen, nach etwas verlangen, begehren.“

Alles klar. Wenn wir „gern“ sagen, dann ist das eine elegante Kurzform fĂŒr Gier. Wenn wir auf die Frage, ob wir Wein nachgeschenkt haben möchten, mit gern antworten, dann signalisieren wir, dass wir uns nicht nur auf weiteren Wein freuen, sondern begierig darauf sind.

Wie gerne hÀtte ich doch
.

Wenn also der Servicemitarbeiter die Zugreisenden sehr gern erwartet, dann ist er begierig darauf zu erwarten, nicht darauf, dass tatsĂ€chlich jemand kommt. Bei meiner nĂ€chsten Zugreise, werde ich wieder gern, also freudig und begierig, auf die Ansage warten. Sollte wieder verkĂŒndet werden, dass „der Servicemitarbeiter sehr gerne die Zugreisenden erwartet“, habe ich verstanden, bleibe sitzen und beiße stattdessen in mein mitgebrachtes Sandwich.

Schließlich will ich dem Servicemitarbeiter nicht die Freude am Erwarten nehmen. Anders und doch Ă€hnlich liegt der Fall, wenn jemand gern Heidelberg in ruhiger Lage, direkt in der Altstadt, möglichst gĂŒnstig wohnen möchte. Er begehrt zwar Faktisches, nicht nur eine Erwartung wie der Servicemitarbeiter, dennoch bekommt er es nicht, weil es nicht gibt, was er begehrt.

Schließlich ist in der Altstadt immer viel los und dementsprechend nicht ruhig und die HĂ€user sind von vielen begehrt und deshalb rar und eben nicht gĂŒnstig. Aber sicher vermittelt ein Immobilienmakler dennoch nicht nur gern, sondern sehr gern eine Immobilie
.

Gabis Kolumne

Skateboard nein, Angeln ja?

AltersbeschrĂ€nkung fĂŒr Skateboard-Fahrer? Foto: Wikipedia / Jonni Mader.

Rhein-Neckar, 03. Dezember 2012. Dieser Tage brach ein „Shitstorm“ ĂŒber einen Brigitte-Artikel los. Eine Autorin hatte gewagt, zu erklĂ€ren, dass Skateboard-fahrende MĂ€nner jenseits der 25 ein No-Go seien. Und die Leserschaft im Netz war empört. Gabi hat sich so ihre Gedanken gemacht.

Was war passiert? Hatte die Autorin zu spitz formuliert, gar die MĂ€nnerwelt angegriffen? Ich habe den – kurzen – Artikel gelesen und bin ins GrĂŒbeln gekommen.

Wenn man jenseits von 25 nicht mehr Skateboard fahren darf, wie ist das mit Zumba, muss ich das jetzt auch sein lassen?

Im Freundeskreis haben wir neulich diskutiert, dass Frauen mit geflochtenen Zöpfen nicht Ă€lter als 20 und MĂ€nner mit langen Haaren nicht Ă€lter als 40 Jahre sein dĂŒrfen. Und danach?

Die Altersgrenzen haben sich verschoben, gehen Sie mal auf einen Spielplatz, die grauhaarigen Herren, die im Sand buddeln sind jetzt die VĂ€ter und nicht die Opas. WĂ€hrend die Blondine, die im Mini-Rock ein Kind vom Kindergarten abholt durchaus die Großmutter sein kann.

Ist das nun falsch? Wird uns nicht von der Werbung suggeriert, wir können alles, auch noch im hohen Alter?

Marathon-laufende MĂ€nner jenseits der 70 sind keine Seltenheit, noch mal Durchstarten mit 50 ist angesagt und an der Kleidung kann man schon lange nicht mehr das Alter erkennen.

Vor kurzem ist mir aufgefallen, dass die Haare meiner Freundinnen immer kĂŒrzer werden, sind wir also ab einem bestimmten Alter zum Einheitslook verdammt?

„Brigitte: Das Skateboardmagazin fĂŒr die Selbstbewuste Frau“. Quelle: www.wuv.de

In welche Richtung entwickelt sich unsere Gesllschaft? MĂŒssen wir ewig auf jung geblieben machen oder dĂŒrfen wir uns ab 50 nur noch in gedeckten Tönen kleiden?

In vielen Kommentaren war zu lesen, dass es sich dabei um einen Generationen ĂŒbergreifenden Sport handelt, also nach dem Motto „wenn der Vater mit dem Sohne“. Ist Angeln und Wandern okay und skaten nicht?

In meiner Jugend war es duchaus ĂŒblich, dass die VĂ€ter mit ihren Söhnen zum Angeln gegangen sind, das war ein verbindendes Element, auch wenn es dem Sohn vielleicht gar keinen Spaß gemacht hat, entsprach es der romantischen Vorstellung von MĂ€nnern in der Natur.

Und es sind vielleicht genau diese MĂ€nner, die nun heute lieber Skateboard fahren wollen? Das ist meiner Meinung nach vollkommen legitim.

Von mir aus können MĂ€nner auch noch mit 50 skaten und MĂ€dels jenseits der 40 rosa TĂŒtĂŒ und Zöpfe tragen, da sollte unsere Gesellschaft tolerant genug sein. Aber lasst doch der Autorin ihre Meinung, denn auch das gehört zur Toleranz.

gabi

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina StÀrz

Über Hornochsen und Rinder

Dieser Ochse hat noch Hörner. Foto: Wikipedia, B. Navez – Cantal (France).

Rhein-Neckar, 26. November 2012. Es gibt Ochsen mit und ohne Hörner und manchmal sind damit auch Rinder gemeint. Gesina Stärz macht sich so ihre Gedanken

Zu welcher Gattung Hornochsen gehören, darüber ist sich die Menschheit keineswegs einig. Allein im Internet sind deutlich mehr Bilder von Menschen unter der Bezeichnung zu finden, als von männlichen Rindern mit Hörnern.

Nun gut, die meisten von uns kennen sicher Momente in denen ihnen Hörner aufgesetzt wurden. Die Momente, in denen umgekehrt wir jemanden Hörner aufgesetzt haben, die sind weniger leicht erinnerbar. Woran das wohl liegt… ?

Neulich war mein Freund Anton bei mir zu Gast. Er hatte in einer bekannten Traditionswirtschaft zu Abend gespeist – Ochsengulasch und ein Bier – und zelebrierte so eine kleine private Feier. Denn in dieser urigen Wirtschaft hatte er seine Frau kennengelernt, die das mittlerweile anderthalbjährige Töchterchen, derweil er ein Wochenendseminar hielt, zuhause versorgte.

Im Anschluss an sein abendliches Mahl dachte sich Anton er könne doch mit den Seminarteilnehmern am nächsten Tag hier zu Mittag speisen. Er erhob sich, ging auf den Wirt zu, der hinter den Tresen Bier ausschenkte und wollte für zwölf Personen reservieren. „Geht nur per E-Mail“, sagte der Wirt kurz angebunden.

Das war wohl so ein Moment, in dem irgendwie die Hörner von Ochsen eine Rolle spielten. Nur wer wem Hörner aufsetzte, war noch nicht entschieden. Anton zückte sein Smartphone, klickte auf die Website der Wirtschaft, fand sofort unter Kontakte die E-Mail-Adresse und sendete vor den Augen des Wirtes seine Reservierungsanfrage per Mail ab. „Gut“, meinte der Wirt. „Dann bekommen Sie bis Mitternacht von mir Bescheid.“

Hornochsen-freies Gebiet

Vielleicht gehören ja Rinder mit Hörnern bald den vom Aussterben bedrohten Haustierarten an und finden sich als solche auf den roten Listen der EU und bestenfalls subventioniert in Archehöfen. Denn immerhin verkündete das Landwirtschaftsministerium, dass in Zukunft Rinder ohne Hörner gezüchtet werden sollen.

Die Presse fragte daraufhin besorgt: „Ist Deutschland bald Hornochsen-frei?“. Das könnte sein, so die Antwort, denn die Wissenschaft habe festgestellt, dass auf natürliche Art hornfreie Rinder die gleiche Milchleistung erzielen wie gehörnte.

Achtung: Wer hier männliche von weiblichen Rindern, ganz gleich ob mit oder ohne Hörner, nicht unterscheiden kann und alle in einen Topf wirft, aus dem am Ende Ochsen oder gar Hornochsen herauskommen, der sei gewarnt: Deutschland könnte, laut Zeitung, in den nächsten Jahrzehnten tatsächlich hornochsenfrei sei, denn schon jetzt wird Fleckviehbesamung teilweise mit hornlosen Ochsen durchgeführt. Die Tendenz sei steigend, heißt es weiter.

P.S.: Wie eine Besamung mit Ochsen, so werden üblicherweise kastrierte Stiere bezeichnet, möglich ist, stand nicht in der Zeitung.

Gabis Kolumne

Von Helden und Abenteurern

Ein bischen Schwund ist immer, das Auto fĂ€hrt schließlich auch ohne TĂŒrgriff.

Rhein-Neckar, 05. November 2012. Gib MĂ€nnern eine Aufgabe und je hoffnungsloser die ist, umso mehr werden sie sich anstrengen. Nimm ihnen aber nie die Hoffnung, sondern habe immer eine ErklĂ€rung parat, wenn die Aufgabe nicht zu lösen ist. Motto: Hauptsache Held, ob glorreich oder bescheiden. Was Tiefenpsychologie und Autoschlösser gemein haben, weiß Gabi.

Das Kind im Manne wird ja immer wieder gerne bemĂŒht. Erwachsene Kerle spielen mit der Eisenbahn, sammeln Panini-Aufkleber oder stellen im Keller eine Carrera-Bahn auf. Alles oft gesehen und nicht wirklich verwunderlich.

Barbie-spielende Frauen gibt es dagegen eher selten.

Doch das Ganze kann auch noch getoppt werden. Wie ich schon berichtet habe, ist mein Sohn vor kurzem ausgezogen und der Umzugstag hielt so einige Überraschungen bereit.

Der Sprinter stand vollgepackt und zur Abfahrt bereit im Hof und mein Sohn brachte nur noch die wichtigen Dinge wie Computer, Anlage und die Tasche mit seinen Unterlagen in seinen neu gekauften alten Golf.

FĂŒnf Minuten spĂ€ter kam er blass zurĂŒck und meinte, die Abfahrt wĂŒrde sich jetzt vermutlich verschieben. Der AutoschlĂŒssel – der einzige !! – lag im Kofferraum des zentralverriegelten Autos. Der Wagen war samt Inhalt hermetisch abgeschlossen und vier junge Kerle diskutierten wild, wie man nun dieses Auto knacken könnte.

Ein technisch versierter Freund meines Sohnes brachte die Tennisball-Methode ins Spiel. Laut Physik-Unterricht in der Schule könne man mit Hilfe eines mit einem Loch versehenen Tennisballs ein Schloss öffnen, erklĂ€rte er uns. Doch wĂ€hrend ich mich im Haus noch auf Ballsuche machte, kam meine Tochter dazu und meinte, „das könnt‘ ihr vergessen, ich hab’s grad gegoogelt und das funktioniert ĂŒberhaupt nicht“.

Inzwischen war auch ein Nachbar zur Hilfe geeilt, der mit leuchtenden Augen und guten Ideen vor dem verschlossenen Golf stand. „Mensch, Klaus“, meinte ich, „wenn du weißt wie man einen Golf knackt, dann hau rein, ich verrat’s auch keinem“.

GefĂŒhlte Stunden spĂ€ter, standen inzwischen vier junge und ein Ă€lterer Kerl fachmĂ€nnisch diskutierend um den Golf. Aber es tat sich nichts.

„Da hilft jetzt nur noch mein Mann Alberto“, sagte meine Freundin, die inzwischen herbei geeilt war, um mit mir Kaffee zu trinken und das Geschehen zu beobachten. „Wenn nicht ein Italiener ein Auto aufmachen kann, wer dann?“

Zehn Minuten spĂ€ter kam Alberto in seinem schwarzen Alfa Romeo vorgefahren und packte seinen Werkzeugkoffer aus dem Kofferraum. Eine Drahtschlinge hatte er vorsorglich vorbereitet und mit großer Grandezza machte er sich ans Werk.

Und siehe da, nach kĂŒrzester Zeit waren die Knöpfchen oben, aber der Golf blieb verriegelt. „Blockverriegelung“, diagnostizierte der Freund meines Sohnes, der mal Ingenieur werden möchte.

Frauen holen sich Hilfe, MÀnner suchen eine Lösung

WĂ€hrend Frauen sich in diesen Situationen Hilfe holen, zunĂ€chst bei MĂ€nnern, dann bei Fachleuten, erwacht in solch‘ aussichtsloser Lage bei MĂ€nner willenloser Ehrgeiz, oder netter formuliert, der unaufhaltsame Wunsch, eine Lösung zu finden. MĂ€nner sind erfolgsorientiert, es muss ein Resultat her. Welches, ist egal. Hauptsache ein Ergebnis.

Nach einer weiteren halben Stunde qualifizierter Diskussion und handwerklichen Geschicks, hatten sie ein Resultat und den TĂŒrgriff der BeifahrertĂŒr in der Hand – und das Auto blieb geschlossen – das nagte an den stolzen MĂ€nnern.

Das Ergebnis war die Erkenntnis des eigenen Scheiterns. Die Ausweglosigkeit der Lage souverÀn anerkennend, zeigte man(n) sich nun bereit, den ADAC zu rufen. Und keine 20 Minuten spÀter war der Fachmann vor Ort.

„Das ist das erste Golf-Modell mit Blockverrieglung, da kann ich nichts machen. Da haben sich die Ingenieure was bei gedacht“, erfuhren wir von dem „Gelben Engel“. Welch‘ Wohltat fĂŒr die verhinderten Autoknacker, es hatte also nicht an ihrem hervorragenden Können, sondern schlicht und einfach an der noch ĂŒberragenderen Technik gelegen. „Sie mĂŒssen einen SchlĂŒssel beim Werk nachbestellen und das kann dauern“, erklĂ€rte er uns.

„Das können sie den Jungs nicht antun. Die mĂŒssen in drei Tagen mit dem Studium beginnen und alles Wichtige dafĂŒr befindet sich in diesem Auto“, appellierte ich an seinen Helferinstinkt, denn schließlich ist auch der „Gelbe Engel“ ein Mann.

„Na ja, vielleicht könnte man die Batterie abklemmen, dann mĂŒsste sich die Verriegelung lösen, aber dazu muss man erst mal die Motorhaube öffnen und dafĂŒr brauche ich einen langen, starken Draht“, ĂŒberlegte der Mann vom ADAC.

Klare Ansage, sofort stĂŒrmten alle Umstehenden los und schafften in kĂŒrzester Zeit eine Auswahl an Hilfsmitteln heran.

Jetzt ging alles ganz schnell, mit einem Keil wurde fachmĂ€nnisch ein Spalt zwischen AutotĂŒr und Rahmen geschaffen und mit einer Tomatenkletterstange – man glaubt es kaum – wurde der Hebel fĂŒr die Motorhaube im Fußraum betĂ€tigt. Die Batterie wurde abgeklemmt und Simsalabim öffneten sich die AutotĂŒren.

Was noch zu berichten ist: Der Umzug selbst war ein Kinderspiel, denn das grĂ¶ĂŸte Abenteuer hatten die Helden schon hinter sich.

gabi

Geprothmannt

Demografie – eine unglaubliche Herausforderung

Rhein-Neckar, 30. Oktober 2012. (red) Der sechste Demografie-Kongress war einer der bestbesuchtesten. Das Thema beschĂ€ftigt immer mehr Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Und das ist auch dringend nötig, denn der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten und die Folgen werden uns in fĂŒnfzehn bis zwanzig Jahren einholen.

Von Hardy Prothmann

Deutschland 2032. Es fehlen sechs Millionen ArbeitskrĂ€fte. Das sind rund 15 Prozent weniger als 2012. Es fehlen spezialisierte FachkrĂ€fte, Experten. Ist es möglich, Wirtschaft und Verwaltungen ohne „AusfĂ€lle“ zu betreiben? Was, wenn es zu AusfĂ€llen kommt? Zieht das weitere AusfĂ€lle von weiteren Wirtschaftszweigen nach sich? Bleiben Verwaltungsaufgaben liegen, weil FachkrĂ€fte in den Abteilungen fehlen?

Im Jahr 2032 werde ich 66 Jahre alt sein. Auf dem Weg in die Ruhestand. Muss ich weiterarbeiten, weil meinen Job keiner macht? Die Frage werden sich viele stellen mĂŒssen. Viele werden die Frage gestellt bekommen.

Vielleicht gibt es auch schon viele Antworten auf Fragen, die man sich heute stellt. Wenn man heute konsequent beginnt, Lösungen zu suchen, wird der demografische Wandel vielleicht keine verheerenden Wirkungen entfalten. Vielleicht.

2012 noch jung – 2032 im Rentenalter. Hardy Prothmann, Chefredakteur, sieht die Demografie als eine der grĂ¶ĂŸten Herausforderungen, die Deutschland in der Zukunft bewĂ€ltigen muss.

Wenn man sich anschaut, wie wenig prĂ€sent die Demografie in der aktuellen Politik ist, kann man durchaus Zweifel haben, ob das Problem und die daraus resultierden Folgeprobleme auch nur ansatzweise verstanden worden sind. Bis 2032 gehen noch zwanzig Jahre ins Land – aber die Zeit rennt, weil es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt.

Arbeitnehmermarkt

FĂŒr junge, gut ausgebildete Menschen werden das hervorragende Zeiten werden. Es wird ein Arbeitnehmermarkt – die Angestellten bestimmen die Konditionen, weil der Markt so eng ist. FĂŒr Unternehmen kann die Demografie existenzbedrohend werden, wenn sie nicht mehr genug qualifizierte Menschen fĂŒr die zu erledigende Arbeit finden. Das ist letztlich schlecht fĂŒr alle – denn was, wenn zwar weiter Autos gebaut werden, aber der Zulieferer fĂŒr wichtige Bauteile mit der Produktion nicht nachkommt, weil ihm von der Herstellung bis zum Vertrieb die Leute fehlen?

Wer heute schon ĂŒber FachkrĂ€ftemangel klagt, macht sich noch keine Vorstellung, was ab 2027 los sein wird. Menschen, die heute mit 55 Jahren keine Arbeit mehr finden, weil sie zu alt sind, werden wild umworben werden, gute Angebot erhalten, weil man sie mit einem Male doch braucht.

Ende 2012 ist klar: Welche Auswirkungen die Demografie letztlich hat, weiß noch niemand genau. Was man weiß ist, sie werden gewaltig sein.

Wichtiger Beitrag des VRRN

Insofern hat der Verband Region Rhein-Neckar (VRRN) einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, die Demografiewoche in unseren Raum zu holen. Gerade vor dem Hintergrund, dass bislang unsere Bevölkerungszahlen einigermaßen stabil sind. Trotzdem geht auch bei uns die Schere zwischen Alt und Jung auseinander. Auch uns wird die Demografie treffen. Und deshalb war diese Demografiewoche sehr wichtig – als Start eines bewussten Umgangs mit den kĂŒnftigen Herausforderungen, die schon bald mehr und mehr deutlich werden.

Schade ist, dass die kleineren Gemeinden sich nur wenig beteiligt haben. Vielleicht, weil hier die Probleme noch nicht so sehr drĂŒcken, wie das in den StĂ€dten schon erkennbar ist. Fast jeder Ort in unserem Berichtsgebiet hat noch die wichtigste Infrastruktur im Ort, mindestens ein Nahversorger ist ĂŒberall vorhanden. In Mannheim haben bereits 60.000 Menschen keine Nahversorgung mehr in der unmittelbaren Umgebung. Das sind Heddesheim, Ladenburg, Ilvesheim, Edingen-Neckarhausen und Schriesheim zusammengenommen.

Gemeinsame Lösungen vs. AlleingÀnge

Die Gemeinden werden in Sachen Demografie unweigerlich mehr zusammenarbeiten mĂŒssen, wenn sie die Herausforderungen stemmen wollen. Und sie mĂŒssen die Demografie in ihre Agenden aufnehmen. Man wird mehr tun mĂŒssen, als ein, zwei Altenheime zu bauen.

Von unserer Seite aus begleiten wir den Prozess auch in Zukunft. Aktuell haben wir in den vergangenen vier Monaten ĂŒber 60 Artikel zur Demografie in unseren Blogs veröffentlicht. Auch das war eine Herausforderung – aber eine, die wir gerne annehmen, weil sie wichtig ist.

Anm. d. Red.: Normalerweise ist Montag unser Kolumnentag – wegen organisatorischer GrĂŒnde musste der Text leider einen Tag spĂ€ter erscheinen.

Gabis Kolumne

Ein PlĂ€doyer fĂŒr das Buch – aus Papier

Ebooks mögen praktisch sein – machen sich aber nicht gut im Bücherregal, meint Gabi.

 

Rhein-Neckar, 22. Oktober 2012. Gabi möchte keine E-Books und keinen E-Book-Reader. Auch wenn die Vorteile überzeugend klingen, möchte sie sich das Buch nicht aus der Hand nehmen lassen, denn sie hat so ihre Gründe.

Ich gebe zu, dass ich mich manchmal gegen Neuerungen wehre, vor allem solche technischer Natur. Als mein Mann schon längst eine Digitalkamera hatte, habe ich noch brav Filme eingelegt und zum Entwickeln gebracht.

Ich gehörte nicht zu den ersten Handybesitzern und habe erst seit knapp einem Jahr ein Smartphone.

Habe ich mich zu den technischen Veränderungen – freiwillig oder auch liebevoll gezwungen – dann schließlich durchgerungen, nutze ich die Möglichkeiten begeistert. Und kann mir eine Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.

Was mir aber nicht und NIEMALS ins Haus kommt, ist ein E-Book-Reader! Und dafür habe ich meine Gründe.

Fünf einleuchtende Vorteile und …

Gerade jetzt in der Zeit rund um die Buchmesse werden überall dessen Vorteile angepriesen.

Und sie scheinen auf den ersten Blick auch einleuchtend:

Vorteil 1: Endlose Lesestoffmengen, wenn man in den Urlaub fährt oder täglich mit dem Zug unterwegs ist. Das bedeutet, die Gefahr von Übergebäck beim Fliegen wird minimiert. Doch dann lass ich doch lieber ein paar Schuhe zu Hause und steck noch zwei Bücher in den Koffer.

Aber: Und wenn wir schon von Urlaub sprechen, wo lesen Sie Ihre Bücher? Also ich lese sie am Strand oder am Pool und da ist es bekanntlich sandig und feucht. Sand zwischen den Seiten oder auch ein Sonnenmilchfleck auf dem Umschlag stören mich nicht, da bekommt ein Buch Patina. Ein E-Book sieht das wohl anders.

Und apropos Sonne, es darf kein LED-Bildschirm sein, sonst sieht man bei Sonnenschein grad mal gar nix, das habe zumindest dieser Tage im Radio gehört.

Vorteil 2: Kein Mensch bekommt mit, was man liest.

Vor allem „heiße“ Literatur wie „Shades of Grey“ (meine Kolumne dazu ging wie geschnitten Brot und war zwei Wochen lang jeden Tag der bestgelesenste Artikel 😀 ) sollen erst durch das E-Book erfolgreich geworden sein, da keiner sieht, was man liest, weder beim Kauf an der Kasse noch am Strand oder im Café – eine Portion Erotik quasi inkognito.

Aber: Doch auch dieses Argument verpufft bei mir, da ich keine Scheu habe, erotische Literatur zu kaufen und zu lesen – vor allen Augen.

Vorteil 3: E-Books sind günstiger, vor allem, wenn sie nicht mehr ganz aktuell sind. Viele Downloads gibt es auch kostenlos, darunter große Klassiker der Weltliteratur.

Aber genau die möchte ich nun mal im Regal stehen haben. Auch weils schön aussieht.

Vorteil 4: Man kann die Schriftgröße ändern und braucht demzufolge keine Lesebrille. Zugegeben, dieses Argument muss ich anerkennen. Ab einem bestimmten Alter schlägt die Weitsichtigkeit unweigerlich zu.

Aber da ich von Natur aus kurzsichtig bin, kann das noch eine Zeit dauern.

Vorteil 5: Die „Seiten“ eines E-Books vergilben nicht.

Das hat mich noch nie gestört. Denn schließlich sieht man auch uns das Alter an.

Was ich eindeutig anerkenne, ist der Vorteil der E-Books im Bereich der Sekundärliteratur. Das macht Sinn. Doch überzeugen konnte mich die Liste der Vorteile letztlich nicht, zumal mir auch eine ganz Reihe von Nachteilen einfallen:

… und vier überzeugende Nachteile

Nachteil 1: Ich lese gerne in der Badewanne – stundenlang. Wird mein Buch feucht, dann bekommt es Wellen, mehr passiert nicht. Und ich lese gerne abends im Bett. Kuschel mich mit Decke und Buch ein und finde das sehr gemütlich – ein elektronisches Gerät würde da nur stören.

Nachteil 2: Bin ich zum Beispiel mit dem Zug unterwegs und gerade an der spannendsten Stelle oder kurz vorm Ende geht mein Akku leer – gelitten, mehr lässt sich dazu nicht sagen.

Nachteil 3: Die Haptik und Ästhetik. Ich liebe es Bücher anzufassen, die Seiten umzublättern und mit den Fingern das Papier zu erspüren. Ich sehe gerne meinen Lesefortschritten anhand der wachsenden Seitenzahlen. Ich liebe Buchumschläge und Klappentexte und ich ordne gerne meine Bücher im Regal.

Nachteil 4: Ich verbringe gerne Zeit in Buchläden und Bibliotheken. Ich stöbere, blättere und lese an – und manchmal – psst – auch die letzte Seite. Der E-Book-Store im Internet ist dafür eindeutig kein Ersatz.

Bücher erzählen vom Leben

Bücher erzählen Geschichten, nicht nur in den Seiten, sondern auch durch die Seiten. Ich habe Romane – vor allem Liebesromane, da steht der Name meiner Großmutter drin. Und ich kann mir vorstellen, wie mein Großmutter an einer bestimmten Stelle geseufzt hat. Ich habe an meine Kinder Reclamhefte weiter gegeben, die ich schon von meinen Eltern „geerbt“ habe, in denen in Schönschrift der Mädchenname meiner Mutter geschrieben ist oder in denen mein Vater, die wichtigen Stellen unterstrichen hat.

Ich habe Bücher, da markieren Rotweinflecken die durchlesene Nacht und der Sand, der aus den Seiten rieselt, erinnert an einen vergangenen Urlaub. „In den alten Bilderbüchern meiner Tochter finde ich manchmal Krekskrümel oder Schokoladenflecken“, sagte mir kürzlich eine Freundin und wurde ganz melancholisch und ich weiß, was sie meint. Bücher erzählen vom Leben, auch vom eigenen.

Manche Bücher liest man mehrmals, das hinterlässt Spuren, nimmt man sie wieder in die Hand, kann man sich auf Spurensuche begeben. Probieren Sie das mal mit einem E-Book!

gabi

Geprothmannt

Eskalierende Berichterstattung

Ein Jugendlicher zerstört eine Scheibe und die RNZ suggeriert aufgrund einer „Zeugenaussage“, die Polizei sei schuld, weil zu „rabiat“. Gehts noch?

 

Rhein-Neckar/Schriesheim, 15. Oktober 2012. (red/pro) In Schriesheim gab es vor kurzem so etwas wie Chaostage. Rund 250 zum Teil heftig besoffene Jugendliche treffen sich einer „Abrissparty“. Rund 50 eilig herbeieilende Polizisten bekamen die Lage aber in den Griff. Die „QualitĂ€tspresse“ sieht das anders. Und pumpt einen 20-jĂ€hrigen Chaos-Beteiligten zum „Kronzeugen“ auf.

Von Hardy Prothmann

Nein, ich mache jetzt keine Namensanspielungen zum Beitrag von Carsten Blaue in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 09. Oktober 2012 mit der Überschrift:

Sorgte die Polizei fĂŒr eine Eskalation?

Aber ich frage mich sehr wohl, was den RNZ-Journalisten dazu treibt, eine solche Überschrift zu formulieren und einen Beitrag zu verfassen, der jeden aufmerksamen Leser vollstĂ€ndig erschĂŒttert zurĂŒcklĂ€sst: Ist dieser Artikel ein Beispiel fĂŒr den angeblichen QualitĂ€tsjournalismus der Tageszeitungen?

Abriss“birnen“

Zur Sachlage: Am Abend des 05. Oktobers 2012 finden sich in Summe rund 250 Jugendliche in Schriesheim zusammen, um an einer „Abrissparty“ teilzunehmen. Sie rotten sich in Gruppen zusammen, saufen mitgebrachte Alkoholika, werden auffĂ€llig und die Polizei reagiert. Insgesamt rund 50 Streifenbeamte der Polizeidirektion Heidelberg, unterstĂŒtzt durch das PolizeiprĂ€sidium Mannheim treffen in Schriesheim ein, errichten Kontrollpunkte und versuchen die Lage zu klĂ€ren.

Die Mannheimer Beamten kennen sich vor Ort nicht aus – das geht auch vielen Heidelberger Polizisten so. FĂŒr einen Einsatzplan bleibt keine Zeit. Der Einsatz kommt ĂŒberraschend. Und man „jagt keine Verbrecher“, sondern betrunkene Jugendliche, die unter der Woche sicher Mamas und Papas Liebling sind. Brave Kinder im Alkoholausstand.

Chaos-Nacht in Schriesheim

Die Jugendlichen zerdeppern Flaschen auf der Straße (welche, spielt keine Rolle, es hĂ€tte ĂŒberall sein können), vermĂŒllen den Platz vor einem frĂŒheren Handelsmarkt, demolieren zwei Autos, schlagen die TĂŒrscheibe einer Bahn ein, gröhlen, beleidigen und provozieren Beamte.

Die Jugendlichen werden abgeschirmt, begleitet, in kleinen Gruppen in die Bahnen gesetzt. Nach vier bis fĂŒnf Stunden ist der Spuk am Freitagabend kurz vor Mitternacht vorbei. Die Lage ist beruhigt.

In der Folge schreibt ein 20-jĂ€hriger eine email an die Rhein-Neckar-Zeitung. Die Zeitung nennt den Namen des email-Schreibers, sein Alter und seinen Wohnort. Dass sie dabei gegen jede Grundregel des Quellenschutzes verstĂ¶ĂŸt, ist Redakteur Carsten Blaue scheinst, vollstĂ€ndig egal.

Quellenverbrennung

Guter Journalismus bewahrt „Quellen“ auch vor Selbstschaden. Den hat der junge Mann jetzt. Denn er wird fĂŒr einen vermeintlichen „Scoop“ (journalistische Aufdeckung) klasklar missbraucht. Es gibt journalistisch ĂŒberhaupt keinen Grund, Namen, Alter und Wohnort und „Status“ des Informanten als „Beteiligten“ zu nennen – außer die Folgen fĂŒr den Informanten sind einem RNZ-Journalisten einfach nur egal. Jeder „Informant“ sollte es sich genau ĂŒberlegen, ob man dieser Zeitung trauen kann.

Die Rhein-Neckar-Zeitung stellt tatsĂ€chlich wegen der Behauptung eines einzelnen, jungen „Erwachsenen“ den Einsatz der Polizei in Frage. Fragen zu stellen, ist journalistisch absolut legitim. Geradezu notwendig. Aber welche Fragen wurden gestellt?

Jugendliche in Abrisslaune randalieren, die Polizei bekommt die Lage in den Griff und die Zeitungsberichterstattung „eskaliert“.

 

„Blaues Sicht“ – null Recherche

Der junge Mann behauptet, die Polizei sei „rabiat“ gewesen. Hier muss man nachhaken. Was meint das? Hat die Polizei etwa klare Ansagen gemacht? Oder auch ein bisschen „gedrĂ€ngelt“?

Der junge Mann behauptet laut der Zeitung aber auch, die Polizei sei „gewalttĂ€tig“ gewesen. Und spĂ€testens hier ist Schluss mit lustig. Gewalt hat Konsequenzen: HĂ€matome, blaue Augen, Platzwunden, Verletzungen eben.

Sind Verletzungen dokumentiert? Nein. Wurde die Polizei befragt, ob es Festsetzungen gab, Schlagstock- oder TrÀnengaseinsatze? Nein.

Denn das hĂ€tte ja „den Aufreger“ zunichte gemacht.

Wurde im Ansatz von Herrn Blaue und der Redaktion ĂŒber die Lage vor Ort nachgedacht? Über die Einsatzwirklichkeit der Polizei?

LÀcherliche Polizei vs. blödsinnige Meinung

50 Beamte stehen 250 mehr oder weniger alkoholisierten Jugendlichen gegenĂŒber, die in „Abrissparty-Laune“ sind. Ohne jegliche Vorbereitung. Glaubt der Journalist tatsĂ€chlich, dass die Polizei so dumm ist und durch falsches Verhalten diesen schon sichtbar aggressiven Mob noch mehr zu reizen?

Die Einsatzwirklichkeit von Polizeibeamten beschreibt der Pressesprecher Harald Kurzer so:

Wir sind teilweise das Gespött der Stammtische. FĂŒnf Beamte waren nötig, um einen ausrastenden Betrunkenen unter Kontrolle zu bringen – ja, haben die gar nix drauf?

Gute Frage, nĂ€chste Frage. Sollen die Beamten knĂŒppeln oder gar schießen? Um eine ausrastende Person zu „stabilisieren“, braucht es mindestens zwei, eher drei oder sogar fĂŒnf Personen. Vor allem, um die Person vor Verletzungen zu bewahren, die sonst umungĂ€nglich wĂ€ren. Die Methode „Schlagstock ĂŒber den SchĂ€del ziehen“ wird ĂŒberwiegend nur noch in Diktaturen angewandt, nur Herr Blaue hat das noch nicht mitbekommen.

Gehts noch?

Konkret vor Ort hieße das, die Polizei hĂ€tte nicht mit 50 Beamten, sondern mit 500 oder besser 750 Beamten vor Ort sein mĂŒssen. Wegen einer blöd-besoffenen Abrissparty-Laune, die ĂŒber Facebook „organisiert“ wurde? Gehts noch? Denkt ein Herr Blaue abgesehen von der AbsurditĂ€t der Vorstellung auch mal ĂŒber die Kosten fĂŒr den Steuerzahler nach?

Geht Herr Blaue davon aus, dass am Wochenende hunderte von Polizisten in Einsatzbereitschaft sind, um dem feierwĂŒtigen Nachwuchs klar zu machen, dass man sich mal eben nicht irgendwo trifft, um zu saufen und was kaputt zu machen? Und wenn dies so wĂ€re, berichtete die RNZ dann ĂŒber „PolizeistaatsverhĂ€ltnisse mitten in Deutschland“?

Blödsinniger kann man tatsĂ€chlich nicht „berichten“, als die Rhein-Neckar-Zeitung das im Fall der „Schriesheim-Flashmobs“ getan hat. Ohne Recherche, ohne Sinn, ohne Verstand.

Falsches Ticket

Ich fĂŒr meinen Teil hoffe, dass die Beamten vor Ort den besoffenen Jugendlichen so deutlich wie möglich klar gemacht haben, dass es niemanden interessiert, ob man in die falsche Bahn gesetzt wird und einmal umsteigen muss, nachdem man sich verabredet hat, sich die Birne aufzuweichen und was kaputt zu machen.

Jeder, der an diesem Freitagabend mit dieser Stimmung nach Schriesheim gefahren ist, war „mit dem falschen Ticket“ unterwegs.

Und die Schriesheimer Bevölkerung kann sehr dankbar sein, dass die Polizei dafĂŒr gesorgt hat, dass die Situation vor Ort nicht eskaliert ist und niemand wirklich zu Schaden kam. Den TĂŒreinschlager hat man festgestellt, er wird zur Verantwortung gezogen. Wer noch finanziell (Party-Veranstalter oder Facebook-Einlader) fĂŒr den Einsatz aufkommen muss, wird noch geprĂŒft. Die Besitzer der demolierten Autos haben hoffentlich eine Vollkasko, sonst bleiben sie vermutlich auf dem Schaden sitzen. Alle anderen Autobesitzer sind der Polizei dankbar.

Die friedliche und kĂŒnstlerische Idee des „Flashmobs“ wurde ebenfalls beschĂ€digt, die vielen tollen Möglichkeiten der sozialen Medien ebenso, denn fĂŒr Zeitungen ist alles mit Internet sowieso „igitt“.

Eskalation vs. gute Polizeiarbeit

Die „Eskalation“ hat im Kopf eines Zeitungsschreibers stattgefunden, der journalistische Standards nicht beherrscht, sondern selbst auf Krawall aus ist. Flankiert von einer Zeitung, die an Standards offensichtlich nicht interessiert ist. GewĂŒrzt mit einer (zeitungsredakteursimmanenten) Panikstimmung gegenĂŒber dem Internet. Und der verlorenen Hoffnung, vielleicht irgendeinen blöd-besoffenen Jugendlichen, der eh keine Zeitung liest, fĂŒr die Zeitung zu interessieren.

Es könnte sein, dass die Rhein-Neckar-Zeitung den ein oder anderen Polizisten als Abonnenten verloren hat, der sich solche Berichte „einfach nicht mehr geben muss“.

Dokumentation: Die Berichte in der Rhein-Neckar-Zeitung können Sie hier nachlesen (sofern sie nicht gesperrt werden)

Sorgte die Polizei fĂŒr eine Eskalation?

Mit jeder Bahn kamen mehr Jugendliche?

Wie die Rhein-Neckar-Zeitung „politisch berichtet, können Sie hier nachlesen:

Politische „Berichterstattung“ bei der RNZ

 

 

 

 

Gabis Kolumne

Von Wurzeln und FlĂŒgeln

Es gibt viel Literatur zu diesem Thema. Quelle: Francke-Buchhandlung

Rhein-Neckar, 08. Oktober 2012. Gestern waren die Kinder noch im Kindergarten und heute ziehen sie aus. So kommt es zumindest Gabi und ihren Freundinnen vor. Das macht Kummer und birgt aber auch neue Möglichkeiten.

Okay, okay, wir haben es schon lange gewusst: Irgendwann ziehen sie aus. Und das kommt dann ganz plötzlich. Man hat das GefĂŒhl erst vor Kurzem kamen sie in den Kindergarten, gestern in die Schule und und nur einen Augenblick spĂ€ter, ziehen sie aus.

Es gibt so einen netten, viel zitierten, ich glaube, indischen Spruch:

Solange Kinder klein sind,
gib ihnen tiefe Wurzeln,
wenn sie Àlter geworden sind,
gib ihnen FlĂŒgel.

Das mit den Wurzeln, meine ich, haben wir ganz gut hingekriegt, aber das mit den FlĂŒgeln ist ganz schön schwer.

Das vergangene Jahr, raste nur so dahin und auf das Abi zu. Klar, war mir bewusst, danach wird sich mein Sohn um einen Studienplatz bewerben und ziemlich sicher ausziehen. Und das ist auch gut so. FĂŒr ihn und fĂŒr mich. Das ist der Lauf der Dinge. Und dann ist es plötzlich so weit. Und aus der Distanz schien alles einfacher.

Jetzt ist es ja nicht so, dass mich das Schicksal „verwaiste Mutter“ allein betrifft, sondern dass ein Großteil meiner Freundinnen dies mit mir teilen. Ob die Kinder nun eine Ausbildung oder ein Studium machen.

Gemeinsam haben wir unsere Kinder in die KindergĂ€rten geschickt, in die Grundschule, auf die weiterfĂŒhrenden Schulen. Wir hatten durchwachte NĂ€chte als sie klein und krank waren und spĂ€ter, wenn sie zu spĂ€t oder nicht nach Hause kamen. Wir haben die Streitigkeiten mit Freunden mit durchlitten und ihr erster Liebeskummer war der unsere. Es gab die Höhen und die Tiefen und jeder, der Kinder hat, weiß wie hoch und wie tief es gehen kann.

„Ich bin froh, wenn Du mal ausgezogen bist und Deine WĂ€sche selbst wĂ€schst!“ Diesen Satz hat wohl jeder mal gesagt oder zumindest gedacht. Und dann steht der Umzugswagen vor der TĂŒr, die Koffer sind gepackt – und man fĂŒhlt sich hundeelend.

Die Tochter einer Freundin hat einen Studienplatz in MĂŒnchen bekommen, das ist ganz schön weit weg. Wir haben uns kennen gelernt, als wir die Kinderwagen unserer Erstgeborenen durch die Gegend schoben. Wir kamen ins GesprĂ€ch zwischen den Regalen im Drogeriemarkt, direkt vor den Windeln. Ihre Tochter war dreieinhalb, mein Sohn war zwei Wochen alt. Wir waren jung und leicht ĂŒberfordert mit der neuen Lebensaufgabe. Jetzt 18 Jahre spĂ€ter, sind wir es wieder.

„Du musst den Schmerz zulassen“, hat sie zu mir gesagt, „ich habe tagelang immer wieder geheult, meine Tochter mit den Koffern am Bahnhof, das war ziemlich hart“.

Der Sohn einer anderen Freundin ist vor ĂŒber einem Monat in die NĂ€he von DĂŒsseldorf gezogen. Auch das ist sehr weit. „Er hat im Umzugswagen meine Hand bis Worms gehalten, das hat er schon seit Jahren nicht mehr gemacht“, erzĂ€hlt sie.

Abschied und Neuanfang

„Mein Kind war am Wochenende da“, berichtet eine weitere Freundin und strahlt. „Plötzlich können wir wieder viel besser miteinander reden und meine Tochter ruft oft an und fragt nach meinem Rat, das war schon lange nicht mehr so“, erzĂ€hlt sie glĂŒcklich.

Bei uns war es letzte Woche so weit. Mein Sohn hat einen Studienplatz an einer Uni bekommen, die keine 100 Kilometer entfernt liegt. „Du hast es gut“, sagten meine Freundinnen, „Du kannst fĂŒr einen Nachmittag dort vorbei fahren und er kann auch nur mal zum Mittagessen kommen“.

Doch Entfernung ist nicht alles. Denn hart sind die Umzugskartons, die im Zimmer stehen, die Bilder, die von der Wand genommen werden. Es ist ein Abschied nicht von dem Kind, sondern von einer Zeit. Es ist ein Abschnitt und es ist ein Neuanfang, fĂŒr Eltern und Kinder. Es ist das Loslassen, das so schwer fĂ€llt.

Es ist der Alltag, der sich Ă€ndert: Man deckt fĂŒr eine Person weniger den Tisch und im Supermarkt will man noch zu den Lieblingsspeisen greifen. Es ist eine TĂŒr, die nicht mehr geöffnet und geschlossen wird. Es ist laute Musik, die nicht mehr durchs Haus halt. Es ist einfach mein Kind, das fehlt.

„Beim zweiten Kind, das auszieht, ist es schon leichter“, tröstet mich eine Freundin und sich selbst, deren Erstgeborener schon vor Jahren ausgezogen ist. Sie hat noch einen dritten Sohn, der noch zu Hause lebt, wenn er geht, wie ist es dann? DarĂŒber will sie nicht nachdenken.

Die Tochter einer Freundin bleibt noch ein Jahr zu Hause, sie macht ein Freiwilliges Soziales Jahr. „Manchmal wĂ€re ich froh“, sagt sie, „sie wĂŒrde auch ausziehen“. Aber nur manchmal, gibt sie zu und ist froh, dass dies noch ein Jahr warten kann.

„So lange es ihm gut geht, ist es fĂŒr mich auch gut“, sagt eine Freundin. Sie hat ihren Sohn ĂŒber vier Wochen nicht gesehen. Jetzt habe er Heimweh, erzĂ€hlt sie und fĂ€hrt ihn besuchen.

Aktionismus ist gut gegen Kummer

Also letzte Woche war es nun so weit. Die Kartons waren gepackt, der Transporter gemietet. Schon in der FrĂŒh standen die Freunde meines Sohnes auf der Matte und packten Möbel und Umzugskisten ein. Und Aktionismus ist bekanntlich das beste Rezept gegen Kummer.

„Ich weiß im Moment nicht, wo ich hingehöre“, sagte mein Sohn dieser Tage:

Zuhause bin ich eigentlich schon weg und in meiner WG bin ich noch nicht angekommen.

„Du gehörst zu mir“, will ich sagen und weiß, dass es falsch ist. Denn, und hier bemĂŒhe ich den Spruch des libanesisch-amerikanischen Philosophen und Dichters Kahlil Gribran:

Deine Kinder sind nicht deine Kinder,
sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
(…)

„Das wird schon, das geht schneller als du denkst“, sage ich stattdessen und verspreche, ihn nĂ€chsten Sonntag zu besuchen.

Die FlĂŒgel sind schon da, aber jetzt mĂŒssen sie noch groß und krĂ€ftig werden. FĂŒr ihn und fĂŒr mich.

(Das Buch „Gib mir Wurzeln, schenk mir FlĂŒgel“ gibt es bei Amazon.)

Berufskorrespondent Schroeder

Tag der Deutschen Reinheit

Rhein-Neckar, 03. Oktober 2012. (red/BkS) Zum 22. Mal jĂ€hrt sich der Tag der Deutschen Einheit. Wir wissen nicht, ob unser Reporter fĂŒr besondere Aufgaben die Schnapszahl wörtlich genommen hat, auf jeden Fall ist er wieder investigativ unterwegs gewesen und hat schmutzige WĂ€sche durchwĂŒhlt und hat auch eklige braune Flecken zum deutschen Nationalfeiertag entdeckt. Hier sein Bericht.

(Anm. d. Red.: Wer Bk Schroeder ist und was er fĂŒr uns macht, lesen Sie hier.)

 

Berufskorrespondent Schroeder

Kreisverkehrt: “Irrsinn”, “KopfschĂŒtteln”, “BĂŒrokratentum”

Heddesheim/Ladenburg/Hirschberg/Rhein-Neckar, 01. Oktober 2012. (red/BkS) “Irrsinn”, “KopfschĂŒtteln”, “BĂŒrokratentum” – Kurt Fleckenstein lies seiner Empörung ĂŒber den möglichen Abriss zwei seiner Kunstwerke auf Verkehrskreiseln vor kurzem freien Lauf. Verkehrte Skandale sind fĂŒr unseren Berufskorrespondenten ein Leckerbissen. Hier seine Reportage:

(Anm. d. Red. Alle Stories vom Berufskorrespondenten Schroeder und Hintergrund zu unserem Sondernkorrespondent gibt es auf dem Rheinneckarblog.de.)

Geprothmannt: Schulpolitik muss zukunftsorientiert debattiert werden

Die Ganztagesschule muss kommen – aber sie ist trotzdem ein Problem

Rhein-Neckar, 01. Oktober 2012. (red) Alles schön und gut. Die Forderung nach einer Ganztagesschule ist richtig, aber trotzdem problematisch. Aktuell wurde im Ladenburger Gemeinderat ĂŒber die EinfĂŒhrung der Ganztagesschule an der dortigen Werkrealschule diskutiert – aber die Debatte wird auch in anderen Gemeinden unseres Einzugsgebiet laufen. Und vermutlich StĂŒckwerk bleiben. Weil immer nur kurzfristig geplant wird und niemand den Mut aufbringt, mal zehn oder sogar 20 Jahre nach vorne zu schauen. Oder auch mal zurĂŒck.

Kommentar: Hardy Prothmann

Dieser Beitrag kommt ohne Zahlen aus, weil es nicht um Erbsen zÀhlen gehen soll, sondern um einen Aufruf zu einer weitsichtigen Debatte, die leider nicht stattfindet.

Baden-WĂŒrttemberg ist unbestritten ein guter Schulstandort. Aber die Zeiten Ă€ndern sich. Mit ihnen die Menschen und die Bedingungen, unter denen sie miteiander leben. Deswegen beginne ich auch mit einem Sprung zurĂŒck.

Ich bin 1966 geboren und bin nach der vierten Klasse in Frankenthal aufs Gymnasium gegangen. Mit ein paar Freunden. Andere Freunde wechselten auf die Reals- oder Hauptschule. FĂŒr die Freundschaften war das weitgehend unbedeutend. Um 13:00 Uhr lĂ€utete es, ich war um 14:00 Uhr mit Essen und meist auch mit Hausaufgaben fertig, spĂ€testens um drei ging es raus: Kicken, Rad fahren, Schwimmen gehen, Blödsinn machen, Vereinstraining. Mit meinen Freunden und anderen Kindern. Beim Abendessen war ich oft todmĂŒde, weil ausgepowert.

Gemeinsamkeit

Mit einigen meiner Freunde bin ich unabhĂ€ngig vom Schulabschluss und der spĂ€teren beruflichen „Laufbahn“ immer noch gut befreundet. Die einen arbeiten als Handwerker, andere in Heilberufen ohne Ärzte zu sein, es gibt HĂ€ndler und Dienstleister unter ihnen. Alles feine Leute, die teils mal richtig ordentlich mehr Geld verdienen als ich. Und die oft um einiges weniger arrogant sind als die, die sich fĂŒr die Elite halten.

Überhaupt diese ganze leidige Elitendiskussion: Wenn ich einem Kumpel einen französischen Text ĂŒbersetzt habe oder die Inschriften auf alten DenkmĂ€lern lesen und verstehen konnte, wusste ich, dass ich mehr weiß als mein Hauptschulfreund. Na und? DafĂŒr konnte der flitzeflink spĂ€ter Maße und Winkel berechnen, wusste immer, wo gerade die besten Preise fĂŒr was auch immer waren. Das ergĂ€nzt sich bis heute.

Zusammen, statt getrennt

Hardy Prothmann (45) fordert mehr Weitblick bei der Schulpolitik.

Damit bin ich beim Kern der Debatte: Vor meiner Zeit wurden Jungs und MĂ€dchen getrennt. Auch zu meiner Zeit wurden wir Kinder getrennt. Gemeinsames Lernen gab es nicht. Aber wir hatten neben der Schule viel Zeit fĂŒr Gemeinschaft. Heute werden die Kinder auch getrennt, aber durch die Lebenssituation vieler Eltern brauchen sie eine lĂ€ngere Betreuung. Sicher sind auch die Anforderungen in der Schule gestiegen, also auch lĂ€nger Schule.

Ich habe zwei Kinder. Der Sohn hat gerade nach dem achtjĂ€hrigen Gymnasium Abitur gemacht, die Tochter besucht die 8. Klasse. Die kennen keine Haupt- und RealschĂŒler mehr. Nicht wegen Elitegedanken – ich achte drauf, dass sie bewusst bescheiden bleiben -, sondern weil sie keine Zeit haben. Morgens um sechs Uhr aufstehen, Schule bis um 16-17:00 Uhr. Dann noch Hausaufgaben machen, lernen, etwas Sport und etwas Musik. Damit ist der Tag rum. Ab und an treffen sich „beste Freundinnen“ und das ist natĂŒrlich jemand aus der Klasse. Andere Kinder bekommen sie ja nicht zu Gesicht.

Diese Trennung der Kinder fĂŒhrt auch irgendwann zu einer Trennung der Gesellschaft. Gymnasiasten wissen nicht wie RealschĂŒler ticken und die nicht, wie HauptschĂŒler so als Menschen sind. Falsche Elitendebatten fĂŒhren zu falschen Selbstbildern bei den „Besten“ wie bei denen, die es „halt nicht geschafft haben“. Und vor allem CDU, SPD und FDP heißen diese heillosen Debatten auch noch an. Christliche Verbundenheit, soziales Miteinander oder freies FĂŒreinander fĂ€llt diesen „politischen Eliten“ nicht mehr ein. Und umgekehrt kriegen die GrĂŒnen Pickel, wenn jemand Elite sagt, obwohl man die ganz sicher ebenso braucht wie den soliden Handwerker.

Der Schultyp der Zukunft, der auch den Gemeinsinn der Menschen stĂ€rkt und der gesellschaftlichen Situation Rechnung trĂ€gt ist die gemeinsame Ganztagsschule. Damit die nachwachsenden Generationen auch fĂ€hig sind, gemeinschaftlich zu denken. Und ĂŒbereinander Bescheid wissen. NatĂŒrlich gehört auch Inklusion dazu.

Und man muss die Sportvereine in die VerÀnderungen ebenso mit einbeziehen wie Musikschulen. Wenn die Ganztags-Werkrealschule kommt, werden die Vereine erneut Kinder und Jugendliche verlieren. Ganz einfach aus dem Grund, dass nicht alle auf ein Mal im Zeitfenster 17:00-19:00 Uhr auf demselben Platz kicken oder diesselbe Halle belegen können.

Alle mĂŒssen zusammenrĂŒcken

FrĂŒher ging man nach der Schule in den Sportverein. „Nach der Schule“ ist heute spĂ€ter Nachmittag oder frĂŒher Abend. Also mĂŒssen die Vereine in die Schulen, ebenso die Musikschulen.

Das wird ein gewaltiger Umbau – denn dafĂŒr muss vieles neu gedacht werden. Von GebĂ€uden, ĂŒber PlĂ€tze, ĂŒber Mittel bis hin zur Organisation. In vielen Gemeinden reichen die HallenkapazitĂ€ten nicht mehr aus. Nicht weil die von morgens bis abens belegt sind, sondern weil immer mehr Anspruch auf diesselben Zeitfenster erheben. Wo soll das hinfĂŒhren? Dass jeder 10.000-Einwohner Ort vier Hallen und zwei KunstrasenplĂ€tze hat?

Man muss nicht nur gesellschaftlich die Schulen neu denken, sondern auch wirtschaftlich. Denn bekanntlich fehlt es an Geld zur Unterhaltun und es wird weniger Kinder geben. Ob man sich diesen Luxus, drei Schulsysteme mit entsprechenden Verwaltungen noch wird leisten können, ist heute schon fraglich. Hinzu kommt der SchĂŒlerverkehr, denn die wenigstens laufen nach der Grundschule in eine weiterfĂŒhrende Schule.

Was die HauptschĂŒler schon mitmachen mussten, Zusammenlegungen, Werkrealschulreform, erneute Zusammenlegung, jetzt Ganztagsschule wird auch auf die anderen Schultypen zukommen. Gymnasien fĂŒhren teils wieder die 9-jĂ€hrigen ZĂŒge nach der G8-Reform ein oder bieten beide ZĂŒge an. Die Realschulen haben „Sorge“, dass ihre „HomogenitĂ€t“ durch HauptschĂŒler gestört wird, da der Wegfall der Schulempfehlung nun Kindern die Realschule erlaubt, die sonst auf der Hauptschule gelandet wĂ€ren. Und die Hauptschulen, neudeutsch Werkrealschulen, mĂŒssen bangen, ob sie ĂŒberleben können.

Man könnte das Durcheinander auch als „lebendig“ bezeichnen. TatsĂ€chlich weiß ich aus vielen GesprĂ€che mit Eltern und Kindern, dass es als chaotisch begriffen wird. Eine „neue Ordnung“ kann nicht mehr Schaden anrichten als das verkorkste Herumexperimentieren der vergangenen Jahre.