Mittwoch, 19. September 2018

„Zusammen sind wir eins“ – Einweihung der Martinsschule

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Guten Tag!

Ladenburg/Region Rhein-Neckar, 25. Februar 2010. Der Schulbeginn war am Montag. Am Mittwoch, den 24. Februar 2010, wurde die Martinsschule in Ladenburg offiziell eingeweiht. In der Schule werden 235 behinderte und schwerst behinderte Kinder unterrichtet und betreut. Landrat Dr. JĂŒrgen SchĂŒtz bezeichnete die neue Martinsschule als „Edelstein.“ Gut 150 GĂ€ste waren zur Einweihung gekommen.

Von Sabine Prothmann

Die Kinder der Martinsschule haben bei der internen Einweihungsfeier vor zwei Tagen die Parole „Zusammen sind wir eins“ auf ein Plakat ĂŒber ihren Alltag und ihr Leben in der Schule geschrieben. KĂŒrzer und besser kann man kaum beschreiben, was die heutige Einweihungsfeier des Neubaus in der Hirschberger Allee 2 vermittelt hat.

Kinder fĂŒhren den "Umzugszug" auf. Bild: ladenburgblog

Die Kinder, die Eltern und die Lehrer haben schon sehr frĂŒh erfahren, dass sie zusammenhalten mĂŒssen, um stark zu sein. Dass sie gemeinsam kĂ€mpfen mĂŒssen, um ihre Ziele zu erreichen. Und dass sie sehr viel Hilfe brauchen, um sich eine Zukunft zu realisieren. MĂŒhe-, aber hoffnungsvoll.

Die Martinsschule wurde 1978 schon einmal eröffnet. Doch die alte Schule ist im Laufe der Zeit zu klein geworden. Die Konzeption, die Planung und die Finanzierung haben viel MĂŒhe und Zeit gekostet – sehr viele Menschen haben an diesem Projekt gearbeitet. Am Montag konnten 235 SchĂŒler zusammen mit 105 Lehrern und 46 Kreisbediensteten in diesen wunderbaren Neubau einziehen. Die MĂŒhe hat sich gelohnt.

Oberste PrioritÀt.

Einer dieser Menschen ist der Landrat Dr. JĂŒrgen SchĂŒtz. Und man glaubt ihm, wenn er in seiner Ansprache sagt: „Dies ist heute ist einer meiner schönsten Tage. Beinahe zehn Jahre lang hast dieses Projekt eines Neubaus unserer regionalen Schule fĂŒr körper- und mehrfach behinderte Kinder mich in meiner Arbeit begleitet, ja, hatte sogar oberste PrioritĂ€t.“

28,2 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Das ist viel Geld, aber es ist gut investiert.

SchĂŒtz bezeichnete die neue Martinsschule als ein Bauwerk mit Symbolcharakter und zitierte den BundesprĂ€sidenten a. D. Roman Herzog: „Über die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet die Gegenwart unserer Kinder.“

Landrat Dr. JĂŒrgen SchĂŒtz: "Einer meiner schönsten Tage." Bild: lblog

Der Neubau war durch die stÀndig steigende Zahl der hier unterrichteten Kinder notwendig geworden. Diese benötigen oft eine medizinische Behandlungspflege.

„Edelstein“ in Ladenburg.

Mit ihrer anspruchsvolle Architektur und Umfeldgestaltung stelle die Martinsschule ein gelungenes stĂ€dtebauliches Entrée zur alten Römerstadt dar – ein weiterer Mosaikstein der Schulstadt. „Ein Edelstein“, sagte SchĂŒtz. Die Einweihung sei damit auch ein großer Tag fĂŒr die Stadt Ladenburg.

Das Architektenehepaar Maximilian Otto und Ursula HĂŒfftlein-Otto und ihr Team des Stuttgarter ArchitektenbĂŒros „OHO“ haben beinahe eine kleine Stadt geschaffen, eingebunden in die Landschaft zwischen Ladenburg und Schriesheim.

SchĂŒtz hob das Modulkonzept des Neubaus besonders hervor. Dieses ermögliche mehr als nur eine Versorgung, bessere pĂ€dagogische Förderung sowie therapeutische Maßnahmen der schwerst mehrfach behinderten Kinder und Jugendlichen.

Enormer Einsatz.

Der Einsatz des Rektors Kurt Gredel, des Kollegiums, das seine Ferien fĂŒr den Umzug opferte, das des Elternbeirats, des Fördervereins, der PflegekrĂ€fte und des Betreuungspersonals so wie der Kooperationspartner und vieler anderer mehr hĂ€tten die Realisierung des Projekts erst ermöglicht.

„Ein MĂ€rchen ist wahr geworden, denn selten bringen sich so viele Menschen ĂŒber eine so lange Zeit so beharrlich, mit Fantasie und so intensiv fĂŒr eine Sache ein.“ Und: „Sie alle suchen der Kinder Bestes.“

SchĂŒtz erinnert auch an den Namenspatron der Schule, den Heiligen Martin. „Einer der hinschaut, der Not wahrnimmt und seinen Mantel teilt.“

Schulleiter Kurt Gredel (links) mit BĂŒrgermeister Ziegler. Bild: lblog

Besonders lobte SchĂŒtz auch die Skulptur des Heidelberger KĂŒnstlers Pieter Sohl, die am Eingang steht: Zwei Freunde, deren Körper den Grundriss der Schule zeigen, umarmen sich.

Ort der UnterstĂŒtzung.

Der RegierungsprĂ€sident Dr. Rudolf KĂŒhner bezeichnete den Neubau der Martinsschule als Ort des Lebens, Ort der Beratung und UnterstĂŒtzung. „Ja, sagen hier die SchĂŒler, ja, sagen hier die Eltern, ja, sagen hier die Lehrer.“

Die Metropolregion und Baden-WĂŒrttemberg könnten stolz sein auf diese Einrichtung, auf diesen Ort der Begegnung, des Miteinanders, des Lernens, des Förderns und Forderns, der zu einem StĂŒck Heimat wurde.

„Die Finanzierung von sozialen Projekten ist ein Maßstab der Menschlichkeit und der QualitĂ€t einer Gesellschaft insgesamt“, sagte Landrat Matthias Wilkes als Vertreter der Kommunalen Partner fĂŒr den Kreis Bergstraße.

Die staatlichen Vertreter seien oft weit entfernt, doch die Landes- und Kommunalpolitiker konnten und wollten beim Einsatz fĂŒr behinderte Kinder nicht ausweichen. Wilkes ist so sozialisiert worden. Sein Vater war Lehrer fĂŒr gehörlose Menschen.

Viel zu schultern.

„Es ist ein guter und großer Tag fĂŒr unsere Stadt“, sagte BĂŒrgermeister Rainer Ziegler in seiner Ansprache. Ladenburg sei gerne eine Schulstadt auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, doch „fĂŒr die Martinsschule haben wir die Rolle des SchultrĂ€gers nicht, dafĂŒr bedarf es breiterer und stĂ€rkerer Schultern“.

"Lichtertanz" zur Einweihung. Bild: lblog

Aber, so betonte der BĂŒrgermeister, Ladenburg sei von Herzen gerne Heimat fĂŒr diese Schule: „Die Menschen in unserer Stadt freuen sich, wenn die SchĂŒler unterwegs sind, teilnehmen und teilhaben.“

Die Lage des Neubaus sei angebunden an die Stadt und an die Natur, gelegen am Kandelbach und in der NĂ€he des Waldparks.

Es gab ein ehrgeiziges Ziel: Es sollten pĂ€dagogische und medizinische Voraussetzungen geschaffen werden, die sich baulich an die Stadt anschmiegen und in die Natur integrieren. „Das haben die Architekten mit diesem baulichen Ensemble ĂŒberzeugend erreicht“, sagte BĂŒrgermeister Ziegler: „Vor 32 Jahren war die Martinsschule ein Vorzeigeprojekt. Und dies ist auch jetzt wieder eindrucksvoll gelungen.“

Wie ein kleines Dorf.

Als eine Schule wie ein kleines Dorf zwischen Stadt und Landschaft beschrieb der Architekt Maximilian Otto bei der symbolischen SchlĂŒsselĂŒbergabe an Landrat Dr. SchĂŒtz und den Sonderschulrektor Kurt Gredel seinen Neubau der Martinsschule.

Es gibt hier einen Bahnhof, einen Marktplatz, eine Cafeteria, Sporthalle und Schwimmbad, HĂ€user aus Backstein, aus Holz, eckig oder „kartoffelig“ rund, grau, blau, maigrĂŒn.

Es gibt Gassen, PlĂ€tze und selbstĂ€ndig „erfahrbare“ Wege. SpielrĂ€ume innen wie außen, als BĂŒhne fĂŒr Begegnung und Kommunikation.

Besonders bedankte sich der Architekt dafĂŒr, „dass sie uns haben machen lassen“.

Beeindruckendes Miteinander.

Beeindruckender als die Architektur ist aber das Miteinander der SchĂŒler, der Eltern und LehrkrĂ€fte.

"Crazy SchĂŒlers" haben Spaß und rappen. Bild: lblog

Es ist beeindruckend, wenn die SchĂŒlerband „Crazy SchĂŒlers“ auftritt. Es ist berĂŒhrend, wie die 6. Klasse ihren „Umzugszug“ darstellt. Es ist ergreifend, wie sich die 8. Klasse zum Lichtertanz bewegt und singt.

„Wir sind hier vier Schulen in einer“, sagt Peter Hellriegel, Leiter der FrĂŒhberatung: „Eine Grund-, eine Haupt-, eine Förderschule und eine Schule fĂŒr Geistigbehinderte.“ Er und andere Lehrer fĂŒhren die GĂ€ste nach den Einweihungsreden durch das SchulgebĂ€ude.

Entdeckung der Langsamkeit.

Viele Menschen drĂ€ngen durch die Flure, Rampen und Treppen. Dazwischen kommt man ins Stocken, wenn zum Beispiel eine gehbehinderte SchĂŒlerin die Treppen mĂŒhsam erklimmt. „Sich in einer Behinderten-Schule zu befinden, ist die Entdeckung der Langsamkeit“, sagt eine Mutter.

Dieses helle und freundliche GebÀude steckt voller Sonderanfertigungen und Sondereinrichtungen.

Ein GelÀnder kann nicht nur ein GelÀnder sein. Ein Schutz ist nötig, damit die Kinder sich nicht verletzen.

Ein Schwimmbad ist nicht einfach ein Schwimmbad. Es ist viel wĂ€rmer, 32-° Grad Celsius. Damit die behinderten Kinder nicht auskĂŒhlen, sondern ihre Körper und sich entspannen können. Es hat eine Transportschiene, damit auch Rollstuhlkinder in eines der drei Becken gehoben werden können.

125 SchĂŒler sind Rollstuhlkinder.

Die vielen Details in diesem einzigartigen GebĂ€ude sind teuer, aber sie tragen den BedĂŒrfnissen der Kinder Rechnung.

Wie in der großen Turnhalle. Da gibt es KletterwĂ€nde fĂŒr die, die viel können. Und Kletterebenen fĂŒr die, die weniger können. Ein großes Trampolin fĂŒr die, die hĂŒpfen können. Aber auch fĂŒr die, die nur gelagert werden und sich an den Schwingungen freuen.

Die SchĂŒlerschaft ist breit gefĂ€chert und so ist auch die Einrichtung. Hier muss auf jeden Einzelnen individuell eingegangen werden. Das geht gar nicht anders.

Und das tut man hier gemeinsam, denn „zusammen sind wir eins.“

Fotostrecke: Die Einweihung der Martinsschule
Hintergrund: Die neue Martinsschule

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.