Sonntag, 19. November 2017

Serie: Salvatore (20 Jahre) hat ein Problem

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Guten Tag!

Ladenburg, 25. MĂ€rz 2010. SexualitĂ€t ist immer noch fĂŒr viele Menschen ein großer Mythos, schreibt unsere Autorin Antonia Scheib-Berten. Gerade junge MĂ€nner lassen sich oft unter Druck setzen – unnötigerweise.

Von Antonia Scheib-Berten

Salva*, wie er von seinen Freunden, deutschen und italienischen, genannt wird, wurde in Mannheim geboren. Er fĂŒhlt sich als deutscher Italiener.

Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Salva wohnt noch bei seinen Eltern, teilt sich mit seinem zwei Jahre jĂŒngeren Bruder ein Zimmer.

„Das ist ĂŒberhaupt kein Problem. Wir arbeiten beide Schicht. Oft sehe ich Marco tagelang nicht,“ meint er. Und „Ich werde erst dann ausziehen, wenn ich eine Freundin habe, mit der ich dann zusammenziehen kann.“

Ejaculatio Praecox

Salva fÀhrt einen Golf GTI und hat ein Problem.

Der erste Kontakt mit Salva fand ĂŒber den Anrufbeantworter statt. Eine junge MĂ€nnerstimme sprach etwas unsicher „Guten Tag, hier spricht Herr G. Ich brauche bei ihnen einen Termin fĂŒr eine Beratung. Sie können mich auch unter Handy zurĂŒckrufen…“

Beim Anruf der Beraterin kam er nach einigem Zögern auf sein Problem zu sprechen. „Ich habe einen vorzeitigen Samenerguß. Können sie mir da helfen?“
Die Diagnose Ejaculatio Praecox hatte er, wie sich auf RĂŒckfrage ergab, selbst gestellt. Wir vereinbarten einen Termin.

Ja, er war schon beim Urologen, hatte sich untersuchen lassen. Organisch sei alles bei ihm in Ordnung, berichtete der smart aussehende junge Mann, der mir einige Tage spĂ€ter gegenĂŒber saß.

Seiner Mutter habe er auch schon von seinem Problem erzÀhlt, sonst noch niemandem.

Große Ängste, allein zu bleiben.

Derzeit habe er keine Freundin, leider. Als eine seiner drei grĂ¶ĂŸten Ängste nennt er „die Angst alleine zu bleiben, keine Frau zu finden“. Was war passiert?

Salva hatte „versagt“.

„Bei Steffi kam ich schon, als ich sie nur nackt sah. Sie tröstete mich und zog sich wieder an. Das wars dann.“

Salva war damals 18. Mit 20 lernte er Nicole kennen. Sie war 17 und Jungfrau.

„Ich war total unter Druck, ob ich wieder „nicht kann“. Sie ĂŒberließ mir alles, dachte ich hĂ€tte Erfahrung. Ja, die hatte ich: Erfahrung, aber schlechte,“ sinniert er voller Selbstzweifel.

„NatĂŒrlich ging es wieder schief. Ich fĂŒhlte mich beschissen. Wir haben es danach nicht mehr probiert. Kurze Zeit spĂ€ter machte sie mit mir Schluss. Seitdem habe ich Angst. Ich traue mich gar nicht mehr, mit einem MĂ€dchen nĂ€her in Kontakt zu kommen.“

Einmal versagt – immer Versager?

Verzweifeltes Macho-Image.

Die Zweifel an seiner mĂ€nnlichen Potenz konnte Salva schnell genommen werden. Er berichtete von spontanen Erektionen, von regelmĂ€ĂŸiger Masturbation.

„Wenn ich alleine bin, dann ist das alles ganz locker. Zwar geht es auch da ziemlich schnell, aber das ist ja auch okay. Nicht, dass sie denken, ich sei verklemmt. Sex ist toll“, meint Salva und hĂ€lt damit sein Macho-Image verzweifelt aufrecht.

Auf meine Frage, was denn typisch mĂ€nnlich sei, antwortet er: „Versuchen, das starke Geschlecht darzustellen. Ein Auto haben. Viel Geld haben. In jungen Jahren das Leben auskosten.“ Und: „Jeder junge Mann will eine Familie, Kinder, ein Haus. Manche wollen dies frĂŒher, manche spĂ€ter.“ Als typisch weiblich bezeichnet er: “Leicht Ziele aufgeben. Freundlich sein. Treu sein. Familienwunsch.“

Salva hat Angst; Angst wieder zu versagen. Er setzt sich unter einen enormen Druck, berichtet, dass er sich und seine Erregung stÀndig beobachtet.

MĂ€nner – das starke Geschlecht?

Sex ist toll. MĂ€nner sind allzeit bereit und immer potent. MĂ€nner sind das starke Geschlecht – fĂŒr Salva nur auf Video. „Ich als Italiener und „keine Amore“? Und meine Ehre?“

Ja, hier geht es um mehr, als nur ein gestörtes sexuelles Erlebnis. FĂŒr Salva ist sein „Versagen“ eine Tragödie, es geht um seine IdentitĂ€t als Mann.

Doch hat er ĂŒberhaupt versagt? War es nicht eher so, dass er durch Stress, Unkenntnis, Unsicherheit und dem hohen MĂ€nnlichkeits-Anspruch an sich selbst unter Druck stand und sein Körper recht gesund reagierte, nĂ€mlich diesen Druck abbaute?

„Der Mann ist natĂŒrlich dafĂŒr verantwortlich, dass die Frau einen Orgasmus bekommt.“, verkĂŒndet er. „Wie Ă€ußert sich der Orgasmus einer Frau ĂŒberhaupt? Woran spĂŒre ich, dass sie einen Orgasmus hat?“ fragt er etwas kleinlaut hinterher.

„Muss ich direkt nach dem Geschlechtsverkehr und dem Abziehen des PrĂ€servativs mein Glied waschen? Das ist bei uns daheim so kompliziert, weil ich ĂŒber den Flur muss und da sind ja auch noch meine Eltern,“ erzĂ€hlt er.

Gut, er benutzt Kondome. Ich lobe ihn und relativiere seinen Reinlichkeitssinn.

MÀnnliche IdentitÀt bei jungen Migranten
dritter Generation und sexuelle Dysfunktionen.

Gerade junge Migranten und auch ihre deutschen Altersgenossen mit geringem Bildungsniveau definieren sich ĂŒber Zilbergelds „Mythen der MĂ€nner“ (Zilbergeld, 1994).

Solche Thesen wie: „Beim Sex zeigt ein wirklicher Mann was er kann“, „Beim Sex geht es um einen steifen Penis und was mit ihm gemacht wird“ und „Ein Mann muss seine Partnerin ein Erdbeben erleben lassen“, setzen gerade junge MĂ€nner enorm unter Druck und bilden einen guten NĂ€hrboden fĂŒr psychisch verursache, sexuelle Dysfunktionen.

„Die Mythen lassen immer große Ängste … aufkommen. Sie tragen dazu bei, daß sexuelle Probleme ĂŒberhaupt erst entstehen … und stehen ganz allgemein … einfach gutem Sex im Wege“, meint Zilbergeld.

Im Kreise der Gleichaltrigen wird ĂŒber SchwĂ€che, Versagen oder Probleme nicht gesprochen – der junge Mann steht mit dem RĂŒcken zur Wand. Es geht um seine MĂ€nnlichkeit, es geht um seine Ehre.

Ein FĂŒnftel der deutschen MĂ€nner
leidet unter „SchnellschĂŒssen“.

Salva, der deutsche Italiener aus unserem Beispiel, fand den Weg zur herzwerkstatt. Er erfuhr, dass etwa ein FĂŒnftel der deutschen MĂ€nner unter „ungewollten SchnellschĂŒssen“ leidet.

Er lernte, dass befriedigende SexualitÀt nicht nur GenitalitÀt ist, sondern viel mehr.

Salva weiß heute, dass ZĂ€rtlichkeit, VerstĂ€ndnis und NĂ€he von Frauen weitaus mehr geschĂ€tzt und gewĂŒnscht werden als „stundenlanges Rammeln“.

Er fand im Laufe der Beratungen heraus, dass er ein liebenswerter und begehrenswerter Mann sein kann, auch wenn er nicht immer alles besser kann und weiß als seine Partnerin.

Er ĂŒbte Techniken der Ejakulationskontrolle und erfuhr, wie wichtig ein geschĂŒtzter Rahmen (Zeit, Ungestörtheit…) fĂŒr befriedigende SexualitĂ€t ist.

Außerdem erhielt er Entlastung: Der Mann ist nicht alleine fĂŒr die Befriedigung der Partnerin zustĂ€ndig. Auch sie trĂ€gt ihren Anteil bei.

Zum guten Schluss bekam er noch „Coolness und Humor“ mit auf den Weg. Sollte er in Zukunft wieder einmal mit zuviel „Speed“ bei der Sache sein, so wurde ihm empfohlen, dies mit einem „Ups…Du bist einfach zu genial“ zu kommentieren, keinen Stress aufkommen zu lassen und es nach einem zĂ€rtlichen Zwischenspiel mit der Partnerin neu anzugehen.

*Name von der Redaktion geÀndert

Zur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂŒtzung.

Die Beratung findet im geschĂŒtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.