Sonntag, 19. November 2017

Verkehr: Das „Köpfchen“ allein wird es nicht richten

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Guten Tag!

Ladenburg, 19. März 2010. Die Stadt Ladenburg und der Bund der Selbstständigen (BdS) appellieren an die Vernunft der Verkehrsteilnehmer und wollen durch Flyer, Schilder und Geräte zur Geschwindigkeitsanzeige vor allem die Autofahrer auf Schrittgeschwindigkeit bringen. Doch das wird nicht reichen.

Kommentar: Hardy Prothmann

Der Appell von Stadt und BdS ist richtig und begründet: Es wird zu schnell gefahren und zu oft falsch geparkt.

In der verkehrsberuhigten Altstadt gilt Schrittgeschwindigkeit, also vermeintlich ein Tempo von vier bis sieben Kilometern pro Stunde. Eben das, was ein Fußgänger so pro Stunde an mittlerer Geschwindigkeit erreicht.

Was heißt Schrittgeschwindigkeit?

Selbst vor Gericht ist umstritten, was „Schrittgeschwindigkeit“ denn ist: Für die „wörtliche“ Auslegung haben sich beispielsweise das OLG Köln (Az: Ss 782/84), das OLG Karlsruhe (NZV 2004, 421) oder auch das OLG Brandenburg (DAR 2005, 570) ausgesprochen und als Schrittgeschwindigkeit eine Geschwindigkeit zwischen 4 und 7 km/h angesehen.

Das OLG Hamm sah das anders und hat die Grenze bei 10 km/h gezogen (VRS 6,222). Das Amtsgericht Leipzig sah eine Geschwindigkeit deutlich unter 20 km/h und legte diese bei 15 km/h fest (Az.: 215 OWi 500 Js 83213/04).

Untersuchungen haben ergeben, dass Autofahrer Geschwindigkeiten von 10-15 km/h als „Schrittgeschwindigkeit“ empfinden.

Auch soviel ist klar: Mit dem Fahrrad muss man bei einer Geschwindigkeit von 4-7 km/h eher balancieren als fahren und die meisten Tachos reagieren bei 4-7 km/h noch nicht einmal.

Und klar ist auch, dass der Flyer leider mit keinem Wort die „Schrittgeschwindigkeit“ definiert. Dabei soll er doch informieren und aufklären: „Es darf max. mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden“, steht im Flyer. Allein – es fehlt die Definition von 4-7 km/h. Und was heißt „max.“? Geht es noch langsamer als 4 km/h? Dann kann man die Altstadt auch gleich für jeglichen Verkehr sperren.

Gleichberechtigung?

Praktischer wäre ein Hinweis gewesen: „1. Gang ist die richtige Wahl, wenn der Motor jault, bist Du zu schnell.“

Und überhaupt: Jemand, der eine „Schrittgeschwindigkeit“ von über 7 km/h als Fußgänger läuft (die gibt es), müsste konsequenterweise auch verwarnt werden – denn alle Verkehrsteilnehmer, also Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer sind „gleichberechtigt“.

Das hieße auch: Rennen verboten. Am besten verteilt man die Flyer deswegen auch an Kinder. Absurd? Ganz bestimmt, trotzdem ist es wahr.

Ein Mittel, auf das jeder sofort reagiert – sind Kontrollen, die schmerzhaft an den Geldbeutel gehen. Wenn den Autofahrern klar ist, dass es teuer wird, der Führerschein in Gefahr ist, werden viele reagieren.

Noch besser wäre eine persönliche Ansprache: Ein „Schrittgeschwindigkeitslotse“, der die Autofahrer anhält, sie aufklärt und informiert und für ein Miteinander wirbt. Das würde mehr Geld kosten – aber mit Sicherheit auch mehr bringen.

Bei der Rechnung Zeit gegen Geld gewinnt die Zeit.

Wenn man damit einen gewissen Teil der Autofahrer erreicht, hat man gewonnen: Denn wer Schritt fährt, zwingt in den engen Gassen der Altstadt jeden hinter sich auch ins gleiche Tempo.

Falschparker, die nur wenig kontrolliert werden, parken weiter falsch – die Rechnung kennt jeder. Ein bis zwei Mal im Monat „erwischt“ werden? 10-30 Euro Strafe? Da wird Geld gegen „gesparte Zeit“ gerechnet – meist gewinnt die Zeit, denn die ist kostbar.

Auch hier wäre eine radikale Kampagne angebracht: „Sie sind ein Falschparker und gefährden Menschenleben, weil Sie eine Rettungsgasse versperren“, oder „Falsch geparkt, Zeit gespart, Strafzettel in Kauf genommen? Finden Sie, dass das die richtige Haltung ist?“, oder „Wieso denken Sie eigentlich, dass unsere Regeln für Sie nicht gelten? Seien Sie anständig und parken Sie richtig.“

Das wären Sätze, die viele denken und die gesagt werden.

Die „asozialen Verkehrsteilnehmer“, die Raser, die Egoisten erreicht man damit nicht. Aber sicher viele, die sich ihrer Verstöße bewusst sind, sich diese aber immer wieder „entschuldigen“.

Wenn die Entschuldigung fehlt und stattdessen Klarheit angemahnt wird, wäre ein Mehr an Miteinander gewonnen.

Sonst kommt sicher die „unechte Einbahnstraße“.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • kompakter

    hallo,

    sehr schön herr prothmann – in heddesheim lese ich ja scohn lange mit und freu mich, wie sie bei den themen zupacken.
    als ladenburger freue ich mich umso mehr, dass sie endlich hier auch berichten.
    aus frankreich kenne ich, dass man einfach im boden schweller einsetzt, die nur die berechtigen per funk hoch- und runterfahren können. warum geht so was nicht in ladenburg, zumindest nach geschäftsschluss?
    und dass das parkhaus unterm domhof um 19 uhr zumacht ist wirklich sehr motivierend für alle außergewärtigen, sich einen öffentlichen parkplatz zu suchen.
    was ich auch nicht verstehe, abends rasen die leute durch die altstadt – der staat könnte hier abkassieren ohne ende und gleichzeitig noch vollidioten zum schutz der anderen aus dem verkehr ziehen.
    aber das köpfchen solls richten? das ich nicht lache

    gruß