Mittwoch, 17. Januar 2018

Melle Noire lebt Gothic. Seit 15 Jahren

„Über den Friedhof ist es kürzer zum Einkaufzentrum“

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Foto: http://www.birgit-heidrich.net/

 

Ladenburg/Rhein-Neckar, 15. August 2013. (red/ch) Melle Noire ist eine ungewöhnliche Frau. Seit 15 Jahren gehört sie der „Gothic-Szene“ an. Sie kleidet sich schwarz, trägt Accessoires wie ein Stachelhalsband und geschnürte Boots. Nebenbei posiert sie gerne vor der Kamera und mag Totenköpfe. Doch über den Friedhof geht sie nur, „weil es der schnellste Weg zum Einkaufzentrum ist“.

Von Christopher Horn

Schwarzes Outfit, Stachelhalsband, zerrissene Nylonstrümpfe, schwere Stiefel. Melle Noire grinst: „Ich bin heute nicht gestylt.“ Auch ohne extravagantes Styling wird sie sofort von anderen Gästen im Ladenburger Kaffeehaus bemerkt. Melle ist seit mehr als 15 Jahren in der „Gothic-Szene“ – wenn auch mit ganz eigenen Ansichten. Diese Art Subkuktur ist auch als „Schwarze Szene“ bekannt und ging Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk- und New-Wave-Umfeld hervor. Heute gibt es mehrere Splitterrichtungen.

Aus einer Phase wird eine Lebesweise

Melle fühlt sich in dieser Szene zu Hause. Sie weiß: „Da gehöre ich hin.“ Eine Schulfreundin inspirierte die heute 33-jährige einst dazu, mal auszuprobieren, sich ganz in schwarz zu kleiden, das Gesicht weiß zu schminken, Lippen und Fingernägel schwarz zu lackieren. Ihre Eltern waren anfangs nicht begeistert über den Style der Tochter:

Die dachten zunächst, es wäre nur so eine Phase, vor allem mein Vater war als sehr christlicher Mensch nicht besonders angetan.

Aus der „Phase“ wurde für Melle eine Lebenseinstellung, die sie fasziniert. Es ist diese etwas morbide Romantik, die Vielfalt und – sehr wichtig – die pazifistische Grundeinstellung, die es ihr besonders angetan haben. Gibt es den oder die typische „Grufti“? Da lacht sie wieder – was sie häufig tut. Sie ist lebhaft, morbid geht sicher anders.

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Melle Noire im Alltagsdress – ihre Eltern dachten, dass sei eine Phase. Sie sagt, das ist eine Lebenseinstellung.

 

Und sagt dann, dass es „die Szene“ nicht gibt. Es handle sich um eine sehr vielfältige Szene, deren wesentlicher Grundkonsens das Tragen schwarzer Kleidung sei. Die Anhänger findet man in allen Altersgruppen und Schichten der Gesellschaft.

„Schau mal, da sitzt der Tod“

Noch heute werden Melle und ihre Freunde aus der Szene dabei von Außenstehenden mit den gängigen Vorurteilen konfrontiert. Sätze wie: „Ihr seid alle Satanisten und hängt nachts auf dem Friedhof ab“, oder „Schau mal, da sitzt der Tod“ bekommt Melle nicht selten zu hören. Mit der Realität haben solche Sprüche meist nur wenig zu tun. Zwar sammelt auch Melle Totenköpfe, über den Friedhof geht sie aber nur, „weil es der schnellste Weg zum Einkaufszentrum ist“.

Natürlich gibt es auch unter den „Gruftis“ extreme Persönlichkeiten und „schwarze Schafe“. Welche, die okkultistische Bräuche pflegen oder den Teufel anbeten. Doch die sind für Melle eher die Ausnahme. Dabei ist sie keineswegs in eine Parallelwelt eingetaucht, hat neben ihren „schwarzen Freunden“ auch viele Bekannte die ein „ganz normales“ Leben führen:

Früher habe ich mich auch tagsüber nur komplett gestylt aus dem Haus getraut. Ich dachte, die Szene würde mich nur so akzeptieren, mittlerweile genieße ich es aber auch ungeschminkt unterwegs zu sein.

Tagsüber der Bürojob – am Abend im Gothic-Outfit

Auch innerhalb der Szene gibt es einige, die tagsüber in Alltagskleidung einem klassischen Bürojob nachgehen und erst abends in ihre zweite Haut schlüpfen. Dann beginnt das Styling für die dunkle Nacht. Dabei ist fast alles erlaubt, Hauptsache, die Farbe Schwarz ist dabei. „Dark Nights“ werden in vielen Bars und Diskos in Deutschland veranstaltet. Melle Noire geht dafür nach Mannheim, Frankfurt oder Karlsruhe. Und auch hier fällt sie auf – zum Schwarz drappiert sie hier und da farbige Akzente, gerne lila oder rot. „Gerne nehme ich Schweißerbrillen als Accessoir oder bunte Schleier.“Sie zwinkert mich an und kichert.

So zwei Stunden kann es schon dauern, bis ich fertig gestylt bin.

Auch wenn sie am nächsten Tag wieder abgeschminkt ist, legt sie das „Gothic“-Dasein nicht ab. Für Melle ist es eine Lebenseinstellung, eine Art sich auszudrücken. Sie ist bereit für einen Job gewisse Kompromisse einzugehen, „einen Hosenanzug und eine Bluse werde ich deshalb aber sicher nicht tragen!“ Auch ein Arbeitgeber müsse ihre Persönlichkeit und Kultur respektieren. Verstellen will sie sich auch im Berufsleben nicht. Im Moment ist sie auf der Suche nach einer Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen.

Modellaufnahmen als Kindheitstraum

Doch eigentlich hat es ihr ein ganz anderes Metier besonders angetan. Seit 2001 posiert Melle vor der Kamera für Modelaufnahmen. Damals wurde sie in einem Heidelberger Club von einem Fotografen angesprochen.

Auch Modelbilder macht Melle gerne  Quelle: Melle Noir

Leidenschaftlich schwarz und leidenschaftliches Model.
Foto: http://thorstenjochum.com

Seit die ersten Bilder veröffentlicht wurden, bekommt sie immer wieder Anfragen von Künstlern, die Melle im „Gothic-Style“ ablichten wollen.

Ich habe schon als kleines Mädchen davon geträumt ein Modell zu sein, dachte aber das ich dafür nicht die passenden Maße habe.

Doch damit lag sie falsch, in ihrem neuen Style ist sie ein gefragtes Fotomodell. Geld verdient sie damit allerdings nicht:

Mir geht es hier ganz um die Kunst, ich will dafür nicht bezahlt werden.

Die schlanke, fast zierliche Frau, ist sehr wählerisch, was die Auswahl der Fotografen oder der Motive angeht und weiß genau was sie will:

Da nehme ich nicht jeden und schaue mir im Vorfeld genau an, welche Art von Bildern ein Fotograf bisher so gemacht hat.

 

Das posieren macht ihr dann auch sichtlich Spaß. Davon kann ich mich überzeugen, als ich zum Abschuss unseres Gesprächs noch ein paar Fotos von Melle mache. Sie schwingt sich um eine Skulptur am Ladenburger Marktplatz, lächelt mal mit und mal ohne Sonnenbrille in die Kamera und will von allen Seiten abgelichtet werden. Dabei hat sie stets ein kritisches Auge auf die fertigen Bilder. Hier kann man bereits erahnen, dass es auch Model-Fotografen während eines Shottings nicht einfach mit Melle Noire haben.

Der Name ist Programm

Woher kommt eigentlich dieser Name „Melle Noire“? „Melle“ kommt von Melanie, was einerseits ihr richtiger Vorname ist und zum anderen im Griechischen „Das Schwarze“ oder „Dunkle“ bedeutet. Den Beinamen „Noire“ hat sie sich eines Tages auf Anregung ihres Freundes zugelegt – der ist übrigens Teilzeit-Grufti. Tagsüber normal, abends schwarz. Noire heißt auf Französisch ebenfalls schwarz. In emails verabschiedet sie sich mit der Grußzeile „Dunkle Grüße“. Melle lebt ihre Leidenschaft:

Schwarz gehört zu meinem Leben wie für andere Käse auf die Pizza. Ist also was ganz Normales.

Internet:
http://www.melles-midnight.de
http://www.facebook.com/mellenoire

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Foto: Incarda DesEYEn

 

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Foto: http://www.joko-style.de/

 

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Foto: http://marion-adam.magix.net/

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.