Donnerstag, 26. April 2018

Gabis Kolumne

Fitnesstrainer? Nein danke, ich habe Kinder.

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Guten Tag!

Ladenburg, 15. M├Ąrz 2010. Wer Kinder hat – dem ist nicht langweilig. Ein Termin jagt den anderen, eine Sitzung die n├Ąchste und irgendwie riecht es immer nach Kuchen, den man f├╝r diverse Feste backen muss, w├Ąhrend man gerade mal wieder was bastelt oder organisiert. Kinder sind sowas wie ein Fitnessprogramm f├╝r Eltern, meint Gabi.

Wie viele Stunden Ihres Lebens haben Sie schon auf Elternabenden, Schulfesten, Sportfesten und Auff├╝hrungen jeglicher Art verbracht?
Wie viele Kuchen haben Sie gebacken wie viele und Salate haben Sie zubereitet? Wie viele Dekorationen gebastelt, Aufbau- und Abbaudienste geleistet?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mache es gern. Zugegeben: Es war mir nicht bewusst, als ich vor 15 Jahren meinen Erstgeborenen im Arm hielt, dass ich die n├Ąchsten 20 Jahre meine Wochenenden bei Sportvereinen, Schulfesten, Klassenwanderungen und ├ähnlichem verbringen w├╝rde. Dass ich mindestens vier Mal im Jahr auf Elternabenden h├Âren m├╝sste, was kein Mensch h├Âren will und dass ich an Elternstammtischen meine knappe Freizeit mit Menschen zusammen sitze, mit denen mich nur die Tatsache verbindet, dass unsere Kinder zuf├Ąllig in dieselbe Klasse gehen.

Ideal sind ein M├Ądchen und ein Junge –
dann kriegt man das volle Programm.

Bei zwei Kindern beiderlei Geschlechts bekommt man so ziemlich von allem etwas mit. Ich war auf Tennisturnieren, Schwimm- und Turnwettk├Ąmpfen, habe mir Ballettauff├╝hrungen angeschaut sowie Karate- und Voltigierturniere. Ich habe f├╝r die obligatorischen Weihnachtsfeiern Kuchen gebacken und f├╝r die Sommer-Grillfeste Salate zubereitet.

Manches haben meine Kinder schon nach Kurzem wieder aufgegeben, manches hat mich Jahre lang begleitet. Von Fu├čball blieb ich Gott sei Dank verschont, denn das muss, so habe ich mir sagen lassen, das h├Ąrteste Programm sein.

„Meine Mama macht das gerne.“ Achso.

Neben den Freizeitaktivit├Ąten gibt es nat├╝rlich auch die Kindergarten- und Schulveranstaltungen. Will sagen, angefangen vom „Laterne laufen“ ├╝ber Bastelnachmittage – ich habe alles mitgenommen. Gl├╝cklicherweise (?) waren und sind meine Kinder auch an ihrer Schule ├Ąu├čerst aktiv. Das hei├čt, sie machen bei Theaterauff├╝hrungen mit, sind im Chor und wenn freiwillige Elternarbeit erwartet wird, rufen sie immer, ÔÇ×meine Mama macht das gerneÔÇť.

├äu├čerst beliebt sind auch Familienwanderungen am Wochenende. So bin ich beispielsweise schon dreimal nach Buchklingen gekommen (Tipp: der gr├╝ne Baum bietet Platz f├╝r ganze Klassen plus Familien). Und nahezu obligatorisch sind Grillfeste an der Freizeithalle und sp├Ąter dann im Luisenpark.

Nicht ganz so gesellig sind oft die Elternabende. Und auch hier habe ich das Gl├╝ck Kinder beiderlei Geschlechts zu haben.

Nach den einstimmenden Worten ÔÇ×wir gehen gerne in die Klasse ihrer KinderÔÇť, folgte meist, ÔÇ×aber die Klasse ist sehr unruhig und undiszipliniert, zu dem l├Ąsst die Einstellung zu Hausaufgaben zu w├╝nschen ├╝brigÔÇť.

Unfug? Hoffentlich wars nicht mein Junge.

Und wer ist meist Schuld? Richtig, die Jungs. Jahrelang habe ich bei diesen Worten meinen Kopf eingezogen und gehofft mich unsichtbar machen zu k├Ânnen. Denn ich wusste, wenns um Unfug ging, war mein Sohn immer vorne mit dabei.

Also sa├čen einige Jungen-Eltern (nicht alle, denn es gibt ja auch brave Jungs) mit der B├╝├čermiene vor den Lehrern und hofften, die Predigt w├╝rde diesmal nicht so heftig ausfallen und keiner der M├Ądcheneltern w├╝rde einen sp├Ąter zur Seite nehmen.

Unfug? In der Klasse meiner Tochter machen den Jungs.

Bei den Elternabenden meiner Tochter erlebe ich das ganz anders. Meine Tochter macht ihre Hausaufgaben regelm├Ą├čig, hat weder Nachsitzen noch Strafarbeiten. Dass hei├čt nicht, dass sie auch zu Hause ein Engel ist, das hei├čt lediglich, dass sie wei├č, wie man sich im Unterricht benehmen muss. Also sitze ich entspannt inmitten der anderen Eltern und bin auch anschlie├čend gerne zu einem Pl├Ąuschchen bereit.

Vor Kurzem habe ich mal wieder vier Stunden meines Lebens auf einem Schulfest verbracht – praktischerweise gehen meine Kinder inzwischen auf die gleiche Schule, was rein rechnerisch die Stunden auf Schulfesten, Weihnachtskonzerten, Theaterauff├╝hrungen etc. halbiert – anschlie├čend habe ich mit meiner Freundin, deren Kinder, die gleiche Schule besuchen, einen Kaffee getrunken.

W├Ąhrend wir rechneten, wie viel Schulfeste noch vor uns liegen, wurden wir ganz wehm├╝tig. Wie schnell waren doch die Jahre im Kindergarten und in der Grundschule vergangen und wie bald w├╝rden unsere Gro├čen ganz die Schulzeit hinter sich lassen.

Das alles ist anstrengend – aber auch sch├Ân.

Und eigentlich, wenn wir ehrlich sind, haben wir bei all diesen Aktivit├Ąten auch viel Sch├Ânes erlebt. Hier sind nicht nur die Freundschaften unserer Kinder, sondern auch unsere Freundschaften entstanden. Wir haben manches tolle Fest gefeiert und bei Auff├╝hrungen die eine oder andere Tr├Ąne vergossen. K├╝nftig, nahmen wir uns fest vor, werden wir mit noch mehr Euphorie dabei sein.

Ende letzter Woche erreichte mich eine Email des Elternbeirats, demn├Ąchst werden wir mit der Klasse meiner Tochter wandern.

Und nun raten Sie mal wohin? Richtig, nach Buchklingen. Und wissen Sie was, ich freu-ÔéČÔäó mich drauf.

Und ich sage Ihnen noch etwas: So viel w├Ąre ich wahrscheinlich nicht an der frischen Luft gewesen, ich h├Ątte mich weniger bewegt und so gesehen, sind Kinder, sofern man die Einstellung hat „Mama macht das gerne“, die besten Fitnesstrainer der Welt.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.