Donnerstag, 20. September 2018

Die erste Woche – der Weg zum Nichtraucher ist steinig und schwer …

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 29. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂĽr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂĽhlt. Sie schreibt ĂĽbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂĽbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂĽcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂĽrden sie dabei zu ĂĽberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂĽr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂĽcken“. Die erste Woche – als Fast-Nichtraucher.

Von Marietta Herzberger

Nur dieses eine Mal ...

Haben auch Sie Angst, aufzuhören? Das Rauchen sein zu lassen und sich keine mehr anzustecken? Finden Sie tausend verschiedene Gründe, weiter zu rauchen? Willkommen im Club der Meister der Selbstlüge.

Ein Beispiel, wie sehr sich der Mensch selbst und mit wachsender Begeisterung in die Tasche lĂĽgen kann, ist Karla.

Sie ist eine entfernte Verwandte von mir und schon seit ich sie kenne mal mehr, mal weniger übergewichtig und Raucherin. Sie erzählte mir, dass sie irgendwann mal aufgehört und spontan fünf Kilo zugenommen hatte. Dann fing sie wieder an, um nicht weiter Gewicht aufzubauen. Damals fragte ich sie, ob sie die fünf Kilo wieder abgenommen hätte. Nein, hätte sie nicht. Aber zugenommen habe sie seitdem auch nicht mehr. Deswegen würde sie ja rauchen, um essen zu können.

Sie raucht also, um essen zu können? Um ruhig zu bleiben. Um sich zu konzentrieren. Um-€¦

Wir Menschen sind Meister, wenn es darum geht, uns selbst in die Tasche zu lĂĽgen.

Diese Ängste waren immer mein Hemmschuh auf den halbherzigen Wegen zum Nichtrauchen. Ängste, die mich Dinge glauben ließen wie: Ich genieße es. Ich rauche gerne. Es beruhigt mich-€¦

Diese Ängste sind auch heute noch stellenweise bei mir und dicke befreundet mit Zoppo, meinem Rauchelf, der alles versucht, mich wieder an die Giftstängel zu fesseln.

Nur dieses eine Mal …

Sie flüstern mir dann Dinge in mein offenes Ohr wie: “Komm. Wenn du jetzt keine rauchst, dann isst du diesen Schokoriegel. Denke dran: Wenn du diesen Schokoriegel isst, dann wirst du zunehmen! Das ist echter Hunger. Kein Hunger auf Nikotin. Vertreibe ihn, den echten Hunger. Komm, nur ein paar Züge. Du kannst es doch jederzeit wieder lassen. Nur dieses eine Mal.“

Vor einigen Tagen hastete ich durch Termine verschiedenster Art, meine Tochter bekam spontan schulfrei, mein Hund musste zum Tierarzt, mein Auto ging nicht mehr an, es regnete in Strömen, der Akku meines Notebooks gab den Geist auf und meine Kaffeedose war leer. Mein Mann war beruflich unabkömmlich und die Großeltern meines Kindes in Urlaub. Und was tat ich?

Ich lief auf Notstrom. Was tat ich in solchen Situationen sonst noch? Richtig. Runterkommen. Sammeln. Fokussieren. Erst mal Pause machen. Sprich: Eine rauchen. Und ich tat es. Bis zur Hälfte. Dann ging es mir besser. Blöd, war aber so. Warum ging es mir dann besser? Keine Ahnung. Wahrscheinlich das Grundbedürfnis, etwas Vertrautes als Trösterchen zu nutzen, wenn alles um einen herum augenscheinlich im Chaos versinkt. Leider hielt dieses Gefühl: „Mir geht es jetzt besser“ nur so lange an, bis ich die Zigarette ausgedrückt hatte. Dann ärgerte ich mich über mich selbst.

Ich ärgerte mich so sehr, dass ich am Abend auf einem Konzert dem Caipirinha dankbar zusprach und dazu rauchte. So war es gut, so war es schon immer und morgen würde ich das wieder lassen. Der Selbstbetrug ging so weit, dass ich den Abend richtig genoss.

Tröste mich Zigarette, ich hatte einen Scheißtag!

Der fahle Geschmack am nächsten Morgen war ekelhaft. Das Gefühl, versagt zu haben, noch schlimmer. Das Wissen, dass ich diesen Rückschritt niederschreiben sollte, machte meine Laune nicht wirklich besser.

Was habe ich nun davon?
Entzugstechnisch befinde ich mich wahrscheinlich wieder auf Tag Eins. Auf alle Fälle fühlt es sich so an.

Und ich nehme mir vor: Bis auf weiteres werde ich bei Festivitäten eher dem Wasser als dem Alkohol zusprechen.

Der Weg zum Nichtraucher ist steinig und mit vielen persönlichen und ganz individuellen Steinen gepflastert. Manchmal ist man zu müde und die Beine zu lahm, um sie noch über die Steine zu heben. Dann latscht man einfach drauf oder stolpert, statt anzuhalten, kurz Luft zu holen, um Kraft zu sammeln und dann das Bein zu heben. Gehen Sie zurück auf „Los“!

Zurück auf „Los“? Eigentlich nicht. Ich mache dort weiter, wo ich vor dem „Rauch-Ausrutscher“ war. Beim Nichtrauchen.

Im August werde ich in Urlaub gehen und mein Tagebuch nur für mich schreiben. Es wird seit sehr langer Zeit ein rauchfreier Urlaub werden. Darauf freue ich mich. Ich freue mich darauf, ganz entspannt am Flughafen auf den Flug zu warten. Ich werde nicht überlegen müssen, wo ich im Flughafen rauchen kann. Nicht panisch werden müssen, weil ich im Flieger keine rauchen kann. Ich werde die Reise einfach genießen können. Darauf freue ich mich. Ich werde ab Mitte September wieder berichten. Schonungslos ehrlich.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂĽber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang schrieb sie täglich, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Jetzt geht sie erst mal in Urlaub und wir sind schon gespannt, was sie uns danach berichten wird.

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.