Donnerstag, 26. April 2018

Gabis Kolumne

Non vitae, sed scholae discimus oder ists umgekehrt?

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Guten Tag!

Ladenburg, 21. Juni 2010. Lateinische Zitate sind vor allem etwas f├╝r Profilneurotiker. So weit, so gut. Was n├╝tzen Lateinkenntnisse im wahren Leben? Vor allem, um den eigenen Kindern zu helfen, meint Gabi.

Endlich wei├č ich, warum ich sieben Jahr lang Latein in der Schule gelernt habe!

Nein, ich habe es nicht f├╝r mein Studium gebraucht und es hat auch sp├Ąter keinen meiner Arbeitgeber interessiert, dass ich mein Gro├čes Latinum, zwar mit Ach und Krach, aber dennoch bestanden habe.

Jetzt ├╝ber zwanzig Jahre sp├Ąter bin ich sehr froh darum. Bin dankbar, dass mein Vater mich mit ├Âden Deklinationen und Konjugationen gequ├Ąlt hat und sehe endlich einen Sinn darin – mal ganz abgesehen davon, dass ich seine st├Ąndigen „lateinischen Weisheiten“ verstehe.

Sie fragen sich sicher, warum? Ganz einfach, um meinen Kindern beim Lernen zu helfen, um Fehler in der Korrektur der Lateintests zu entdecken und um mich mit Lateinlehrern auseinander zu setzen.

Die P├Ądagogen unter Ihnen werden jetzt sagen, aber nein, das ist doch nicht die Aufgabe der Eltern. Die Kinder sollen selbst├Ąndig lernen, sie sollen in der Schule aufpassen und das Gelernte zu Hause wiederholen.

Ja, davon war ich auch ├╝berzeugt bis der Schulalltag meiner Kinder mich eines Besseren belehrt hat.

Und seien Sie mal ehrlich, wer hat seinen Kindern noch nicht bei einem Referat, einer Buchvorstellung oder einer GFS (Gleichwertige Feststellung von Sch├╝lerleistungen) geholfen.

Vor ein paar Wochen war die Lateinarbeit in der Klasse meiner Tochter so schlecht ausgefallen, dass sich der Lehrer bem├╝├čigt f├╝hlte, den Eltern einen Brief zu schreiben, in dem er sie nicht nur bat, die Hausaufgaben zu kontrollieren, sondern auch die Lernmethoden der Kinder zu ├╝berpr├╝fen. Ich wusste bis dato nicht, dass Lehr- und Lernmethoden in das Aufgabenfeld von Eltern fallen.

Nun w├Ąre es einfach, sich dem zu widersetzen. Wir alle haben unseren Job zu machen und ich kann schlecht meine Aufgaben an die Lehrer meiner Kinder delegieren. Doch welche Konsequenz h├Ątte meine Verweigerung f├╝r die schulische Entwicklung meiner Kinder? Fallen die durch das Raster deren Eltern nicht helfen wollen oder nicht helfen k├Ânnen!

Noch kann ich meiner Tochter in den meisten F├Ąchern helfen, aber bei meinem Sohn in Mathematik in der Oberstufe – keine Chance. Ich kenne kaum ein Kind, das das Gymnasium ohne den verst├Ąrkten Einsatz der Eltern oder die Zuhilfenahme von Nachhilfelehrern – oder wie das neudeutsch hei├čt: Trainern – durchl├Ąuft.

Wo bleibt denn da die Chancengleichheit? Fehlt es den Eltern an Zeit, Schulbildung und/oder Geld wird es f├╝r viele Kinder ganz sch├Ân hart, wenn nicht unm├Âglich, ihr Abitur zu erreichen.

Dabei schreien unsere Politiker doch nach gut ausgebildeten Jugendlichen und laut Pisa liegen wir nicht gerade gut im europaweiten Vergleich, wenn es um das Erlangen der Hochschulzugangsberechtigung geht.

Ich kann f├╝r mich nur sagen, bin ich mal froh, dass ich Latein hatte. Und wenn mich meine Kinder fragen, wof├╝r sie das alles lernen sollen, habe ich jetzt auch immer ein gutes Argument.

Und h├Ątte ich doch nur mal besser in Mathe aufgepasst! Das hat mein Mann – wir erg├Ąnzen uns also.

Die entscheidende Frage bleibt: „Non vitae, sed scholae discimus“, hei├čt es bei Seneca im Original. Nicht f├╝r das Leben, sondern f├╝r die Schule lernen wir. Der gute Mann hat das einstmals als Kritik an den Philosophenschulen seiner Zeit gesagt.

Heute kennt man das verdrehte Zitat: „Non scholae, sed vitae discimus“ – nicht f├╝r die Schule, f├╝r das Leben lernen wir.

Ist das so? Daran habe ich echte Zweifel.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.