Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Uns Frauen fehlt die Gelassenheit – na und?

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Guten Tag!

Ladenburg, 28. Juni 2010. Harmonische Beziehungen? Die gibt es, vielleicht, meint Gabi. Doch dazu gehören immer zwei.

Vielleicht gehören Sie ja zu den Menschen, die immer eine harmonische Beziehung führen, „Ja, Schatz, aber gern, Schatz, schon erledigt, Schatz“, ist bei Ihnen an der Tagesordnung. Bei Ihnen werden keine Türen geknallt und Sie sind noch nie völlig zerstritten zu einer Einladung von Bekannten gefahren. Beneidenswert. Sie verstehen sich blind.

Diese Art von Harmonie ist mir nicht vergönnt und wenn ich ehrlich bin, kenne ich auch kaum eine Beziehung an der ich dies beobachten konnte. Und wenn doch, denke ich mir meist: „Gut gespielt.“

Es ist ja nicht so, dass ich mir nicht täglich vornehme, verständnisvoll und tolerant zu sein und das geht auch oft einige Tage, manchmal sogar Wochen (eher selten) ganz gut und dann passiert es. Meist ist es nur ein Satz, ein Wort im falschen Moment und schon ist der Streit da.

Es ist ja auch nicht so, dass es nicht vorhersehbar wäre, denn gebrodelt hat es schon eine ganze Weile und Mann/Frau weiĂź ganz genau: „Wenn ich jetzt ausspreche, was ich denke…“ und dann bricht der Vulkan aus. Die Sätze beginnen meist mit „Könntest du nicht einmal -€¦, du hättest doch-€¦, warum sagst du nie -€¦, immer musst du, ich habe doch schon so oft-€¦“

Männer nennen das zänkisch sein oder auch schlicht die weibliche Vorwurfskultur.

Gegenstände des Streits sind meist ganz alltägliche Dinge: der nicht raus gebrachte MĂĽll, der Besuch der Schwiegermutter, ungebĂĽgelte Hemden, der vergessene Hochzeitstag. Die Liste ist beliebig verlängerbar. „Beliebte“ Streitthemen sind natĂĽrlich auch die Kindererziehung und die ewigen Ăśberstunden in der Firma.

„Kaum habe ich den Satz „du hättest doch einmal-€¦“ ausgesprochen, möchte ich ihn am liebsten zurücknehmen“, sagte mir kürzlich eine Freundin: „Denn dann geht der Streit los und ich weiß, dass wir die nächsten Tage kein Wort miteinander reden werden.“

Ja, das kenne ich nur zu gut, die neuralgischen Sätze, die es wahrscheinlich in den meisten Beziehungen gibt und die fast immer in einer Auseinandersetzung enden.

„Mein Mann hilft mir nie, wenn wir Besuch bekommen“, beschwerte sich eine Freundin bei mir über ihren Herzallerliebsten. „Ich schleppe die Getränkekisten herbei, putze das Haus und stehe tagelang in der Küche. Er spielt dann den perfekten Gastgeber, wenn die Gäste ankommen, während ich vollkommen abgekämpft mir ein Lächeln abringe. Wenn er dann abends noch sagt, was für ein schönes Fest es war und wie schade es sei, dass ich so schlecht drauf war, explodiere ich.“

Das wirkliche Problem, und da geben Sie mir sicher Recht, sind die eingefahren Rollen und Positionen. Würde meine Freundin weder Getränke besorgen, noch putzen und Essen vorbereiten, müsste es ihr Mann übernehmen oder er könnte am Abend nicht stolz von dem schönen Fest schwärmen. Vielleicht würde er aber auch nur Bier und Chips von der Tankstelle besorgen und es wäre dennoch eine tolle Party.

Das größte Problem ist hierbei die Gelassenheit, die den meisten Frauen, und ich gebe es zu, auch mir, vollkommen fehlt. Ich bin gestresst, wenn wir in Urlaub fahren, Gäste bekommen, die Kinder viele Arbeiten schreiben und, und, und -€¦ Und je angestrengter ich werde, um so mehr lässt mein Mann den Stress an sich abperlen, was natürlich meinen im Gegenzug erhört, das wiederum dazu führt, dass er mir meine schlechte Laune und meine Gereiztheit vorwirft.

Dilemmata werden erzeugt. Wie denkt Frau? Richtig, warum kann er nicht einmal-€¦Wie denkt Mann? Tja, wie denkt Mann? Ich vermute, er denkt: „Warum kann sie nicht einmal entspannter daran gehen?“

Wo habe ich angefangen. Ja, richtig, bei harmonischen Beziehungen.

Wenn Harmonie nur zu erreichen ist, wenn ich stets meinen Mund halte, dann kann mir Harmonie gestohlen bleiben.

Was ich dagegen erstrebenswert finde, ist die eingefahrenen Rollen zu verlassen, aber dazu gehören ja schließlich zwei.

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.