Sonntag, 19. November 2017

„Die Dosis Adrenalin ist garantiert. Skaten gibt ein gutes Gefühl.“

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Guten Tag!

Ladenburg, 17. Mai 2010. Für Marco Masetti war das Skate-Event „Heimspiel #2“ eine mehr als gelungene Veranstaltung. Im Interview erklärt der Mitorganisator, was Skaten ist, wieso niemand Angst vor Skatern haben muss und warum man sich als Eltern freuen kann, wenn die eigenen Kinder skaten.

Was macht Skaten als Sport aus?
Marco Masetti: „Skaten ist eine Lebenseinstellung. Dazu gehört der Sport, die Klamotten, die Musik, das Verhalten.“

Die Jungs sehen ziemlich cool aus und nicht unbedingt so, wie sich anständige Eltern anständige Kinder wünschen?
Masetti (lacht): „Ja, das ist das Klischee. So denken viele: Gammler, Abhänger, Nichtsnutze. Skaten ist für konventionell denkende Menschen einfach nichts gescheites. Die Kleidung muss locker sein, damit man sich gut bewegen kann und da schnell mal irgendwo ein Loch drin ist, zieht man sich nicht die besten Klammotten an. Irgendwie logisch, oder?“

Marco Masetti: Schreiner, Skater, Shopbetreiber. Bild: local4u

Wie erklären Sie einem konventionell denkenden Menschen, was Skaten bedeutet?
Masetti: „Skaten ist zwanglos – man skatet, wenn man Lust dazu hat und wo man Lust dazu hat und mit wem man Lust dazu hat. Früher waren Skater noch sehr politisch, eine Protestbewegung gegen die Konsumgesellschaft. Man wollte anders sein – typisch für die Jugendkultur. Heute ist Skaten anders politisch: Respekt füreinander spielt bei Skatern eine große Rolle. Und ganz wichtig: Skater sind cool und kein bisschen aggressiv.“

„Respekt spielt eine große Rolle.“

Heißt?
Masetti: „Die Anfänger lernen von den Könnern. Die Könner respektieren die Anfänger, weil sie auch mal angefangen haben und wissen, wie schwer es ist, einen Trick zu beherrschen. Um was zu können muss man mindestens zwei, drei Jahre sehr viel üben. Man stürzt, man tut sich dabei weh, man verletzt sich manchmal, man steht wieder auf und probiert es nochmal. Dafür braucht man Disziplin und Biss. Wie hart die Stürze sein können, sieht man ja im Video.“

Ist Skaten eine gefährliche Sportart?
Masetti: „Jeder Sport birgt in sich ein Verletzungsrisiko. Skaten ist gefährlich, keine Frage. Aber auch das führt wieder zur Disziplin. Nach den ersten harten Landungen überlegt sich jeder sehr genau, was er probiert und was er sich zutraut. Skaten schult also auch die Wahrnehmung und den Umgang mit der Gefahr: wer unbedacht ist, büßt das sofort auf die ganz harte Weise.“

„Skater sind hart im Nehmen.“

Klingt doch eigentlich ganz vorbildlich, das mit der Disziplin.
Masetti: „Ist es auch. Beim Skaten gilt ein Gesetz: Wenn jemand stürzt, stürzt er gleich hart, egal ob Profi oder Anhänger, das liegt in der Physik der Sache. Bis man sich einigermaßen auf dem Brett halten kann, stürzt man oft. Plötzlich kommt man weiter. Dann stagniert es wieder monatelang. Skater sind hart im Nehmen, sind fair miteinander und genießen es, wenn es läuft.“

Der Heidelberger Frank Royal ist erst elf Jahre alt und ein Skater-Talent. Bild: local4u

Wie lief das Heimspiel #2 am Samstag?
Masetti: „Das war eine geile Sache – wir hatten jede Menge Spaß und haben richtig gutes Skaten gesehen. So solls sein.“

Es waren zwei Gruppen am Start, warum?
Masetti: „Das hängt von den Leistungen ab. In der Gruppe A sind die gesponserten Fahrer angetreten, die sind so gut, dass sie national bei Contests mitfahren können, nicht unbedingt gewinnen, aber doch gut dabei sein. In der B Gruppe sind die gefahren, die schon viel können, aber noch auf dem Weg in die Gruppe A sind. Alles klar?“

„Skaten schult die Wahrnehmung.“

Verstanden. Gabs Verletzungen?
Masetti: „Zwei verstauchte Handgelenke – also nicht wirklich was schlimmes.“

Obwohl Skaten ein hohes Verletzungsrisiko birgt, hatte kein Fahrer Protektoren an. Warum?
Masetti: „Die Bahnregeln besagen, dass man einen Schutz tragen soll – jeder fährt aber auf eigenes Risiko. Das Problem an Protektoren: Die schränken einen in der Bewegungsfreiheit ein und behindern damit den Fahrer. Das Verletzungsrisiko ist ganz klar gegeben, aber wie ich eben schon erklärt habe: Die Leute wissen, wie weh es tun kann und verhalten sich sehr verantwortungsvoll. Beim Fußball oder Handball gibt es wahrscheinlich mehr Verletzungen.“

Der Skatepark Ladenburg ist die Top-Holzbahn im Rhein-Neckar-Kreis.

Sie haben den Skatepark hier in Ladenburg geplant und kennen sich in der Szene aus. Wo würden Sie den Park einordnen?
Masetti: „Unter den Holzparks ist Ladenburg ganz sicher im Rhein-Neckar-Kreis die Nummer eins. Holz fährt sich übrigens weicher und es gibt weniger Verletzungen als bei reinen Betonparks, die auch viel schneller sind. Insgesamt würde ich den Skatepark unter die Top 20 einordnen.“

Es gibt immer wieder Vandalismus und Müll im Skatepark. Sind Skater eine Problemgruppe?
Masetti: „Jaja, ich kenne diese Vorwürfe. Das ist kompletter Blödsinn. Die Skater sind froh über die tolle Anlage. Warum sollten sie da was kaputtmachen? Oder Flaschen kaputt werfen? Um sich dann durch die Glasscherben ordentlich zu verletzen? Skaten ist ein rauher Sport, Skater sind aber keine Rowdies.“

Skater sind aktive Leute.

Also kein Rucksacktrinken und ähnliches?
Masetti: „Die Skater, die ich kenne und alt genug sind, um Alkohol trinken zu dürfen, feiern sicher aber und an mal gerne. Euer Video zeigt es aber ziemlich gut: Die meisten Skater sind drahtige Typen. Man braucht Kraft, Ausdauer, Geschick und bedröhnt oder mit dickem Kopp fährt es sich einfach nicht gut. Skater sind gerne an der frischen Luft, sind aktiv und in Bewegung.“

Es waren nur Jungs am Start. Ist Skaten ein Männersport?
Masetti: „Skaten ist eine Männerdomäne. Aber ganz langsam kommen auch immer mehr Mädels dazu. Das Geschick bringen Frauen wahrscheinlich genauso gut wie Männer, aber es ist auch Zähigkeit und Kraft notwendig.“

Was ist ein gutes Alter, um mit dem Skaten zu beginnen?
Masetti: „Frank Royal aus Heidelberg hat eine bockstarke Leistung gezeigt. Der Junge ist elf Jahre alt und für ihn gibt es nichts anderes. Aber er ist ein echtes Talent. Typischerweise würde ich sagen, etwa ab zwölf Jahre. Dann sind die Jungs motorisch, physisch und psychisch fit genug.“

„Um gut zu skaten, braucht es eine gewisse Reife.“

Warum psychisch?
Masetti: „Kinder wollen immer schnell Erfolgserlebnisse. Die kommen, wie gesagt, beim Skaten aber nicht sofort. Es braucht eine gewisse Reife, Engagement, Ehrgeiz und Lust, sonst hört man schnell wieder auf.“

Marcel Mink. Bild: local4u

Gibt es ein Höchstalter?
Masetti: „Eigentlich nicht. Ich kenne zwar keine 60-jährigen Skater – so alt ist das ja auch noch nicht. Aber es gibt viele, die fahren auch über 40 noch. Beispielsweise der „Vadder“, der auch am Start war, ist so Anfang 40 und ein echt cooler Skater.“

„Die Dosis Adrenalin ist garantiert.“

Warum wird Skaten so gut wie nie in einem Verein angeboten?
Masetti: „Weil die Leute keinen Bock haben, sich ihre Trainingszeiten vorschreiben zu lassen. Weil sie nicht in einem klassischen Leistungssystem eingebunden, sondern frei sein wollen. Trotzdem bringen sie eine enorme Leistung.“

Zusammengefasst: Was ist Skaten?
Masetti: „Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man einen Trick steht, egal obs ein Ollie ist oder ein Flip oder Slide. Die Dosis Adrenalin ist garantiert. Wer soweit ist, in der Halfpipe zu gleiten und einen richtig guten Run hat, der fühlt sich einfach gut und frei. Das ist Skaten.“

Hintergrund zum „Heimspiel #2“
Marco Masetti arbeitet als Schreiner beim Nationaltheater in Mannheim. Zusammen mit der Stadt Ladenburg hat er den Skatepark in Ladenburg entworfen. Gefertigt hat ihn Andreas Schützenegger (iou-ramps), der heute zu den Top-Holzskatepark-Konstrukteuren gehört (siehe Skateistan).

In Heidelberg betreibt Masetti mit seinem Partner Philipp Hund einen Skateshop „pier seven“. Sein Herz schlägt fürs Skaten: „Einfach ein cooles Lebensgefühl.“

Veranstalter des „Heimspiel #2“ ist das Ladenburger Jugendzentrum „Die Kiste“. Zusammen mit dem Jugendgemeinderat wurde nach dem „Heimspiel“ im Herbst dieses Jahr versucht, den Contest kommerziell zu organisieren, „weil das jede Menge Arbeit und Kosten macht“. „Das erste Heimspiel war ein Riesenspaß, aber auch eine hohe Belastung für alle, die mitgemacht haben“, sagt Masetti.

Die Schreinerei Wolf hat eine Graffiti-Wand spendiert. „Besonders dankbar sind wir dem Autohaus Vogel, die haben uns finanziell ganz herausragend gesponsort“, sagt Masetti. Enttäuscht zeigt sich der Ladenburger aber über die Vereine und Geschäftsleute: „Wir haben wirklich viele angesprochen und es kam nichts.“

Insgesamt sieht Masetti eine große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, was die offene Jugendarbeit angeht: „Ständig wird darüber gesprochen, was für Probleme man mit der Jugend hat und wenn man dann etwas auf die Beine stellen will, macht kaum jemand mit.“

Nur der ASV habe sich sofort bereit erklärt, zu kleinen Preisen, „die sich Jugendliche auch leisten können“, einen Grillstand zu machen. Der Jugendgemeinderat bot Waffeln und Fruchtcockails an. Die evangelische Stadtmission besorgte eine Kletterwand, die Stadt spedierte den Strom, das THW besorgte die technischen Anschlüsse.

Die Kosten für die Bands Mähthräsher und Baxter, die DJs Tommy D und Blastar und die „Free gifts“ wurden vom Skateshop und der „Kiste“ übernommen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.