Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Das Kreuz mit der (gesunden) Ernährung

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Guten Tag!

Ladenburg, 29. März 2010. Mit dem Essen ist das so eine Sache – was schmeckt, ist meistens nicht gesund. Und obwohl es Diäten an jeder Ecke gibt, gab es noch nie so viele Essgestörte, Übergewichtige und Falschernährte, meint Gabi.

Dieser Tage hat im Radio ein Komedian über die guten alten Zeiten berichtet, als es bei der Oma noch den fetten Schweinebraten gab, die Torte mit guter Butter gebacken wurde und die Sahne im Kaffee alles andere als „light“ war.

Können Sie sich auch noch dran erinnern?

Gesundes Essen vs. leckeres Essen.

Heute haben wir die Ernährungsberatung. Die fängt im Kindergarten, nein, eigentlich schon früher, in der Schwangerschaft an. Unsere Kinder und natürlich auch wir Eltern lernen von Ernährungswissenschaftlern, wie ein gesundes Frühstück auszusehen hat: Körnerbrot, Salatblatt, eventuell Gurke und dann gesunde Wurst oder Käse.

Ein No-Go, und da werden Sie mir sicher Recht geben, ist ein Toastbrot mit Nutella oder eine Dampfnudel.

Dummerweise, essen das die meisten Kinder aber richtig gerne. Zusätzlich wurde uns im Fernsehen von Boris Becker erklärt, und der war immerhin jahrelang die Nummer Eins auf der Tennisweltrangliste, dass der Schoko-Nuss-Brotaufstrich gesund ist und man bei regelmäßigem Verzehr damit ganz nach oben kommt.

Natürlich wissen wir alle, dass man nicht alles glauben darf, was im Fernsehen kommt. Denn es steckt weder in der Milchschnitte die Extraportion Milch, noch in den Fruchtgummis die wichtigen Vitamine – blöd nur, dass diese Dinge unseren Kindern schmecken.

Freude am Essen ist toll – viele haben keine.

Kommen wir jetzt noch mal zurück zur Ernährungsberatung. Nach dieser jahrelangen Beschulung müsste sich doch der Erfolg zeigen. Doch das Gegenteil ist der Fall, noch nie gab es so viele übergewichtige Kinder, noch nie gab es so viele junge Menschen mit Essstörungen.

Meine Kinder bringen regelmäßig Freunde mit zum Essen. Und das finde ich auch ganz toll.

Dummerweise haben die meisten so ihre Essmacken. Der eine Freund meines Sohnes ist nichts aus Hackfleisch. Der andere ist spezieller, vom Hühnchen ist er nur die Brüste, im Salat mag er keine Zwiebeln, er ist Hackfleisch, aber nicht in der Soße, er ist keinen Fisch, kein Lamm und nur bestimmtes Gemüse.

Eine Freundin meines Sohnes ist Vegetarierin. Eine Freundin meiner Tochter isst nur getrennt Gerichte. Also niemals einen Auflauf, kein Fleisch mit Soße, kein gemischtes Gemüse. Eine andere isst nichts Überbackenes.

Diese Liste ist noch beliebig erweiterbar.

Für viele Kinder zu Kochen ist fast nicht mehr möglich.

Kommen gleichzeitig mehrere Freunde, ist das Unternehmen „Kochen“ fast ein Ding des Unmöglichen. Und in solchen Momenten bedauere ich aufrichtig, dass der Spruch „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“, in heutiger Zeit keine Bedeutung mehr hat.

Möchte ich es mir einfach machen, gibt es Pizza – die isst komischerweise auch das Mädchen, das Lebensmittel ansonsten nur getrennt zu sich nimmt, ebenso wie die, die nichts Überbackenes mag – oder Fischstäbchen – die von dem nicht Fisch essenden Freund meines Sohnes immer begeistert begrüßt werden – oder Chicken Nuggets.

Als aufgeklärte Mutter weiß ich, dass die Gemeinsamkeit dieser Gerichte ist: Sie sind NICHT gesund!

In der Schule meiner Kinder sorgt ein Caterer für ausgewogene Ernährung. Doch kaum dürfen die Kinder das Schulgelände verlassen, rennen sie zu McDonald, zur Dönerbude oder zu Subway.

Ist das nun der Erfolg der Ernährungsberatung?

Jetzt mal einen Blick weg von unseren Kindern, betrachten wir uns.

Sündige Gedanken vs. Vernunft.

Ich esse gerne ein gesundes Körnerbrötchen zum Frühstück, aber ich liebe es, ein duftendes, warmes Croissant mit „guter“ Butter und Marmelade zu bestreichen.

Obstsalat zum Nachtisch ist echt lecker, aber für Pannacotta oder Crème Brulée könnte ich sterben.

Kartoffelknödel mit geschmolzener Butter zu einem Sauerbraten mit cremiger Soße, Spaghetti mit Käse-Sahne-Soße, Spätzle mit Apfelmus, panierte Wiener Schnitzel mit Pommes, Bratkartoffeln mit gebackenem Fisch, Spargel mit Sauce Bernaise, Würstchen mit Kartoffelsalat – vielleicht ist ja auch ein Gericht dabei, wo Ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft.

Und das passiert sicher nicht bei dem Gedanken an Grünkernbratling, gedünstetem Fisch oder Gemüse.

Ich weiß, was gesund ist und ich weiß, was mir schmeckt und viele gesunde Gerichte esse ich richtig gerne. Aber bei den ungesunden, habe ich sündige Gedanken. Wie das ja so immer ist, mit dem Unvernünftigen und Verbotenen. Es tut meistens nicht gut, aber man kann nicht widerstehen.

Probieren statt diskutieren.

Und damit sind wir beim Maß angelangt. Ich versuche mich und meine Lieben gesund und vernünftig zu ernähren. Aber so, wie ich mir ab und an ein zweites Glas Wein erlaube und zeitweise auch beim Essen über die Stränge schlage, gestehe ich das auch meinen Kindern zu.

Ich gebe schon mal das Nutellatoast oder den Schokoriegel mit in die Schule oder gehe mit ihnen Junk Food essen, dafür müssen sie aber im Gegenzug auch Gemüse, Körnerbrot und Co. akzeptieren.

Nach dem Motto: „PROBIERT wird alles, was auf den Tisch kommt“.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.