Mittwoch, 22. November 2017

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina StÀrz

„Sehr gerne“

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Werden Reisende im Bordrestaurant gerne erwartet? Quelle: Wikipedia/www.flickr.com

Rhein-Neckar, 10. Dezember 2012. Ist das Wörtchen „gern“ nur ein Synonym fĂŒr „Gier“ oder was wollen wir damit sagen? Gesina StĂ€rz macht sich so ihre Gedanken.

Auf den meisten lĂ€ngeren Bahnstrecken haben die ZĂŒge Bistrowagons. Per Lautsprecheransage werden die Zugreisenden ins Boardrestaurant oder Boardbistro eingeladen. FrĂŒher habe ich diese Lautsprecheransagen wie wohl die meisten Zugreisenden zwar wahrgenommen, aber nicht auf den Inhalt der Ansage geachtet. Mittlerweile höre ich sie sehr gerne.

Es ist anzunehmen, dass sich das Zugpersonal jedes Mal etwas Besonderes einfallen lĂ€sst, damit die Reisenden fĂŒr einen Moment von ihren Laptops aufschauen, in denen gerade ein spannender Film lĂ€uft oder wichtige Handy-Telefonate von der Art „Ich bin gerade im Zug von MĂŒnchen nach Heidelberg, wollt‘ ich nur sagen“ unterbrechen.

Die Ansagen fĂŒr eine Einladung ins Boardrestaurant werden jedenfalls immer origineller. Und die beginnt bereits mit dem Tonfall. Erinnert ein wenig ans Puppentheater und damit an Kindertage. Der Tonfall ist in einer Ă€hnlichen Heiterkeit gewĂ€hlt, mit der einst der Kasper hinter dem Vorhang herausschaute und lostrĂ€llerte: Tritratralala, euer Kasper ist schon da. Seid ihr alle da?“.

Im Zug wird in diesem ausgelassenen und heiterem Tonfall das Tages- oder AbendmenĂŒ verlesen. Bei meiner letzten Fahrt von Heidelberg nach MĂŒnchen endete die Einladung ins Restaurant mit den Worten: „
, wo Sie unser Servicemitarbeiter sehr gerne erwartet. Wir freuen uns auf ihren nĂ€chsten Besuch.“

Gern: begierig, eifrig, ernst

Kann jemand, jemanden sehr gerne erwarten? Wie muss ich mir das vorstellen? Meine Aufmerksamkeit blieb beim Ansagentext hĂ€ngen. Ich dachte darĂŒber nach und vergaß dabei ins Boardrestaurant zu gehen. Ich erwarte Hugo mit großer Freude. Ich erwarte die Ereignisse mit Spannung. Kann man sagen, zur Not. Aber kann ich sagen, ich erwarte jemanden sehr gerne?

Wir verwenden oft das Wort „gern“. Beispielsweise auf Fragen dieser Art: „Darf ich Ihnen noch etwas nachschenken?“ „Ja, gern.“ Oder in Bewerbungsschreiben: „Gern stelle ich mich Ihnen persönlich vor.“ Oder auch in AlltagsgesprĂ€chen: Gern möchte ich in einem Haus in Heidelberg, in ruhiger Lage, möglichst direkt in der Altstadt und möglichst gĂŒnstig wohnen.“

Immer ist dieses Wort gern dabei. Offensichtlich der Deutschen Lieblingswort. Doch was bedeutet „gern“? Im Duden ist zu lesen, dass die Wurzeln dieses Wortes auf „begierig, eifrig ernst“ zurĂŒckgehen. Die indogermanische Wurzel von „gern“ geht auf „gher“ zurĂŒck, was bedeutet „sich an etwas erfreuen, nach etwas verlangen, begehren.“

Alles klar. Wenn wir „gern“ sagen, dann ist das eine elegante Kurzform fĂŒr Gier. Wenn wir auf die Frage, ob wir Wein nachgeschenkt haben möchten, mit gern antworten, dann signalisieren wir, dass wir uns nicht nur auf weiteren Wein freuen, sondern begierig darauf sind.

Wie gerne hÀtte ich doch
.

Wenn also der Servicemitarbeiter die Zugreisenden sehr gern erwartet, dann ist er begierig darauf zu erwarten, nicht darauf, dass tatsĂ€chlich jemand kommt. Bei meiner nĂ€chsten Zugreise, werde ich wieder gern, also freudig und begierig, auf die Ansage warten. Sollte wieder verkĂŒndet werden, dass „der Servicemitarbeiter sehr gerne die Zugreisenden erwartet“, habe ich verstanden, bleibe sitzen und beiße stattdessen in mein mitgebrachtes Sandwich.

Schließlich will ich dem Servicemitarbeiter nicht die Freude am Erwarten nehmen. Anders und doch Ă€hnlich liegt der Fall, wenn jemand gern Heidelberg in ruhiger Lage, direkt in der Altstadt, möglichst gĂŒnstig wohnen möchte. Er begehrt zwar Faktisches, nicht nur eine Erwartung wie der Servicemitarbeiter, dennoch bekommt er es nicht, weil es nicht gibt, was er begehrt.

Schließlich ist in der Altstadt immer viel los und dementsprechend nicht ruhig und die HĂ€user sind von vielen begehrt und deshalb rar und eben nicht gĂŒnstig. Aber sicher vermittelt ein Immobilienmakler dennoch nicht nur gern, sondern sehr gern eine Immobilie
.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.