Samstag, 22. September 2018

Altstadtfest: „Irgendwie kläglich“

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Guten Tag!

Ladenburg, 13. September 2010. Zwei Tage bestes Wetter, der attraktivste Flohmarkt der Region, tolle Bands, schöne Atmosphäre, beste Unterhaltung – das 37. Ladenburger Altstadtfest war ein Erfolg. Kritik gibt es trotzdem – an der Pegelbeschränkung und der strikten Verordnung, dass Punkt 23:00 Uhr die Musik ausgeschaltet werden musste. Diskutiert wird, ob das Altstadtfest unter diesen Bedingungen noch das „eigentliche“ Altstadtfest ist oder nicht.

Kommentar: Hardy Prothmann

Waren es nun mehr oder weniger Gäste als sonst? Darüber gibt es viele Meinungen. Fest steht: Das 37. Ladenburger Altstadtfest war sehr gut besucht. Von jung und alt, von LadenburgerInnen und Auswärtigen, von Familien und Partygängern, von Schaulustigen und solchen, die gerne gesehen werden. Es war also für jeden Geschmack etwas dabei.

Alle zufrieden?

Tamara Pusch am Samstag auf der Hauptbühne: Runtergepegelt, damit das "Mikrophon" zufrieden ist.

Die Gastronomie dürfte zufrieden sein – was man gesehen hat, wurde ordentlich konsumiert. Die Ständebetreiber der Flohmärkte hatten das Interesse der Festgäste, Rock at Church war überwiegend für die jüngeren Leute da, der Marktplatz und die anderen „Spielplätze“ fürs gemischte Publikum, das Fest war immer in Bewegung, die Laune und Atmosphäre war sehr gut.

Auch das Internet ist beim Traditionsfest mit einem „Flashmob“ wegen des fehlenden Fähnchenschmucks angekommen. Gut zweihundert „Aktivisten“ hatten sich über Facebook verabredet und wedelten während der Eröffnung durch Bürgermeister Rainer Ziegler um 11:15 Uhr eine Minute lang mit weiß-blauen Fähnchen, um ihren Protest oder auch ihren Wunsch zum Ausdruck zu bringen.

Rechtsstreit.

Die meisten Festbesucher haben einfach nur das „legendäre“ Altstadtfest besucht. Für viele LadenburgerInnen und solche, die sich für Ladenburg interessieren, hatte es aber einen Schönheitsfehler: Der gerichtlich getroffene „Vergleich“, den Schallpegel zu begrenzen und um Punkt 23:00 Uhr „den Stecker“ für die Musik zu ziehen, hat diesen Menschen die Laune verdorben. Und das sind nicht wenige.

Dieses Mikrophon hat das 37. Altstadtfest kontrolliert und dominiert.

Alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, und viele darüber hinaus, wissen, wer gegen den „Lärm“ auf dem Altstadtfest am Marktplatz geklagt hat. Und alle haben für den Rechtsstreit kein Verständnis.

Dabei muss man aber verstehen, dass jemand, der ein Recht einklagt und dieses zugestanden bekommt, naja, einfach recht hat. So einfach ist das. Ob recht haben auch gleich „recht sein“ bedeutet, ist etwas anderes. Die zwei Klägerparteien haben sich mit ihrem Beharren auf ihr Recht ganz klar isoliert.

Zwei Parteien vs. tausende Festbesucher.

Man versteht die Belästigung, aber ausnahmslos alle Menschen, die ich in der Sache gesprochen habe, sagen: „Es sind doch nicht einmal zwei Tage. Kann man das nicht aushalten, wenn sonst tausende von Menschen dadurch um ihren Spaß gebracht werden?“

Tolle Musik, tolle Stimmung, das "Victory-Zeichen" eines Gastes täuscht. "Gewonnen" haben die Kläger.

Die Frage ist berechtigt. So auch diese: Wo fängt der Spaß an, wo hört er auf? Was ist Spaß für den einen und den anderen nicht? Wieviel „Spaß“ darf man fordern?

Die Frage wurde juristisch beantwortet. Man, also zwei Klägerparteien, muss den (vermuteten) Spaß von tausenden Menschen nicht aushalten. Die Rechthaber dieser Welt können ihr „Recht“ auf „Ruhe“ einfordern. Ob das mit Sinn und Verstand erfolgt, spielt für „Justitia“, die angeblich blind ist, keine Rolle.

Besonders ärgerlich ist, dass der gefundene „Kompromiss“ nicht zur Folge hat, dass die „streitenden Parteien“, also die Kläger und als Vertretung der Festveranstalter- und besucher, die Stadt Ladenburg, eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden haben. Es wurde kein verständiger Vergleich getroffen, sondern ein verbissener.

Ich stelle mich ganz klar auf die Seite der Kritiker dieses Vergleichs. Dabei hat die Stadt Ladenburg, vertreten durch Bürgermeister Ziegler, soweit mir das bekannt ist, ihr Möglichstes versucht, dem Altstadtfest möglichst viel Festcharakter zu erhalten.

Totale Kontrolle.

Die Kläger demonstrierten ihre Haltung eindeutig mit einem Mikrophon, das den Geräuschpegel auf dem Marktplatz sekündlich überwacht hat. Irgendwie erinnert das an die totale Kontrolle. Big Brother lässt grüßen.

Schallmesser - nicht das Ohr, nicht der Verstand, sondern die Technik kontrolliert, was erlaubt ist und was nicht.

Big Brother, ob in Gestalt eines datensammelgeilen Staates, wie ihn teilweise die Bundesregierung wünscht, um alles und jeden überwachen zu können oder nur in der Gestalt verhärmter „Rechthaber“, wie im konkreten Fall zweier Anwohnerparteien, die Geschäftsleute sind, muss eines fürchten: Die Macht der eigenen Meinung, der eigenen Gedanken und der Folgen daraus.

Kein Festbesucher hat Verständnis für diese sture und starre Haltung. Kein vernünftiger Mensch versteht die Absolutheit des Vorgehens.

Jeder darf sich hingegen seine eigene Meinung bilden. Meine ist: Ich bedaure die Kläger und finde ihr Verhalten… ja wie?

Ich finde es irgendwie kläglich.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.