Sonntag, 22. April 2018

Hitlerbart-Debatte: Was von der Diskussion übrig bleibt

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Guten Tag!

Ladenburg, 17. November 2010. Unser Text über das Fehlverhalten einiger CBG-Schüler hat erstaunliche Reaktionen zu Tage gefördert. Wut- bis Hass-Äußerungen, Beleidigungen bis Diffamierungen, Androhung von Gewalt und Verschwörungstheorien. Das Aggressionspotenzial ist mehr als erstaunlich und macht nachdenklich.

Von Hardy Prothmann

Am Abend des 17. November sind 144 153 Kommentare zum Text „Hitlerbart und Nazi-Symbole – wie sich ein Teil der CBG-Jugend im Internet auslebt-€ veröffentlicht worden, rund ein Dutzend wurden mangels „Gedanken“ oder wegen verfassungsfeindlicher Aussagen nicht veröffentlicht. Nach der internen Statistik wurde der Text bis 23:30 Uhr genau 4.008 Mal aufgerufen.

Auf Facebook wurden gestern über 240 Kommentare bei einem Teilnehmer geschrieben – ich hatte mich dort der Diskussion mit „Freunden“ derer „gestellt“, über die im Artikel berichtet wurde. Wüste Beschimpfungen und Unterstellungen bestimmten lange Zeit die „Debatte“, zum Ende hin wurde es etwas vernünftiger, was allerdings nur einigen wenigen Kommentatoren zu verdanken war.

In den Kommentaren hier auf dem Blog wurden „Meinungen“ zu verschiedenen Themenbereichen geschrieben. Eine detaillierte Zusammenfassung ist angesichts der Fülle kaum möglich, eine Sammlung hingegen schon.

Auffällig ist, dass allen Kommentatoren, die den Artikel negativ bewertet haben, eine wenigstens noch ausreichende Medienkompetenz abgesprochen werden muss.

Wir bedanken uns für die positiven Kommentare, wenngleich wir kritisch anmerken, dass auch hier teils deutliche Übertreibungen stattgefunden haben.

Zu den „Vorwürfen“:

Der Staatsschutz wurde eingeschaltet.
Mal abgesehen davon, dass der Staatsschutz kein Lichtschalter ist, wurde der Staatsschutz nicht über Namen informiert, sondern nur grundsätzlich über den Vorfall, mit der Bitte um ein Interview über „fließende Grenzen“ vom „provokanten Spiel“ hinein in rechtsradikale Netzwerke.

Im Text steht lediglich, dass der Staatsschutz soziale Netzwerke beobachtet und sich für solche Verhaltensweisen interessiert, da die Behörde auch ohne „Anzeigen“ von sich aus tätig ist.

Der Staatsschutz ist auch nicht der Verfassungsschutz, sondern eine Polizeibehörde. Und hat beim besten Willen aber auch gar nichts mit der „Staatssicherheit“ zu tun.

Facebook-Nutzer wurden „ausspioniert“, Datenschutz, Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht.
Mal abgesehen davon, dass „Spionnage“ ganz andere Ziele verfolgt und ganz andere, nicht-öffentliche Methoden anwendet, wurde niemand ausspioniert, sondern nur „öffentlich“ zugängliche Informationen zur Kenntnis genommen. Diese wurden dokumentiert und transparent im Zuge der Berichterstattung veröffentlicht.

Das Profil weist eindeutig eine journalistische Redaktion aus. Als solche achten wir auch die Privatspähre, selbst im öffentlichen Raum. Wie im „realen“ öffentlichen Raum berichten wir aber über besondere Vorkommnisse, die eine gesellschaftliche Relevanz haben. Im vorliegenden Fall wurde der „Hitlerbartträger“ im Vorfeld ausführlich über einen email-Briefwechsel informiert. Wir hatten eine „vertrauliche“ Berichterstattung ohne Recherche an der Schule vorgeschlagen, was abgelehnt worden ist.

Dass Personen aus dem näheren Umfeld der betroffenen Schülerinen und Schüler diese „erkennen“ ist nicht auszuschließen. Gegenüber der breiten Öffentlichkeit wurden diese ausreichend anonymisiert.

Informanten hätten wir vollends unkenntlich gemacht. Es besteht aber ein großer Unterschied zwischen einem Informanten, der Missstände aufklären hilft und Personen, die sich missständlich verhalten.

Die verwendeten Materialien dienen der journalistischen Dokumentation – eine Urheberrechtsverletzung hat nicht stattgefunden.

„Hinreichend bekannte Aversionen“ gegen Schüler und das CBG.
Es gibt keine „Aversion“ gegen Schüler oder das CBG. Schon gar keine „hinreichend bekannten“.
Hier finden Sie alle Artikel unter dem Stichwort „Gymnasium„, die bislang auf dem Ladenburgblog erschienen sind.

Hass gegen den Mannheimer Morgen.
Es gibt weder Hassgefühle gegen Zeitungen, Gegenstände noch Personen. Kritik hingegen schon.

„Alle“ Schüler, „das“ CBG „sind so“.
Im Artikel steht kein Wort davon. Es ist von zehn namentlich bekannten Schülerinnen und Schülern die Rede. Nicht mehr und nicht weniger.

„Neonazistische Unterwanderung“ oder „brauner Sumpf“.
Im Artikel steht kein Wort davon – weder über die betroffenen Schülerinnen und Schüler, noch über sonstige Schüler.

Privatspähre kontra Kontrolle.
Mit 14 Jahren beginnt laut Gesetz die Strafmündigkeit. Eltern kann und muss eine Aufsichtspflicht über ihre Kinder, die unter ihrem Dach leben, sicherlich nach wie vor erlaubt sein. Verantwortliche Eltern kommen dieser sicherlich überwiegend nach.

„Kleiner Journalist, drittklassiker Journalist, lächerlich, unfähig, Gier nach Aufmerksamkeit usw.“
Ich bin 1,74 Meter groß. Nicht größer und nicht kleiner.
Wer sich dafür interessiert, wie echte Experten und andere Medien unsere Arbeit beurteilen, infomiert sich hier: Berichte über unsere Blogs.

Das mit der Aufmerksamkeit hat geklappt 😉

„Arsch, Schreiberling, Boykott“ usw.
Im Artikel steht: „Bleiben die Fragen: Wie werden andere Jugendliche der Schule den Text in emails, Chats, SMS und Foren kommentieren?“
“Hast Du den Artikel von dem “Schreiberling-€ gelesen? Der hat doch eh keine Ahnung, was abgeht? Egal 😀 . Wo ist die Party? Geiles Foto. Höhö. Ich knall mich weg. Scheiße, hab ich Kopfschmerzen. Wo geht was? Scheiß Wichser. Päderast. Harzer. Wir wissen, was kommt. Boykottiert den Arsch. xx ist in einer Beziehung. Ich habs gern auf dem Schreibtisch. Glücksnuss. Farmville. Das gefällt mir.-€

Diese Reaktionen sind dann mehr oder weniger eingetroffen. Wörtlich als Kommentare und ganz konkret, was den „Boykott“ angeht. Etwa 70 90 (auch ehemalige) Schülerinnen und Schüler sind dem Aufruf gefolgt und haben uns auf Facebook „die Freundschaft gekündigt“. Rund ein Dutzend neue „Freunde“ sind hinzugekommen, 150-200 aus dieser Gruppe haben die „Freundschaft gehalten“.

Geldeinnahmen oder anderer Nutzen für das Blog durch hohe Klickzahlen.
Die Inhalte des ladenburgblogs sind für alle kostenfrei. Der Aufruf des Blogs oder eines Artikels ergibt nicht einen Cent, sondern nur einen statistischen Zähler bei den Besuchern und den Seitenaufrufen.

Geld verdienen wir unter anderem mit Klicks auf Werbeanzeigen und deren Verkauf. Die Zahl der Klicks auf Werbeanzeigen ist nicht signifikant gestiegen, gemessen an der Zahl der Klicks auf den Artikel. Wir und unsere Werbekunden freuen uns über jeden Klick auf die Anzeigen. 🙂

Ganz im Gegenteil haben wir bewusst einkalkuliert, dass dem Artikel zunächst zwar eine hohe Aufmerksamkeit zukommt, unter Umständen aber auch viele Menschen zunächst negativ reagieren – ein typischer Reflex auf Kritik. Vor allem die, denen unsere kritische Berichterstattung nicht gefällt – zum Teil, weil wir über diese selbst schon, Freunde oder Verwandte kritisch geschrieben haben (siehe Hinweise auf heddesheimblog). Die betreffenden Personen wissen, wer gemeint ist…

Einen vorübergehenden Verlust an Aufmerksamkeit haben wir ebenso einkalkuliert, was unsere kritische Berichterstattung aber nicht behindern wird. Andere Medien verhalten sich da anders und vermeiden jede kritische Berichterstattung aus Angst, noch mehr Auflage zu verlieren. Alle Leserinnen entscheiden selbst, welches Medium sie nutzen möchten.

Verursacher-Prinzip und „Stalking“, Denunziation.
Wir können nicht jede falsche Verwendung von Begriffen korrigieren. Informationen zu Stalking finden Sie hier. Die betreffenden Jugendlichen wurden nicht durch das ladenburgblog angeregt, eine Hitlerpose einzunehmen und diese zu kommentieren, sondern haben das aus freien Stücken selbst entschieden. Wir haben darüber berichtet.

Zitiert wurde auch August Heinrich Hoffmann von Fallersleben „Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant.“ Mal angesehen davon, dass das kein Argument ist, sondern nur ein Zitat und der Mann neben Kinderliedern die Deutsche Nationalhymne gedichtet hat, war er ein ausgemachter Antisemit und ist als zitierte Person in diesem Zusammenhang sicher kein gutes Beispiel.

„Jugendlicher Leichtsinn, dumme-Jungs-Streich“.
Im Artikel steht ausdrücklich, dass aus Sicht der Redaktion kein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt. Nichtsdestotrotz haben Bild und Äußerungen Grenzen verletzt, die angesichts des Alters der betroffenen Schülerinnen und Schüler und des gewählten „Themas“ ganz sicher nicht unter „jugendlichen Leichtsinn“ fallen. Deutlich wurde das auch in der verhementen Verteidigung des Verhaltens und den Versuchen, eine Begründung zu liefern. „Leichtsinn“ kommt ohne Begründung aus.

Ausgeliehene Zitate oder andere Werke als „Beleg“ sowie „Parodie, Satire“.
Weder das Foto noch die Kommentare lassen irgendeine parodistische oder satirische Absicht erkennen. Der immerwiederkehrende relativierende Vergleich zu Chaplins „Der große Diktator“ zeigt, dass viele den Chaplin-Film wohl nicht kennen, ebensowenig wie andere Filme aus dieser Zeit.

Ebensowenig wird dabei zur Kenntnis genommen, dass Chaplin sich später geäußert hat, den Film nicht oder anders gemacht zu haben, hätte er die „Realität“ des Dritten Reiches geahnt. Auch Helge Schneider hat sich von seinem Film distanziert und naja, wer „Switch reloaded“ lustig findet, darf das.

Tatsächlich gibt es aber einen enormen Unterschied zwischen einem Hitlernachahmerbild und eindeutigen Kommentaren und dem Versuch einer dramaturgischen Bearbeitung. Es gibt auch einen großen Unterschied zwischen „Pausenunsinn“, der im Moment vor einer kleinen Gruppe von Menschen passiert und einer Veröffentlichung im Internet.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.