Sonntag, 19. November 2017

Jung, besoffenen und gewalttätig – dagegen hilft nur Zivilcourage

Print Friendly, PDF & Email

Guten Tag!

Ladenburg, 11. Juni 2010. Glückwunsch an die Polizei – die Vandalierer, die Ende April das Rundklo an der Festwiese „zerlegt“ hatten, konnten ermittelt werden und sehen nun ihrer Verurteilung entgegen. Der Fahnungserfolg ist positiv – die negative Entwicklung der zunehmenden Gewaltbereitschaft unter Alkoholeinfluss bleibt.

Von Hardy Prothmann

Laut Kriminalstatistik stellt der Alkohol ein zunehmendes Problem dar. Der Alkohol? Nein, der nicht – vorwiegend aber Männer und hier leider immer mehr junge Männer, die Alkohol nicht genießen, sondern sich damit besaufen.

2009 hatte jeder dritte Jugendstraftäter zur Tatzeit getrunken. Innenminister Heribert Rech will darauf mit Alkoholverboten auf öffentlichen Plätzen reagieren, um „jugendliche Eskalationen“ einzudämmen. Ein Verbot gibt es schon: Seit März 2010 darf ab 22:00 Uhr kein Straßenverkauf von Alkohol mehr stattfinden. Herr Rech sieht „das Land auf einem guten Weg, jungendlichen Trinkorgien damit Herr zu werden“.

Diese Analyse darf getrost angezweifelt werden. Verbote helfen nur selten – Aufklärung ist der schwierigere, aber bessere Weg. Beispielsweise die „Aktion-tu was„, mit der das Innenministerium an die Bürger appelliert, mehr Zivilcourage zu üben.

Zivilcourage war auch die Grundlage, die vier jugendlichen Randalierer zu ermitteln. Der Ermittlungserfolg der Polizei basiert nicht auf kriminaltechnischen Gen-Analysen oder ähnlichem, sondern auf Zeugenaussagen. Das heißt, die Zeugen haben nicht weg-, sondern hingesehen und die Polizei bei ihren Ermittlungen unterstützt.

Zivilcourage ist ein heikles Thema. Vor kurzem bin ich vom Bodensee mit der Bahn nach Mannheim gefahren – in Ulm stieg eine Gruppe junger Männer, um die 15-16 Jahre alt, in den Zug.

Sie waren laut, sie waren lästig, sie wollten auffallen und provozieren. Irgendwann spielte einer mit einem Feuerzeug an den Sitzen herum.

Meine „Ansage“ kam für die Jugendlichen überraschend und unmissverständlich. Am nächsten Bahnhof verließen die sechs den Zug – anscheinend war ich ihnen zu unangenehm geworden. Weitere Bahngäste in meinem Blickfeld nickten mir anschließend bestätigend und dankend zu.

Selbst haben sie allerdings kein Wort gesagt – sicherlich aus Sorge vor Übergriffen. Jeder hat die schrecklichen Bilder und Nachrichten aus München im Kopf, wo ein Mann von Jugendlichen totgeschlagen wurde, weil er anderen Jugendlichen helfen wollte.

So auch ich. Ich habe trotzdem eingegriffen, weil ich mir das zutraue und einen Angriff einkalkuliert hatte. Damit bin ich kein Held, sondern ich habe nur meine Mittel benutzt.

Und jeder Mensch hat seine Mittel: Man kann beobachten, sich Personen und Handlungen einprägen, den Schaffner informieren oder über 110 die Polizei rufen. Später muss man seine Aussagen zu Protokoll geben, vielleicht vor Gericht aussagen. Das ist lästig, aber es ist wichtig, vor allem dann, wenn es Schäden oder sogar Opfer gegeben hat, damit diesen geholfen werden kann.

Es geht dabei um Solidarität mit anderen. Der andere kann man im Zweifel auch immer selbst sein und dann ist man froh um jede Unterstützung.

Frank Hartmannsgruber, Leiter des Polizeireviers Ladenburg, betont auf Nachfrage, dass das Alkohol-Gewalt-Problem in Ladenburg noch nicht „auffällig“ sei – trotz des Vandalismus der nunmehr überführten jungen Gewalttäter.

Herr Hartmannsgruber weiß, dass das Wetter hilfreich war – bislang eher nicht einladend, lange Partyabende im Freien zu verbringen.

Herr Hartmansgruber hat aber noch eine andere Erklärung: „Unsere Beamte sind mehr vor Ort präsent und zwar auch zu Fuß.“ Damit will die Polizei „aus der Anonymität herauskommen“, Präsenz und Gesicht zeigen.

Im Zweifel wird die Polizei auch Platzverbote aussprechen, wenn das Verhalten alkoholisierter Personen es nötig macht.

Ich finde die Präsenz gut und wichtig – sie schreckt sicherlich die einen ab, die Blödsinn im bedröhnten Kopf haben und gibt anderen ein sicheres Gefühl.

Das allein reicht allerdings noch nicht aus. Schön wäre es, wenn der Suff und damit verbundene Aggressionen bei den Jugendlichen als No-go gelten würden. Ein Bewusstsein zum Ausdruck gebracht wird, dass aggressiv und besoffen einfach asozial ist. Asozial im Sinne von „gegen die Gemeinschaft“ derer, die feiern möchten und Spaß haben wollen und keinen Stress.

Hier sind die Jugendlichen selbst gefragt, aber auch deren Eltern. Wer dem anderen zeigt, dass man sein Verhalten nicht akzeptiert, wird in den meisten Fällen Erfolg haben und erreichen können, dass sich das missliebige Verhalten ändert.

Dabei kann oder muss man sogar ganz egoistisch denken: ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen will die friedliche, feierlustige Mehrheit nicht. Die will auch keine Kameraüberwachung und noch mehr Verbote. Die Mehrheit will einfach nur eine gute Zeit haben.

Diesen legitimen Wunsch muss man unter Umständen mit Zivilcourage verteidigen. Jeder mit seinen Mitteln. 110 zu wählen, ist immer für jeden eine gute Wahl.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • MeineMeinung

    Guten Tag.

    Sie schreiben genau, was ich denke. Meine Tochter ist 16 Jahre alt und darf nach 22 Uhr nicht mehr auf die Festwiese oder andere Plätze. Ihre Clique ist in Ordnung, aber ich habe Sorge, dass es Ärger mit anderen Gruppen gibt. Ausnahmsweise darf sie bis 23 Uhr raus, wenn ihr älterer Bruder dabei ist. Der ist sehr umsichtig und geht lieber, bevor was passiert.
    Auch ich finde gut, dass die Polizei präsenter ist. Nicht gut sind die Gründe dafür.

    MeineMeinung