Sonntag, 22. April 2018

Hitlerbart und Nazi-Symbole – wie sich ein Teil der CBG-Jugend im Internet „auslebt“

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Guten Tag!

Ladenburg, 16. November 2010. Ein Abiturient des Carl-Benz-Gymnasiums stellt sich im Internet mit Hitlerbart, schmalen Mund und irrem Blick dar. Seine Freunde kommentieren das mit SĂ€tzen wie „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your fĂŒhrer?“ oder „Good old 88“.

Andere schreiben: „Nach Frankreich nur auf Ketten“. Und alle finden das angeblich „lustig“. Keiner stört sich an irgendwas.

CBG-Direktor GĂŒnter Keller ist alarmiert. Und der Staatsschutz in Mannheim interessiert sich sehr fĂŒr unsere Informationen. Die betroffenen SchĂŒler hingegen registrieren kaum, wie gefĂ€hrlich ihr „lustiges Spiel“ ist.

Von Hardy Prothmann

Jeder Journalist freut sich ĂŒber einen „Scoop“ – eine exklusive Meldung, die sonst kein anderes Medium hat. Es gibt aber „Scoops“, die machen einfach keinen Spaß.

Weil das Thema zu abstoßend ist. Weil man ĂŒber die Dummheit von jungen, vermeintlich klugen Menschen schreiben muss. Weil man Fragen stellt, auf die es wahrscheinlich keine Antworten gibt. Weil die Frage bleibt, was man alles nicht erfahren wird, weil vermutlich sehr, sehr viele Menschen daran interessiert sein werden, dass sich diese Nachricht nicht verbreitet.

Hitlerbart, schmale Lippen, eindeutige Pose. Ein Abiturient des CBG lĂ€ĂŸt sich in dieser Pose fotografieren. Der "Fotograf" lĂ€dt das Bild per "iPhone" ins Internet bei Facebook hoch. "Freunde" kommentieren mit eindeutigen Nazi-Codes und Sympathiebekundungen. "Whos your fĂŒhrer?". Als der SchĂŒler merkt, dass es Ärger gibt, löscht er das "Spaßfoto". Seine Haltung zur Sache: "Nix sagen ist schlauer."

Manche Gymnasiasten finden Hitler „lustig“.

Der Scoop lautet: Am Ladenburger Carl-Benz-Gymnasium gibt es eine Reihe SchĂŒler der Oberstufe, die Spaß damit haben, sich mit Hilterdarstellungen und kriegsverherrlichenden SprĂŒchen und Nazi-Parolen die Zeit zu vertreiben. Zehn Namen sind der Redaktion bekannt – wie viele es tatsĂ€chlich sind nicht.

Der Scoop geht weiter: Einer dieser SchĂŒler ist der Sohn eines stadtbekannten Journalisten, ein anderer gilt als begabter Schauspieler, mindestens zwei waren als offizielle Gesandte der Schule beim THIMUN-Treffen 2010. Die AbkĂŒrzung steht fĂŒr „The Hague International Model United Nations“. Rund 4.000 Jugendliche aus aller Welt treffen sich dazu in Den Haag und spielen United Nations.

Der Scoop geht weiter: Es sind auch MĂ€dchen dabei, die ein bisschen „herumhitlern“ und SchĂŒlern der Mittelstufe „gefĂ€llt“, was die „großen Vorbilder“ da so treiben. Der „Tatort“ ist Facebook – die am schnellsten wachsende „Online-Community“ der Welt mit zur Zeit gut 500 Millionen Mitgliedern weltweit. Tendenz rasch wachsend.

Als ich den Direktor GĂŒnter Keller davon in Kenntnis setze, reagiert der Mann, wie man das von einem erfahrenen Lehrer und verantwortlichen Schulleiter erwartet. Er will die Fakten wissen und bestellt die SchĂŒler ein: „Vom GesprĂ€chsverlauf wird abhĂ€ngen, welche Maßnahmen ergriffen werden. Soviel ist klar: Einen Scherz kann ich hier nicht erkennen.“

Der Mann ist besorgt. Er muss Schaden von der Schule und wenn möglich auch von und fĂŒr die SchĂŒler abwehren und als nachdenklicher Mensch darĂŒber hinaus fĂŒr die Gesellschaft.

„Einen Scherz kann ich hier nicht erkennen.“ GĂŒnter Keller

Ein Scoop hat meist eine Vorgeschichte. Auch die macht nicht wirklich „Spaß“, weil sie so banal ist. Aber das Banale ist das, was dem „Scoop“ einen besonderen Dreh gibt. Die Frage, die auch der Direktor Keller stellt, lautet: „Ist das normal?“.

Die Vorgeschichte: Als Journalist, der die Zukunft des Lokaljournalismus im Internet sieht, bin ich selbstverstĂ€ndlich „am Thema dran“. Ich bin selbst Teilnehmer von „wer-kennt-wen“ oder Facebook und anderen so genannten „sozialen Netzwerken“ (social media). Einer von vielen.

Ich „poste“ AlltĂ€gliches und Besonderes und ich recherchiere auch beruflich in diesen Netzwerken. Nicht „under-cover“, sondern ĂŒberwiegend transparent.

Als „Profi“ interessiere ich mich sehr fĂŒr junge Menschen – eine „Zielgruppe“, die die traditionellen Medien, allen voran die Zeitungen, schon lange verloren haben. Denn die sind in Facebook, myspace, StudiVZ oder sonstwo im Internet und das sind hoffentlich die „Leser“ von morgen.

Ich nehme teil, bin Teil, versuche zu verstehen und trage das Firmenimage schon im Namen: Redaktion.

„Nach Frankreich nur auf Ketten.“

Eine CBG-SchĂŒlerin, die zu meinem „Freundeskreis“ gehört, schreibt: „Ich hasse Französisch“. Ich kommentiere: „Pourquoi?“ (Warum?). Mich stört das Wort „Hass“, aber das sage ich nicht, sondern bleibe verbindlich, denn ich weiß als ehemaliger SchĂŒler, dass ich Französisch auch „gehasst“ habe und heute gerne spreche. Kein Franzose stört sich an meinen Fehlern, sondern alle sind begeistert, dass ich mich gut verstĂ€ndigen kann. Im Unterricht wurde das von gut bis mangelhaft bewertet. Je nachdem.

AlltÀgliche Kommentare? Viel ist banal bei Facebook. TatsÀchlich ist auch sehr viel schlau und nachdenklich. Manches ist "unglaublich".

Es wird viel belangloses Zeug in „sozialen Netzwerken“ veröffentlicht – neudeutsch „gepostet“. GemĂŒtszustĂ€nde aller Art. „Das gefĂ€llt mir“ ist schnell geklickt. Mir geht es so oder so, ist als Kommentar schnell geschrieben. Oder jemand denkt lange darĂŒber nach. Beides ist möglich.

Man ist „Single“, in einer „Beziehung“ oder sonstwas. Es geht hier zu wie im „richtigen Leben“. Oft banal, oft emotional, manchmal verrĂŒckt, manchmal nachdenklich und das jeden Tag aufs Neue.

Ein weiterer SchĂŒler kommentiert dann: „Nach Frankreich nur auf Ketten.“

„Nach Frankreich nur auf Ketten“ ist aber nicht „normal“ oder „belanglos“. Das ist eindeutig eine kriegsverherrlichende Aussage. Kein Spaß. Kein dummer Spruch, den man „mal eben so macht“. Hier wird „BanalitĂ€t“ bösartig, indem Gewalt, Verbrechen, Niedertracht, Tod und VerwĂŒstung als „Spruch“ daherkommen.

Darf man das wohl sagen dĂŒrfen?

Bis zur Bild-Kampagne: „Das wird man doch wohl sagen dĂŒrfen“, ist der Weg nicht mehr weit. „Wer ist Dein FĂŒhrer?“. „Gute alte 88-Zeiten.“ Die 8 steht fĂŒr den 8. Buchstaben im Alphabet. Also HH. „Heil Hitler“. Andere verwenden „18“=“AH“=“Adolf Hitler“.

Als ich den Kommentar lese, frage ich mich, was tun? Einfach ignorieren? Blöder Spruch halt?

Einen Klick weiter muss mich das nicht mehr interessieren: „Nach Frankreich nur auf Ketten.“

Ich denke: „Nein, hier hört der Spaß auf“ und schreibe einen entsprechenden Kommentar. Dann schaltet sich ein weiterer CBG-SchĂŒler ein und will das verharmlosen. Ich kommentiere nochmals und fĂŒge einen Link auf einen Bericht im Berliner Tagesspiegel ein, um die Brisanz der kriegsverherrlichenden Aussage zu untermauern. 2008 fiel ein CDU GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Kreisverbands Wiesbaden durch solche „Kommentare“ auf – die richtige Konsequenz war, dass er seine Ämter niederlegen musste. Auch ein CSU-Mann musste den Dienst wegen eines „nicht-so-gemeinten-Hitlergrußes“ quittieren.

Ich mache in einem langen Kommentar die SchĂŒler darauf aufmerksam. Denkt keiner darĂŒber nach, dass nicht nur ich mitlese, sondern auch Personalchefs, „Freunde“, viele Menschen?

Und mal abgesehen davon, dass sich diese jungen Menschen ihre Zukunft gefĂ€hrden – warum Ă€ußern sie sich so im Hier und Jetzt?

Ist das alles nur dummes Zeugs, was sie von sich geben? Wollen sie dumm sein? Ist dieses Image erstrebenswert? Sind Party- und Saufbilder alles, was sie drauf haben, um zu zeigen, „wer man ist“?

„WĂ€rs nicht schlauer…“, meint der Hitlerdarsteller ganz schlau.

Die Reaktion auf meinen Kommentar ist wieder eine Mischung aus aggressiver Äußerung und gewollter Provokation. Es meldet sich der, dessen Hitlerbild ich spĂ€ter sehe: „WĂ€rs nicht schlauer gewesen….“ Schlauer? Im Konjunktiv? „Nix sagen“, ist seiner Meinung nach „besser“.

Ich will wissen, „wer“ das sagt und schaue mir das „Profil“ und die Fotos an, mit denen der Kommentator sich nach außen „öffentlich“ prĂ€sentiert.

Ich sehe ein Foto von ihm sofort. Mit „Hitlerbart“. Das Foto ist unscharf. Sein Blick ist streng und irre, der Mund klein, die Assoziation zu Hitler eindeutig.

Und lese die Kommentare seiner „Freunde“: „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your fĂŒhrer?“ oder „Good old 88“. Dazu gibt es „Smileys“, grafische Zeichen, die von „Augenzwinkern“, ĂŒber „Lachen“ bis hin zu „Gröhlen“ die Stimmung der Kommentatoren signalisieren.

Niemand widerspricht. Keiner der „Freunde“ sagt: „Nein – das ist nicht lustig.“

Lustig? "Whos your fĂŒhrer?" 😀

Ganz im Gegenteil – der „Hitler“-Darsteller erfĂ€hrt BestĂ€tigung. UnterstĂŒtzung. Sympathie.

Ist das alles noch ein Scherz? Eine Parodie? Alles nicht so gemeint? Wohl kaum.

Und ich lese die Namen derjenigen, die so „wohlwollend“ schreiben. Teils sind sie mit mir „befreundet“, das heißt, ich kann auf Facebook sehen, wie sie sich prĂ€sentieren: Ihre Profile, ihre Fotos, das, was sie anderen mitteilen und was andere dazu sagen. Teils nicht. Ein paar kenne ich „in echt“, viele nur hier, rein „virtuell“.

„Was ist normal?“, fragt CBG-Rektor GĂŒnter Keller.

Auch das ist „normal“ fĂŒr „soziale Netzwerke“ im Internet. Mit manchen teilt man echte Lebenszeit gemeinsam, mit anderen hat man diese geteilt.

Manche kennt man nur hier, interessiert sich aber. Manche leben „um die Ecke“, manche irgendwo auf der Welt.

Bei Facebook und in anderen Netzwerken trifft man sich an einem „gemeinsamen Ort“ und prĂ€sentiert sich – wie auch immer. Das entscheidet jeder fĂŒr sich ganz alleine – oder auch durch den Willen oder Druck, irgendwo dazugehören zu wollen.

Man kann auf den „GefĂ€llt mir“-Button klicken. Oder einen Kommentar schreiben. Oder einfach weitersurfen. Das Internet ist schnell und intuitiv. Es ist scheinbar unpersönlich und es kann vermutlich viel ĂŒber eine Person erzĂ€hlen.

Auf den unheilvollen Flirt folgt eine knallharte Abfuhr.

Ich stelle den SchĂŒler per email zur Rede. Ich informiere ihn, dass ich sein Bild und die Kommentare seiner Freunde in dieser Form nicht akzeptiere. Und ich biete ihm und den anderen ein anonymes GesprĂ€ch an, um herauszufinden, was gut ausgebildete Gymnasiasten dazu treibt, diesen unheilvollen Flirt mit Hitler zu treiben.

Die Konsequenz ist klar. Der Gymnasiast hat zwei Möglichkeiten. Ein GesprĂ€ch mit mir als Journalistem zu fĂŒhren oder den „offiziellen“ Weg. Erst schreibt er mir „Entschuldigungen“, alles nicht so ernst gemeint. Dann „checkt“ er die Konsequenzen. Dann droht er mir, „ihre Methoden der Erpressung zu veröffentlichen“.

Ich suche das GesprĂ€ch zu einem seiner Freunde, den ich als vernĂŒnftigen jungen Mann im „Chat“ kennengelernt habe. Übrigens wĂ€hrend einer „Streitdiskussion“ Ende Juni 2010, in der mich eine 16jĂ€hrige SchĂŒlerin unvermittelt als „Arbeitslosen“ und vermeintlichen „PĂ€derasten“ beschimpft hat – weil ich es als 43-jĂ€hriger Mann gewagt hatte, mit jungen Leuten zu diskutieren.

„Wenn Sie das veröffentlichen, ist der fertig.“ Ein Freund.

Der junge Mann sorgt sich um den Freund: „Wenn Sie das veröffentlichen, ist der fertig.“ Auch er wĂŒnscht sich von mir, die Sache einfach „zu vergessen“. Irgendwann versteht er, dass „vergessen“ nicht die Lösung ist.

Auch fĂŒr Direktor GĂŒnter Keller ist das keine Lösung. Auch er hat das Problem im Blick. Und er zeigt sich verantwortlich: „Bei Uneinsichtigkeit werde ich entsprechende Maßnahmen ergreifen“, sagt er und ĂŒbernimmt eine Verantwortung wider Willen. Er ist verantwortlich fĂŒr alle SchĂŒler – dabei geht ihn jedes „Schicksal“ an. Im Sinne von „allen“, muss er Maßnahmen treffen.

Als ich das CBG verlasse, treffe ich einen weiteren Freund des Hitlerdarstellers, der ungewollt in „die Sache mit reingezogen wird“. Auch er war in Den Haag. Er kennt vermutlich alle, die „Hitlerbilder“ mit „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your fĂŒhrer?“ oder „Good old 88“ kommentierten.

Er distanziert sich und ist unverdĂ€chtig, mitgemacht zu haben. Er bietet an zu vermitteln. Das ist sympathisch, weil ich merke, wie sehr ihn das Thema stresst und er dem Freund gerne „helfen“ wĂŒrde.

Wenn „Spass“ an Grenzen stĂ¶ĂŸt, wird es unangenehm.

Und ich habe das GefĂŒhl, dass er bemerkt, dass „Spass“ irgendwann an Grenzen stĂ¶ĂŸt.

Und ich bemerke, dass ihm das sehr unangenehm ist. Auch er will es lieber gut haben. So, als wĂ€re nichts passiert. „Nix sagen…“

Er weiß, dass sein Freund sich schlecht prĂ€sentiert hat und will ihm helfen. Redet gut ĂŒber ihn.

Auf die Frage, warum dieser sich so „schlecht“ prĂ€sentiert und was der „Spaß“ daran ist, hat er keine Antwort. Er ist ĂŒberfordert.

Auf die Frage, was ist, wenn andere, jĂŒngere SchĂŒler sich ein Beispiel an dem „Spaß“ nehmen und ihn als „normal“ betrachten, sucht er eine Antwort.

„Ich bin sicher, das war nicht so gemeint“, sagt er dann.

Und: „Ich bitte Sie, nicht darĂŒber zu schreiben, solange wir nicht geredet haben.“

„Nicht so gemeint.“

Damit drĂŒckt er seine Hoffnung aus, dass „Nach Frankreich nur auf Ketten“ hoffentlich nicht „so gemeint“ ist. Auch nicht das „Hitlerbild“. Auch nicht: „Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“, „Whos your fĂŒhrer?“ oder „Good old 88“.

Was ist gemeint, wenn nichts mehr gemeint ist? Sind das alles nur „dumme SprĂŒche“. Motto: „Was haben wir gelacht. Haha?“

Ich frage ihn danach: „Verstehen das auch die jĂŒngeren, dass das nicht so gemeint war? Was ist gemeint, wenn nicht gemeint ist, was gemeint wurde?“

Er muss in den Unterricht und ist sichtlich froh, keine Antwort geben zu mĂŒssen.

Bleiben die Fragen: Wie werden andere Jugendliche der Schule den Text in emails, Chats, SMS und Foren kommentieren?

„Hast Du den Artikel von dem „Schreiberling“ gelesen? Der hat doch eh keine Ahnung, was abgeht? Egal :-D. Wo ist die Party? Geiles Foto. Höhö. Ich knall mich weg. Scheiße, hab ich Kopfschmerzen. Wo geht was? Scheiß Wichser. PĂ€derast. Harzer. Wir wissen, was kommt. Boykottiert den Arsch. xx ist in einer Beziehung. Ich habs gern auf dem Schreibtisch. GlĂŒcksnuss. Farmville. Das gefĂ€llt mir.“

Und so weiter.

Und so weiter. Geht das so weiter?

Ist „herumhitlern“ heute „Jugendkultur“?

Hier und da mal je nach Laune ein wenig „herumhitlern“? „Ey, ist doch nur Jugendkultur, Provokation.“

CBG-Direktor GĂŒnter Keller hat GesprĂ€che vor sich. Und er wird „entsprechende Maßnahmen“ einleiten, wenn er das als notwendig erachtet. Und Herr Keller hat weitere GesprĂ€che vor sich, weil sich Eltern fragen, „was los ist“ und ihn das fragen werden. Und „was an der Schule passiert“?

GĂŒnter Keller ist der erste Leidtragende dessen, was ein Teil seiner SchĂŒler „als normal“, als „Spaß“ begreift. Denn er muss Verantwortung tragen fĂŒr etwas, fĂŒr das er nicht verantwortlich ist.

Ob diese SchĂŒler wissen, was sie tun und was ihr Verhalten fĂŒr viele andere Menschen an Folgen hat, darf getrost bezweifelt werden. Sie machens einfach.

Den „Hitler-Darsteller“, den „Fotografen“ und die „Kommentierer“ kĂŒmmert es mit Sicherheit kein bisschen, ob jemand anderes „Stress kriegt“. Sie wollen „Spaß“ und wenns hart auf hart kommt, „bloss keinen Stress“. Wer das nicht kapiert, ist ein Spießer. Uncool. Oder ein Arsch.

Ganz sicher bin ich durch diesen Text fĂŒr viele einfach nur ein Arsch. „Nix sagen…“, wĂ€re „schlauer“ gewesen. Oder etwa nicht?

Ohne Sinn und Verstand.

Es darf auch fast als sicher gelten, dass der Mannheimer Morgen als regional-monopolistisches Medium keine Zeile dazu schreiben wird – schon allein aus dem Grund, weil ein „Mitarbeiter“ betroffen sein könnte und man mit all dem nicht in Verbindung geraten will.

Unvoreingenomme Recherchen und journalistische Suche nach Fakten darf man von diesem Medium schon lange nicht mehr erwarten.

Es darf auch als sicher gelten, dass „betroffene“ Eltern alle Hebel in Bewegung setzen werden, um das „Thema“ herunter- oder einem anderen zuzuspielen. Im Zweifel sind das Herr Keller und die Lehrer und die „Schule“.

Auf die Idee, sich mal anzuschauen, wie die eigenen Kinder im realen Leben und dessen Darstellung im Internet „ausleben“, werden nicht viele kommen.

„Scoop“ ohne Folgen.

FĂŒr heute endet deswegen der „Scoop“ hier und ohne weitreichende Folgen.

Die „Geschichte“ wird vermutlich keine Folgen haben. Sie wird vergessen werden. „Nix sagen ist vermutlich schlauer…“, meinte schon das Hitlerbart-BĂŒrschchen. Vermutlich, weil er mutmaßt zu wissen, wie das „System tickt“.

„War nur ein Spaß. Klar, ĂŒbertrieben. Seid ihr schlauer oder besser, wenn ihr jetzt ĂŒbertreibt?“ Der „Spaßvogel“ kennt die Grenzen des Systems. Er hat sie vermutlich schon oft ausgetestet. So wie andere auch.

Strafrechtlich ist nichts vorgefallen. Es gibt niemanden, der gerichtlich nach geltendem Recht verurteilt werden wird.

Also werden alle weitermachen wie bisher.

Hitlerbart-Foto? – Egal, solange es kein Personalchef sieht.
„Adolf xxx wurde in Berlin gesichtet“ – Höhö.
„Whos your fĂŒhrer?“ – „Gröhl – sauuuuuuuuufeeeeeeeeeeen.
„Good old 88“ – „GefĂ€llt mir“ geklickt.

Irgendwann meint es einer von den „Spaßvögeln“ ernst. Dann sind alle entsetzt. Keiner wird was gewusst haben.

Und irgendwann erinnert sich jemand: „Der war schon immer komisch.“

Doch dann wir die Geschichte vom Ende her erzÀhlt und nicht vom Anfang.

Der erste Journalist, der sie hat, hat einen Scoop.

Es gibt Scoops, die machen einfach keinen Spaß.

Nachtrag:
Im Text geht es um SchĂŒler des CBG Ladenburg. Herr GĂŒnter Keller ist seit gut einem Jahr der verantwortliche Direktor der Schule. Als Autor möchte ich ausdrĂŒcklich betonen, dass Herr Keller sich aus meiner Sicht absolut vorbildlich verhalten hat, als er von geschilderten UmstĂ€nden erfahren hat und sicherlich die notwendigen und ihm möglichen Schritte einleitet. Zum Kollegium bestanden in der Sache von meiner Seite aus keine Kontakte.
Die Stadt Ladenburg wurde ebenfalls kenntnishalber informiert. Ebenso das PolizeiprĂ€sidium Mannheim und dort auf Wunsch der „Staatsschutz“, in dessen ZustĂ€ndigkeit diese Angelegenheit fĂ€llt.
Als Autor gehe ich davon aus, dass keine strafbare Handlung vorliegt. Wie die Schulleitung und der Staatsschutz sehe ich aber einen Handlungsbedarf in der Sache. Wir werden in der kommenden Woche weiter zum Thema berichten.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.