Samstag, 22. September 2018

Tag Drei – „und ich bin noch immer dabei!“

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 13. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. DafĂŒr schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fĂŒhlt. Sie schreibt ĂŒbers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie ĂŒbers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drĂŒcken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche HĂŒrden sie dabei zu ĂŒberwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch fĂŒr alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrĂŒcken“. Tag Drei – der Kaffee schmeckt auch ohne Zigarette.

Von Marietta Herzberger

Heute bin ich sehr mĂŒde. Ich glaube, mein Stoffwechsel kapiert gerade, dass er nicht mehr auf Hochtouren laufen muss und schlĂ€ft sich erst einmal so richtig aus. Allerdings habe ich ihm heute auch einiges abverlangt – nicht nur in den letzten dreißig Jahren.

Tag Drei - "Und ich bin immer noch dabei!"

Zweieinhalb Stunden Sport im AC-Weinheim. Crosstrainer, Radergometer und GerĂ€tetraining. In dieser Zeit verspĂŒrte ich nicht den Hauch von Verlangen, meine Lungen mit Rauch zu fĂŒllen. Aber eines musste ich feststellen: Mein Handtuch, das ich als Unterlage auf den GerĂ€ten nutze oder zum Abwischen des Stirnschweißes, damit mir die Soße nicht in die Augen lĂ€uft, roch nicht nach altem Rauch. Es roch NICHT nach RAUCH! Sonst roch es immer danach. Klingt ziemlich eklig, war aber so. Raucherschweiß stinkt nach Rauch. Und nun roch es ganz normal nach nassem Handtuch. Sogar den Geruch des Waschmittels konnte ich wahrnehmen. Keine Spur von altrauchigem Schweiß.

Ich darf gut riechen!

Das war fĂŒr mich sehr motivierend. Denn: Ich muss nicht mehr stinken – ich darf jetzt gut riechen!

Und noch eine Erfahrung. Eine wichtige Erfahrung. Liebe Noch-Raucher: Es ist möglich, den Kaffee auch ohne Zigarette zu genießen. Ich habe das heute mehrfach getan. Insbesondere heute morgen auf der Terrasse. Der Kaffee schmeckte und ich habe den Rauch nicht vermisst. So, wie ich als Raucher das GefĂŒhl mochte, wenn der Rauch die Lungen fĂŒllte, so mag ich jetzt das GefĂŒhl, wenn ich an der Kaffeetasse nippe und der warme Kaffee langsam die Kehle hinunter rinnt.

Es ist lediglich eine Fehlkonditionierung, deren Verbindung recht schnell gekappt werden kann.

Meine jahrelange Fehlkonditionierung war: Ich rauche gerne. Auch und vor allem, weil die Zigarette zum Kaffee besonders gut schmeckt. Kaffee und Zigarette gehören zusammen.

Doch Fakt ist: Ich trinke Kaffee zur Zigarette, weil der Kaffee den Scheißgeschmack der Zigarette ĂŒbertĂŒncht. Wenn ich das kapiert habe, dann schmeckt der Kaffee so ganz allein fĂŒr sich hervorragend.

Dennoch – es ist Tag Drei. Nicht Tag Dreihundert. Ich habe die Schmacht immer noch. Immer mal wieder. Aber nur fĂŒr kurze Zeit. Heute Nachmittag war ich kurz davor, mir eine Schachtel zu besorgen. Nur EINE rauchen, nur EINMAL ziehen! Ich suchte verzweifelt irgendwelche GrĂŒnde, um mich von meiner Familie mal kurz zu verabschieden, um mir Zigaretten zu kaufen. Lediglich der Zeitdruck – wir mussten zu einem gemeinsamen Termin – hielt mich davon ab, es tatsĂ€chlich zu tun. Ernsthaft. Was mir vorkam, wie eine Ewigkeit, dauerte tatsĂ€chlich nur rund 5 Minuten, also eine ZigarettenlĂ€nge. Dann war es ĂŒberstanden.

Die Zigarette ist mein „Blauer Elefant“. Versuchen Sie, nicht an einen „Blauen Elefanten“ zu denken.

Alles klar?

Bis dann …

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. DarĂŒber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang vermutlich tĂ€glich, so hat sie sich das vorgenommen, spĂ€ter immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Die Texte sind einen Tag „versetzt“, weil sie ja erst am Ende des Tages schreiben kann, was sie in ihrem neuen rauchfreien Leben erlebt hat.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.