Freitag, 20. Juli 2018

Ausverkauftes Olympiakino und Diskussion zu "More than Honey"

Warum die Bienen sterben

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Hirschberg/Ladenburg/Rhein-Neckar, 26. MĂ€rz 2013. (red/ld) Ein rĂ€tselhaftes Bienensterben hat die Erde erfasst. Im Jahr 2008 starben bei einem Fall in SĂŒdbaden tausende Völker. Dazu hĂ€ufen sich Nachrichten von der sogenannten Killerbiene und an allem Schuld ist mal wieder der Mensch! Darum geht es in der schweizer Dokumentation von Markus Imhoof. Im Anschluss an den Film diskutierten Dr. Alexander Spangenberg, Vorsitzender des BUND Ladenburg und der Imker Dirk Lankenau aus Ladenburg mit dem Publikum.

Von Lydia Dartsch

Das vor dem Film angebotene Honigbrot mit Ladenburger Honig blieb den Zuschauern buchstĂ€blich im Hals stecken, als im Film „More than Honey“ von Markus Imhoof der amerikanische Großimker John Miller glĂŒcklich dem Bienensummen lauscht:

Das ist der Klang des Geldes,

sagt er. Und genauso wenig zimperlich geht er mit seinen Bienen um.

Seine Bienenstöcke leben alle paar Wochen woanders: Sobald die BlĂŒte auf den riesigen Mandelplantagen vorbei ist, fĂ€hrt er seine Stöcke mit dem Truck tausende Kilometer durch das Land zur nĂ€chsten Plantage. Dass bei dem Transport und durch die Insektizide, die auf den Plantagen verspritzt werden, immer wieder Völker sterben, schmerzt ihn nicht mehr. Die Völker werden geteilt und ihnen werden neue Königinnen verpasst. Die kommt per Versand, in der gewĂŒnschten Rasse.

Rassebienen versus Killerbienen

Probleme hat auch der schweizer Bergimker Fred Jaggi, dessen Bienen der „Alten Landrasse“ plötzlich von einem rĂ€tselhaften Parasiten befallen werden. Gegen die ist die sogenannte Killerbiene offenbar resistent, hat der Killerbienenimker Fred Terry herausgefunden, der seit Jahren mit dieser aggressiven und unkontrollierbaren Sorte arbeitet.

Zur Einstimmung auf den Bienenfilm gab es fĂŒr die Zuschauer Honigbrote mit Ladenburger Honig.

 

Über 400 Bienenarten gibt es. Viele, wie die Hummeln, leben wild. Andere, wie die Honigbiene oder die afrikanische Biene leben in Völkern und Superorganismen zusammen, klĂ€rten Dr. Alexander Spangenberg und Dirk Lankenau nach dem Film auf und beantworteten die Fragen der Zuschauer.

Ladenburg ist noch nicht betroffen

Die Feinde der Bienen sind ĂŒberall gleich: Monokulturen, Stress, Pflanzenschutzmittel und die Varoa-Milbe, deren Larven sich nicht nur von den Bienenlarven ernĂ€hren, sondern die als ausgewachsene Milbe die Bienen befĂ€llt und sie mit Viren ansteckt, die ihre FlĂŒgel verkrĂŒppeln lassen. Sie gilt als der grĂ¶ĂŸte Feind der europĂ€ischen Honigbiene, denn ohne Behandlung sterben die Bienenvölker. Nur in Australien ist sie noch nicht eingewandert.

Dirk Lankenau (2. von links) und Dr. Alexander Spangenberg (2. von rechts) diskutierten nach dem Film „More Than Honey“ ĂŒber das Bienensterben in Deutschland, die SItuation in der Region, und die Rolle des Menschen dabei.

 

In Ladenburg ist man besorgt, aber zuversichtlich, von ihr verschont zu werden. Wenn doch, so weiß der Ladenburger Imker Dirk Lankenau, ist sie mit Oxal- und AmeisensĂ€ure zu vertreiben.

Das wirkt wunderbar. Man muss nur schauen, dass das Wetter sonnig ist,

sagt er. Vom Bienensterben sei er nicht direkt betroffen: Vor sechs Jahren habe er ganz unbedarft mit 25 Bienenvölkern angefangen und die Stöcke im Trinkwasserschutzgebiet aufgestellt. Dort bestehe keine Gefahr, dass sie mit Chemikalien in BerĂŒhrung kommen. Außerdem gebe es dort eine große BlĂŒtenvielfalt. Ein Paradies fĂŒr die gestreiften Insekten. Nur einmal habe es einen Vorfall des Bienensterbens gegeben, als einer seiner Nachbarn zum falschen Zeitpunkt seine ObstbĂ€ume gespritzt habe.

Monokulturen und industrialisierte Landwirtschaft begĂŒnstigen das Sterben

Ebenso sei das Bienensterben in SĂŒdbaden im Jahr 2008 auf eine  falsche Verwendung von Pflanzenschutzmitteln zurĂŒckzufĂŒhren, sagte Herr Lankenau. 1.100 Bienenvölker seien damals an einer Clothianidinvergiftung gestorben. Ein Mann aus den Zuschauerreihen bezifferte die Zahl sogar auf 12.000.

Das Olympiakino war ausverkauft – an allen Spieltagen von „More Than Honey.“ Kritisch diskutierten die Zuschauer mit Dirk Lankenau und Dr. Alexander Spangenberg ĂŒber die Ursachen des Bienensterbens und die Rolle des kleinen Insekts fĂŒr den Menschen.

 

Schuld an dem Bienensterben war Clothianidin, ein Neonicotinoid, das in gebeiztem Saatgut verwendet wird. So nennt man Saatgut, das als Tablette in den Boden gesĂ€t wird, ummantelt mit NĂ€hrstoffen, DĂŒnger und eben Pflanzenschutzmitteln. Das Nervengift Clothianidin soll eigentlich den Drahtwurm von Maiswurzeln fernhalten.

Bienensterben Schuld von Monsanto und Bayer

Eigentlich sollte es gar nicht mit den Bienen in BerĂŒhrung kommen. Doch im Fall von SĂŒdbaden seien bei der Aussaat StĂ€ube entstanden. Anstatt des Drahtwurms, starben die Bienen an dem Nervengift. Ein Unfall sei das gewesen, sagte Lankenau. Die Bauern hĂ€tten nicht die richtigen GerĂ€te fĂŒr das Saatgut gehabt. Dadurch seien die StĂ€ube entstanden. Alexander Spangenberg sah das anders:

Das war kein Betriebsunfall.

Er macht die Nahrungsmittelkonzerne, wie Monsanto oder Bayer fĂŒr das Bienensterben verantwortlich. Der Konzern Bayer habe mit unwissenschaftlichen Studien der Umweltbehörde bescheinigt, dass Clothianidin ungefĂ€hrlich sei fĂŒr Bienen. Anschließend habe sie und nach ihr auch die EuropĂ€ische Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit (EFSA) zugelassen.

Die Umweltbehörde hat das geprĂŒft,

sagte ein Zuschauer. Alexander Spangenberg erklĂ€rte, die PrĂŒfung durch die Umweltbehörde sei ein reiner Verwaltungsakt. Entgegen der Erwartung fĂŒhre sie keine eigenen, unabhĂ€ngigen Studien durch. Es gebe keine unabhĂ€ngigen PrĂŒfstellen. Wenn es nach ihm ginge, wĂ€re der Stoff gar nicht erst zugelassen worden. Denn auch, wenn die eingesetzten Mittel unter der Schadgrenze liegen, nehmen die Bienen das Gift mit jedem Flug auf.

Dann sterben sie auch. Nur langsamer.

sagte Herr Spangenberg und spricht von der Industrialisierung der Landwirtschaft. Die mache den Bienen das Leben auch schwer mit Monokulturen und gentechnisch verÀnderten Pflanzen. Bei Groímker John Miller sieht man MandelbÀume bis zum Horizont.

Mit weniger braucht man gar nicht erst anfangen,

sagt er. Das ganze Jahr ĂŒber fĂ€hrt er seine Bienenstöcke auf zwei großen Trucks tausende Kilometer durch die USA, von einer Plantage zur anderen. Denn wenn die BlĂŒte auf einer Plantage mit einem Mal vorbei ist, haben die Bienen mit einem Schlag keine Nahrung mehr. Sie mĂŒssen umgesiedelt werden. Zudem sind Monokulturen besonders anfĂ€llig fĂŒr SchĂ€dlinge, was die Verwendung von Pestiziden und Insektiziden unumgĂ€nglich macht.

Bienen verlieren die Orientierung

Die Bienen verlieren ihre Orientierung. Die Spritzmittel beeintrĂ€chtigen ihren Geruchssinn. Weil es auf den riesigen Plantagen ĂŒberall gleich aussieht, fehlen ihnen Orientierungspunkte, mit denen sie zurĂŒck zu ihrem Stock finden.

Es kann passieren, dass der Imker zum Bienenstock kommt und keine Bienen mehr da sind.

sagte Dirk Lankenau. Der Stress, dem die Bienen durch die fehlende Orientierung, die Spritzmittel und die Monokulturen ausgesetzt sind, machen sie anfĂ€llig fĂŒr Krankheiten und Parasiten, wie die Faulbrut oder die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe. Die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Parasiten und Krankheiten wird zudem gefördert durch die von einigen Imkern angestrebte genetische Reinhaltung der Bienen, die angesichts der hunderten Bienenarten und dem Besamungsakt in der Luft schwer kontrollierbar ist.

Faulbrut tötet Völker

Ist ein Stock von der Faulbrut befallen, ist das in Deutschland meldepflichtig. Die Amerikanische Faulbrut frisst die Bienenlarve von innen auf. Aus ihr entsteht ein grauer Brei voller Sporen. Diese Sporen heften sich an die Ammenbienen, die die Brut aufziehen und verbreiten sich so auf andere Larven. Angesichts der kurzen Lebensdauer von bis zu 35 Tagen, ist diese Krankheit fĂŒr den Stock hoch gefĂ€hrlich.

Wird sie in einem Volk festgestellt, muss das befallene Volk getötet, sowie sĂ€mtliche Materialien vernichtet werden, auf denen sich Sporen befinden könnten. Außerdem verhĂ€ngt das VeterinĂ€ramt einen Sperrbezirk um den Stand, um eine Übertragung auf andere Völker zu verhindern. Alle Völker im Umkreis von einem Kilometer mĂŒssen daraufhin auf die Faulbrut untersucht werden. Im Rhein-Neckar-Kreis gab es in den letzten Jahren zwar keine FĂ€lle der Faulbrut. Im restlichen Baden-WĂŒrttemberg und in Deutschland erkranken aber immer wieder Bienenvölker. Eine Übersicht der FĂ€lle bietet die Webseite des Imkerkatasters.

Blutegel so groß wie Kaninchen

Die Varroamilbe ist der gefĂ€hrlichste Parasit fĂŒr die Bienen. Wie ein Blutegel heftet es sich an die Bienen und ernĂ€hrt sich von ihnen: Mit ihrer GrĂ¶ĂŸe von 1,6 Millimeter ist sie in menschlichen Dimensionen ein Blutegel von der GrĂ¶ĂŸe eines Kaninchens. Die Milbe pflanzt legt ihre Eier in den Bienenlarven ab und frisst sie von innen auf. Im erwachsenen Stadium beißt sie sich an den erwachsenen Bienen fest und ĂŒbertrĂ€gt mit ihrem Biss Krankheiten, durch die beispielsweise die FlĂŒgel der Bienen verkĂŒmmern. Die Bienen können nicht mehr fliegen und der Nachwuchs stirbt. Behandeln lassen sich die Völker mit Oxal- und AmeisensĂ€ure.

Biologische Vielfalt statt Monokulturen

Dirk Lankenau freut sich, dass seine Völker bisher von alldem verschont geblieben sind. Er setzt auf BiodiversitĂ€t. Seine Bienenstöcke hat er im Wasserschutzgebiet aufgestellt, wo keine Pflanzenschutzmittel verspritzt werden und es viele unterschiedliche BlĂŒtenarten gibt. Außerdem schottet er seine Bienen nicht von anderen Bienenrassen ab. Das dient seinem Hongiertrag und dem Ertrag der Landwirte, die ebenfalls auf eine Pflanzenvielfalt setzen.

Dirk Lankenau brachte selbst hergestellten Honig von seinen Völkern aus Ladenburg mit. Er setzt auf biologische Vielfalt bei Bienen und BlĂŒten. Die Stöcke stehen im Wasserschutzgebiet.

 

Ein Experiment scheint ihm Recht zu geben: So haben Biologen herausgefunden, dass Honigbienen erst in Anwesenheit von Wildbienen richtig produktiv werden und mehr BlĂŒten bestĂ€uben, als wenn Honigbienen alleine diese Aufgabe ĂŒbernehmen. Wenn mehr BlĂŒten bestĂ€ubt werden, können auch mehr FrĂŒchte wachsen und reifen. Die ErnteertrĂ€ge der angebauten Pflanzen erhöhen sich. Gleichzeitig erhöht sich die Honigausbeute.

Es ist, als wĂŒrden sich die Bienen gegenseitig zu mehr Leistung motivieren,

sagte Lankenau. Doch die Anwesenheit von Wildbienen erfordert aber vielfĂ€ltige Anbauarten – wo Monokulturen herrschen, gibt es keine Wildbienen, denn die brauchen BlĂŒtenvielfalt.

Killerbiene als HoffnungstrÀger

WĂ€hrend die europĂ€ische Honigbiene entgegen landlĂ€ufiger Meinungen eher zahm ist, schreckt die afrikanische Honigbiene, als „Killerbiene“ bezeichnet, die Menschen vor allem in den USA auf. „Killerbienen töten Rentner“ hieß beispielsweise eine Überschrift im Magazin „Focus“ vor knapp fĂŒnf Jahren ĂŒber die aus einem brasilianischen Labor ausgebĂŒchsten Völker, die sich seitdem weiter verbreiten. Diese Bienen sind zwar aggressiver als ihre europĂ€ischen Verwandten und auch giftiger, zeigt der Film. DafĂŒr sind sie resistent gegen Krankheiten wie die Faulbrut und die Varroa-Milbe macht ihnen nichts aus. Zudem, so heißt es im Film, produzieren sie mehr Honig, als die europĂ€ischen Honigbienen.

Ihr Nachteil: Sie sind nicht kontrollierbar; heute hier, morgen woanders.

Sie sind stÀndig am SchwÀrmen,

sagte Dirk Lankenau. Trotzdem liegt seine Hoffnung als Imker auf der afrikanisierten Honigbiene mit ihren Resistenzen als weitere Lösung gegen das Bienensterben:

Die Bienen in Afrika haben eine Regenerationskraft, die wir hier gar nicht kennen.

Der amerikanische Killerbienen-Imker Fred Terry hat im Film bereits seinen Frieden mit „seinen“ Tieren geschlossen: Seit er mit ihnen arbeitet, trĂ€gt er einen Imkeranzug, den er vorher nicht brauchte, wenn er Bienenvölker umsetzt, die sich in WohnhĂ€usern eingenistet haben und die Bewohner piesacken. Und wenn dem umgesiedelten Volk der neue Stock in der WĂŒste nicht gefĂ€llt, trĂ€gt er es ihnen auch nicht nach, wenn sie ohne „Good Bye!“ weiter schwĂ€rmen.

Anmerkung der Redaktion:
More Than Honey“ (91 Minuten) ist ein Film von Markus Imhoof und im Jahr 2012 im Senator-Filmerleih in Berlin erschienen.

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.