Sonntag, 19. November 2017

Was tun gegen die Zerstörungswut?

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Guten Tag!

Ladenburg, 30. April 2010. Die verwüstete Toilettenanlage spricht Bände: Hier tobte die reine Zerstörungswut ohne Sinn und Verstand. Wer tut so etwas? Und was macht man dagegen?

Kommentar: Hardy Prothmann

Nicht nur Bürgermeister Ziegler ist fassungslos und dann wütend, wenn er sieht, was eine dumme Zerstörungswut anrichtet: Die Reparatur der verwüsteten Toilettenanlage wird Tausende von Euro kosten. Wofür? Dafür, dass ein, zwei oder mehr Vollidioten ein paar Minuten „Spaß“ hatten?

Sind es „Vollidioten“? Oder sind Leute, die so etwas tun, „krank im Kopf“?

Oder sind sie vielleicht sogar „Opfer der Gesellschaft“? Arme, missverstandene und zu wenig behütete Jugendliche?

Wer ist schuld? Die Zerstörer, die Eltern, die Gesellschaft? Oder gar die Polizei, weil sie nicht da war? Oder Anwesende auf der Wiese, die nicht eingegriffen haben?

Was tun?

Diese Fragen und noch viele andere stellt man sich nicht nur im Gemeinderat. Was tun gegen diese Zerstörungswut?

Kein „auswärtiges Gesocks“ mehr nach Ladenburg lassen, wie CDU-Gemeinderat Gerhard Seidel folgerte?

Das hilft nur zu 25 Prozent. Drei Ladenburger und ein „Auswärtiger“ haben Platzverbote bekommen. Ladenburger Jugendliche machen in diesem Fall 75 Prozent des Problems aus. Ladenburger Jugendliche waren in diesem Fall das „Gesocks“.

Seidel forderte auch: „Man müsste mal knallhart für zwei Jahre keine Veranstaltungen mehr auf der Festwiese und kein Grillen mehr auf der Neckarwiese erlauben. Die Anständigen werden dafür sorgen, dass das nicht mehr passiert.“

Nicht die Anständigen bestrafen.

Die Anständigen? Die würden dadurch bestraft. Die Anständigen räumen ihren Grillplatz auf und feiern auf der Festwiese schöne Feste.

Es geht um die Chaoten. Hier soll die Polizei mehr gucken, fordert Stadträtin Ilse Schummer (SPD): „Es braucht auch mehr Zivilcourage.“

Die arg unterbesetzte Polizei war in diesem Fall kurz nach der Randale zur Stelle. Mehr kann sie nicht tun oder soll man einen Beamten 24 Stunde vor dem Klo postieren?

Klar, die zivil Couragierten überlegen es sich aber zwei Mal, ob sie im Zweifel das Schicksal der Toilettenanlage teilen wollen.

Es kann sicher etwas getan werden: Angefangen im Elternhaus, über die Schulen, die Betriebe, die Sozialarbeit, Polizeiarbeit und Gerichtsbarkeit.

Wenn erst die Polizei und die Gerichte tätig werden müssen, ist die Toilette oder etwas anderes zerstört. Im schlimmsten Fall sind Menschen zu Schaden gekommen.

Das Problem: Man wird sich an die Folgen der Probleme gewöhnen müssen.

Es ist leider ein gesellschaftliches Problem, an das man sich gewöhnen muss.

Offensichtlich leisten die Elternhäuser nicht mehr die notwendige Erziehungsarbeit, schlecht ausgestattete Schulen und Sozialarbeit können gewisse Jugendliche nicht mehr erreichen. Sonst könnte man hier Druck aufbauen und ein solches Verhalten gesellschaftlich ächten.

Eine solche Ächtung funktioniert aber nur bei Menschen, die noch gewillt sind, an der Gesellschaft teilzunehmen. Chaoten, die Klos zerstören, haben längst jede Achtung vor fremdem Eigentum und allgemeinem Nutzen verloren. Sie verachten sich selbst und deshalb auch alles und jeden anderen.

Man kann nur hoffen, dass sie sich bei ihrer Zerstörungsorgie ordentlich weh getan haben – das ist wahrscheinlich der einzige Gefühlsimpuls, denn solche Leute noch spüren.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • EinMann

    Eine öffentliche Einrichtung wird in einem Anflug von Zerstörungswut verwüstet, alle sind entsetzt und wie immer wird die Ursache des Problems gesucht.
    Dafür muß dann mal wieder alles herhalten, das es so gibt, die fehlende oder mangelnde Erziehung, die Schulen, die Gesellschaft, etc..
    Und alle sind der Meinung, dass es das früher nicht gegeben hat, dass das ein Phänomen unserer Zeit ist.
    Aber ist das wirklich so ? Wer tut sowas ? Es sind wir Männer, bzw. solche die es bald werden sollen. Im Ernst – nicht alle Männer sind so, aber Frauen und Mädchen zerstören keine Rundklos. Und ist es wirklich was neues ? Wenn mein Vater mir von seiner Kindheit in einer Kleinstadt hier im Rhein-Neckar-Dreieck der 50er Jahre erzählt muß ich doch sagen: viel hat sich nicht geändert. Es gab damals auch Jugendbanden, die sich gegenseitig verprügelt haben. Er erzählt mir von Wiesen die sie angezündet haben. Zu Zeiten der Weimarer Republik haben sich Jugendliche aus der Hitlerjugend und von den Jusos in den Großstädten gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Sicher es wurden keine Rundklos zerstört, aber die gab es damals auch noch nicht – und selbst wenn man versucht hätte die Tür eines öffentlichen Klos einzutreten hätte man sich dabei eher den Fuß gebrochen. Graffiti gab es noch nicht, aber eben auch noch keinen Spraylack und keine Eddings.
    Ich glaube viel mehr das es an dem Bild des Mannes liegt das wir haben. Welche Vorbilder haben wir denn ? Schauen wir und doch die Kinofilme an, die uns so begeistern. Der Mann, der Held, bereit für eine gute Sache (meistens) zu töten, in blinder Zerstörungswut, die Feinde zu vernichten, um hinterher die Frau zu bekommen die er liebt, oder auch nicht.
    Jetzt war nun mal kein Ufo mit bösen Außerirdischen da, das die Jungs vernichten konnten, nur ein Rundklo, aber das sieht wenigstens so ähnlich aus.
    Das soll jetzt nicht bedeuten, dass die Filme Schuld sind, es ist unser Bild vom Mann, dass sich einfach noch nicht geändert hat. Ein Mann der nur dann ein Mann ist, wenn er hart ist – ein Kämpfer und genau dieses Bild ist das Problem. Wir sind nicht anders geworden, wir waren schon immer so, aber unsere Möglichkeiten haben sich geändert durch den Fortschritt. Wir werden das Problem niemals in den Griff bekommen, wenn wir nicht ein völlig neues Bild vom Mann erschaffen und zwar weich zu sein ohne Weicheier zu werden.
    Und nur weil es so klingt, ich halte Frauen nicht für die besseren Menschen, ich hab gesehen wozu die fähig sind. Aber sie sind anders, sie zerstören keine Rundklos und prügeln sich auch nicht, sprühen keine Graffitis. Sicher mag es da ein paar Ausnahmen geben, aber die gab es auch schon immer.