Montag, 23. Juli 2018

Krämer liest in der "Goldenen Krone" aus "Mordsquilt"

Kino für die Ohren

Print Friendly, PDF & Email

Ladenburg, 20. März 2013. (red/ms) Krimiautor Manfred Krämer hat seine Diabeteskrankheit besiegt. Am Samstag hielt er im Restaurant „Zur Goldenen Krone“ die zweite Lesung, seitdem er aus der Reha zurück ist und überzeugte auf ganzer Linie.

Von Minh Schredle

Eine Krimilesung in einem Gewölbekeller: Was sollte man da erwarten? Nackten Sandstein im Dämmerlicht und Nervenkitzel in beklommen-finsterer Atmosphäre? So falsch sollte ich mit meinen Befürchtungen gar nicht liegen. Beklemmend war das aber keineswegs; ganz im Gegenteil: Wer im Restaurant „Zur Goldenen Krone“ über die unscheinbare Treppe das Untergeschoss aufsucht, findet dort tatsächlich rohe Steinwände vor, lediglich durch Putz und Mörtel zusammengehalten. Ansonsten sind sie naturbelassen. Mit warmem Licht, Kerzenschein und die dezente, stilvolle Dekoration wurde ein angenehmes Ambiente geschaffen.

Mit etwa vierzig Zuhörern waren die Kapazitäten des Kellers voll ausgeschöpft. Sie waren gekommen, um eine Lesung des Krimiautoren Manfred Krämer zu besuchen. Bei ihm wurde vor etwa eineinhalb Jahren Diabetes diagnostiziert. Die Krankheit scheint nach Behandlung und Reha besiegt.

Es erst ist die zweite Lesung seit seiner Erkrankung, auf der Krämer auftritt. Trotzdem ist er in Topform: Sein Werk „Mordsquilt“ wird förmlich zum Leben gelesen, seine Figuren erwachen zum Leben. So intensiv versetzt er sich in sie hinein, imitiert deren Akzenkte und Sprechgewohnheiten, alles wirkt routiniert und zielsicher pointiert.

Krämer lebt sich in seinen Vortrag hinein, benutzt auch Gestik und Mimik gekonnt.

 

Trotz düsterer Thematik und zahlreicher, kaltblütiger Morde ist „Mordsquilt“ kein Krimi im klassischen Sinn:

Ich habe mich immer vehement dagegen gewehrt, ein Schubladenautor zu werden.

sagt der hauptberufliche LKW-Fahrer zu Beginn. Anders als in seinen Werken „Spargelmord“ oder dem bis jetzt härtesten Roman „Die Skorpionin“ steht hier die Unterhaltung der Leser im Vordergrund:

Sie sollen am Ende sagen: Mensch, das hat Spaß gemacht.

Verschwörungen im Stoffstübchen

„Mordsquilt“ ezählt die Geschichte von fünf Paaren: Wie sich die Figuren lieben lernten, wie diese Liebe zur Routine verkam und schließlich, wie die Frauen ihre Gatten beseitigen. Einmal in der Woche treffen sich die Frauen im so genannten Stoffstübchen, wo sie Quilts anfertigen, gemeinsam lästern und Pläne schmieden, sich ihrer nervigen Ehemänner zu entledigen.

Eigentlich begann alles durch einen Zufall: Eine der Frauen, Josefa, klein und zierlich, hatte einen Mann, Bodo. Er war zwei Meter groß und stark behaart. Bodo hatte sich mit einer Metzgeraxt geschnitten und ist in der Folge an einer Blutvergiftung gestorben. Da die beiden aber schon seit Längerem in einer Krise steckten und Josefa ihn erst vor Kurzem aufgebracht angeschrien hatte:

Er solle doch grad an seinem Beil verrecken.

glauben ihr die anderen Frauen nicht, dass sein Tod nur ein Unfall war. Das verurteilen sie aber nicht im Geringsten. Sie sind sogar eher beeindruckt von ihrem Mut und wollen sich diesen zum Vorbild nehmen, um es ihr nachzutun.

Das Denken und Verhalten der „intriganten Weiber“, wie Manfred Krämer sie nennt, sind dabei erbarmungslos, gefühlskalt, aber gleichzeitig ungemein amüsant. Die Charaktere sind durchgängig überspitzt dargestellt: Skrupellose Egomaninnen, die jede Verhältnismäßigkeit und den Respekt vor dem Leben anderer verloren haben.

Wie egoistisch!

So mischt eine der Frauen, ihrem Mann Dopingmittel ins Essen, bevor er am Berlinmarathon teilnimmt. Durch die Drogen gepuscht, überrascht er das Publikum, indem er für kurze Zeit sogar den Titelfavoriten überholt. Allerdings hat diese Leistungssteigerung ihren Preis: Er bemerkt seine Erschöpfung nicht. Währenddessen sitzt seine Frau zuhause vor dem Fernseher und verfolgt die Geschehnisse. Sie hat eine Champagnerflasche bereitgestellt, um das Ableben ihres Gatten gebührend feiern zu können.

Doch im entscheidenen Moment sitzt sie auf der Toilette. „Wie egoistisch“, denkt sie sich. Den ganzen Tag habe sie dort gesessen und den uninteressanten Marathon verfolgt. Jetzt musste er ausgerechnet dann sterben, als sie auf dem Klo war.

Die Darstellung der Frauen soll aber keine tiefgründige Gesellschaftskritik und erst recht kein Ausdruck der Frauenfeindlichkeit sein.

Das ist reine Unterhaltung.

sagt der Autor.

Ich versende keine großen Botschaften, meine Bücher sollen entspannen und Spaß machen.

Zwischen den einzelnen Abschnitten, die Manfred Krämer vorlas, wurde ein Drei-Gänge-Menü serviert. Die Pausen kamen gelegen, weil das Zuhören nicht zu anstrengend wurde. Die Gäste nutzten die Pausen, um sich bei gutem Essen angeregt zu unterhalten.

 

Die Essenspausen kommen auch Herrn Krämer (vorne rechts), seiner Frau (vorne links) und seinen Bekannten gelegen.

 

„Kino für die Ohren“ hatte Krämer angekündigt. Sicher, nicht gerade bescheiden. Doch ist sein Vortrag weniger Lesung als Schauspiel. Jede Betonung scheint einstudiert zu sein, Krämer kennt offensichtlich große Teile seines Werks auswendig. Dabei achtet er sehr auf die Klangfarbe und schafft es, Bilder zu erzeugen, denen man folgen kann, ohne sich zu sehr anstrengen zu müssen.

Vielleicht mögen Kritiker richtig liegen, wenn sie sagen, dass es sich um etwas kurzweilige Unterhaltung handelt. Allerdings war sein Vortrag so gelungen, dass man gar nicht dazu kam, sich an fehlender Tiefgründigkeit zu stoßen. Denn unterhalten kann Krämer wirklich gut.

 

 

Über Minh Schredle

Minh Schredle (22) hat 2013 als Praktikant bei uns angefangen und war seitdem freier Mitarbeiter. Von Dezember 2014 bis August 2016 hat er volontiert. Ab September 2016 ist er freier Mitarbeiter bei uns.