Sonntag, 19. November 2017

Die Polizei und ich – ein „spannendes“ Verhältnis

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Guten Tag!

Ladenburg, 18. Mai 2010. Jugendliche begreifen die verstärkte Präsenz der Polizei als „Ärgernis“. Umgekehrt geht es dem Bürgermeister Rainer Ziegler und der Polizei. Vandalismus und die Vermüllung der Festwiese und anderer Plätze sorgen für Spannungen. Dabei ist die Lösung eigentlich ganz einfach.

Kommentar: Hardy Prothmann

Mein erster Kontakt zur Polizei liegt 40 Jahre zurück: Ich wurde im Alter von vier Jahren von der Polizei in Ludwigshafen in Gewahrsam genommen. Der Grund: Ich wurde nachts um zwei Uhr bewaffnet auf der Straße aufgegriffen und von einem fürchterlichen Vorhaben abgebracht. Denn ich wollte mit meinem Spielzeuggewehr alle Leute in Mutterstadt erschießen.

Im Alter von vier Jahren erstmals von der Polizei in "Gewahrsam" genommen: Hardy Prothmann. Bild: sap

Als meine Eltern, die bis vier Uhr morgens bei Bekannten gefeiert hatten, mich auf der Wache abholten, wollte ich gar nicht mehr weg. Die Beamten hatten auch viel Spaß mit mir, weil ich babbelte wie ein Wasserfall und stolz eine Polizeikappe trug. Warum ich was gegen die Leute in Mutterstadt hatte, ist nicht überliefert – vermutlich hatte ich schlecht geträumt und war dann ausgebüchst.

Als Jugendlicher war ich viel auf Achse, hatte ein frisiertes Mofa, bin über Zäune geklettert, um nachts im Schwimmbad mit Freunden Quatsch zu machen. Ab und zu wurde ich „erwischt“, oft auch nicht. Ich war ein „aktives Mitglied“ der Frankenthaler Jugendszene.

„Alkoholkontrollen sind nervig – machen aber Sinn.“

Wir Jugendlichen haben unsere „Erfahrungen“ mit der Polizei ausgetauscht – positive wie negative. Manchmal auch beides zugleich. Beispielsweise war Anfang der 80-er Jahre die „Skin“-Szene ein echtes Problem – es gab viel Gewalt und die Polizei ist dann nicht zimperlich aufgetreten. Gegen alle Beteiligten.

Im Alter von 16 Jahren wurde ich zum zweiten Mal in Gewahrsam genommen, weil ich einer jungen Frau helfen wollte und zusammen mit einem Freund in eine Prügelei mit vier Skins verwickelt wurde.

Ich fand das extrem ungerecht und habe erst nach einigem Nachdenken verstanden, dass die Polizei nur ihre Aufgabe erfüllt hat – eine gewaltvolle Auseinandersetzung zu beenden. Wer der Aggressor war, konnten die Beamten in der Situation nicht unterscheiden.

Absolut nervig waren dutzende Alkoholkontrollen, denen ich mich unterziehen musste. Als junger Mann mit „FT“-Kennzeichen nachts in Mannheim unterwegs? Da war bei einer Begegnung mit einer Streife eine Kontrolle vorprogrammiert. Das war fast so sicher wie das Amen in der Kirche.

In dieser Zeit haben einige meiner Freunde den Führerschein verloren und es gab Unfälle unter Alkoholeinfluss mit schlimmen Verletzungen. Zwei aus meinem „Bekanntenkreis“ haben sich im Suff totgefahren. Auch darüber haben wir uns ausgetauscht.

Hätte es die Kontrollen nicht gegeben und hätte ich nicht Sorge gehabt, den „Lappen“ zu verlieren, wäre ich vielleicht auch mit „Gas“ unterwegs gewesen. Ich habe mir ausgerechnet, wie oft ich für 2.-4.000 Mark mit dem Taxi fahren kann – das war so die Bandbreite, was der Verlust eines Führerscheins damals gekostet hat. Taxifahrer haben einige hundert Mark mit mir als Fahrgast verdient – und ich mir jede Menge Geld und Ärger erspart. Vor allem ist niemand zu Schaden gekommen.

Früher war die Polizei härter.

A propos Schaden: Als wir mal nachts (unerlaubt) schwimmen waren, war noch eine andere Gruppe im Freibad unterwegs. Die Polizei machte das, was ihre Pflicht ist und versuchte, uns zu kontrollieren. Wir gingen stiften – irgendeiner der anderen Gruppe trat dem geparkten Polizeiwagen das Blaulicht vom Dach und demolierte die Motorhaube. Die „Bullen“ waren extrem sauer – zu Recht, wie ich schon damals fand. Denn Gewalt gegen Sachen und Menschen war für meine Clique „voll assi“.

In diesem Sommer gab es wenig Möglichkeiten, „Spaß“ zu haben – die Polizei war überall. Aus meiner Sicht damals echte „Spaßbremsen“. Und irgendwie erinnert mich das an die momentane Situation in Ladenburg.

Wir waren nicht besser oder schlechter als die Jugend heute. Auch damals gab es Vandalismus, Ruhestörung und nervige Kontrollen. Was anders war: Die Polizei war härter im Auftreten. Definitiv.

Die Polizei als System hat sich seitdem weiterentwickelt – Deeskalation war damals ein Fremdwort. Es hing vom einzelnen Beamten ab, ob er forsch oder freundlich auftrat.

Auf die Haltung kommt es an.

In Ladenburg leitet ein mit 35 Jahren noch recht junger Beamter seit Herbst 2009 das Polizeirevier. Frank Hartmannsgruber ist Polizist durch und durch – aber ein moderner. Und einer, der als Chef nicht vom Schreibtisch aus entscheidet, sondern mit „rausgeht“, weil er wissen will, „wies draußen zugeht“.

Der Ladenburger Polizeichef Frank Hartmannsgruber. Bild: ladenburgblog

Und „draußen“, beispielsweise auf der Festwiese, geht es nicht immer gut zu. Einem Polizisten wie Hartmannsgruber gefällt das überhaupt nicht – ebenso den allermeisten BürgerInnen nicht. Auch der Müll und „zerdepperte“ Flaschen und Vandalismus gefallen nicht. Folgerichtig hat Hartmannsgruber die Präsenz der Polizei erhöht. Die Botschaft ist klar: Achtung, wir passen auf.

Aber auch die Haltung von Herrn Hartmannsgruber ist klar: Solange alles seinen geregelten Gang geht, werden er und seine Beamten das Ortsgeschehen nur begleiten. Läuft etwas aus dem Ruder, wird die Polizei ein- und wenn nötig auch durchgreifen.

Die Stadt Ladenburg, alle BürgerInnen und alle Gäste von außerhalb können froh sein, Polizeichefs wie Herrn Hartmannsgruber und seinen Stellvertreter Herrn Berka zu haben: Beide überzeugen mit einer offenen, kommunikativen und interessierten Haltung. Als Chefs geben die beiden das an ihre Mannschaft aus 67 Beamten weiter. Sie bestimmen die Linie.

Und beide wissen sehr wohl, dass sie auch die „harte Tour“ fahren können – wenn es im wahrsten Sinne des Wortes „notwendig“ ist. Da muss man sich nichts vormachen.

Wer sich nicht interessiert, muss sich nicht wundern.

Jugendliche, Erwachsene und Gäste und die Polizei haben es in der Hand, wie miteinander umgegangen wird.

Es ist überhaupt nicht uncool, zum Handy zu greifen und die Polizei zu informieren, wenn irgendjemand irgendwo etwas macht, was nicht in Ordnung ist. Oder wenn man das Gefühl hat, dass irgendetwas sich anbahnt. Die Polizei wird sich um das vermeintliche oder echte „Problem“ kümmern.

Und das ist gut so. Und die Folgen sind positiv – für alle.

Wer wegguckt und sich nicht interessiert und nicht informiert – muss sich nicht wundern, dass die Mehrheit der Leute durch eine kleine Minderheit dominiert und „drangsaliert“ wird: Ein paar Chaoten reichen aus, um die Polizei auf den Plan zu rufen. Die „Leidtragenden“ sind vor allem die, die sich eigentlich ganz normal verhalten.

Ich feiere lieber ohne Polizei.

Zwar muss sich niemand daran stören, wenn die Polizei präsent ist, wie Frank Hartmannsgruber sagt (siehe Interview) – aber mal ehrlich: Ich feiere lieber ohne Besuch von der Polizei, auch, wenn mich die Präsenz nicht stört.

Von der Polizei erwarte ich wie alle BürgerInnen ein korrektes Auftreten – je korrekter man sich selbst verhält, umso eher klappt das auch. Als Journalist beobachte ich beide Seiten kritisch und berichte unvoreingenommen – über die Auffassung einer „drohenden“ Haltung wie über die Haltung durch die Polizeiführung dazu.

So paradox das klingt. Mein Eindruck und meine Erfahrung ist: Je besser man selbst die Polizei bei ihrer Arbeit unterstützt – umso eher ist man sie „auch wieder los“ und umso besser kann sie helfen, wenn man sie wirklich braucht.

Denn wenn es keine Probleme durch Vandalismus und Ruhestörung gibt – kümmert sich die Polizei um andere Dinge. Genug zu tun hat sie leider allemal.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.