Sonntag, 19. November 2017

„Dann können Dich Deine Eltern morgen auf dem Revier abholen“

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Guten Tag!

Ladenburg, 10. Mai 2010. Die Polizei greift durch. Kontrollen auf der Festwiese finden statt. Fraglich ist nach Informationen des ladenburgblogs aber, ob die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt.

Von Hardy Prothmann

Die Geschichte geht so: Vor ein paar Tagen treffen sich Jugendliche auf der Festwiese.

So wie immer, wenn das Wetter es zulässt, seit Jahren, seit Jahrzehnten. Zum Quatschen, abhängen, reden, knutschen und feiern.

Ob früher „alles besser“ war? Wer weiß?

Im Moment gibt es Stress. Irgendwelche Vollidioten haben gerade mal wieder das teure „Rundklo“ verwüstet.

Der Bürgermeister Rainer Ziegler ist „fassungslos“ und beginnt mit diesem „Ärgernis“ die vergangene Gemeinderatssitzung. Die Fassungslosigkeit und der Ärger sind verständlich.

Vandalismus, Glasscherben, Müll – all das muss nicht sein, sollte nicht sein.

Der Bürgermeister, der Gemeinderat, die anwesenden Bürger sind empört, die Medien berichten – das „Thema“ bekommt eine Bedeutung. Auch für die Polizei.

Die Folge: Die Polizei kontrolliert verstärkt – als hätte sie unter all dem Personaldruck, den sie hat, nichts besseres zu tun.

Die Redaktion des ladenburgblogs erfährt: Jugendliche treffen sich auf der Wiese. Gegen 23 Uhr abends hält eine Polizeistreife und weist die Jugendlichen an, „den Müll zu entfernen“.

Die sagen: „Ist nicht unserer.“ Die Jugendlichen finden die Polizisten aggressiv. Ein anderer sagt: „Ich räume das nicht weg. Und überhaupt, was wollen Sie uns verbieten? Ich habe nichts gemacht und ich weiß nicht, warum Sie uns hier jetzt unter Druck setzen.“

Der Polizist sagt: „Wenn Du vorlaut werden willst, können Dich Deine Eltern gerne morgen auf dem Revier abholen.“

Was stimmt? Die Darstellung der Jugendlichen oder die der Polizei?

Das wird nicht zu entscheiden sein, weil hier Aussage gegen Aussage stehen wird.

Fest steht: Der neue Revierleiter Frank Hartmannsgruber hat mehr Präsenz angekündigt. Hartmannsgruber will durch Präsenz und Prävention die Sicherheit und auch das Sicherheitsgefühl gewährleisten.

Dieser Ansatz ist gut und richtig.

Falsch wäre, wenn seine Beamten aggressiv auftreten und Jugendliche unter Druck setzen – gerade solche, die eigentlich nicht „auffällig“ sind, aber es aus „Frust“ über eine „falsche Behandlung“ durch die Polizei werden könnten.

Es ist ein Dilemma – der Druck der Beamten ist nachvollziehbar. Sie müssen für Ordnung sorgen und sind doch unterbesetzt. Wenn sie eine „Ansage“ machen, müssen sie aber immer auf die „Verhältnismäßigkeit“ achten, obwohl das „Verhältnis“ ihrer Aufgaben zu dem, was sie leisten können, immer kritischer wird.

Fatal wird es, wenn es sich die Polizei mit jungen Leuten und deren Eltern und der Öffentlichkeit verdirbt, wenn sie „nicht nachvollziehbar“ auch gegen Personen durchgreift, die eigentlich kein Problem darstellen, sondern nur „augenscheinlich“ unter die „Problemgruppe“ Jugendliche fallen.

Die Nervosität und der Druck auf die Beamten wird erkennbar, wenn es zu Sätzen wie: „Dann können Dich Deine Eltern auf dem Revier abholen“ kommt.

Als Jugendlicher hätte ich geantwortet: „Das würde ich gerne ausprobieren – und ich bin gespannt auf die Folgen, Herr Polizist. Nehmen Sie mich in Gewahrsam.“

Beides wäre blöd gewesen – die Drohung und die Reaktion.

Bevor es blöd wird, müssen die Polizeibeamten ihr Verhalten überprüfen und zeigen, dass sie als Staatsdiener und Ordnungskräfte vorbildlich auftreten. Daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben.

Denn die Jugendlichen reagieren so sicher wie das Amen in der Kirche aus Protest auf „falsches Verhalten“.

Kontrollen sind notwendig. Kontrollen sind angesichts der Umstände wichtig. Kontrollen müssen aber korrekt ablaufen.

Die Polizei ist gut beraten, so korrekt wir nur irgendwie möglich aufzutreten.

Wenn die Polizei den „starken Mann“ markiert, macht sie einen Fehler.

Wenn Jugendliche den „starken Mann“ markieren, machen sie auch einen Fehler.

Jugendliche auf der Festwiese haben das Recht, miteinander eine gute Zeit zu verbringen. Polizisten müssen nach dem Rechten schauen. Beides geht zusammen – wenn beide Seiten Verständnis füreinander haben.

Wenn nicht, kommt es unweigerlich zum Konflikt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.