Samstag, 18. November 2017

Altstadtfest: Auf Streife

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Guten Tag!

Ladenburg, 12. September 2010. Ein Fest mit mehreren tausend Besuchern fordert eine gute Koordination und einen geschulten Blick fĂŒr Gefahren von den EinsatzkrĂ€ften der Polizei, der Feuerwehr und des Rettungsdienstes Johanniter. Das ladenburgblog hat einen Rundgang begleitet.

Von Hardy Prothmann

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Rund 70 Polizisten sind wÀhrend des Altstadtfestes im Einsatz.

20:00 Uhr. Rundgang der Rettungsdienste mit der Polizei. Es ist dunkel. Das Fest ist voll im Gang. Manche sagen, es war schon voller.

Kann sein. Klar ist – es ist voll. In den Ladenburger Altstadtgassen herrscht reger Betrieb. Das Wetter ist mild, es regnet nicht – ideale Bedingungen fĂŒr viele tausend Festbesucher.

Gemeinsamer Rundgang.

Polizei, Feuerwehr und Johanniter machen gemeinsam einen Rundgang. Denn jeder hat einen anderen, seinen Blick aufs Geschehen. Die drei Gruppen tauschen sich aus. Über das, was sie sehen. Über das, was ihnen wichtig ist. Über das, was einen Notfall verhindert oder im Notfall wichtig ist.

Polizei, Feuerwehr und Johanniter haben deshalb auch im Domhof eine gemeinsame Leitstelle eingerichtet, koordiniert von der Polizei. Im neuen Feuerwehrhaus an der Wallstadter Straße sind zwei Gruppen (9 Personen) der Feuerwehr einsatzbereit. Die Johanniter haben drei Schichten zu 30 Personen im Einsatz fĂŒr das Fest – bis auf die Polizisten sind alle ehrenamtlich tĂ€tig.

Die Johanniter haben aber schon gut zwei Dutzend EinsĂ€tze. StĂŒrze, Kreislaufbeschwerden, kleinere Verletzungen. Bislang waren „alkoholbedingte“ EinsĂ€tze noch nicht nötig. Zwei Personen mussten allerdings wegen KreislaufschwĂ€chen in die Klink transportiert werden. Bis zum frĂŒhen Abend gab es fĂŒr die Feuerwehr noch keinen Einsatz, die Polizei musste nur einen „Garagenzuparker“ klĂ€ren und ein „verlorenes“ Auto finden, was funktioniert hat.

Gefahrenanalyse.

Beim Rundgang der EinsatzkrĂ€fte schweift der Blick vor allem ĂŒber den Boden und die „Raumsituation“. Sind Wasser-, Abwasser- und Stromleitungen zu den FeststĂ€nden Stolperfallen? Wie eng sind die RĂ€ume, wenn etwas passiert? Gibt es die Möglichkeit fĂŒr die Menschen, vom Ort zu weichen? Wie können Menschenströme gefĂŒhrt werden?

Antworten auf diese Fragen wurden schon vorher diskutiert. Jetzt, vor Ort, in der besonderen Situation, wird das nochmals ĂŒberprĂŒft. Der Blick gilt dem Detail.

Am Marktplatz treffen die „RundgĂ€nger“ auf eine Situation, die ihnen sofort so gar nicht gefĂ€llt. Irgendjemand hat einen zusĂ€tzlichen Schirm an der Ecke Hauptstraße/Kirchenstraße aufgestellt und ein HĂ€ndler hat sich hier mit Tisch und Waren platziert. Dadurch wird die Stelle hier sehr eng. Die Leute drĂ€ngen sich, an ein Durchkommen mit Rettungswagen ist hier gar nicht mehr zu denken.

„Sie bauen ab. Jetzt.“

RĂŒcksprache mit Brigitte Stahl von der Stadt, die weiß nichts von dem Stand an dieser Stelle. Der HĂ€ndler muss den Standort rĂ€umen und sich was anderes suchen. Er lĂ€sst sich so viel Zeit, dass der Leiter des Polizeireviers Ladenburg, Frank Hartmannsgruber, deutlich wird: „Sie bauen ab. Jetzt.“

Auch der Schirm muss entfernt werden. Darauf legen Feuerwehr und Johanniter wert.

Bis 18:00 Uhr hat sich die Polizei mit ihrer PrĂ€senz im Hintergrund gehalten. Danach sieht man hĂ€ufiger Teams aus zwei Beamten, nach 20 Uhr nur noch mindestens zu viert, „die sich nach allen Seiten absichern können“. SpĂ€ter werden die Ladenburger Polizisten durch Mannheimer teils ersetzt.

Bis zum Abend 20 EinsĂ€tze fĂŒr die Johanniter.

Insgesamt verlĂ€uft das Fest ruhig. Nach 21:00 Uhr zĂ€hlen die Johanniter zwanzig EinsĂ€tze. Es gibt im Gebiet mehrere „Verletzenablagen“ – Einrichtungen, um im Notfall Patienten versorgen zu können, bis der Krankenwagen eintrifft. Die Feuerwehr hat an wichtigen Punkten Feuerlöschcontainer aufgestellt, die im Ernstfall erste Maßnahmen ermöglichen.

Die Festbesucher konzentrieren sich immer mehr auf dem Marktplatz, dem Kirchplatz, dem Domhof und vor der Lustgartenstraße. Allesamt neuralgische Punkte. Die Konzentration der RettungskrĂ€fte steigt zunehmend.

Gegen 23:15 Uhr kommt es zu einer blutigen SchlĂ€gerei auf dem Platz vor der Kirche. Zeugen berichten, es sei keine Polizei vor Ort gewesen: „Der eine hat eine Flasche ĂŒber den Kopf gekriegt und so unglaublich geblutet, mir ist jetzt noch ganz schlecht“, sagt ein junger Mann, der den Vorfall beobachtet hat: „Wo war die Polizei? Jedenfalls nicht vor Ort und hier stehen sie rum“, sagt er vor dem Domhof. Seine Begleiter bestĂ€tigen das und sind sauer auf die Polizisten, die sie hier sehen.

Am spĂ€ten Abend wird es nervöser – und aggressiver.

TatsĂ€chlich stehen hier acht Beamte, teils mit rasierten SchĂ€deln, zugeknöpfte dunkelgrĂŒne Uniformen. Sie tragen Handschuhe, wirken deutlich nervöser als ihre Kollegen ein paar Stunden zuvor und sehen aus, als wĂŒrden sie nicht lange fackeln. Doch hier ist alles ruhig.

Vor der Stadtkirche bestĂ€tigen weitere Festbesucher, dass es hier zu einem kurzen, aber heftigen Gewaltausbruch gekommen sein muss. Jemand hat jemanden eine Flasche ĂŒber den Kopf geschlagen, danach wurde der TĂ€ter von anderen massiv attakiert und „zusammengetreten“: „Ich dachte, die bringen den jetzt um“, sagt einer.

Mittlerweile sind hier mehrere Polizisten, die AuskĂŒnfte einholen, telefonieren, sich umschauen. Ob sie ĂŒber TĂ€ter und Opfer Informationen haben, ist unklar. Jetzt lĂ€uft ein Einsatz, dann gibt es zunĂ€chst keine Informationen mehr fĂŒr die Presse.

Festbesucher berichten, ein Krankenwagen sei vorgefahren. Jemand wurde abtransportiert.

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Anmerkung der Redaktion:
Der Text wurde von uns aktualisiert: Einerseits der Zeitpunkt der SchlĂ€gerei. DarĂŒber wurden wir von einem Leser per email aufmerksam gemacht. Die Polizei bestĂ€tigte, dass der Vorfall nicht gegen Mitternacht, sondern wie jetzt berichtet stattgefunden hat. Auch die Einsatzzahl der Johanniter war mit „an die 30“ leicht höher als tatsĂ€chlich.
Besten Dank fĂŒr die Hinweise und Korrekturen!

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.