Sonntag, 23. September 2018

„Wow“ ist ein Fake – wer draufklickt zeigt, dass er was nicht verstanden hat

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Rhein-Neckar, 25. April 2011 (red) Seit ein paar Tagen geht „Wurm“ bei Facebook rum. Angeblich soll man ĂĽber den Klick auf den anzeigten Link sehen können, welche Facebook-Nutzer das persönliche Facebook-Profil aufgerufen haben. Ein Klick bringt nicht das versprochene Ergebnis, sondern schickt den Wurm an die eigenen „Freunde“, die wieder an weitere „Freunde“, die wieder….

Von Hardy Prothmann

Die „Wow“-Einladung nervt. Ganz gewaltig. Rund 20 Mal täglich geht bei mir das Chat-Fenster auf und jemand lädt mich ein, auf einen Link zu klicken, um angeblich sehen zu können, wer sich mein Facebook-Profil angeschaut hat.

Das wollen ich und mein Team bei über 2.000 Facebook-Freunden über die verschiedenen Blogs gar nicht wissen. Wer vorbeikommt, kann mitlesen, was öffentlich ist, dafür sind die Infos ja da. Und wer was kommentieren will, kommentiert.

Angeblich sollen schon eine Million deutsche Facebook-Nutzer auf den „Fake“ (Fälschung) reingefallen sein. Und angeblich sollen hier „Gefahren“ lauern. Viel erschreckender als eine mögliche Gefahr ist die Unkenntnis all derer, die auf solche „Angebote“ hereinfallen.

Dringender Beratungsbedarf

Tatsache ist – jeder, der einfach wild auf jeden Link im Internet klickt, der ihm angeboten wird, hat einen dringenden Beratungsbedarf. Ob als Privatmensch, als Geschäftsmann oder Vereinsmitglied oder Politiker oder, oder, oder. Denn soviel steht fest: Das Bewusstsein ĂĽber (mögliche) Gefahren und ein verantwortungsvolles Handeln sind nicht besonders ausgeprägt.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Es gibt seriöse Angebote, denen man überwiegend vertrauen kann und es gibt viele Fallen und unseriöse Seiten, denen man grundsätzlich misstrauen sollte. Und insgesamt gilt: Erst denken, dann klicken.

Eine einfache Lösung ist die Erwartungshaltung: Wenn ein Freund eine email mit einem neuen Versicherungsangebot schickt – erwarte ich das? Oder ist es besser misstrauisch zu sein? Erwarte ich tatsächlich, dass mich ein Freund dazu auserwählt hat ein Millionenerbe in Nigeria zu erhalten? Oder warum schickt mir jemand, der sonst nie „Sensationsmeldungen“ versendet und auch nicht in Freizeitparks geht, plötzlich angeblich ein Video?

Facebook an sich ist seriös (mal abgesehen vom Umgang mit dem Datenschutz), genauso wie redaktionelle Seiten oder Seiten von Firmen. Ăśberall da, wo aber „externe Inhalte“ erscheinen können oder sogar mĂĽssen, wie bei den sozialen Netzwerken, muss man mit (manchmal) unseriösen Inhalten rechnen. Und: Selbst Bankseiten oder Angebote von Regierungen sind schon gehackt (also mit böser Absicht verändert) worden.

Das ist wie mit Autos. Seriöse Fimen bauen gute Autos mit Diebstahlschutz. Manche werden aber trotzdem geklaut. Wer sein Auto nicht in einer dunklen Ecke abstellt, verringert die Möglichkeit einer „unseriösen Handlung“ – 100-prozentige Sicherheit gibt es nie.

Sensationslust und Neugier

Viele Artikel berichten von „möglichen Schäden“ durch solche unseriösen Facebook-„Angebote“, beispielsweise bei T-online:

„Das Ziel dieser Nachrichten ist immer das gleiche: Der Empfänger soll auf einen Link klicken, der in eine Falle lockt.“

Doch welche Falle ist gemeint? Sie wird nicht genannt. Solche Berichte sind mit „heiĂźer Nadel gestrickt“ und heischen mit Behauptungen um Aufmerksamkeit. Kurios: Die redaktionelle Meldung benutzt daselbe Prinzip wie der „Wurm“: Die Neugier oder Sensationslust. Soweit uns bekannt, hat der „Wow-Wurm“ bislang noch keinen Schaden angerichtet: AuĂźer, dass er viele Leute unendlich nervt, weil diese nicht, ihre „Freunde“ aber sehr wohl drauf reinfallen.

Und vor allem die Printmedien weiden solche „Horrormeldungen“ ĂĽber das ach-so-schlimme-gefahrenvolle Internet mit Freude aus. Die Schreckensmeldungen ĂĽber Fallen und Gefahren haben einen einfachen Grund: Facebook, Google und andere Internetangebote sind gefährlich fĂĽr’s eigene Geschäft.

Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit mit dem Computer und dem Internet und kĂĽndigen ihre Abos oder schlieĂźen erst gar keine mehr ab.

Auch das sollte man verstanden haben, um solche Meldungen richtig einordnen zu können.

Jede Tag gut 20 "Freunde", die auf den Trick hereinfallen und ein gefälschtes Angebot anklicken. Gefährlichkeit unbekannt - Imageverlust "programmiert".

Trotzdem ist es richtig, solche Gefahren zu benennen und darĂĽber zu informieren. Denn selbst wenn kein bezifferbarer Schaden entsteht, kann es einen „Image“-Schaden geben. Und der kann beträchtlich sein – privat wie beruflich.

Denn der kundige Facebook-Nutzer trennt sich vielleicht von „Freunden“, die dauernd auf alles klicken und solche Falschmeldungen reduplizieren. Nicht nur, weil sie „genervt“ sind, sondern weil sie echte Schäden von sich halten wollen. Gerade Unternehmer und Geschäftsleute mĂĽssen ebenso wie Vereine oder Behörden auf ihre GlaubwĂĽrdigkeit achten. Image-Schäden sind nur schwierig zu „reparieren“.

Imageschaden

Es gibt genug Beispiele fĂĽr „bezifferbare“ Schäden, ob das Ausspionieren von Kundendaten (Phishing) oder das Erzeugen von Computerschäden. Einer der erfolgreichsten Viren war „I love you„. Der „Mal-Code“ hatte im Mai 2000 enorme Schäden angerichtet, weil er auf infizierten Rechnern Daten vernichtete. Angeblich gingen die Schäden in die Milliarden – die genaue Schadenssumme lieĂź sich auch hier nicht belegen, weil viele Unternehmen aus Angst vor Image-Verlust keine Schäden beziffert haben.

Was aber tun, wenn hinter jeder vermeintlichen Meldung eine „Falle“ stecken könnte? Die allersicherste Lösung ist, gar nichts mehr anzuklicken. Dann kann man aber auch gleich den Stecker ziehen und sich vom Internet verabschieden.

Die beste Lösung ist, zu wissen, was man tut. Grundsätzlich gilt: Traue keiner Meldung, die „sensationelle Inhalte“, irgendwas mit Freundschaft und Liebe, mit Neugier oder einfach irgendetwas verspricht, auf das man „impulsiv“ reagiert. Denn der Trick ist, das Denken zu umgehen und den Impuls, also den Klick auszulösen.

Der kleine Spion in uns allen

Die Meldung „„WOW Jetzt kannst du sehen wer sich dein Profil ansieht!“ appelliert an die Neugier, den kleinen Spion, den jeder in sich hat. Wer nachdenkt, fragt sich: „Moment, will ich, dass andere sehen können, worauf ich geklickt habe? Ist das nicht datenschutzrechtlich problematisch? Wieso habe ich nirgendwo eine Meldung dazu gelesen, dass es so ein Feature gibt?“

Ende März 2011 verbreitete sich diese gefälschte Meldung rasant:

„SCHRECKLICH! – Unfall im Europa Park in Deutschland!“
„Hey hast du das gesehen? Unglaublich. Konnte es mir gar nicht ganz ansehen. NIE wieder Achterbahn.“

Angeblich sollte es einen Achterbahnunfall im Europapark gegeben haben und Freunde „empfahlen“ diesen Link. Wer draufklickte, gab vermutlich seine Kontaktdaten preis – an irgendjemanden. Der „Täter“ ist nicht festgestellt worden. Der Trick hier: Die Ansprache der „Sensationslust“.

Was aber, wenn solch eine Anwendung auch die Daten von Freunden, Geschäftspartnern und Kollegen „abgreift“? Und was passiert damit? Ziemlich sicher wird damit Handel getrieben. Es folgt Werbung, Spam und im schlimmsten Fall ein tatsächlich krimineller Angriff auf Bankkonten.

Facebook sicherer machen

Wer „versehentlich“ auf einen solchen Link geklickt hat, kann bei Facebook unter “Konto-€ -> “Privatsphären-Einstellung-€ -> “Website und Anwendungen-€ -> “Anwendungen, die Du verwendest-€, die Einstellungen bearbeiten. Grundsätzlich gilt – alles löschen, was man nicht kennt ist besser, als nicht zu wissen, was die einzelnen Funktionen bewirken.

Gerade Geschäftsleute, Unternehmen, aber auch Arbeitnehmer, Vereine oder Behörden sind in der Verantwortung, zu wissen, was sie im Internet tun und welche Folgen das für andere haben kann.

Leider passieren viele Fehler, weil es an Wissen mangelt. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum und so selbstverständlich, wie man sonst Verträge prüft und die Qualität sichernde Massnahmen im Betrieb durchführt, sollte ein wissensbasiertes Verhalten im Internet vorhanden sein.

Wenn Sie sich dafür interessieren, stehen wir Ihnen mit unserer Erfahrung gerne zur Seite oder vermitteln geeignete Experten. Wir beraten Sie gerne und effektiv. Die Kosten hängen vom Umfang ab, sind aber überschaubar.

Einfach auf den Link klicken. Keine Sorge ;-), der ist seriös.

redaktion (at) rheinneckarblog.de

Sollten Sie auf den Link in Facebook hereingefallen sein – informieren Sie Ihre Kontakte. Transparenz und Ehrlichkeit werden geschätzt.

Sorgen Sie dafür, dass die Menschen, die mit anderen übers Internet kommunizieren, auch wissen, was sie tun. Ob das die Lebenspartner, Kinder, Freunde oder Beschäftigte sind.

Die hohe Zahl derer, die offensichtlich noch zu wenig ĂĽber’s Internet wissen und arglos den Blödsinn angeklickt haben, zeigt, dass der Informationsbedarf weiterhin hoch ist.

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.