Samstag, 18. November 2017

Dokumentation: Die Rede von Landrat Schütz zur Einweihung der Martinsschule

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Guten Tag!

Ladenburg/Region Rhein-Neckar, 25. Februar 2010. Der Landrat des Rhein-Neckar-Kreises, Dr. Jürgen Schütz, hat zur Eröffnung der neuen Martinsschule eine umfangreiche Rede gehalten. Da die Rede wichtige Aussagen zur Schule trifft und die hohe Bedeutung dieser Einrichtung unterstreicht, dokumentier die Redaktion die Rede in voller Länge

Rede zur offiziellen Einweihung der Martinsschule von Dr. Jürgen Schütz

„Verehrte Gäste,
heute ist einer der schönsten Tage meiner bald zu Ende gehenden 24-jährigen Amtszeit als Landrat. Denn jetzt weihen wir gemeinsam die neue Martinsschule hier in Ladenburg ein. Beinahe zehn Jahre lang hat dieses Projekt eines Neubaues unserer regionalen Schule für körper- und mehrfach behinderte Kinder mich in meiner Arbeit begleitet, ja, hatte sogar oberste Priorität. Und nun, nach vielen Gesprächen, Verhandlungen, Vereinbarungen, nach einem Architektenwettbewerb, Spatenstich, Richtfest, nach knapp zwei Jahren Bauzeit, dem Umzug einer ganzen Schule an einen neuen Standort, ist es soweit. Das erfüllt mich mit großer Freude, ebenso wie Ihrer aller Anwesenheit, und geteilte Freude ist bekanntlich doppelt so fein…

Aus der großen Schar der Gäste, die, wie schon beim Ersten Spatenstich und beim Richtfest zum Beginn ganz gekonnt von der Schülerfirma mit Cocktails bewirtet wurden – herzlich Dank Euch allen ebenso wie den Mitgliedern der Schülerband „Crazy-Schülers“ und den kooperativ-integrativen Klassen 6 und 8, die diese Feierstunde musikalisch und mit Beiträgen umrahmen, – will ich einige wenige namentlich begrüßen.

Ich heiße Herrn Regierungspräsidenten Dr. Rudolf Kühner, der nachher als Vertreter der Landesregierung zu uns sprechen wird, herzlich willkommen. Mit ihm und seinem Haus standen wir oft im Kontakt, wenn es um Raumplanung und Zuschüsse für die neue Schule ging. Gerne wäre auch Kultusstaatssekretär Wacker gekommen, doch da heute die neue Landesregierung vereidigt wird, muss er in Stuttgart anwesend sein. Voll Dankbarkeit erinnere ich an dieser Stelle noch einmal an den Besuch (2004) der damaligen Kultusministerin Dr. Annette Schavan, die sich von unseren Vorstellungen überzeugen ließ und ebenso wie Ministerpräsident Günter Oettinger (2006) einen Neubau der Martinsschule und eine finanzielle Förderung (6,4 Millionen Euro) durch das Land unterstützt hat.

Ich habe die neue Martinsschule einmal als Bauwerk mit Symbolcharakter bezeichnet. Dabei erinnerte ich mich noch gut, was mein ehemaliger Chef im Innenministerium und spätere Bundespräsident Roman Herzog einmal gesagt hat: „Über die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet die Gegenwart unserer Kinder“, waren seine Worte. Sicher war die alte Martinsschule noch gut in Schuss, doch sie wurde der ständig steigenden Zahl der schwerst mehrfach behinderten Kinder, die zudem oft Medizinische Behandlungspflege brauchen, nicht mehr gerecht. Deshalb ging es darum die Gegenwart zu verbessern, wofür sich alle kommunalen Partner dieser überregional bedeutenden Schule zu diesem Neubau am Ortsrand Ladenburgs entschlossen.
Herzlich begrüße ich meinen Kollegen Landrat Matthias Wilkes für den Kreis Bergstraße, der nachher ebenfalls zu uns sprechen wird, Erster Bürgermeister Christian Specht für die Stadt Mannheim sowie Herrn Brühl, den Leiter des Schulverwaltungsamtes für die Stadt Heidelberg. Lassen Sie mich Ihnen und den Vertretern Ihrer Gremien, die ich ebenfalls, wie unsere Kreisrätinnen und Kreisräte, herzlich willkommen heiße, auch an dieser Stelle noch einmal für die partnerschaftlich-kooperativen Beziehungen und die Finanzierung dieses 28,2 Millionen Euro-Projektes danken. Sie sind für die uns anvertrauten Kinder wirklich zukunftsweisend! Ein herzlicher Gruß gilt auch meinem Nachfolger, Stefan Dallinger, der heute ebenfalls mit dabei sein kann. Dieses Projekt ist abgeschlossen, aber er weiß, dass noch einige weitere, die es noch zu Ende zu bringen gilt, auf ihn warten-€¦

Ich glaube, auch für die Stadt Ladenburg ist heute ein großer Tag. Nicht nur, dass der Schulstadt ein weiterer Mosaikstein hinzugefügt wird, der eigentlich, auch diesen Begriff habe ich einmal verwendet, ein Edelstein ist. Denn mit ihrer anspruchsvollen Architektur und Umfeldgestaltung stellt die neue Martinsschule ein selbstbewusst-gelungenes städtebauliches Entree der alten Römerstadt dar. Bürgermeister Rainer Ziegler ist heute ebenfalls unter uns und wird ein Grußwort sprechen. Seien Sie und die Mitglieder des Stadtrates herzlich gegrüßt und bedankt für die Unterstützung der Stadt.

Wenn ich die Architektur anspreche, sind wir beim Architektenehepaar Maximilian Otto und Ursula Hüfftlein-Otto angelangt, die uns nachher ebenfalls einige Worte zu Ihrer Arbeit sagen werden. Ich begrüße Sie beide und Ihr Team des Stuttgarter Architektenbüros „OHO“ ganz herzlich und lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Es hätte uns kaum etwas Besseres als die Zusammenarbeit mit Ihnen passieren können. Vom Planentwurf über die Ausführung und die Arbeit mit den am Bau beteiligten Ingenieurbüros und Firmen – denen ich alle für ihre Arbeit danke – bis hin zur Einhaltung von Zeit- und Kostenplan waren Sie unserem Eigenbetrieb Bau und Vermögen, uns allen ein ausgezeichneter Partner. Für die rund 240 Kinder, die künftig hier zur Schule gehen, haben Sie beinahe eine kleine Stadt geschaffen, die durch die verwendeten Baumaterialien und die Einbindung in die Landschaft zwischen Ladenburg und Schriesheim sowie das ihr eigene Modulkonzept schon für viel Aufsehen gesorgt hat. Wäre die Schule bereits im September fertig gewesen, hätten der Kreis und Sie beim Auszeichnungsverfahren „Beispielhaftes Bauen Rhein-Neckar-Kreis – 1999 bis 2009“ der Architektenkammer Baden-Württemberg ganz gewiss einen Preis eingeheimst, so begeistert war die Jury.

Apropos Modulkonzept: Das ist für Versorgung der schwerst-pflegebedürftigen und schwerst mehrfach behinderten Kinder und Jugendlichen eine ausgezeichnete Sache. Vor allem, weil wir damit noch bessere pädagogische Förderung, therapeutische Maßnahmen, Betreuung und Versorgung ermöglichen. Denn die Nähe im Modul erreicht viel Positives, die Kommunikation im Team, der Einsatz technischer Hilfsmittel bei der Pflege und Betreuung wird erleichtert, die physische und psychische Belastung der Mitarbeiter reduziert. Das gibt mir Gelegenheit, mich bei allen, die sich hier vor Ort für die Kinder der Martinsschule engagieren, ganz herzlich Danke zu sagen, von der Schulleitung über Pflegekräfte und Betreuungspersonal bis hin zum Elternbeirat mit Anita Baro und dem Förderverein mit Jürgen Vosslo an der Spitze. Sie alle haben sehr aktiv an der Ideenfindung und Planung der neuen Schule mitgewirkt – gerne nennen will ich auch die extra eingerichtete Projektgruppe mit Ursula Grabbert, Ingrid Linsenmeyer-Wenz und Peter Hellriegel, die unseren Schulleiter Kurt Gredel und dessen Vorgänger Paul Hennze, sowie die Stellvertreterin Brigitte Spies-Bechtel unterstützt haben. Ein Dankeschön gilt zudem den Mitgliedern des Kollegiums, die die Ferien geopfert haben, um den Umzug in der vergangenen Woche zu realisieren. Schön, dass Sie alle da sind, ebenso wie Pflegekräfte und Betreuungspersonal, die ich gerne in meinen Dank mit einschließe. Ohne jetzt alle namentlich erwähnen zu können, will ich hier nicht vergessen den großen Kreis der Kooperationspartner und das bestehende Netzwerk der Martinsschule, in dem sich Schulverwaltung und Schulen, die Bundesagentur für Arbeit und viele mehr engagieren. Dazu zähle ich auch die Vertreter der Presse, die uns über die ganze Zeit so ausführlich zu diesem Thema begleitet haben! Überblickt man dies alles, könnte man beinahe sagen, ein Märchen ist wahr geworden, denn selten bringen sich so viele Menschen über eine so lange Zeit so beharrlich, mit Fantasie und so intensiv für eine Sache ein.

In Abwandlung eines Bibelwortes könnte man auch sagen: Sie alle suchen der Kinder Bestes, was mir Gelegenheit gibt, die Vertreter der Kirchen in Ladenburg herzlich zu grüßen. Die Schule trägt ja den Namen eines der berühmtesten Heiligen, und vielleicht hat jeder, der sich für unsere Kinder und Jugendlichen hier in der Schule engagiert, ein klein wenig von St. Martin. Heute wie damals braucht es den Martin, der hinschaut, der Not wahrnimmt und seinen Mantel teilt. Und heute ist das der Mantel der Güte und Nähe, der Mantel der Sorge und Anteilnahme, der Mantel tatkräftiger Hilfe.
Damals war es ein frierender Bettler im Schnee. Wie Martin ihm in seiner Not begegnet ist, daran erinnert die große Stahlskulptur, die der in Hördt/Pfalz lebende Künstler Andreas Helmling für den Verkehrskreisel vor der Schule geschaffen hat. Trotz ihrer Dimension (6 to schwer, Gesamthöhe 3,50 m) strahlt die scherenschnittartige Skulptur eine unglaubliche Leichtigkeit aus und wirkt äußerst lebendig. Ich freue mich sehr, dazu schon viel Positives von Menschen aus der Stadt vernommen zu haben. Die Plastik schlägt so den Bogen von der Verehrung des heiligen Martin, die in Ladenburg eine lange Tradition hat, zur Moderne und fordert, wie auch der Künstler sagt, zu Humanität auf.

Eine ganz andere künstlerisch gestaltete Skulptur aus Aluminium steht direkt im Eingangsbereich der neuen Schule. Geschaffen hat sie der Heidelberger Künstler Pieter Sohl, der auch die weitere künstlerische Ausgestaltung der Schule übernommen hat. Es war für ihn eine echte Herausforderung besonders für die Kinder zu arbeiten, hat er mir gestanden. Zudem musste es zu der wunderschönen Architektur passen und die einzelnen Bauelemente unterstützen. Auch wollte Pieter Sohl nicht nur kindergerecht gestalten, sondern für Lehrer, Betreuer und Besucher insgesamt ein Seherlebnis schaffen. Ich denke, das ist ihm gelungen. Sein besonderer Wunsch war es, die Fantasie der Kinder anzuregen und nicht, wie meist üblich, nur vor dem Eingang als gängige Kunst am Bau ein „Schmuckstück“ zu platzieren. Diese Begrüßungsskulptur gibt es, und eigentlich besteht sie aus dem Grundriss der Schule (und wäre vielleicht auch ein schönes „Schullogo“). Doch auch innen entdeckt man, gleich wo man steht oder geht, immer wieder einen fröhlichen Farbtupfer. Und die beweglichen Wände innen sollen besonders einladen, sich nach Lust und Laune ein Bild zu drehen – auch mit dem Hintergedanken einer pädagogischen Funktion.

Meine Damen und Herren, wie man es also dreht und wendet: Mit der neuen Martinsschule haben wir eine moderne, offene und freundliche Schule geschaffen. Wir haben geduldig daran gearbeitet, den behinderten Kindern eine bessere Chance auf einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Die investierten Gelder sind gut angelegt, die Schule wird im Laufe der Jahre noch weiter an Kontur gewinnen und jedem einzelnen Kind und jedem Jugendlichen hier einen optimalen Weg der Förderung bieten. Ich hoffe und wünsche, dass auch Sie – so wie ich – heute damit einen Augenblick der Dankbarkeit erleben und dass sich alle, die hier arbeiten, und besonders die Kinder, in der neuen Martinsschule wohlfühlen und das Lernen Freude macht.“

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um die schriftliche Fassung der Rede. Der mündliche Vortrag kann davon abweichen.

Einen schönen Tag wünscht
Das ladenburgblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.