Sonntag, 19. November 2017

Schwoinemäßiger Start im Atelier 47 mit Ditzner und Lömsch

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Guten Tag!

Ladenburg, 17. Oktober 2010. „Große Konzerte vor kleinem Publikum“ nennt das Atelier 47 seine Konzertreihe – mit dem Ditzner Lömsch Duo ist der Start am 15. Oktober 2010 mehr als gelungen. Gut zwanzig Gäste waren gekommen – dreißig passen vielleicht rein in dieses kleine Atelier. Heißt – zehn Personen haben gefehlt und ein musikalisches Bild verpasst, das nur für diesen Abend ausgestellt worden ist.

Von Hardy Prothmann

Ich habe jetzt fünf Mal das Album „Schwoine“ auf CD gehört – zusammen mit dem Konzert von Erwin Ditzner (Schlagzeug) und Lömsch Lehmann (Saxophon, Klarinette) im Atelier 47 also sechs Mal.

Lömsch Lehmann hatte mir nach dem Konzert empfohlen, zur CD eine gute Flasche Wein aufzumachen, „dann kummschd gut druff, glaab mers“, meinte der Speyerer Musiker. Das habe ich gemacht – beim ersten Mal. Die restlichen Male habe ich auf den Wein verzichtet und nur die CD genossen – ich komme auch ohne Wein mit diesen Aufnahmen gut drauf.

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Lömsch und Ditzner eröffnen Konzertreihe im Atelier 47.

Musikkritiken zu schreiben ist schwer, weil man Musik nicht argumentieren kann. Sie gefällt einem oder eben nicht. Das gilt ganz sicher auch für das, was Ditzner und Lömsch im Atelier 47 aufgeführt haben. Nebenbei hören kann man das nicht.

Nach Erwin Ditzners Schlagzeug könnte man Schweizer Uhren stellen – so präsize, so gerade, so erbarmungslos genau spielt dieser Mann. Und dazwischen zieht er einen in den Bann mit vielen kleinen Spielereien. Herausragende Schlagzeuger sind feinsinnige Geschichtenerzähler. Erwin Ditzner ist so einer. Immer konzentriert, immer auf den Punkt, auch wenn er die Schläge verteilen kann, wo und wie er will. Die „Eins“ ist immer überall. Das macht sein Spiel so faszinierend. Wenn er zwischen den Stücken ins Publikum lächelt, dann ist er einfach ein netter Mensch.

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Erwin Ditzner bearbeitet die Schweine.

Lömsch Lehmann erscheint dagegen wie ein Klotz. Mit riesigen Händen, ein fleischiger Typ mit einer wirren Mähne. Er flegelt sich auf den Stuhl und wenn er seine Instrumente in die Hand nimmt, dann hat man fast Angst, dass ihnen was passieren könnte.

Und das tut es auch. Lömsch passiert mit seinem Spiel Musikgeschichte.

Lömsch spielt über die ganze Breite des Instruments. Er beatmet sein Instrument. Er schmust es, er lässt ihm Luft, er quetscht es aus und sich, so als gäbe es einen letzten Ton. Und Ditzner taktet und treibt voran, lässt Lömsch machen, um dann wieder seine Akzente zu setzen.

Die beiden präsentieren ihre Version von Jimi Hendrix „Up from the skies“ und Lömsch hat das, was sich viele Musiker wünschen: Er kopiert niemanden, sondern hat seinen ganz eigenen Sound. Der ist teils so wuselig wie seine Korkenzieherlocken, und wenn er gerade richtig globig wird, ist er im nächsten Moment so zart, wie man es einem massigen Kerl wie ihm nie zutrauen würde.

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Lömsch Lehmann beatmet sein Instrument.

Das schwierigste Stück ist sicherlich „Disznó“ – verstörrend und faszinierend wie ein Buch von Stephen King – mit einem unerwarteten Ende. „Schwoine“ ist, das muss man klar sagen, eine absolute Headbanger-Nummer. Lömsch phrasiert dazwischen, aber eigentlich geht es um einen Ton und Ditzner treibt ihn.

Das Stück, mit dem man das Konzert, die CD, die Idee und das Gefühl am besten beschreiben kann, ist für mich eindeutig „Ghosts“ von Albert Ayler. Der Jazz-Musiker bekannte sich gnadenlos zu Volks- und Marschmusik, Kinderliedern, zu eingängigen Melodien, die jeder nachsingen kann. Was Ayler daraus machte, war seins, „„geisterhafte Interpretationen“„.

Viele der Stücke, die Ditzner/Lömsch spielen haben ganz eingängige, einfache Phrasen: „In-A-GADDA-DA-VIDA“ ist sicherlich das lustigste Stück. Eigentlich ein Rocksong, der dank grunsender Schweine voll eingängig ist, was Lömsch mit Röhren, Tuten und klarem Sound zum Märchen macht. Nebenbei lehrt die Bassdrum von Ditzner jeder Techno-Maschine das Fürchten.

Eigentlich müsste man erwarten, dass Musiker, die Plastikschweine bearbeiten, das irgendwie selbstironisch meinen. Und das tun sie auch – ganz „ernst“.

Das Stück von den Iron Butterfly stammt aus dem Jahre 1968. Ayler nahm sich 1970 im Alter von 34 Jahren wahrscheinlich wegen Drogenproblemen das Leben. Ditzner und Lömsch setzen einen Link in die Vergangenheit und wecken deren alten Geister, die sich, wiedererweckt, in unserer Gegenwart sehr wohl fühlen.

Die beiden Ausnahmemusiker verlinken Jazz, Rock, Volksmusik, Klassik und Moderne. Was überhaupt nichts mit „Cross-Over“ zu tun hat, sondern? Ja, mit was? Mit der Geschichte hinter der Geschichte. Und den Verbindungen, den „Links“.

Das passt zum Atelier 47 und ist ein gelungener Auftakt. Die beiden Künstler Siegmund Eibel und Phil Leicht wollen ebenfalls „Links“ setzen, für Vernetzung sorgen. Die Keimzelle soll das Atelier sein – das Netz die Kunst, die Menschen und ihre Sinne.

Ditzner und Lömsch von der CD zu hören ist klasse, sie zu erleben ist…? Ja was? Klassischer? Es ist unwiderbringlich. Es bedient auf jeden Fall mehr Sinne und das ist der Anspruch, den das Atelier 47 erfüllen will und erfüllt hat. Die Musik lebt weiter auf CD – das Event in der Erinnerung.

Es war ein großes Konzert vor kleinem Publikum – das Interesse wird schnell größer werden. Der Raum im Atelier ist begrenzt. Die Idee dahinter nicht.

Viel Freude mit den Fotos und dem Video des Rockhousechannel:

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.