Donnerstag, 20. September 2018

24 Stunden rauchfrei!? – Wenn der große Hunger kommt

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Einfach ausgedrückt.

Guten Tag!

Weinheim, 11. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. Dafür schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fühlt. Sie schreibt übers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie übers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drücken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche Hürden sie dabei zu überwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch für alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrücken“. Tag Zwei – der große Nikotinhunger kommt.

Von Marietta Herzberger

Der zweite rauchfreie Morgen. Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie noch vor Ihrem Wecker aufwachen und mit geschlossenen Augen den Tag planen? So erging es mir heute Morgen. Die Planung bestand aus hauptsächlich einer einzigen, dennoch überlebenswichtigen Frage: Wie fülle ich die Zeiten, in denen ich bisher zur Zigarette griff?

Beispielsweise morgens nach dem Aufstehen. Sonst stand ich immer früher auf, als ich eigentlich müsste, nur um eine freie, ruhige halbe Stunde für mich, meinen Kaffee und meine ersten Zigaretten zum Kaffee zu haben. Also stellte ich den Wecker später. Je länger ich schlafe, umso kürzer ist der Entzug. Leider hatte ich die Rechnung ohne meine innere Uhr und Zoppo, meinen Rauchelf, gemacht. Der saß hellwach in meinem Hirn, bimmelte die körpereigene Glocke und brüllte: “Aufstehen! Kaffee trinken! Rauchen!“

Nix da. Trotzig blieb ich liegen und malte mir aus, wie ich diese gefürchteten Nikotinlücken umschiffen könnte. Nachdem sich die Gedanken immer schneller im Kreis drehten, stand ich schließlich auf, kochte mir meinen Kaffee, nahm in meinem Lieblingssessel auf der Terrasse Platz, legte die Beine hoch und genoss das Koffein ohne Nikotin. Ganze zehn Minuten lang. Es fiel mir nicht leicht. Gestern fühlte sich alles etwas leichter an. Egal. Gefühl wegwischen und weitermachen in der morgendlichen Routine.

Voller Tatendrang und guter Vorsätze marschierte ich mit unserem Hund Richtung Feld. Frischluft! Nichts anderes würde heute meine Lungen und Lücken füllen.

Ich hatte Nikotinhunger

Hatte ich vorgestern noch geschrieben, ich würde das Rauchen nicht mehr zu meinem Thema machen? Vergessen Sie meine törichten Worte, im Rausch gebrüllt, in enthusiastischter Leichtigkeit geschrieben. Denn nur wenige Minuten später fing das Elend an. Ich hatte Nikotinhunger. Hunger auf eine Zigarette. Sehr großen Hunger. Verdammt großen, unaussprechlich riesigen Hunger auf eine Zigarette. Nur eine. Zum Kaffee.

So sehr ich mich bemühte, dieser Gedanke umwabberte alles in meinem Kopf, die ganze Zeit über. Er vermischte sich mit diesem Hungergefühl. Nur ist das Loch nicht im Magen, sondern etwas höher. In der Lunge, in der Luftröhre. Der Hunger auf das Gefühl, dass sich Rauch die Luftröhre hinab schiebt und in der Lunge ausbreitet. Es fühlt sich an wie richtiger, echter Hunger. Ist ziemlich ätzend und unerträglich.

Irgendwie schaffte ich es, eine Stunde mit diesem verteufelten Hunger durchs Feld zu latschen. Es hörte nicht auf. Es ließ nur mal kurz nach. Wahrscheinlich um Anlauf zu holen, um mir dann mit voller Wucht circa fünf Minuten lang (eine Zigarettenlänge) das Leben zur Hölle zu machen. Unfassbar!

Zu Hause angekommen öffnete ich die Haustüre, fütterte den Hund und stürzte zur Kaffeemaschine. Während meine Kaffeepad-Maschine aufheizte, hastete ich zum Auto. Da musste doch -€¦, war da nicht -€¦? Doch. Im Handschuhfach lag eine Schachtel mit einer Notfallzigarette. Man weiss ja nie, wo einen das Navi hinführt. Zum Schluss steht man irgendwo im Nirwana von Kasachstan und hat keine Zigaretten.

Werde ich schwach?

Schachtel geschnappt, fingertrommelnd gewartet, bis die Tasse voll Kaffee war, raus auf die Terrasse und – Zigarette angezündet. Scheiß Hunger.

Ein Zug gegen den Nikotinhunger.

Einmal zog ich daran. Dann wollte ich Kaffee hinterher schütten. Aua! Das fühlte sich nicht gut an! Es beizte an meinem Gaumen. Scharfer, beißender Rauch. Ich stellte die Kaffeetasse wieder ab und – zog noch einmal. Mir wurde schwindelig. Dann noch einmal. Hoher Seegang. Beim dritten Mal war das „Beißende“ weg. Aha! So ist das also. Da muss ich dreißig Jahre rauchen, um zu bemerken, dass ich meinen Gaumen und meine Sinne betäube. Dass der Kaffee nicht mit der Zigarette schmeckt, sondern nur dazu da ist, den widerlichen Geschmack, das eklige Gefühl des ätzenden Rauches aus der Mundhöhle hinunter zu spülen. Perplex drückte ich die Zigarette auf dem Terrassenboden aus – die Aschenbecher waren natürlich schon weg geräumt – und trank meinen Kaffee ohne Zigarette.

Und nun? Ja, ich war schwach geworden. Na und? Einmal nachgeben ist noch lange kein Aufgeben. Und dieses Mal ist mir nicht der Genuss der Zigarette in Erinnerung, sondern dieses kratzige, stechende Gefühl im Gaumen, das mit jedem Zug nachlässt.

Jetzt verstehe ich auch endlich meinen Mann, wenn er mich zwei- bis dreimal im Jahr bat, mal an meiner Zigarette ziehen zu dürfen, es dann tat und anschließend angewidert den Kopf schüttelte: „Ich werde es nie verstehen.“

Jetzt verstehe ich.

Der zweite Tag ist schwieriger als der erste. Der dritte wird schwieriger als die beiden davor – wahrscheinlich oder auch nicht.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. Darüber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang vermutlich täglich, so hat sie sich das vorgenommen, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Die Texte sind einen Tag „versetzt“, weil sie ja erst am Ende des Tages schreiben kann, was sie in ihrem neuen rauchfreien Leben erlebt hat.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.