Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Wer wird sich da denn gleich überfordert fühlen?

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Guten Tag!

Ladenburg, 18. Oktober 2010. Der Alltag ist oft kein Spaziergang, sondern eher ein Marathon, findet Gabi.

Fühlen Sie sich manchmal überfordert?

Ich fühle mich ständig überfordert. Mein Alltag ist oft wie ein 1000 Meterlauf oder gar wie ein Marathon.

Um 6 Uhr früh klingelt mein Wecker und dann sprinte ich los. Frühstück und Pausenbrote für die Kinder und dazwischen einen Kaffee, um wach zu werden. Katzen füttern, die schreiend um meine Beine streifen.

Alles notiert?

Nebenbei versuche ich das Nötigste aufzuräumen, die Spülmaschine wahlweise ein- oder auszuräumen und kaum sind die Kinder aus dem Haus begebe ich mich dann ins Bad. Schnell, und die Betonung liegt auf schnell(!), mache ich mich fertig – und auch hier das Nötigste, sprich duschen, Zähne putzen, schminken und die Haare einigermaßen bändigen.

Ich wühle im Kleiderschrank nach passenden Kleidungsstücken, scanne dabei meinen Tag durch, d.h. Besprechung ja oder nein, Jeans ja oder nein. Während ich gegen 8 Uhr das Haus verlasse, schnappe ich mir noch den Müll, gieße beim Rausgehen die Blumen und begebe mich auf die Autobahn.

Hier werde ich meistens ausgebremst und verfluche, dass ich noch immer mein Headset nicht gefunden habe, sprich, dass wertvolle Zeit verstreicht ohne dass ich den Zahnarzttermin verschieben oder den nötigen Anruf an meine Mutter tätigen könnte.

„Na sind wir wieder im Stress?“

Meist so gegen 8.30 Uhr, komme ich bei der Arbeit an. „Na, sind wir wieder im Stress?“ empfängt mich eine Kollegin. In der Sekretariatsküche schnappe ich mir einen Kaffee, durchsuche mein Postfach, mache Small Talk und hetze in mein Büro.

Ich fahre meinen Computer hoch und sehe 89 ungelesene Emails. Spätestens dann fluche ich vor mich hin. Das Telefon klingelt, mein Outlook-Kalender sendet mir einen Besprechungstermin und den Zahnarzttermin habe ich noch immer nicht abgesagt. Ich fühle mich als hätte ich schon 1000 Meter hinter mir, dabei sind es gerade mal 100 des heutigen Tages.

Um 11 Uhr erfahre ich, dass der Besprechungstermin auf 13 Uhr gelegt wurde. Super, denke ich, heute kommt meine Tochter früh nach Hause und ich muss was kochen, das schaffe ich nie.

Gegen 14.30 Uhr verlasse ich mein Job-Arbeitsleben und nie, ich schwöre Ihnen nie, gehe ich pünktlich aus meinem Büro. „Da stimmt was nicht mit deinem Zeitmanagement“, hat kürzlich ein Bekannter zu mir gesagt. Am liebsten hätte ich ihn niedergeschlagen. Erstens ist er ein Mann und zweitens konzentriert er sich ausschließlich auf seine Karriere, was soll man dazu noch sagen.

Ich spurte am Sekretariat vorbei, rufe „Tschüß“ und ab in die Tiefgarage und wieder auf die Autobahn, denn schließlich kommt meine Tochter in 30 Minuten von der Schule nach Hause.

Wenn ich Glück habe, und das ist immerhin dreimal die Woche, hat sie schon in der Schule gegessen, wenn nicht versuche ich nicht die Pizza in den Ofen zu knallen, was ich heute aber tue, sondern etwas halbwegs Gesundes zu kochen.

Vom „Arbeits-Ich“ aufs „Mutter-Ich“ umschalten

Während sie mir von der Schule erzählt, versuche ich vom „Arbeits-Ich“ aufs „Mutter-Ich“ umzuschalten. Äußerst produktiv sind dabei Sätze, wie: „Mama, hörst du mir überhaupt zu?“.

„Sch..“, denke ich, „ich habe noch immer nicht den Zahnarzttermin verschoben“,

Während meine Tochter dann an ihren Hausaufgaben sitzt, räume ich die Spülmaschine aus oder ein, hänge die Wäsche auf oder lege sie zusammen, verschiebe endlich den Zahnarzttermin und rufe meine Mutter an.

Dabei klingelt das Telefon unaufhörlich, es sind Freundinnen meiner Tochter, die Verabredungen treffen wollen, meine Freundinnen, die quatschen wollen oder einfach irgendwelche Telefonbefragungen.

Schon wieder habe ich das Gefühl mindestens 1000 Meter hinter mich gebracht zu haben, gut vielleicht sind es inzwischen 600.

Ich höre Latein- oder Englischvokabeln ab – dabei kann man auch Wäsche zusammenlegen oder die Katzen füttern – und bemühe mich meinem Kind aufmerksam zuzuhören.

Das ist meist der Zeitpunkt, wenn mein Sohn von der Schule nach Hause kommt. „Gibt es noch was zu essen?“, fragt er schon an der Tür, „das Essen in der Mensa war heute echt besch-€¦“.

„Schatz, kannst du mir noch mein weißes Hemd bügeln“, ruft im gleichen Moment mein Mann aus dem Büro runter „Klar“, sag-€™ ich zu beiden.

„Und wenn du später eh-€™ unterwegs bist, kannst du noch den Brief aufgeben“, bittet mein Herzallerliebster. Wie kommt er eigentlich darauf, dass ich heute noch aus dem Haus gehe, denke ich und fauche ein leicht genervtes„Okay“ in seine Richtung. „Mama, du bist echt nicht gut drauf“, meint meine Tochter. „Du solltest dich ausruhen“, merkt mein Sohn an, „und hast du mein Sportzeug gewaschen“.

Die Stapel auf meinem Schreibtisch erinnern mich an die längst fällige Ablage und mein Computer an die Texte, die ich alle noch schreiben muss.

Der Kühlschrank leert sich wie von Zauberhand

Der Kühlschrank ist leer, also einkaufen. Ich habe das Gefühl ich schleppe täglich Massen herbei, die wie von Zauberhand wieder verschwinden. Ich schnappe also Geldbeutel und Autoschlüssel und will das Haus verlassen, „der Brief“, ruft mein Mann, „bring‘ bitte Joghurt mit“, schreit meine Tochter, „wir haben keine Apfelschorle mehr“, sagt mein Sohn.

Inzwischen befinde ich mich mich im täglichen Endspurt. Nach dem Abendessen schalte ich den Fernsehen an und hole mir die Bügelwäsche. „Hast Du den Termin bei der Autowerkstatt zur Inspektion ausgemacht?“, fragt mein Mann. Mist, denke ich, vergessen.

Als ich endlich im Bett liege, gehe ich im Kopf die Liste für den kommenden Tag durch, das ist unmöglich zu schaffen, denke ich und schlafe mit diesem Gedanken ein.

„Früher hatte ich das nur, wenn ich verliebt war, dieses Flattern im Bauch“, erzählt mir eine Freundin. „Du meist die Flugzeuge im Bauch, die dich dran erinnern, dass du garantiert etwas vergessen wirst“, entgegne ich, wohl wissend, was sie meint.

„Das sind wahrscheinlich die beginnenden Wechseljahre, man ist einfach nicht mehr so belastbar und fühlt sich leicht überfordert“, will eine Bekannte wissen.

Nein, das wollen wir nicht hören. Wehmütig denke ich an meinen Tagesablauf während meines Studiums zurück, da war das Leben noch eine Spaziergang und kein Marathon. Doch ich weiß genau, auch damals, zumindest kurz vor den Klausuren, habe ich mich ab und an überfordert gefühlt.

Anmerkung der Redaktion: Sie finden uns bei Facebook unter Redaktion ladenburgblog.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.