Sonntag, 23. September 2018

Gastbeitrag: „Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein.“

Print Friendly, PDF & Email


Guten Tag!

Rhein-Neckar/WĂŒrzburg, 29. MĂ€rz 2011. (Main-Post/red) Die WĂŒrzburger Main-Post leistet sich einen „Leser-Anwalt“. Anton Sahlender, Mitglied der Chefredaktion, nimmt Leserfragen und -beschwerden entgegen, prĂŒft die Inhalte und veröffentlicht im Anschluss die Ergebnisse. Ein vorbildlicher Service, wie wir meinen.

Vorbemerkung: Aktuell geht es um einen BĂŒrgermeister, der seiner gesetzlich festgelegten Auskunftspflicht nicht nachkommt. Die Main-Post hat deshalb sogar eine Klage angestrengt und gewonnen. Die Reaktionen sind „schmerzhaft“ fĂŒr die Zeitung – es werden böse Unterstellungen geĂ€ußert und Abos abbestellt. Nur, weil die Zeitung die Presse- und damit die Meinungsfreiheit verteidigt, gegen einen BĂŒrgermeister, der sich nicht an die Gesetze hĂ€lt und den Artikel 5 Grundgesetz ĂŒber die Meinungsfreiheit und das Presserecht mit FĂŒĂŸen tritt.

"Leseranwalt" Anton Sahlender sorgt fĂŒr Transparenz bei der WĂŒrzburger Main-Post. Quelle: MP

Von Anton Sahlender, Leseranwalt der Main-Post

Der Leseranwalt: Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein – fĂŒr Betroffene und fĂŒr Redaktionen

Je nachhaltiger Journalisten ihre Freiheiten nutzen, desto mehr mĂŒssen sie selbst ertragen können. Denn der Presse Freiheit ist auch schmerzhaft. Zuerst fĂŒr Betroffene, dann aber oft auch fĂŒr Redaktionen.

Hier aktuelle Kostproben: Der BĂŒrgermeister einer Kleinstadt wird in der Zeitung hĂ€ufig fĂŒr seine AmtsfĂŒhrung kritisiert. Über einen langen Zeitraum gibt er dazu immer wieder neu Anlass. Er pflegt eine wenig bĂŒrgerfreundliche Geheimhaltung von Amtshandlungen und kommt seiner Auskunftspflicht gegenĂŒber Medien nur unzureichend nach. Das sagt nicht nur die Redaktion, sondern auch das Verwaltungsgericht in einer Entscheidung.

Auskunftpflichten gegenĂŒber Journalisten sind BĂŒrgermeistern und Amtsleitern per Gesetz vorgeschrieben. Medien mĂŒssen in einer Demokratie ungehindert ĂŒber politisches und amtliches Handeln informieren können. In der Kleinstadt ist die Folge der redaktionellen Nachhaltigkeit fĂŒr BĂŒrgers Information nicht nur Lob. Proteste und sogar Abbestellungen sind eingetroffen. Darunter Zuschriften, in denen der Redaktion Menschenjagd und allerlei weitere journalistische TodsĂŒnden vorgeworfen werden. Außerdem schimpft man: Die Zeitung schade der ganzen Stadt.

Ein anderer BĂŒrgermeister wollte letzte Woche verbieten, dass Informationen ĂŒber den Haushalt, die er an Journalisten verkĂŒndete, veröffentlicht werden, bevor der Stadtrat sie beschlossen hat. Diese Zeitung mochte Lesern aber nicht nur vollendete Tatsachen bieten. Sie hat gleich berichtet. Des BĂŒrgermeisters Androhung presserechtlicher Schritte blieb wirkungslos: Denn Redaktionen haben die (Presse-)Freiheit, selbst ĂŒber die Bedeutung einer Nachricht zu entscheiden und somit darĂŒber, wann sie erscheint.

Zu meiner Sammlung von Reaktionen auf die Freiheit, auch Meinungen vielfĂ€ltig zu vertreten, gehört neuerdings diese Klage: „Lesen Sie die Ă€tzenden und abfĂ€lligen Kommentare eines Henry Stern gegen Franz Josef Strauß und alle Nachfolger. Gewollt hĂ€ssliche Bilder unserer Kanzlerin Merkel und bösartige Karikaturen eines Dieter Hanitzsch schlagen in die gleiche Kerbe. Überparteilichkeit stelle ich mir anders vor.“ – Ich ahne das Wie dieser Vorstellung. Überdies war Strauß schon nicht mehr unter uns, als Henry Stern MĂŒnchner Korrespondent wurde.

Das waren Momentaufnahmen, keine Klagen. Journalisten muss man nicht mögen. VerstĂ€ndnis fĂŒr Pressefreiheit in einer Demokratie aber, die muss jeder ertragen können. Mit der Abbestellung einer Zeitung kann man sie jedenfalls nicht abschaffen.“

Anmerkung der Redaktion:
Wir stehen mit Anton Sahlender vor allem ĂŒber Facebook in regelmĂ€ĂŸigem Kontakt und sind in journalistischen Fragen nicht immer einer Meinung ;-).

Aber wir unterstĂŒtzen natĂŒrlich gerne als Berufskollegen aus SolidaritĂ€t die Haltung hinter dieser Veröffentlichung und haben darum gebeten, den Text ĂŒbernehmen zu dĂŒrfen. Herr Sahlender hat dem umgehend zugestimmt.

Wir handeln aber auch nicht ganz uneigennĂŒtzig, sondern im Interesse unserer Leserinnen und Leser, da wir das PhĂ€nomen von auskunftsunwilligen Behörden sehr gut kennen. Der Heddesheimer BĂŒrgermeister Michael Kessler ist so ein „Spezialfall“, der seiner Auskunftspflicht erst nachgekommen ist, nachdem er einen durch uns veranlassten „freundlichen Hinweis“ erhalten hat. Bis heute versucht er weiterhin unsere Arbeit mit allen möglichen Mitten zu behindern.

UnterstĂŒtzt wird er dabei vom Mannheimer Morgen – einer Zeitung der SolidaritĂ€t unter Journalisten nichts gilt. Ganz im Gegenteil. Man hat den Eindruck, dass es der Zeitung sehr recht ist, wenn „die Konkurrenz“ Probleme hat und man sich dadurch einen Vorteil verspricht. Das ist bedauerlich, liegt aber allein im Ermessen der Zeitung und gehört anscheinend zur „Unternehmenskultur“.

Der Mannheimer Morgen ist dabei in guter Gesellschaft – viele deutsche Monopolzeitungen haben sich mit örtlichen „Interessenvertretern“ aus Politik und Wirtschaft verbandelt. Dementsprechend manipuliert ist die Berichterstattung. Siehe Stuttgart21 beispielsweise. (stern ĂŒber den Filz von Politik, Geld und Medien)

Die Haltung der Main-Post ist aus unserer Sicht vorbildlich und entspricht dem, was man als Leserin oder Leser von Medien erwarten können muss: Eine unabhÀngige und kritische Berichterstattung.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.