Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Fitnesstrainer? Nein danke, ich habe Kinder.

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Guten Tag!

Ladenburg, 15. MĂ€rz 2010. Wer Kinder hat – dem ist nicht langweilig. Ein Termin jagt den anderen, eine Sitzung die nĂ€chste und irgendwie riecht es immer nach Kuchen, den man fĂŒr diverse Feste backen muss, wĂ€hrend man gerade mal wieder was bastelt oder organisiert. Kinder sind sowas wie ein Fitnessprogramm fĂŒr Eltern, meint Gabi.

Wie viele Stunden Ihres Lebens haben Sie schon auf Elternabenden, Schulfesten, Sportfesten und AuffĂŒhrungen jeglicher Art verbracht?
Wie viele Kuchen haben Sie gebacken wie viele und Salate haben Sie zubereitet? Wie viele Dekorationen gebastelt, Aufbau- und Abbaudienste geleistet?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mache es gern. Zugegeben: Es war mir nicht bewusst, als ich vor 15 Jahren meinen Erstgeborenen im Arm hielt, dass ich die nĂ€chsten 20 Jahre meine Wochenenden bei Sportvereinen, Schulfesten, Klassenwanderungen und Ähnlichem verbringen wĂŒrde. Dass ich mindestens vier Mal im Jahr auf Elternabenden hören mĂŒsste, was kein Mensch hören will und dass ich an Elternstammtischen meine knappe Freizeit mit Menschen zusammen sitze, mit denen mich nur die Tatsache verbindet, dass unsere Kinder zufĂ€llig in dieselbe Klasse gehen.

Ideal sind ein MĂ€dchen und ein Junge –
dann kriegt man das volle Programm.

Bei zwei Kindern beiderlei Geschlechts bekommt man so ziemlich von allem etwas mit. Ich war auf Tennisturnieren, Schwimm- und TurnwettkĂ€mpfen, habe mir BallettauffĂŒhrungen angeschaut sowie Karate- und Voltigierturniere. Ich habe fĂŒr die obligatorischen Weihnachtsfeiern Kuchen gebacken und fĂŒr die Sommer-Grillfeste Salate zubereitet.

Manches haben meine Kinder schon nach Kurzem wieder aufgegeben, manches hat mich Jahre lang begleitet. Von Fußball blieb ich Gott sei Dank verschont, denn das muss, so habe ich mir sagen lassen, das hĂ€rteste Programm sein.

„Meine Mama macht das gerne.“ Achso.

Neben den FreizeitaktivitĂ€ten gibt es natĂŒrlich auch die Kindergarten- und Schulveranstaltungen. Will sagen, angefangen vom „Laterne laufen“ ĂŒber Bastelnachmittage – ich habe alles mitgenommen. GlĂŒcklicherweise (?) waren und sind meine Kinder auch an ihrer Schule Ă€ußerst aktiv. Das heißt, sie machen bei TheaterauffĂŒhrungen mit, sind im Chor und wenn freiwillige Elternarbeit erwartet wird, rufen sie immer, „meine Mama macht das gerne“.

Äußerst beliebt sind auch Familienwanderungen am Wochenende. So bin ich beispielsweise schon dreimal nach Buchklingen gekommen (Tipp: der grĂŒne Baum bietet Platz fĂŒr ganze Klassen plus Familien). Und nahezu obligatorisch sind Grillfeste an der Freizeithalle und spĂ€ter dann im Luisenpark.

Nicht ganz so gesellig sind oft die Elternabende. Und auch hier habe ich das GlĂŒck Kinder beiderlei Geschlechts zu haben.

Nach den einstimmenden Worten „wir gehen gerne in die Klasse ihrer Kinder“, folgte meist, „aber die Klasse ist sehr unruhig und undiszipliniert, zu dem lĂ€sst die Einstellung zu Hausaufgaben zu wĂŒnschen ĂŒbrig“.

Unfug? Hoffentlich wars nicht mein Junge.

Und wer ist meist Schuld? Richtig, die Jungs. Jahrelang habe ich bei diesen Worten meinen Kopf eingezogen und gehofft mich unsichtbar machen zu können. Denn ich wusste, wenns um Unfug ging, war mein Sohn immer vorne mit dabei.

Also saßen einige Jungen-Eltern (nicht alle, denn es gibt ja auch brave Jungs) mit der BĂŒĂŸermiene vor den Lehrern und hofften, die Predigt wĂŒrde diesmal nicht so heftig ausfallen und keiner der MĂ€dcheneltern wĂŒrde einen spĂ€ter zur Seite nehmen.

Unfug? In der Klasse meiner Tochter machen den Jungs.

Bei den Elternabenden meiner Tochter erlebe ich das ganz anders. Meine Tochter macht ihre Hausaufgaben regelmĂ€ĂŸig, hat weder Nachsitzen noch Strafarbeiten. Dass heißt nicht, dass sie auch zu Hause ein Engel ist, das heißt lediglich, dass sie weiß, wie man sich im Unterricht benehmen muss. Also sitze ich entspannt inmitten der anderen Eltern und bin auch anschließend gerne zu einem PlĂ€uschchen bereit.

Vor Kurzem habe ich mal wieder vier Stunden meines Lebens auf einem Schulfest verbracht – praktischerweise gehen meine Kinder inzwischen auf die gleiche Schule, was rein rechnerisch die Stunden auf Schulfesten, Weihnachtskonzerten, TheaterauffĂŒhrungen etc. halbiert – anschließend habe ich mit meiner Freundin, deren Kinder, die gleiche Schule besuchen, einen Kaffee getrunken.

WĂ€hrend wir rechneten, wie viel Schulfeste noch vor uns liegen, wurden wir ganz wehmĂŒtig. Wie schnell waren doch die Jahre im Kindergarten und in der Grundschule vergangen und wie bald wĂŒrden unsere Großen ganz die Schulzeit hinter sich lassen.

Das alles ist anstrengend – aber auch schön.

Und eigentlich, wenn wir ehrlich sind, haben wir bei all diesen AktivitĂ€ten auch viel Schönes erlebt. Hier sind nicht nur die Freundschaften unserer Kinder, sondern auch unsere Freundschaften entstanden. Wir haben manches tolle Fest gefeiert und bei AuffĂŒhrungen die eine oder andere TrĂ€ne vergossen. KĂŒnftig, nahmen wir uns fest vor, werden wir mit noch mehr Euphorie dabei sein.

Ende letzter Woche erreichte mich eine Email des Elternbeirats, demnÀchst werden wir mit der Klasse meiner Tochter wandern.

Und nun raten Sie mal wohin? Richtig, nach Buchklingen. Und wissen Sie was, ich freu-€ℱ mich drauf.

Und ich sage Ihnen noch etwas: So viel wĂ€re ich wahrscheinlich nicht an der frischen Luft gewesen, ich hĂ€tte mich weniger bewegt und so gesehen, sind Kinder, sofern man die Einstellung hat „Mama macht das gerne“, die besten Fitnesstrainer der Welt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.