Sonntag, 19. November 2017

ABB entwickelt „Gesundheitscheck“ für Industrieanlagen

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Guten Tag!

Ladenburg, 17. Dezember 2010. Das Ladenburger ABB-Forschungszentrum koordiniert ein Forschungsprojekt, das den wirtschaftlichen Betrieb von Industrieanlagen befördern soll. Die EU hat das Projekt mit 1,8 Millionen Euro bezuschusst. Geforscht wird in Deutschland, Frankfreich und Finnland. Projektleiter Dr.-Ing. Guido Sand erklärt im Interview die Hintergründe.

Interview: Hardy Prothmann

Guido Sand leitet das Projekt "Papyrus" beim ABB Forschungszentrum. Bild: ABB

Herr Sand, warum heißt das Forschungsprojekt eigentlich Papyrus?

Guido Sand: „Wir arbeiten bei diesem Forschungsprojekt mit einer finnischen Papierfabrik zusammen. Das Projekt heißt offiziell „Plug and Play monitoring and control architecture for optimization of large scale production processes“, das Akronym daraus ergibt Papyrus.

Worum geht-€™s genau?

Sand: „Das Ziel ist, eine Software zu programmieren, um den Zustand einer Produktionsanlage der Prozessindustrie unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu verbessern.“

Beschreiben Sie bitte für die LeserInnen, was Prozessindustrie meint.

Sand: „Ein einfaches Beispiel: Es gibt Stückgutproduktionen, beispielsweise die Herstellung von Fahrzeugen. Hier werden Komponenten zu einem Produkt zusammengefügt. Die Prozessindustrie wandelt Stoffe um. In diesem konkreten Fall Bäume zu Papier; Erz zu Stahl ist auch ein Beispiel.“

Warum und was gilt es zu verbessern?

Sand: „Viele Fabrikanlagen verfügen mittlerweile über eine Vielzahl von Messdaten, die über Sensoren geliefert werden. Diese geben Auskunft über den Zustand der Anlage. Daraus lassen sich Erkenntnisse gewinnen, wann wo Wartungsarbeiten durchgeführt werden müssen.“

Wirtschaftlichkeit verbessern.

Und was ergibt die wirtschaftliche Verbesserung?

Sand: „Es werden tendenziell in Europa nicht mehr so viele Anlagen neu gebaut, sondern man versucht, die Produktion zu optimieren. Natürlich müssen die Anlagen gewartet werden. Die Mittel dazu sind immer begrenzt. Mal angenommen, für die Wartung steht eine Million Euro zur Verfügung. Dieses Geld soll optimal eingesetzt werden und nicht für Reparaturen an Stellen, wo es „noch nicht“ nötig ist, sondern da, wo die Anlage „krankt“.“

Also so eine Art „Gesundheitsprogramm“?

Sand: „Salopp ausgedrückt ja. Das ist wie bei der medizinischen Versorgung. Für gewisse Leistungen gibt es nur noch gewisse Budgets. Unser Ansatz ist aber differenzierter: Wir versuchen nicht nur, „Krankheiten“ zu heilen, sondern mit den vorhandenen Mitteln, die „Lebensdauer“ zu verlängern. Wir checken also den Gesundheitszustand der Anlage. Ziel ist es, diesen zu optimieren.“

Standort-Stärkung.

Papyrus ist ein Forschungsprojekt und wird mit Steuermitteln durch die EU gefördert. Hat die Allgemeinheit auch etwas davon?

Sand: „Es handelt sich um eine sogenannte vorwettbewerbliche Forschung. Ergebnisse unserer Forschung werden veröffentlicht – das geistige Eigentum bleibt aber bei den Projektpartnern. Der Ansatz der EU ist trotzdem ein öffentlicher: Durch die Förderung sollen europäische Standorte gestärkt werden.“

Wer ist beteiligt?

Sand: „Ein Konsortium von Unternehmen und Universitäten. Das ABB Forschungszentrum in Ladenburg ist sozusagen die Leitstelle. Wir arbeiten eng mit den Universitäten Helsinki, Nancy und Duisburg zusammen und entwickeln.gemeinsam Ideen und Lösungen. Vor Ort wird dann der Prototyp entwickelt, also die Anwendung der Methoden und am Ende steht die Entwicklung einer wirtschaftlichen Anwendung.“

Wie viele Personen arbeiten an dem Projekt?

Sand: „Etwa 25 für die kommenden zweieinhalb Jahre.“

Zur Person:
Dr.-Ing. Guido Sand (39) ist Wissenschaftler und Projektmanager beim ABB Forschungszentrum in Ladenburg und leitet das Projekt „Papyrus“.
Das Forschungszentrum in Ladenburg ist mit etwa 110 Mitarbeitern eines von sieben Forschungszentren im ABB-Konzern. Der Fokus liegt auf acht Kerntechnologiefeldern in den Bereichen Prozess-, Fertigungs- und Gebäudeautomation sowie globalem Service. Dabei stehen Themen wie Energieeffizienz, Klimaschutz und industrielle Produktivität im Vordergrund.

Link:
ABB: Forschungsprojekt „Papyrus“ gestartet

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.