Samstag, 18. November 2017

Über die Toten nichts als Gutes – oder wie der MM den Tod eines Menschen zum Thema macht

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Guten Tag!

Ladenburg, 16. Mai 2010. Ein Bürger der Stadt Ladenburg ist gestorben. Der Mannheimer Morgen (MM) berichtet darüber. Dieser Bericht ist inakzeptabel.

Kommentar: Hardy Prothmann

De mortibus nihil sine bene – über die Toten nichts als Gutes, ist kein Gesetz, aber eine Frage des Respekts und der eigenen Haltung.

Der Mannheimer Morgen schreibt am 15. Mai 2010: „Dieter Elbe-Benz, ein Urenkel von Autopionier Carl Benz, ist tot. Er starb gestern im Alter von 74 Jahren.“

Das ist eine korrekte Information, die zulässig ist, weil der „Benze Dieter“ in der Stadt aktiv war und zum öffentlichen Leben gehörte.

Danach folgen Angaben über persönliche Stationen, Verletzungen, geschäftliche Informationen, aber auch sehr private.

Der Bericht im MM endet mit der Insolvenz des „Traditionsunternehmens Benz Söhne“.

Der Mannheimer Morgen ist wie jedes Medium der eigenen Ethik verpflichtet, was berichtet wird.

Mäzen – kinderlos – insolvent, habe ich aus dieser Berichterstattung über einen mir unbekannten Menschen mitgenommen.

Hat mich dieser Bericht informiert oder soll ich irgendetwas herauslesen, frage ich mich als Leser?

Vor allem, wenn Herr Elbe, der eigentlich zu „Benz“ gehört, „kinderlos“ geblieben ist und „vor allem stets die Firma war“?

Die Vorstellungen aus dieser Schilderung mag ich gar nicht ziehen.

Die Vorstellung, dass eines Tages in der Zeitung oder online oder anderswo so despektierlich über meinen Abschied vom Leben berichtet würde, würde mir nicht gefallen, obwohl es mir egal sein könnte.

Ich würde aber Hinterbliebene hinterlassen, Menschen, die das Leben noch vor sich haben. Andere Menschen, die meine Menschen mit „kinderlos“ und „Insolvenz“ in Verbindung bringen könnten.

Ich erwarte keine halbgaren Andeutungen, sondern klare Aussagen.

Entweder ist hier ein anständiger Mensch gestorben und hat das Recht, anständig behandelt zu werden.

Oder es handelt sich um einen Versager, der es weder schaffte, Kinder zu zeugen, noch einen Betrieb erfolgreich zu führen – das muss ich zumindest vermuten, wenn ich den MM lese.

Und wenn das so wäre – wäre da noch die entscheidende Frage, was das die Öffentlichkeit angeht.

Wenn die Journalisten Hans-Jürgen Emmerich und Peter Jaschke meinen, dass diese Art von Information die Öffentlichkeit angehen, dann sollten sie wenigstens irgendein Argument bringen, warum das so sein soll und nicht nur blöde andeuten.

Und wenn es keinen nachvollziehbaren Grund gibt, hätten sie besser nichts geschrieben.

Ich kann eventuelle Hintergründe nicht beurteilen, weil ich Herrn Dieter Elbe-Benz nicht kannte und dazu nicht recherchiert habe.

Ich weiß nur eins: Angesichts des Todes eines Menschen gilt zuerst Betroffenheit und Anteilnahme.

Es könnte auch ein zulässiges Recht der Öffentlichkeit bestehen, mehr Hintergründe zu erfahren. Doch dafür braucht es Gründe.

Die konnte ich in der despektierlichen Meldung des MM nicht erkennen.

Der Familie von Dieter Elbe-Benz möchte ich meinen Respekt vor dem Menschen und seinem Leben ausdrücken.

Ich wünsche der Familie Kraft und Glauben, um diese schwere Zeit des Verlustes zu überwinden.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.