Samstag, 18. November 2017

Leid, Schmerz und Freude der Ute Fahse – Ausstellung im Domhof

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Guten Tag!

Ladenburg, 19. Februar 2010. Die KĂŒnstlerin Ute Fahse zeigt im Domhof bewegende PortrĂ€ts von Menschen aus der Bibel: „Menschen wie Du und ich“.

Von Sabine Prothmann

Die Bilder von Ute Fahse sind bewegend. Die Gesichter sind dramatisch. Die Geschichten dahinter sind biblisch.

Rahel leidet. Sie hat ihre Kinder verloren. Foto: ladenburgblog

20 Gesichter, 14 Frauen, 6 MĂ€nner. Gesichter aus der Bibel, in denen man Leid, Schmerz, aber auch Freude findet – die gesamte Spannweite der menschlichen Existenz.

Gesichter auf die Hartfaserplatte gebannt, die den nichtexistierenden Rahmen zu sprengen scheinen.

„Ich mag mutige und starke Frauen.“ Ute Fahse

Ute Fahse wurde 1942 in Kalisch geboren (Pommern) und studierte von 1958 bis 1962 Gebrauchsgrafik an der Werkkunstschule Hannover.

In den klaren FlÀchen und Strukturen kann sie die Grafikerin nicht verleugnen.

Ute Fahse ist tief religiös. „Ich lese jeden Tag in der Bibel“, sagt sie. Und es kann niemand verwundern, der die Bibel kennt, dass die Frauen und MĂ€nner der Bibel Bewegendes und Schreckliches erlebt haben.

„In manche Gesichter mochte ich nicht mehr schauen.“ Rainer Ziegler.

In den Gesichtern, in den Augen sieht man Freude, aber auch Schrecken und Leid. So ein Bild muss man sich nicht ĂŒber das Sofa hĂ€ngen, oder wie BĂŒrgermeister Rainer Ziegler in seiner Eröffnungsrede sagte: „Ich war von einigen Gesichtern angezogen und auf andere, die den Schrecken gesehen haben, wollte ich nicht mehr schauen“.

Ute Fahses Bilder sind nicht gefĂ€llig, sie malt nicht das Schöne, sondern sie malt „Menschen wie du und ich“, wie sie auch ihre Ausstellung betitelt.

„Ich mag mutige und starke Frauen“, erklĂ€rt sie und davon findet sie reichlich in der Bibel, Frauen, die sich gegen Verhaltennormen aufgelehnt haben.

Eines ihrer Lieblingsbilder ist das der Prostituierten Rahab, die zwei von Josua gesandte Kundschafter versteckt hielt und so mit ihrer Familie die Zerstörung Jerichos ĂŒberlebte. „Ich mag sie“, so Fahse.

Ute Fahse vor ihren Bildern. Foto: ladenburgblog

Und sie leidet mit Rahel, die ihre Kinder verlor. WĂ€hrend sie das versteinerte Gesicht malte, fragte sich die Mutter zweier Kinder, wie man einen solchen Verlust ertragen kann.

„Sie legt in ihren Bildern den Menschen frei. “ Dr. Maria Lucia Weigel

„Zu empfinden, was er sieht, zu geben, was er empfindet, macht das Leben des KĂŒnstlers aus“, sagte Rainer Ziegler bei der Eröffnung. Und beschreibt damit sehr gut, die Begegnung mit den biblischen Gesichtern der Ute Fahse.

Er selbst sei erfasst gewesen von der Schlichtheit der Bilder, die einhergeht mit ihrer großen Ausdruckskraft. „Die biblischen Gestalten vermitteln große Freude, aber auch ertragenes Leid.“

Er freue sich, den Domhof zum wiederholten Male fĂŒr die Wahl-Ladenburgerin, sie lebt seit 1986 hier, fĂŒr eine Ausstellung zu öffnen.

„Sie legt in ihren Bildern den Menschen frei, die Essenz der Lebenserfahrung“, erlĂ€uterte die Kunsthistorikerin Dr. Maria Lucia Weigel in ihrer EinfĂŒhrung zu den Bildern.

Dargestellt werde die Spannbreite der menschlichen Existenz und die KĂŒnstlerin gebe dem eigenen Nachempfinden des Betrachters Raum: „Es sind Menschen wie du und ich“.

Rahab – die Prostituierte. Menschen wie du und ich.

Auf Hartfaserplatten werden Strukturen aufgebracht. Gipsbinden werden aufgelegt und wieder entfernt. Aus textilen Fragmente und Stoffen entstehen NĂ€hte und Falten, die die Nasen, die Lippen, die Augenbögen definieren. Geschichtete und gefaltete Stoffbahnen umrahmen die Gesichter. Zahlreiche Farbschichten aus Dispersions- und Acrylfarbe, verfeinert durch Aquarellstifte erwecken die Gesichter zum Leben. Dabei achtet die KĂŒnstlerin darauf, Material und Farbe zur Person auszuwĂ€hlen.

Da wird der Brokat verwendet bei der vermögenden Abigail. Mit den Farben lila und purpur unterstreicht sie die Demut der Maria Magdalena.

Rahab - die Prostituierte. Foto: ladenburgblog

Sie hÀlt in ihren Gesichtern den Moment des Schicksalschlages oder der freudigen Erkenntnis fest.

Die Geschichte wird allein erzĂ€hlt vom Ausdruck, von den Farben und von den Formen des Gesichtes. Die Gesichter fĂŒllen die BildflĂ€che. „Sie legt Emotionen frei.“

Ausgangspunkt jeden Bildes ist die Augenpartie. Kluge, glĂŒhende Blicke von mutigen Frauen, ebenso wie fahle Blicke, schmale Lippen, unsagbares Leid wie z.B. bei Rahel, die ihre Kinder verlor.

„Wir treten in den Dialog, bevor wir die Namen kennen, wir treten in den Dialog durch die Aura der Gesichter“, so Weigel.

Die KĂŒnstlerin zeige in ihrer Kunst, Achtung vor der LeidensfĂ€higkeit von Frauen, die die von außen definierten Grenzen und Verhaltensnormen zu ĂŒberwinden suchen.

Im vergangenen Jahr sind auch biblische MĂ€nnergesichter hinzu gekommen.

Auch hier stellt sie die existentiellen Fragen, wie zum Beispiel bei Abraham, der bereit ist, seinen Sohn zu opfern.

Die Vernissage ist gut besucht, rund 50 GÀste betrachten die Gesichter der Ute Fahse und hören die erklÀrenden Worte der Kunsthistorikerin Weigel. Sie stehen vor den Bildern und treten in den Dialog, mit Freude und mit Schrecken.

Johannes Ehrismann (Stadtmission) spielte auf der Geige StĂŒcke von HĂ€ndel zur Eröffnung.

Die Ausstellung ist vom 20. Februar – 7. MĂ€rz 2010, jeweils samstags von 14 – 17 Uhr und sonntags von 11 – 17 Uhr im Domhof geöffnet. Die KĂŒnstlerin ist jeweils anwesend.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.

  • Renate M

    Sehr geehrte Frau Prothmann,

    ich war am Freitag auch auf der Eröffnung der Ausstellung und habe mit großen Interesse Ihren Bericht gelesen.

    FĂŒr Ihren Artikel möchte ich Ihnen meinen herzlichen Dank ausdrĂŒcken. Sie haben sehr einfĂŒhlsam die Stimmung erfasst und sehr gut aufgeschrieben, was die Bilder ausdrĂŒcken und wie die GĂ€ste diese aufgenommen haben.

    Auch ich bin wie Frau Fahse sehr glĂ€ubig. Und ich habe wie Herr Ziegler eine zutiefst verstörende Erfahrung machen mĂŒssen. Manche Bilder mag ich nicht mehr anschauen. Sie gehen einem so sehr ans Herz, stellen den Glauben an das Gute und Göttliche in Frage.

    Ich werde mich diesen Bildern aber noch einmal stellen. Denn diese sind sehr wichtig. Ihr Ausdruck ist zunÀchst zum Teil schockierend, aber hinter allem ist Gott.

    Daran glaube ich.

    Ich werde nach Ihnen Ausschau halten und freue mich schon sehr, wieder einen Text von Ihnen zu lesen. Sie haben mir sehr berĂŒhrt, weil ich gespĂŒrt habe, dass Sie sich mit Gott befasst haben.

    Ihre Renate