Samstag, 18. November 2017

Das Müll-Experiment ist eine Selbsttäuschung und dient nur als Ablenkung

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Guten Tag!

Ladenburg, 29. April 2010. Die Gemeinderatssitzung vom 28. April 2010 verrät viel über den Zustand der Stadt Ladenburg. Die hat ein voraussichtliches Defizit von 12 Millionen Euro. Alle Entscheidungen, die dieses Defizit begründen, wurden im Gemeinderat der Stadt zuvor beschlossen. Alle Entscheidungen, die zu harten Einschneidungen führen werden, müssen ebenfalls hier getroffen werden. Da konzentriert man sich gerne auf andere.

Von Hardy Prothmann

Die SPD-Stadträtin Ilse Schummer hat ein Experiment vorgeschlagen, dessen Ausgang fragwürdig ist: Eine Woche lang soll der Abfall auf dem „Gymnasiumbuckel“ nicht weggeräumt werden – sprich hinter dem CBG, bis vor den Kindergarten.

Den Dreck erleben.

Frau Schummer sagt: „Ich sehe schreckliche Zustände“, und sagt: „Ich schlage vor, eine Woche nichts wegzuräumen. Das machen die Leute, die dort rumsitzen. Die müssen ihren Dreck erleben.“

Bürgermeister Ziegler glaubt nicht an diese „pädagogische“ Methode: „Ich bin hoffnungslos, dass wir die Menschen erziehen können.“

Das sagt Herr Ziegler kurz vor dem Ende der Sitzung.

Das Wort darf man nicht überlesen: „hoffnungslos“.

Das andere Wort heißt: „wir“.

Hoffnungslos und fassungslos = Ärger.

Zu Beginn der Sitzung sagt Herr Ziegler: „Heute morgen war ich fassungslos.“

Er präsentiert Fotos vom Zustand der „Toilettenanlage“ an der Festwiese: Vandalismus pur. Seifenspender sind abgerissen, die Tür ist demoliert, ein einziges Chaos. „Die Fassungslosigkeit ist heftigem Ärger gewichen. Mir geht dass derart auf den Geist, was hier immer und immer wieder passiert.“

Herr Ziegler ist genervt, entnervt und ehrlich ratlos.

Im Dreck zurechtfinden.

Was Frau Schummer im Rat beantragt und vom Gemeinderat bestätigt bekommen hat, ist: „Wir räumen nicht mehr auf und dann werden die mal sehen, wie die sich in ihrem Dreck zurechtfinden.“

Frau Schummer bekommt Unterstützung von ihrer Fraktionskollegin Petra Erl: „Das müssen wir offensiv angehen – Bild in der Presse, das Thema gezielt ins Bewusstsein der Menschen ziehen.“

In der Konsequenz heißt das: Die Ratlosigkeit soll in Szene gesetzt oder anders, inszeniert werden.

Hier wird es unangenehm.

Unangenehme „Folgen“.

„Die Presse“, liebe Frau Erl, ist nicht per se Erfüllungsgehilfe der Politik.

Sie mögen das durch bisherige „Pressekontakte“ so gewohnt sein, einen Anspruch auf Erfüllung der Wünsche haben Sie leider nicht. So leidenschaftlich Sie auch Ihre Forderung vortragen.

Unsere Schlagzeile heißt schon heute: Der Beweis – Vermüllung nimmt zu – stellt auch die Politik fest. Und weiter?

Im Fall der Toilette, die irgendwelche Chaoten zerlegt haben, haben Sie dafür einen Beweis. Sie wollen einen zweiten Beweis mit dem „Buckel“.

Draußen ist es schlimm.

Sie wollen zeigen, wie schlimm es ist. Die Mehrheit des Gemeinderats ist überzeugt davon, dass es „schlimm“ ist, da draußen, wo „alles zugemüllt“ wird.

Und dann?

Glauben Frau Schummer und Frau Erl von der SPD und Herr Seidel von der CDU und andere dann tatsächlich, dass sich irgendetwas ändert?

Das ist Quatsch.

Die Leute arrangieren sich mit dem Dreck und Müll. Der größte Teil der Menschheit beweist das: Der lebt im und oft auch vom Müll.

Ladenburg soll symbolisch im Dreck versinken. Alle sind dabei.

Dieser Beschluss – Ladenburg für eine Woche symbolisch im „Dreck versinken zu lassen“ wird wenn, nur eins beweisen.

Erstens, dass nicht irgendwelche „Assis“ von außen wegen Randalen „vorübergehend festgenommen wurden“. Bürgermeister Ziegler stellte fest: „Es waren drei Ladenburger Jugendliche und ein Auswärtiger.“

Das heißt, drei zu eins „Assis“ für Ladenburg. Oder anders: Die „Assis“ sind unter uns.

Die Vermüllung des „Gymnasiumbuckels“ geschieht mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Gymnasiasten. Auch hier ist das „Assi-Verhalten“ schon angekommen. Das heißt: Die „Assis“ sind nicht nur vermeintliche Proleten, sondern auch Gymnasiasten.

Auch die „Griller“ auf der Neckarwiese wollte man kontrollieren. Überwiegend Menschen, die keine eigenen Garten haben, sondern auf die Wiese müssen, um Freiheit und Barbecue zu genießen.

Reflexe: Kontrolle – Überwachen.

Überhaupt. Kontrolle. Zeigen. Wie es ist. So. Damit es auch der Letzte versteht. Jetzt aber. Es reicht. Webcam. Überwachen.

Die Worte fielen im Gemeinderat, sie fanden Zustimmung.

Stadträtin Ingrid Dreier sagte: „Das geht so nicht, Glasscherben sind gefährlich für Kinder.“ Bürgermeiser Ziegler bestätigte: „Es gibt eine Verkehrssicherungspflicht, der wir nachkommen müssen.“

Die Debatte über die „erwartete Vermüllung“ ist ein Armutszeugnis für die Ladenburger Stadtpolitik.

Denn nach einer Woche Müll wird nicht alles besser.

Der Müll wird abgeräumt.

Was, wenn er sechs Monate läge, ein Jahr?

Menschen gewöhnen sich an den Müll – die meisten können das nicht entscheiden.

Die Menschen würden sich daran gewöhnen.

In deutschen Gemeinde und -stadträten räten empört man sich darüber.

Gemeinde und -stadträte sind oft Lehrer, Landwirte, Selbstständige, Ärzte, wissenschaftliche Angestellte. Überwiegend gut situiert.

Die GLL-Stadträtin Hannah-Lea Barsch forderte zwei Mal, den Jugendgemeinderat mit einzubeziehen. „Jaja, machen wir, klar“, war die eher lapidare Bestätigung der „Situierten“. Eine Nachfrage oder einen Vorschlag dazu gab es nicht.

Müll, Vandalismus, Unordnung sind Zeichen der Zeit – wenn die Unordnung der Gesellschaft sich bemerkbar macht.

Wer denkt, durch „Exempel“ Meinungen und Verhaltensweisen verändern zu können, hängt vollständig unreflektiert einer anderen Gesellschaftsordnung an.

Repressionswünsche sind ein Reflex von gestern.

„Repressionen“ gründen auf Angst, hoffen auf Vermeidung und finden ihre Bestätigung in Strafe.

Aufklärung und Transparenz hoffen etwas anderes: Verständnis.

Darüber hinaus hat der Ladenburger Gemeinderat ein ganz anderes Problem: Voraussichtlich 12 Millionen Euro Schulden und eine in der Sitzung beschlossene Haushaltssperre von 477.000 Euro.

Eine eher theoretische, aber spannende Frage wäre:

Wenn ein unbescholtener Bürger fordern würde, den gesamten Gemeinderat mal eine Woche auf einem „Müll“berg von Schulden sitzen zu lassen… wann würde denen das anfangen zu stinken?

An den Müll gewöhnt man sich bis zur Selbsttäuschung.

Ach so, Sie meinen, darauf sitzen die schon seit Jahren und haben sich an den „Müll“ gewöhnt?

Gut beobachtet.

Die Frage ist: „Erwarten Sie nun, dass sich etwas ändert?“

Nicht wirklich?

Gut beobachtet: Das Müll-Experiment ist eine Selbsttäuschung der Ladenburger Gemeinderäte mit dem Wunsch nach einer verbundenen öffentlichen Täuschung und hat nur ein Ziel: Von den eigenen Problemen abzulenken.

Die erwartete und gewünschte Selbsttäuschung geht so: „Je mülliger es draußen feststellbar und veröffentlichbar ist, umso weniger drängen die eigenen Probleme.“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.