Freitag, 21. September 2018

„Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“

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Guten Tag!

Ladenburg, 29. Januar 2011. Am Donnerstag wurde in Ladenburg der 37. Stolperstein verlegt. Und ebenfalls am Donnerstag wurde die neue Broschüre der Stadt Ladenburg „Spuren jüdischen Lebens in Ladenburg – Ein Rundgang“ der Bevölkerung vorgestellt. Denn der vergangene Donnerstag war ein besonderer Tag, es war der 27. Januar und die Befreiung von Auschwitz hat sich zum 66. Mal gejährt.

Von Sabine Prothmann

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2007 - Künstler Gunter Demnig verlegt in Ladenburg den ersten Stolperstein.

Mit den Stolpersteinen erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Auf seiner Homepage kann man lesen: „Inzwischen liegen Stolpersteine in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig. „Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: Hier wohnte… Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.“

1997 verlegte Demnig die ersten Steine in Berlin: „1997 Erste Verlegung in Berlin-Kreuzberg (nicht genehmigt; später legalisiert)“, heißt es auf seiner Internetseite.

Die ersten 36 Steine wurden in Ladenburg von Mai 2007 bis März 2009 auf Initiative von Ingrid Wagner und mittels Spenden der Bevölkerung und der Unterstützung der Stadtverwaltung Ladenburg verlegt.

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Ladenburg

Die Broschüre „Spuren jüdischen Lebens in Ladenburg – Ein Rundgang“ nimmt den Wunsch der Bevölkerung und von Besuchern auf, den Spuren jüdischen Lebens in Ladenburg eigenständig zu folgen.

Sie wurde von dem Historiker Dr. Jürgen Zieher verfasst und zusammengestellt.

Gut 80 Personen waren in den Domhof gekommen, um bei der Präsentation der Broschüre dabei zu sein.

„Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird“, zitierte Bürgermeister Rainer Ziegler eingangs in seiner Ansprache den hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse.

Mit der Broschüre „Spuren jüdischen Lebens in Ladenburg – Ein Rundgang“ sei eine wichtige neue Schrift erschienen, betonte Ziegler.

Wenn Ladenburger Schüler sich um die Stolpersteine kümmern und für deren Säuberung zuständig sind, dann beschäftigen sich die jungen Leute auch mit diesem Teil der Geschichte.

Ingrid Wagner – „Antriebsfeder der Erinnerung“

Das Bündnis „Wir gegen Rechts“ in Ladenburg „hilft uns radikale Tendenzen möglichst im Keim zu ersticken“, so Ziegler. Dabei sei auch die Präsenz der Polizei sehr wichtig. Ingrid Wagner, die Vorsitzende des Arbeitskreises „Jüdische Geschichte Ladenburg“, bezeichnete er als Antriebsfeder der Erinnerung.

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Der 37. Stolperstein für Lilli Frankenthal - 1942 in Auschwitz ermordet.

Ziegler erinnert: Als vor 66 Jahren Auschwitz befreit wurde, trafen die Russen auf Überlebende, die nur noch Haut und Knochen waren. Über eine Million Menschen arbeiteten hier bis zu ihrem Tod, starben an Experimenten oder wurden vergast. Auschwitz stehe deshalb als Synonym des Holocaust und deshalb wurde die Befreiung am 27. Januar 1945 zum Holocaust-Gedenktag erklärt. Holocaust, erinnert Ziegler, kommt aus dem Griechischen und heißt „völlig verbrannt“.

Die Bilder und Erinnerungen führen „uns an die Grenzen dessen heran, was man verstehen und ertragen kann“.

Doch erst wenn man sich den Einzelschicksalen nähere, „können wir begreifen“. Und die Gedenksteine und -tafeln, die Abteilung „Jüdisches Leben in Ladenburg“ im Lobdengau-Museum und die 37 Stolpersteine in der Stadt, verlegt vor Häusern, in denen Juden in Ladenburg lebten, machen dieses Begreifen deutlich.

Geschenke für die Jüdische Abteilung des Lobdengau-Museums

Der Ladenburger Arzt und Gemeinderat Dr. Peter Hilger erzählt von einer Begegnung vor 20 Jahren mit dem ehemaligen jüdischen Mitbürger Alfred Driels, der nach Australien ausgewandert war. In den folgenden Jahren hatte ihm Driels immer wieder einen Besuch in seiner Praxis abgestattet. Bei seinem letzten Besuch überreichte er ihm einen Becher und den Siegel des Ladenburger Synagogenrats und gab ihm den Auftrag, diese Gaben erst dann an das Museum zu geben, wenn das damalige Geschehen nicht mehr vertuscht würde. Hilger meinte, jetzt sei der richtige Zeitpunkt und überreichte somit am Donnerstag symbolisch der Stadt die beiden Geschenke.

Seit Ende der 80er Jahre führen Ingrid Wagner und Dr. Jürgen Zieher durch Orte ehemaligen jüdischen Lebens in Ladenburg. Mit der Broschüre können sich jetzt Ladenburger und Besucher selbständig auf den Weg machen.

Ziegler dankte dem Autor Jürgen Zieher sowie der Sparkasse Rhein-Neckar-Nord, der Volksbank H & G Bank, der VR Bank Rhein-Neckar und der Ladenburger Familie Manfred Sohn für die finanzielle Unterstützung, durch die es möglich wurde dieses Projekt zu verwirklichen.

Der Historiker und Autor der Broschüre, Dr. Jürgen Zieher, hat mit einer Arbeit über das jüdische Leben in Deutschland nach 1945 promoviert. Seit Jahren führt er auf jüdischen Spuren durch Ladenburg. Das 1992 erschienene Buch „Die jüdischen Ladenburger“ war eine Grundlage für seine Recherchen zu der neuen Schrift.

Das Grußwort zu der Broschüre schrieb David Seldner, Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, das Vorwort kommt von Bürgermeister Rainer Ziegler.

Stolpersteine – ein Mahnen gegen das Vergessen

Die Stolpersteine sollen erinnern und das Vergessen verhindern. „Sie sind ein Element eines dauerhaften Mahnens“, sagt der Autor. Dazu gehören auch die Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge und der Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof, wie auch die Abteilung „Jüdisches Leben in Ladenburg“ im Museum.

Der Rundgang der Broschüre ist in 16 Stationen aufgeteilt, beginnend auf dem Marktplatz als Ort der Deportation. Er führt über die ehemalige Synagoge zu den Wohnhäusern, in denen 1940 jüdische Ladenburger Bürger gelebt haben, zum Museum und endet schließlich auf dem Jüdischen Friedhof.

Alle 37 Stolpersteine sind aufgeführt. 37 Steine mit Namen und Daten von Menschen. 27 jüdische Einwohner Ladenburg wurden am 22. Oktober 1940 aus Ladenburg deportiert und in das südfranzösische Internierungslager Gurs gebracht. Manche konnten fliehen, manche starben dort, andere wurden nach Auschwitz gebracht, von manchen verlieren sich die Spuren. Der Rundgang ist auch eine Spurensuche.

Der letzte Stolperstein wurde am Donnerstag in der Bahnhofstraße, vor dem heutigen Polizeirevier, dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Hirsch, gesetzt.

„Die Stolpersteine wollen einen Namen aus der Anonymität zurückholen“, sagt Zieher, und sie machen deutlich, neben dem Massenmord in den Vernichtungslagern in Osteuropa begannen die „Gräueltaten unter uns, auch hier in Ladenburg“.

Von den damaligen Käufern der jüdischen Wohnhäuser lebe heute keiner mehr. Die Schuld von damals könne nicht auf heute übertragen werden. Das Prinzip der Sippenhaft dürfe nicht bestehen, so Zieher.

Die Stolpersteine seien auch eine Geste gegenüber den Ermordeten und den Lebenden, diese Menschen nicht zu vergessen.

Jeder habe die Verantwortung, dass sich Grausamkeiten nicht wiederholen. Denn „ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Namen vergessen ist“, wie der Künstler Gunter Demnig gesagt habe.

Der Leser erfährt in der Broschüre von der Geschichte der Menschen, die hier lebten, von ihren Familien, von dem jüdischen Leben in Ladenburg.

Ein Gedicht, das unter die Haut geht

Der Pfarrer Markus Wittig ist Sprecher des Bündnisses „Wir gegen Rechts“, er liest an diesem Abend das „Liebeslied“, ein Gedicht von der jungen jüdischen Autorin Selma Meerbaum-Eisinger vor. Sie starb mit 18 Jahren in dem Arbeitslager Michailowka in der Ukraine.

Das Gedicht gehe unter die Haut, es erzählt von Zärtlichkeit, Jugend und Nähe, aber auch von Vergänglichkeit und Todesahnung. Sie habe 57 Gedichte geschrieben, bittersüß und kraftvoll, voller Hoffnung und voller Verzweiflung.

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Rund 80 Besucher kamen zur Vorstellung der Broschüre: "Spuren jüdischen Lebens in Ladenburg - ein Rundgang".

Es ist ein einzelnes Schicksal. Und dies, so Wittig, ist auch die Stärke der Stolpersteine, da sie auf den einzelnen, auf den individuellen Menschen verweisen.

„Lasst uns das Gedenken bewahren, auch an die einzelnen Menschen, an die individuellen Schicksale und aufpassen, dass diese Menschenverachtung nicht mehr passiert“, mahnt Wittig.

Die Veranstaltung von Schülern der Ladenburger Musikschule musikalisch begleitet: Mit einem Stück von Telemann (Imke Ramminger und Manuel Müller an der Geige, Anna-Katharina Berger am Cello), dem Klezmer-Dance (Imke Ramminger und Manuel Müller Geige und Simon Guckau am Flügel) und dem „Kindertodeslied“ „Veiled Autumn“ des amerikanischen Komponisten Joseph Schwantner, das eindrucksvoll von Manuel Müller am Flügel intoniert wurde.

Info: Die Broschüre ist in zwei Versionen erschien, einmal weniger aufwändig und eher als Heftchen wird sie an Schulen verteilt und ist kostenlos erhältlich. Die buchartige Auflage kann man gegen eine Schutzgebühr in Höhe von fünf Euro in der Stadtinformation und im Buchhandel erwerben. Auch in der städtischen Bibliothek liegt der „Rundgang“ aus.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.