Donnerstag, 22. Februar 2018

Das aussterbende SchĂŒlerVZ wird abgeschaltet

Ausgegruschelt

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Rhein-Neckar, 11. April 2013 (red/ms) In den letzten Jahren hat das SchĂŒlerVZ mehr als vier Millionen Mitglieder verloren. Nachdem die Massen zu Facebook abwanderten, sind nur noch 200.000 Benutzer bei der Seite angemeldet. Darunter sind so viele gefĂ€lschte Profile, dass das Netzwerk von vielen als „FakeVZ“ verspottet wird. Jetzt soll dem ein Ende bereitet werden. Auf der Website verkĂŒnden die Betreiber: „Wir machen’s kurz: Es ist vorbei. schĂŒlerVZ wird am 30. April 2013 geschlossen. FĂŒr immer.

Kommentar: Minh Schredle

Als das SchĂŒlerVZ vor sechs Jahren startete, war ich gerade mal zwölf Jahre alt. Am Anfang war ich noch skeptisch. Das rosafarbene Design war fĂŒr pubertierende Jugendliche aber auch wirklich fĂŒrchterlich feminin. Trotzdem, in meinem Bekanntenkreis setzte es sich durch und plötzlich hatte es jeder. NatĂŒrlich wollte man dazu gehören.

Ich glaube, in meiner alten Schulklasse gab es niemanden, der nicht zumindest fĂŒr eine kurze Zeit einen Account hatte. FĂŒr die meisten wurde es dann zur Gewohnheit, sich tĂ€glich einzuloggen. Man guckte nach, ob man neue Nachrichten bekommen hatte, chattete ein bisschen oder noch viel wichtiger fĂŒr uns Heranwachsende: Man inszenierte sich. Denn das ging im SchĂŒlerVZ so gut, wie sonst nirgendwo.

Auf seinem Profil konnte man Angaben ĂŒber fast alles machen. „Lieblingsfilme“, „Was ich mag“ und „Über mich“ waren aber nicht einfach Felder zum AusfĂŒllen, sondern Chancen, sich cool darzustellen.

Das Highlight waren die Gruppen. Es gab Gruppen, in denen man einfach sein musste, um in seinem Freundeskreis nicht als seltsam zu wirken. Gruppen, die vermeintlichen Humor bewiesen (Etwa: „Wann sterbe ich endlich, weil ich keine Kettenbriefe beantworte?!“) und wenn man selbst eine Gruppe grĂŒndete, die richtig viele Mitglieder bekam, trug das in unseren Kreisen etwa so sehr zum Status bei, wie eine imposante Yacht unter Superreichen.

Allgemeine JugendsĂŒnde

Aber wir alle wurden Ă€lter. Irgendwann schĂ€mte man sich dann ĂŒber seine kindische Eigendarstellung. Dann kam Facebook. Das wirkte reifer, erwachsener… cooler. Die meisten hatten zwar noch ihr Benutzerkonto bei SchĂŒlerVZ, aber kaum noch jemand nutzte es. Mit Facebook war man jetzt mit allen seinen Freunden verbunden, nicht nur mit seinen Schulfreunden.

Nach und nach wurde SchĂŒlerVZ immer mehr zur JugendsĂŒnde. Man spottete ĂŒber Funktionen wie „gruscheln“ – ein Mischwort aus „grĂŒĂŸen“ und „kuscheln“, das dem „anstupsen“ bei Facebook entspricht – oder den „Buschfunk“, wie der Chat hieß.

Mittlerweile bedaure ich, dass ich meinen SchĂŒlerVZ-Account vor etwa zwei Jahren gelöscht habe. Es wĂ€re wirklich interessant und wahrscheinlich enorm lustig gewesen, jetzt noch einmal mit fĂŒnf Jahren Abstand zu sehen, wie ziemlich Cooles absolut lĂ€cherlich wurde.

Dass das SchĂŒlerVZ am 30. April verschwinden wird, finde ich ein wenig bedauerlich. Vielen meiner Freunde geht es Ă€hnlich. Niemand wĂŒrde es noch ernsthaft benutzen wollen. Niemand wird es vermissen. Trotzdem ist es irgendwie traurig, dass es in zwanzig Tagen einfach weg sein wird. Schließlich war das SchĂŒlerVZ unweigerlich ein wichtiger Teil meiner frĂŒhen Jugend – zumindest ein Jahr lang.

FĂŒr die vier Millionen Nutzer, die das SchĂŒlerVZ in den letzten Jahren verlassen haben, hat die Löschung keine allzu große Relevanz. FĂŒr die Betreiber ist es eine Katastrophe. 2007 hatte die Holtzbrinck Verlagsgruppe noch 85 Millionen Euro fĂŒr das Netzwerk bezahlt. In spĂ€teren Verhandlungen wurden Übernahmeangebote von Facebook ausgeschlagen. Im September 2012 kaufte die Investmentgesellschaft Vert Capital MeinVZ, StudiVZ und SchĂŒlerVZ. Eigentlich sollten die angeschlagenen VZs mit einem neuen Image zu neuer PopularitĂ€t gelangen. Der Plan ging gewaltig schief. Jetzt, nur ein halbes Jahr spĂ€ter, ist endgĂŒltig Schluss.

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.