Mittwoch, 19. September 2018

Hitlerbart und Nazi-Symbole – wie sich ein Teil der CBG-Jugend im Internet „auslebt“

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Guten Tag!

Ladenburg, 16. November 2010. Ein Abiturient des Carl-Benz-Gymnasiums stellt sich im Internet mit Hitlerbart, schmalen Mund und irrem Blick dar. Seine Freunde kommentieren das mit S├Ątzen wie „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your f├╝hrer?“ oder „Good old 88“.

Andere schreiben: „Nach Frankreich nur auf Ketten“. Und alle finden das angeblich „lustig“. Keiner st├Ârt sich an irgendwas.

CBG-Direktor G├╝nter Keller ist alarmiert. Und der Staatsschutz in Mannheim interessiert sich sehr f├╝r unsere Informationen. Die betroffenen Sch├╝ler hingegen registrieren kaum, wie gef├Ąhrlich ihr „lustiges Spiel“ ist.

Von Hardy Prothmann

Jeder Journalist freut sich ├╝ber einen „Scoop“ – eine exklusive Meldung, die sonst kein anderes Medium hat. Es gibt aber „Scoops“, die machen einfach keinen Spa├č.

Weil das Thema zu absto├čend ist. Weil man ├╝ber die Dummheit von jungen, vermeintlich klugen Menschen schreiben muss. Weil man Fragen stellt, auf die es wahrscheinlich keine Antworten gibt. Weil die Frage bleibt, was man alles nicht erfahren wird, weil vermutlich sehr, sehr viele Menschen daran interessiert sein werden, dass sich diese Nachricht nicht verbreitet.

Hitlerbart, schmale Lippen, eindeutige Pose. Ein Abiturient des CBG l├Ą├čt sich in dieser Pose fotografieren. Der "Fotograf" l├Ądt das Bild per "iPhone" ins Internet bei Facebook hoch. "Freunde" kommentieren mit eindeutigen Nazi-Codes und Sympathiebekundungen. "Whos your f├╝hrer?". Als der Sch├╝ler merkt, dass es ├ärger gibt, l├Âscht er das "Spa├čfoto". Seine Haltung zur Sache: "Nix sagen ist schlauer."

Manche Gymnasiasten finden Hitler „lustig“.

Der Scoop lautet: Am Ladenburger Carl-Benz-Gymnasium gibt es eine Reihe Sch├╝ler der Oberstufe, die Spa├č damit haben, sich mit Hilterdarstellungen und kriegsverherrlichenden Spr├╝chen und Nazi-Parolen die Zeit zu vertreiben. Zehn Namen sind der Redaktion bekannt – wie viele es tats├Ąchlich sind nicht.

Der Scoop geht weiter: Einer dieser Sch├╝ler ist der Sohn eines stadtbekannten Journalisten, ein anderer gilt als begabter Schauspieler, mindestens zwei waren als offizielle Gesandte der Schule beim THIMUN-Treffen 2010. Die Abk├╝rzung steht f├╝r „The Hague International Model United Nations“. Rund 4.000 Jugendliche aus aller Welt treffen sich dazu in Den Haag und spielen United Nations.

Der Scoop geht weiter: Es sind auch M├Ądchen dabei, die ein bisschen „herumhitlern“ und Sch├╝lern der Mittelstufe „gef├Ąllt“, was die „gro├čen Vorbilder“ da so treiben. Der „Tatort“ ist Facebook – die am schnellsten wachsende „Online-Community“ der Welt mit zur Zeit gut 500 Millionen Mitgliedern weltweit. Tendenz rasch wachsend.

Als ich den Direktor G├╝nter Keller davon in Kenntnis setze, reagiert der Mann, wie man das von einem erfahrenen Lehrer und verantwortlichen Schulleiter erwartet. Er will die Fakten wissen und bestellt die Sch├╝ler ein: „Vom Gespr├Ąchsverlauf wird abh├Ąngen, welche Ma├čnahmen ergriffen werden. Soviel ist klar: Einen Scherz kann ich hier nicht erkennen.“

Der Mann ist besorgt. Er muss Schaden von der Schule und wenn m├Âglich auch von und f├╝r die Sch├╝ler abwehren und als nachdenklicher Mensch dar├╝ber hinaus f├╝r die Gesellschaft.

„Einen Scherz kann ich hier nicht erkennen.“ G├╝nter Keller

Ein Scoop hat meist eine Vorgeschichte. Auch die macht nicht wirklich „Spa├č“, weil sie so banal ist. Aber das Banale ist das, was dem „Scoop“ einen besonderen Dreh gibt. Die Frage, die auch der Direktor Keller stellt, lautet: „Ist das normal?“.

Die Vorgeschichte: Als Journalist, der die Zukunft des Lokaljournalismus im Internet sieht, bin ich selbstverst├Ąndlich „am Thema dran“. Ich bin selbst Teilnehmer von „wer-kennt-wen“ oder Facebook und anderen so genannten „sozialen Netzwerken“ (social media). Einer von vielen.

Ich „poste“ Allt├Ągliches und Besonderes und ich recherchiere auch beruflich in diesen Netzwerken. Nicht „under-cover“, sondern ├╝berwiegend transparent.

Als „Profi“ interessiere ich mich sehr f├╝r junge Menschen – eine „Zielgruppe“, die die traditionellen Medien, allen voran die Zeitungen, schon lange verloren haben. Denn die sind in Facebook, myspace, StudiVZ oder sonstwo im Internet und das sind hoffentlich die „Leser“ von morgen.

Ich nehme teil, bin Teil, versuche zu verstehen und trage das Firmenimage schon im Namen: Redaktion.

„Nach Frankreich nur auf Ketten.“

Eine CBG-Sch├╝lerin, die zu meinem „Freundeskreis“ geh├Ârt, schreibt: „Ich hasse Franz├Âsisch“. Ich kommentiere: „Pourquoi?“ (Warum?). Mich st├Ârt das Wort „Hass“, aber das sage ich nicht, sondern bleibe verbindlich, denn ich wei├č als ehemaliger Sch├╝ler, dass ich Franz├Âsisch auch „gehasst“ habe und heute gerne spreche. Kein Franzose st├Ârt sich an meinen Fehlern, sondern alle sind begeistert, dass ich mich gut verst├Ąndigen kann. Im Unterricht wurde das von gut bis mangelhaft bewertet. Je nachdem.

Allt├Ągliche Kommentare? Viel ist banal bei Facebook. Tats├Ąchlich ist auch sehr viel schlau und nachdenklich. Manches ist "unglaublich".

Es wird viel belangloses Zeug in „sozialen Netzwerken“ ver├Âffentlicht – neudeutsch „gepostet“. Gem├╝tszust├Ąnde aller Art. „Das gef├Ąllt mir“ ist schnell geklickt. Mir geht es so oder so, ist als Kommentar schnell geschrieben. Oder jemand denkt lange dar├╝ber nach. Beides ist m├Âglich.

Man ist „Single“, in einer „Beziehung“ oder sonstwas. Es geht hier zu wie im „richtigen Leben“. Oft banal, oft emotional, manchmal verr├╝ckt, manchmal nachdenklich und das jeden Tag aufs Neue.

Ein weiterer Sch├╝ler kommentiert dann: „Nach Frankreich nur auf Ketten.“

„Nach Frankreich nur auf Ketten“ ist aber nicht „normal“ oder „belanglos“. Das ist eindeutig eine kriegsverherrlichende Aussage. Kein Spa├č. Kein dummer Spruch, den man „mal eben so macht“. Hier wird „Banalit├Ąt“ b├Âsartig, indem Gewalt, Verbrechen, Niedertracht, Tod und Verw├╝stung als „Spruch“ daherkommen.

Darf man das wohl sagen d├╝rfen?

Bis zur Bild-Kampagne: „Das wird man doch wohl sagen d├╝rfen“, ist der Weg nicht mehr weit. „Wer ist Dein F├╝hrer?“. „Gute alte 88-Zeiten.“ Die 8 steht f├╝r den 8. Buchstaben im Alphabet. Also HH. „Heil Hitler“. Andere verwenden „18“=“AH“=“Adolf Hitler“.

Als ich den Kommentar lese, frage ich mich, was tun? Einfach ignorieren? Bl├Âder Spruch halt?

Einen Klick weiter muss mich das nicht mehr interessieren: „Nach Frankreich nur auf Ketten.“

Ich denke: „Nein, hier h├Ârt der Spa├č auf“ und schreibe einen entsprechenden Kommentar. Dann schaltet sich ein weiterer CBG-Sch├╝ler ein und will das verharmlosen. Ich kommentiere nochmals und f├╝ge einen Link auf einen Bericht im Berliner Tagesspiegel ein, um die Brisanz der kriegsverherrlichenden Aussage zu untermauern. 2008 fiel ein CDU Gesch├Ąftsf├╝hrer des Kreisverbands Wiesbaden durch solche „Kommentare“ auf – die richtige Konsequenz war, dass er seine ├ämter niederlegen musste. Auch ein CSU-Mann musste den Dienst wegen eines „nicht-so-gemeinten-Hitlergru├čes“ quittieren.

Ich mache in einem langen Kommentar die Sch├╝ler darauf aufmerksam. Denkt keiner dar├╝ber nach, dass nicht nur ich mitlese, sondern auch Personalchefs, „Freunde“, viele Menschen?

Und mal abgesehen davon, dass sich diese jungen Menschen ihre Zukunft gef├Ąhrden – warum ├Ąu├čern sie sich so im Hier und Jetzt?

Ist das alles nur dummes Zeugs, was sie von sich geben? Wollen sie dumm sein? Ist dieses Image erstrebenswert? Sind Party- und Saufbilder alles, was sie drauf haben, um zu zeigen, „wer man ist“?

„W├Ąrs nicht schlauer…“, meint der Hitlerdarsteller ganz schlau.

Die Reaktion auf meinen Kommentar ist wieder eine Mischung aus aggressiver ├äu├čerung und gewollter Provokation. Es meldet sich der, dessen Hitlerbild ich sp├Ąter sehe: „W├Ąrs nicht schlauer gewesen….“ Schlauer? Im Konjunktiv? „Nix sagen“, ist seiner Meinung nach „besser“.

Ich will wissen, „wer“ das sagt und schaue mir das „Profil“ und die Fotos an, mit denen der Kommentator sich nach au├čen „├Âffentlich“ pr├Ąsentiert.

Ich sehe ein Foto von ihm sofort. Mit „Hitlerbart“. Das Foto ist unscharf. Sein Blick ist streng und irre, der Mund klein, die Assoziation zu Hitler eindeutig.

Und lese die Kommentare seiner „Freunde“: „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your f├╝hrer?“ oder „Good old 88“. Dazu gibt es „Smileys“, grafische Zeichen, die von „Augenzwinkern“, ├╝ber „Lachen“ bis hin zu „Gr├Âhlen“ die Stimmung der Kommentatoren signalisieren.

Niemand widerspricht. Keiner der „Freunde“ sagt: „Nein – das ist nicht lustig.“

Lustig? "Whos your f├╝hrer?" ­čśÇ

Ganz im Gegenteil – der „Hitler“-Darsteller erf├Ąhrt Best├Ątigung. Unterst├╝tzung. Sympathie.

Ist das alles noch ein Scherz? Eine Parodie? Alles nicht so gemeint? Wohl kaum.

Und ich lese die Namen derjenigen, die so „wohlwollend“ schreiben. Teils sind sie mit mir „befreundet“, das hei├čt, ich kann auf Facebook sehen, wie sie sich pr├Ąsentieren: Ihre Profile, ihre Fotos, das, was sie anderen mitteilen und was andere dazu sagen. Teils nicht. Ein paar kenne ich „in echt“, viele nur hier, rein „virtuell“.

„Was ist normal?“, fragt CBG-Rektor G├╝nter Keller.

Auch das ist „normal“ f├╝r „soziale Netzwerke“ im Internet. Mit manchen teilt man echte Lebenszeit gemeinsam, mit anderen hat man diese geteilt.

Manche kennt man nur hier, interessiert sich aber. Manche leben „um die Ecke“, manche irgendwo auf der Welt.

Bei Facebook und in anderen Netzwerken trifft man sich an einem „gemeinsamen Ort“ und pr├Ąsentiert sich – wie auch immer. Das entscheidet jeder f├╝r sich ganz alleine – oder auch durch den Willen oder Druck, irgendwo dazugeh├Âren zu wollen.

Man kann auf den „Gef├Ąllt mir“-Button klicken. Oder einen Kommentar schreiben. Oder einfach weitersurfen. Das Internet ist schnell und intuitiv. Es ist scheinbar unpers├Ânlich und es kann vermutlich viel ├╝ber eine Person erz├Ąhlen.

Auf den unheilvollen Flirt folgt eine knallharte Abfuhr.

Ich stelle den Sch├╝ler per email zur Rede. Ich informiere ihn, dass ich sein Bild und die Kommentare seiner Freunde in dieser Form nicht akzeptiere. Und ich biete ihm und den anderen ein anonymes Gespr├Ąch an, um herauszufinden, was gut ausgebildete Gymnasiasten dazu treibt, diesen unheilvollen Flirt mit Hitler zu treiben.

Die Konsequenz ist klar. Der Gymnasiast hat zwei M├Âglichkeiten. Ein Gespr├Ąch mit mir als Journalistem zu f├╝hren oder den „offiziellen“ Weg. Erst schreibt er mir „Entschuldigungen“, alles nicht so ernst gemeint. Dann „checkt“ er die Konsequenzen. Dann droht er mir, „ihre Methoden der Erpressung zu ver├Âffentlichen“.

Ich suche das Gespr├Ąch zu einem seiner Freunde, den ich als vern├╝nftigen jungen Mann im „Chat“ kennengelernt habe. ├ťbrigens w├Ąhrend einer „Streitdiskussion“ Ende Juni 2010, in der mich eine 16j├Ąhrige Sch├╝lerin unvermittelt als „Arbeitslosen“ und vermeintlichen „P├Ąderasten“ beschimpft hat – weil ich es als 43-j├Ąhriger Mann gewagt hatte, mit jungen Leuten zu diskutieren.

„Wenn Sie das ver├Âffentlichen, ist der fertig.“ Ein Freund.

Der junge Mann sorgt sich um den Freund: „Wenn Sie das ver├Âffentlichen, ist der fertig.“ Auch er w├╝nscht sich von mir, die Sache einfach „zu vergessen“. Irgendwann versteht er, dass „vergessen“ nicht die L├Âsung ist.

Auch f├╝r Direktor G├╝nter Keller ist das keine L├Âsung. Auch er hat das Problem im Blick. Und er zeigt sich verantwortlich: „Bei Uneinsichtigkeit werde ich entsprechende Ma├čnahmen ergreifen“, sagt er und ├╝bernimmt eine Verantwortung wider Willen. Er ist verantwortlich f├╝r alle Sch├╝ler – dabei geht ihn jedes „Schicksal“ an. Im Sinne von „allen“, muss er Ma├čnahmen treffen.

Als ich das CBG verlasse, treffe ich einen weiteren Freund des Hitlerdarstellers, der ungewollt in „die Sache mit reingezogen wird“. Auch er war in Den Haag. Er kennt vermutlich alle, die „Hitlerbilder“ mit „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your f├╝hrer?“ oder „Good old 88“ kommentierten.

Er distanziert sich und ist unverd├Ąchtig, mitgemacht zu haben. Er bietet an zu vermitteln. Das ist sympathisch, weil ich merke, wie sehr ihn das Thema stresst und er dem Freund gerne „helfen“ w├╝rde.

Wenn „Spass“ an Grenzen st├Â├čt, wird es unangenehm.

Und ich habe das Gef├╝hl, dass er bemerkt, dass „Spass“ irgendwann an Grenzen st├Â├čt.

Und ich bemerke, dass ihm das sehr unangenehm ist. Auch er will es lieber gut haben. So, als w├Ąre nichts passiert. „Nix sagen…“

Er wei├č, dass sein Freund sich schlecht pr├Ąsentiert hat und will ihm helfen. Redet gut ├╝ber ihn.

Auf die Frage, warum dieser sich so „schlecht“ pr├Ąsentiert und was der „Spa├č“ daran ist, hat er keine Antwort. Er ist ├╝berfordert.

Auf die Frage, was ist, wenn andere, j├╝ngere Sch├╝ler sich ein Beispiel an dem „Spa├č“ nehmen und ihn als „normal“ betrachten, sucht er eine Antwort.

„Ich bin sicher, das war nicht so gemeint“, sagt er dann.

Und: „Ich bitte Sie, nicht dar├╝ber zu schreiben, solange wir nicht geredet haben.“

„Nicht so gemeint.“

Damit dr├╝ckt er seine Hoffnung aus, dass „Nach Frankreich nur auf Ketten“ hoffentlich nicht „so gemeint“ ist. Auch nicht das „Hitlerbild“. Auch nicht: „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your f├╝hrer?“ oder „Good old 88“.

Was ist gemeint, wenn nichts mehr gemeint ist? Sind das alles nur „dumme Spr├╝che“. Motto: „Was haben wir gelacht. Haha?“

Ich frage ihn danach: „Verstehen das auch die j├╝ngeren, dass das nicht so gemeint war? Was ist gemeint, wenn nicht gemeint ist, was gemeint wurde?“

Er muss in den Unterricht und ist sichtlich froh, keine Antwort geben zu m├╝ssen.

Bleiben die Fragen: Wie werden andere Jugendliche der Schule den Text in emails, Chats, SMS und Foren kommentieren?

„Hast Du den Artikel von dem „Schreiberling“ gelesen? Der hat doch eh keine Ahnung, was abgeht? Egal :-D. Wo ist die Party? Geiles Foto. H├Âh├Â. Ich knall mich weg. Schei├če, hab ich Kopfschmerzen. Wo geht was? Schei├č Wichser. P├Ąderast. Harzer. Wir wissen, was kommt. Boykottiert den Arsch. xx ist in einer Beziehung. Ich habs gern auf dem Schreibtisch. Gl├╝cksnuss. Farmville. Das gef├Ąllt mir.“

Und so weiter.

Und so weiter. Geht das so weiter?

Ist „herumhitlern“ heute „Jugendkultur“?

Hier und da mal je nach Laune ein wenig „herumhitlern“? „Ey, ist doch nur Jugendkultur, Provokation.“

CBG-Direktor G├╝nter Keller hat Gespr├Ąche vor sich. Und er wird „entsprechende Ma├čnahmen“ einleiten, wenn er das als notwendig erachtet. Und Herr Keller hat weitere Gespr├Ąche vor sich, weil sich Eltern fragen, „was los ist“ und ihn das fragen werden. Und „was an der Schule passiert“?

G├╝nter Keller ist der erste Leidtragende dessen, was ein Teil seiner Sch├╝ler „als normal“, als „Spa├č“ begreift. Denn er muss Verantwortung tragen f├╝r etwas, f├╝r das er nicht verantwortlich ist.

Ob diese Sch├╝ler wissen, was sie tun und was ihr Verhalten f├╝r viele andere Menschen an Folgen hat, darf getrost bezweifelt werden. Sie machens einfach.

Den „Hitler-Darsteller“, den „Fotografen“ und die „Kommentierer“ k├╝mmert es mit Sicherheit kein bisschen, ob jemand anderes „Stress kriegt“. Sie wollen „Spa├č“ und wenns hart auf hart kommt, „bloss keinen Stress“. Wer das nicht kapiert, ist ein Spie├čer. Uncool. Oder ein Arsch.

Ganz sicher bin ich durch diesen Text f├╝r viele einfach nur ein Arsch. „Nix sagen…“, w├Ąre „schlauer“ gewesen. Oder etwa nicht?

Ohne Sinn und Verstand.

Es darf auch fast als sicher gelten, dass der Mannheimer Morgen als regional-monopolistisches Medium keine Zeile dazu schreiben wird – schon allein aus dem Grund, weil ein „Mitarbeiter“ betroffen sein k├Ânnte und man mit all dem nicht in Verbindung geraten will.

Unvoreingenomme Recherchen und journalistische Suche nach Fakten darf man von diesem Medium schon lange nicht mehr erwarten.

Es darf auch als sicher gelten, dass „betroffene“ Eltern alle Hebel in Bewegung setzen werden, um das „Thema“ herunter- oder einem anderen zuzuspielen. Im Zweifel sind das Herr Keller und die Lehrer und die „Schule“.

Auf die Idee, sich mal anzuschauen, wie die eigenen Kinder im realen Leben und dessen Darstellung im Internet „ausleben“, werden nicht viele kommen.

„Scoop“ ohne Folgen.

F├╝r heute endet deswegen der „Scoop“ hier und ohne weitreichende Folgen.

Die „Geschichte“ wird vermutlich keine Folgen haben. Sie wird vergessen werden. „Nix sagen ist vermutlich schlauer…“, meinte schon das Hitlerbart-B├╝rschchen. Vermutlich, weil er mutma├čt zu wissen, wie das „System tickt“.

„War nur ein Spa├č. Klar, ├╝bertrieben. Seid ihr schlauer oder besser, wenn ihr jetzt ├╝bertreibt?“ Der „Spa├čvogel“ kennt die Grenzen des Systems. Er hat sie vermutlich schon oft ausgetestet. So wie andere auch.

Strafrechtlich ist nichts vorgefallen. Es gibt niemanden, der gerichtlich nach geltendem Recht verurteilt werden wird.

Also werden alle weitermachen wie bisher.

Hitlerbart-Foto? – Egal, solange es kein Personalchef sieht.
„Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“ – H├Âh├Â.
„Whos your f├╝hrer?“ – „Gr├Âhl – sauuuuuuuuufeeeeeeeeeeen.
„Good old 88“ – „Gef├Ąllt mir“ geklickt.

Irgendwann meint es einer von den „Spa├čv├Âgeln“ ernst. Dann sind alle entsetzt. Keiner wird was gewusst haben.

Und irgendwann erinnert sich jemand: „Der war schon immer komisch.“

Doch dann wir die Geschichte vom Ende her erz├Ąhlt und nicht vom Anfang.

Der erste Journalist, der sie hat, hat einen Scoop.

Es gibt Scoops, die machen einfach keinen Spa├č.

Nachtrag:
Im Text geht es um Sch├╝ler des CBG Ladenburg. Herr G├╝nter Keller ist seit gut einem Jahr der verantwortliche Direktor der Schule. Als Autor m├Âchte ich ausdr├╝cklich betonen, dass Herr Keller sich aus meiner Sicht absolut vorbildlich verhalten hat, als er von geschilderten Umst├Ąnden erfahren hat und sicherlich die notwendigen und ihm m├Âglichen Schritte einleitet. Zum Kollegium bestanden in der Sache von meiner Seite aus keine Kontakte.
Die Stadt Ladenburg wurde ebenfalls kenntnishalber informiert. Ebenso das Polizeipr├Ąsidium Mannheim und dort auf Wunsch der „Staatsschutz“, in dessen Zust├Ąndigkeit diese Angelegenheit f├Ąllt.
Als Autor gehe ich davon aus, dass keine strafbare Handlung vorliegt. Wie die Schulleitung und der Staatsschutz sehe ich aber einen Handlungsbedarf in der Sache. Wir werden in der kommenden Woche weiter zum Thema berichten.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.