Freitag, 22. September 2017

Lokaljournalismus 2.0

Vier Jahre Heddesheimblog: Wie aus Zufall ein System wurde

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Hardy Prothmann, Chefredakteur, in einem Beitrag von ARD-Morgenmagazin zur Krise des Journalismus.

Heddesheim/Rhein-Neckar, 12. Mai 2013. Das Heddesheimblog.de und die anderen Ortsblogs gibt es nun seit vier Jahren – wir freuen uns sehr, dass wir diese vier Jahre ├╝berstanden haben und uns vor Ort, in der Region und sogar dar├╝ber hinaus etablieren konnten. Ein Blick zur├╝ck ist immer auch einer nach vorne.

Von Hardy Prothmann

Ein Termin f├╝r unser Jublil├Ąum ist nicht ganz einfach zu finden gewesen. Am 28. April habe ich den ersten Artikel aus und ├╝ber Heddesheim ver├Âffentlicht: „Alles gut oder alles schlecht mit Pfenning in Heddesheim?“ Damals noch auf einer Unterseite bei blogger.de. Weil die Zugriffe schnell mehr wurden, zog das Heddesheimblog.de unter eigenem Namen auf einen eigenen Server um. Das war am 12. Mai 2009.

Im Dezember kam das Hirschbergblog.de dazu, im Februar 2010 das Ladenburgblog.de, im Novemer 2010 das Weinheimblog, im Januar 2011 das Rheinneckarblog.de, im April 2011 das Viernheimblog.de und Laudenbachblog.de, Hemsbachblog.de, Schriesheimblog.de, Dossenheimblog.de, Edingenneckarhausenblog.de und Ilvesheimblog.de starteten im Januar 2012. Wir haben also viele Starttermine f├╝r entsprechende Jubil├Ąen. Die Entscheidung fiel auf den 12. Mai 2009, weil dieses Datum der Start einer f├╝r die Region neuen Form von Lokaljournalismus ist.

Vom Zufall zum Projekt…

Anfangs wollte ich der Heddesheimer Bev├Âlkerung durch meine Recherchen aufzeigen, dass die lokale Monopolzeitung ihre Leserinnen und Leser schlecht informiert – ob aus Unverm├Âgen oder planvoll lasse ich bis heute dahingestellt. Das Heddesheimblog ist also als eine Art „B├╝rgerjournalismus“ gestartet – als Heddesheimer B├╝rger f├╝hlte ich mich schlecht informiert und habe eine „Gegen├Âffentlichkeit“ hergestellt. Ein bl├Âdes Wort – denn diese transparente Information ist ja alles andere als „gegen die ├ľffentlichkeit“. Aber so nennen viele sogenannte „nicht-etablierte“ Medienangebote – etablierte Medien h├Ątten meine journalistischen Recherchen nicht gebracht. Fr├╝her h├Âtte niemand davon erfahren – dank Internet gibt es immer weniger Schweigespiralen.

So sah das Heddesheimblog vom 28. April bis 12. Mai 2009 aus.

So sah das Heddesheimblog vom 28. April bis 12. Mai 2009 aus.

 

Mit dem Umzug und dem Namen war das Heddesheimblog.de also in der Welt. Einen Plan, was das Heddesheimblog.de einmal werden sollte, hatte ich, ehrlich gesagt, nicht. Viel hat sich ergeben. Auch, dass ich, obwohl eigentlich chancenlos, pl├Âtzlich bei der Kommunalwahl 2009 als freier Kandidat die FDP-Liste gewonnen hatte und danach knapp drei Jahre als partei- und fraktionsfreier Gemeinderat im politischen Ehrenamt mitwirkte. Auch das besonders: Durfte ich journalistisch arbeiten und gleichzeitig Entscheidungstr├Ąger sein? Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort – ich habe mit gr├Â├čtm├Âglicher Transparenz einen Weg gesucht, dies miteinander zu vereinbaren. Mit meinem Umzug nach Mannheim musste ich das Mandat abgeben, die Frage stellt sich also nicht mehr.

…zum System…

Viele andere Fragen stellen sich mir und meiner Redaktion jeden Tag. Bei Terminen, bei Themen, die wir bearbeiten. Sp├Ątestens 2010 reifte langsam, aber sicher der Plan, ein Netzwerk von Lokalzeitungen aufzubauen und daf├╝r ein Unternehmen zu gr├╝nden. Mittlerweile freuen wir au├čerordentlich anerkannte Unternehmen als Werbekunden und sind als Medium in der Region ein Begriff – f├╝r die Leser wie f├╝r Institutionen und Beh├Ârden sowie gro├če Teile der Politik. Und zwar weit ├╝ber die Region hinaus, weil das Heddesheimblog.de in der Branche f├╝r eine hohe Aufmerksamkeit gesorgt hat. Denn die Journalismus-Branche erlebt eine extrem heftige Krise – mehrere Tageszeitungen wurden in den vergangenen Monaten eingestellt, allein seit Herbst 2012 haben rund 1.400 Journalisten und Mitarbeiter von Verlagen ihren Job verloren.

…gegen Filz….

Wir halten gegen den Trend und versuchen uns mitten in der Krise zu etablieren. Das ist mit sehr viel Arbeit, Energie und vor allem ├ťberzeugung verbunden: Journalismus ist wertvoll und wichtig f├╝r funktionierende Demokratien. Und der kleinste, aber wichtigste Teil jeder Demokratie ist da, wo die Menschen leben – vor Ort. Also lokal. Aber insbesondere hier wird der Journalismus ├╝berwiegend von Monopolmedien gemacht, die h├Ąufig mit Politik, Wirtschaft und anderen verfilzt sind und mangels Konkurrenz erhebliche Qualit├Ątsdefizite haben.

…f├╝r Aufkl├Ąrung…

Die Macht der Meinung ist den verantwortlichen Personen in Politik und Gesellschaft wohl bekannt und der Kampf darum wird mit teils heftigen Mitteln gef├╝hrt: Beleidigungen, n├Ąchtliche Telefonanrufe, Gewaltandrohungen, das Streuen von Ger├╝chten, Druck auf unsere Werbekunden, juristische Abmahnungen am Flie├čband – es gibt nichts, was ich noch nicht erlebt habe, in diesen vier Jahren. Wenn ich diese Schattenseite auff├╝hre, dann, um transparent zu machen, wie „ernst“ uns manche sehen. Denn unsere transparente Arbeit wird von allen, die keine Transparenz w├╝nschen, gef├╝rchtet. Mit gro├čer Freude stelle ich aber fest, dass die Mehrheit der politisch interessierten Menschen unsere Arbeit sch├Ątzt – auch, wenn man vielleicht andere Standpunkte oder Meinungen vertritt.

Unsere redaktionelle Linie ist eine ganz traditionelle im Sinne der Aufkl├Ąrung: Nur wer die Fakten und Meinungen anderer kennt, kann sich selbst eine Meinung bilden. Und sich beispielsweise ├╝ber Kommentare selbst einbringen und zur Meinungsbildung beitragen.

Fr├╝her haben Journalisten als „Gatekeeper“ bestimmt, was die Menschen erfahren haben. Heute gibt es das Internet und viele Journalisten haben bis jetzt noch nicht verstanden, dass sie l├Ąngst nicht mehr die „Themensetzer“ sind und ├╝ber Herrschaftswissen verf├╝gen. Mein kleines Team und ich arbeiten im Verbund mit anderen Teams in ganz Deutschland (Istlokal.de) daran, die sehr guten Errungenschaften des klassischen Journalismus durch moderne Elemente zu erweitern. Nat├╝rlich setzt Journalismus weiterhin Themen und nat├╝rlich w├Ąhlt Journalismus Themen aus, weil man nicht ├╝ber alles berichten kann – aber die Menschen k├Ânnen viel besser kontrollieren als fr├╝her, ob man seine Arbeit auch ordentlich macht. Und im Kontakt mit der Redaktion flie├čen viele Impulse der Leserinnen und Leser in unsere Arbeit ein.

…auch in der Zukunft…

Vier Jahre sind noch keine lange Zeit und angesichts der vielen Arbeit wie im Flug vergangen. Wir hoffen, auch in den kommenden Jahren mit spannenden Themen, investigativen Recherchen, kritischen Analysen aber auch unterhaltenden Beitr├Ągen an der Meinungsbildung positiv teilhaben zu k├Ânnen. In 36 Jahren feiern wir dann hoffentlich den 40. Geburtstag.

An dieser Stelle m├Âchte ich mich stellvertretend f├╝r das ganze Team bei allen Leserinnen und Lesern f├╝r die Aufmerksamkeit und bei sehr vielen Menschen f├╝r die gute Zusammenarbeit ganz herzlich bedanken. Einige haben uns Gl├╝ckw├╝nsche ├╝bermittelt, was uns nat├╝rlich sehr freut.

Und dass, obwohl wir nat├╝rlich auch Fehler in dieser Zeit gemacht haben – insbesondere ich als verantwortlicher Redakteur. Hier bitten wir um R├╝cksicht – meine Kollegen und ich sind auch nur Menschen. Und wir machen unsere Fehler ebenfalls transparent, statt sie zu verschweigen. Auch das geh├Ârt zur ├Âffentlichen Verantwortung.

…wie immer kritisch.

In den n├Ąchsten Tagen werde ich mich mit einer gro├čen Bitte an Sie wenden – wir haben nach dem Vorbild unseres Berliner Partners Prenzlauerberg-Nachrichten.de einen Freundeskreis gegr├╝ndet und w├╝rden uns freuen, wenn Sie diesem beitreten. Wir bieten unsere Informationen von Beginn an kostenfrei an und werden das auch so fortf├╝hren. Damit entgehen uns allerdings Einnahmen, die wir mit einem Verkauf erzielen k├Ânnten. Wir wollen aber niemanden zwingen, den „ganzen Sack“ kaufen zu m├╝ssen, wenn man nur Teile ben├Âtigt. Also werben wir um Ihren freiwilligen „Abo“-Betrag als Gegenleistung f├╝r unsere Arbeit.

Ganz besonders freue ich mich ├╝ber Gru├čworte, die uns in den vergangenen Tagen erreicht haben, uns loben, aber auch kritisch kommentieren – der Artikel wird durch weitere Gru├čworte ebenfalls in den n├Ąchsten Tagen erg├Ąnzt werden.

Vier Jahre sind rum – wir freuen uns auf die n├Ąchsten vier.

In diesem Sinne

Ihr

Hardy Prothmann & Team

hardyprothmann

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.