Sonntag, 19. November 2017

„Zusammen sind wir eins“ – Einweihung der Martinsschule

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Guten Tag!

Ladenburg/Region Rhein-Neckar, 25. Februar 2010. Der Schulbeginn war am Montag. Am Mittwoch, den 24. Februar 2010, wurde die Martinsschule in Ladenburg offiziell eingeweiht. In der Schule werden 235 behinderte und schwerst behinderte Kinder unterrichtet und betreut. Landrat Dr. J├╝rgen Sch├╝tz bezeichnete die neue Martinsschule als „Edelstein.“ Gut 150 G├Ąste waren zur Einweihung gekommen.

Von Sabine Prothmann

Die Kinder der Martinsschule haben bei der internen Einweihungsfeier vor zwei Tagen die Parole ÔÇ×Zusammen sind wir einsÔÇť auf ein Plakat ├╝ber ihren Alltag und ihr Leben in der Schule geschrieben. K├╝rzer und besser kann man kaum beschreiben, was die heutige Einweihungsfeier des Neubaus in der Hirschberger Allee 2 vermittelt hat.

Kinder f├╝hren den "Umzugszug" auf. Bild: ladenburgblog

Die Kinder, die Eltern und die Lehrer haben schon sehr fr├╝h erfahren, dass sie zusammenhalten m├╝ssen, um stark zu sein. Dass sie gemeinsam k├Ąmpfen m├╝ssen, um ihre Ziele zu erreichen. Und dass sie sehr viel Hilfe brauchen, um sich eine Zukunft zu realisieren. M├╝he-, aber hoffnungsvoll.

Die Martinsschule wurde 1978 schon einmal er├Âffnet. Doch die alte Schule ist im Laufe der Zeit zu klein geworden. Die Konzeption, die Planung und die Finanzierung haben viel M├╝he und Zeit gekostet – sehr viele Menschen haben an diesem Projekt gearbeitet. Am Montag konnten 235 Sch├╝ler zusammen mit 105 Lehrern und 46 Kreisbediensteten in diesen wunderbaren Neubau einziehen. Die M├╝he hat sich gelohnt.

Oberste Priorit├Ąt.

Einer dieser Menschen ist der Landrat Dr. J├╝rgen Sch├╝tz. Und man glaubt ihm, wenn er in seiner Ansprache sagt: „Dies ist heute ist einer meiner sch├Ânsten Tage. Beinahe zehn Jahre lang hast dieses Projekt eines Neubaus unserer regionalen Schule f├╝r k├Ârper- und mehrfach behinderte Kinder mich in meiner Arbeit begleitet, ja, hatte sogar oberste Priorit├Ąt.“

28,2 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Das ist viel Geld, aber es ist gut investiert.

Sch├╝tz bezeichnete die neue Martinsschule als ein Bauwerk mit Symbolcharakter und zitierte den Bundespr├Ąsidenten a. D. Roman Herzog: ÔÇ×├ťber die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet die Gegenwart unserer Kinder.“

Landrat Dr. J├╝rgen Sch├╝tz: "Einer meiner sch├Ânsten Tage." Bild: lblog

Der Neubau war durch die st├Ąndig steigende Zahl der hier unterrichteten Kinder notwendig geworden. Diese ben├Âtigen oft eine medizinische Behandlungspflege.

„Edelstein“ in Ladenburg.

Mit ihrer anspruchsvolle Architektur und Umfeldgestaltung stelle die Martinsschule ein gelungenes st├Ądtebauliches Entr├â┬ęe zur alten R├Âmerstadt dar – ein weiterer Mosaikstein der Schulstadt. „Ein Edelstein“, sagte Sch├╝tz. Die Einweihung sei damit auch ein gro├čer Tag f├╝r die Stadt Ladenburg.

Das Architektenehepaar Maximilian Otto und Ursula H├╝fftlein-Otto und ihr Team des Stuttgarter Architektenb├╝ros ÔÇ×OHOÔÇť haben beinahe eine kleine Stadt geschaffen, eingebunden in die Landschaft zwischen Ladenburg und Schriesheim.

Sch├╝tz hob das Modulkonzept des Neubaus besonders hervor. Dieses erm├Âgliche mehr als nur eine Versorgung, bessere p├Ądagogische F├Ârderung sowie therapeutische Ma├čnahmen der schwerst mehrfach behinderten Kinder und Jugendlichen.

Enormer Einsatz.

Der Einsatz des Rektors Kurt Gredel, des Kollegiums, das seine Ferien f├╝r den Umzug opferte, das des Elternbeirats, des F├Ârdervereins, der Pflegekr├Ąfte und des Betreuungspersonals so wie der Kooperationspartner und vieler anderer mehr h├Ątten die Realisierung des Projekts erst erm├Âglicht.

ÔÇ×Ein M├Ąrchen ist wahr geworden, denn selten bringen sich so viele Menschen ├╝ber eine so lange Zeit so beharrlich, mit Fantasie und so intensiv f├╝r eine Sache ein.“ Und: „Sie alle suchen der Kinder Bestes.“

Sch├╝tz erinnert auch an den Namenspatron der Schule, den Heiligen Martin. „Einer der hinschaut, der Not wahrnimmt und seinen Mantel teilt.“

Schulleiter Kurt Gredel (links) mit B├╝rgermeister Ziegler. Bild: lblog

Besonders lobte Sch├╝tz auch die Skulptur des Heidelberger K├╝nstlers Pieter Sohl, die am Eingang steht: Zwei Freunde, deren K├Ârper den Grundriss der Schule zeigen, umarmen sich.

Ort der Unterst├╝tzung.

Der Regierungspr├Ąsident Dr. Rudolf K├╝hner bezeichnete den Neubau der Martinsschule als Ort des Lebens, Ort der Beratung und Unterst├╝tzung. ÔÇ×Ja, sagen hier die Sch├╝ler, ja, sagen hier die Eltern, ja, sagen hier die Lehrer.“

Die Metropolregion und Baden-W├╝rttemberg k├Ânnten stolz sein auf diese Einrichtung, auf diesen Ort der Begegnung, des Miteinanders, des Lernens, des F├Ârderns und Forderns, der zu einem St├╝ck Heimat wurde.

„Die Finanzierung von sozialen Projekten ist ein Ma├čstab der Menschlichkeit und der Qualit├Ąt einer Gesellschaft insgesamt“, sagte Landrat Matthias Wilkes als Vertreter der Kommunalen Partner f├╝r den Kreis Bergstra├če.

Die staatlichen Vertreter seien oft weit entfernt, doch die Landes- und Kommunalpolitiker konnten und wollten beim Einsatz f├╝r behinderte Kinder nicht ausweichen. Wilkes ist so sozialisiert worden. Sein Vater war Lehrer f├╝r geh├Ârlose Menschen.

Viel zu schultern.

ÔÇ×Es ist ein guter und gro├čer Tag f├╝r unsere StadtÔÇť, sagte B├╝rgermeister Rainer Ziegler in seiner Ansprache. Ladenburg sei gerne eine Schulstadt auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, doch ÔÇ×f├╝r die Martinsschule haben wir die Rolle des Schultr├Ągers nicht, daf├╝r bedarf es breiterer und st├Ąrkerer SchulternÔÇť.

"Lichtertanz" zur Einweihung. Bild: lblog

Aber, so betonte der B├╝rgermeister, Ladenburg sei von Herzen gerne Heimat f├╝r diese Schule: ÔÇ×Die Menschen in unserer Stadt freuen sich, wenn die Sch├╝ler unterwegs sind, teilnehmen und teilhaben.“

Die Lage des Neubaus sei angebunden an die Stadt und an die Natur, gelegen am Kandelbach und in der N├Ąhe des Waldparks.

Es gab ein ehrgeiziges Ziel: Es sollten p├Ądagogische und medizinische Voraussetzungen geschaffen werden, die sich baulich an die Stadt anschmiegen und in die Natur integrieren. „Das haben die Architekten mit diesem baulichen Ensemble ├╝berzeugend erreicht“, sagte B├╝rgermeister Ziegler: ÔÇ×Vor 32 Jahren war die Martinsschule ein Vorzeigeprojekt. Und dies ist auch jetzt wieder eindrucksvoll gelungen.“

Wie ein kleines Dorf.

Als eine Schule wie ein kleines Dorf zwischen Stadt und Landschaft beschrieb der Architekt Maximilian Otto bei der symbolischen Schl├╝ssel├╝bergabe an Landrat Dr. Sch├╝tz und den Sonderschulrektor Kurt Gredel seinen Neubau der Martinsschule.

Es gibt hier einen Bahnhof, einen Marktplatz, eine Cafeteria, Sporthalle und Schwimmbad, H├Ąuser aus Backstein, aus Holz, eckig oder ÔÇ×kartoffeligÔÇť rund, grau, blau, maigr├╝n.

Es gibt Gassen, Pl├Ątze und selbst├Ąndig ÔÇ×erfahrbareÔÇť Wege. Spielr├Ąume innen wie au├čen, als B├╝hne f├╝r Begegnung und Kommunikation.

Besonders bedankte sich der Architekt daf├╝r, ÔÇ×dass sie uns haben machen lassenÔÇť.

Beeindruckendes Miteinander.

Beeindruckender als die Architektur ist aber das Miteinander der Sch├╝ler, der Eltern und Lehrkr├Ąfte.

"Crazy Sch├╝lers" haben Spa├č und rappen. Bild: lblog

Es ist beeindruckend, wenn die Sch├╝lerband ÔÇ×Crazy Sch├╝lersÔÇť auftritt. Es ist ber├╝hrend, wie die 6. Klasse ihren „Umzugszug“ darstellt. Es ist ergreifend, wie sich die 8. Klasse zum Lichtertanz bewegt und singt.

„Wir sind hier vier Schulen in einer“, sagt Peter Hellriegel, Leiter der Fr├╝hberatung: „Eine Grund-, eine Haupt-, eine F├Ârderschule und eine Schule f├╝r Geistigbehinderte.“ Er und andere Lehrer f├╝hren die G├Ąste nach den Einweihungsreden durch das Schulgeb├Ąude.

Entdeckung der Langsamkeit.

Viele Menschen dr├Ąngen durch die Flure, Rampen und Treppen. Dazwischen kommt man ins Stocken, wenn zum Beispiel eine gehbehinderte Sch├╝lerin die Treppen m├╝hsam erklimmt. ÔÇ×Sich in einer Behinderten-Schule zu befinden, ist die Entdeckung der LangsamkeitÔÇť, sagt eine Mutter.

Dieses helle und freundliche Geb├Ąude steckt voller Sonderanfertigungen und Sondereinrichtungen.

Ein Gel├Ąnder kann nicht nur ein Gel├Ąnder sein. Ein Schutz ist n├Âtig, damit die Kinder sich nicht verletzen.

Ein Schwimmbad ist nicht einfach ein Schwimmbad. Es ist viel w├Ąrmer, 32-┬░ Grad Celsius. Damit die behinderten Kinder nicht ausk├╝hlen, sondern ihre K├Ârper und sich entspannen k├Ânnen. Es hat eine Transportschiene, damit auch Rollstuhlkinder in eines der drei Becken gehoben werden k├Ânnen.

125 Sch├╝ler sind Rollstuhlkinder.

Die vielen Details in diesem einzigartigen Geb├Ąude sind teuer, aber sie tragen den Bed├╝rfnissen der Kinder Rechnung.

Wie in der gro├čen Turnhalle. Da gibt es Kletterw├Ąnde f├╝r die, die viel k├Ânnen. Und Kletterebenen f├╝r die, die weniger k├Ânnen. Ein gro├čes Trampolin f├╝r die, die h├╝pfen k├Ânnen. Aber auch f├╝r die, die nur gelagert werden und sich an den Schwingungen freuen.

Die Sch├╝lerschaft ist breit gef├Ąchert und so ist auch die Einrichtung. Hier muss auf jeden Einzelnen individuell eingegangen werden. Das geht gar nicht anders.

Und das tut man hier gemeinsam, denn ÔÇ×zusammen sind wir eins.ÔÇť

Fotostrecke: Die Einweihung der Martinsschule
Hintergrund: Die neue Martinsschule

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.