Sonntag, 19. November 2017

Haben Blogs Herrn Köhler zum Rücktritt bewegt?

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Guten Tag!

Heddesheim/Berlin, 31. Mai 2010. (Artikel wurde erweitert) Wie kam es eigentlich dazu, dass das Köhler-Zitat über den „Wirtschaftskrieg“ in Afghanistan so bekannt wurde, dass der Mann letztlich wenige Tage später vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten ist? Robin Meyer-Lucht, Politikwissenschaftler, Journalist und Blogger hat eine Dokumentation vorgelegt, die zeigt, dass Blogs mittlerweile eine hohe publizistische Bedeutung haben – auch wenn seiner Meinung nach dann der Spiegel den Druck so entscheidend erhöht hat, dass Horst Köhler sich zum Rücktritt entschlossen hat.

Von Hardy Prothmann

Dr. Robin Meyer-Lucht ist eine Größe in der deutschen Blog-Szene. Der Politikwissenschaftler und Journalist betreibt mit dem Blog Carta eine herausragende Plattform für politische und mediale Betrachtungen.

CARTA: Ein Politikblog, an dem man nicht vorbeikommt.

Wer sich für Politik, Medien und Journalismus interessiert, stößt irgendwann unweigerlich auf Carta und wird immer wiederkehren, weil hier interessante Menschen interessante und kontrovers-diskutierte Texte veröffentlichen.

Aktuell hat Carta eine Dokumentation erstellt, wie es zur „Wirtschaftskrieg“-Nachricht in Afghanistan kam – der chronologische Abriss zeigt deutlich, dass vor allem Blogs und nicht die klassischen Medien, die Nachricht als relevant erkannt und weiterverbreitet haben.

Mit einiger Zeitverzögerung reagierten dann auch Zeitungen und Magazine – bis der aktuelle Spiegel einen Artikel über Horst Köhler brachte. In Berlin ist der Spiegel nicht erst am Montag, sondern schon am Samstag zu haben. Zwei Tage Druck könnten gereicht haben, Herrn Köhler den Spaß am Bundespräsidentenamt gründlich zu vermiesen.

Noch haben Blogs nicht die publizistische Macht des Spiegels – aber wie lange wird das noch dauern? Ein paar Monate? Ein Jahr, zwei Jahre?

Blogs sind schneller, vernetzter und frecher als alle so genannten etablierten Medien. Ihnen fehlt das Gehabe des „Staatstragenden“. Was nicht heißt, dass Blogger den Staat unterlaufen wollten: Viele Blogger setzen sich vehement für die Grundrechte ein und tragen damit zur Stabilität des Staates bei, indem sie Missstände thematisieren. So auch in Sachen Köhler.

Hinzu kommt, dass viele Blogger die so genannten „sozialen Netzwerke“ wie Twitter oder Facebook virtuos bedienen.

Und: Sie handeln ihre Nachrichten und Inhalte frei zugänglich, ohne Bezahlschranken. Damit sorgen sie für eine enorm schnelle Verbreitung – in Echtzeit.

Kritiker versuchen immer noch, Blogs eine journalistische Relevanz abzusprechen. Diese Kritiker sind meist die etablierten Medien oder Politiker, die unter Druck geraten oder dies fürchten.

Die Macht der Blogs fürchten diese Leute zu Recht: Denn Blogs bilden ein lockeres Netzwerk. Hinter jedem Blog steht mindestens ein (kluger) Kopf und es werden immer mehr. Sie tauschen ihre Informationen aus, weisen auf Quellen hin – sie verlinken, verbinden sich also, als wären sie eine große, flächendeckende Redaktion.

Dabei ziehen Blogs bei weitem nicht immer an einem Strang, manchmal kritisieren sie sich auch gegenseitig. Sie lassen Kommentare zu und befruchten damit umso mehr die Debatten – Blogs sind Zellen der Meinungsfreiheit. Und es werden immer mehr.

Link:
Robin Meyer-Lucht und Hardy Prothmann im Video zur Identitätskrise des Journalismus
Focus Online: Der verzögerte Skandal
Süddeutsche: Blogger machten auf Köhlers Äußerungen aufmerksam

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • oce

    In der Politik ist es wie in der Leichtathletik, es kommt immer auf den richtigen Abgang an.